Advenislled. I

Von Alsons Hoffmann.

Es blüht ein kleines Licht In diese dunkle Welt, Das aus dem Angesicht Mariens niedersällt.

Es blüht ein leises Lied Um der Madonna Mund, Das wie ein Lächeln zieht Ins bange Erdenrund.

Und dir wird Ahnung schon Im gläubigen Gemüt, Wie uns der Jungfrau Sohn Göttlich entgegenblüht.

Zm Advent.

Von Hans Leifhelm.

Im Gebirge zu wandern, wenn die vorwinterlichen Nebel die Täler verhängen, auch dies ist köstlich und voll vom Atem des Lebens. Noch ist die Erstarrung des Winters nicht tief. An der basteimäßig vorgebauten Mauer des Dorffriedhofes drängen sich die Zeichen des vergangenen und gegenwärtigen Wachstums. Mit silbernen Sternen ist das zähe Schlinggeäst der Waldrebe übersät, noch findest du eine späte Steinnelke, rot leuchten die Früchte der wilden Rose aus dem blattlosen Gezweig, unversehrt sind die zarten Gebilde des Rautenfarns. Starr und dunkel ragen drinnen die Thujen über den Gräbern. Wenn du ihr Grün zwischen den Fingern zerreibst, weht dich ein Hauch an wie aus verfallenen Grüften. In der menschenleeren Kirche liegt purpurn die Dämmerung der mystischen Stille, an einem Altäre siehst du noch die Gewinde der gelben Kornähren mit roten Aepfeln vom längst vergange­nen Erntedankfest.

Unhörbar singt es schon durch die Gewölbe vom Advent. Am Sonntag Rorate wird der Schrei der Gemeinde sich erheben: Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab.

Du verlässest die Kirche, und nun geht dein Weg in beständiger Steigung aufwärts zwischen Gehöften und stillen Gärten, aus denen die letzten türkischen Nelken und die srostversehrten Astern leuchten. Der Nebel bleibt zurück, aber der Himmel ist grau, ein kühles Licht erfüllt die Welt. Die entlaubten Bäume zeigen unverhüllt ihre Gestalt. Die Linde erwächst im geschlossenen Oval, mit ausladender Gebärde ragt die Esche am Wege. Ein zartes Rautenwerk steht in der Krone der Ulme. Mit sparrigem Geäst entbreitet sich der Wuchs des Ahorns, dessen Zweige noch in Büscheln die braunen geflügelten Samen tragen.

Nun begleitet tiefgrüner Fichtenwald deinen Weg, und wo die ein­samen Waldpfade sich kreuzen, steht magisch noch eine dunkelleuchtende Glockenblume. Und die orangefarbenen rotumkleideten Früchte des Spindelbaumes prangen schön wie fremdartige Frllhlingsblüten.

Nun ist es an der Zeit, an die Geborgenheit der Berggehöfte zu denken, an die Tage des von der Höhensonne noch warm durchglühten Vorwinters. Aber die Wanderschaft muß noch einmal in den traurigen Nebelsee der Talebene, denn unser Ziel drüben liegt am anderen Hang, wo sich die dunklen Wälder hoch hinaufziehen, die die wie einsame Burgen liegenden Höfe der Bergbauern umschirmen.

Heute ist ein lauer Föhn eingebrochen, der mit warmen Schwingen­schlägen auf Südsüdwest über die Berge streicht. Die Luft ist blau wie im März, weiße Wolkengebilde in der Gestalt silberner Meeresfische stehen unbeweglich in der Höhe, am Südhimmel aber weht zerwirktes wolliges Gewölk.

Der Weg geht wieder aufwärts. Das Bergdorf, das dem Hochtal feinen Namen gibt, trägt als Zeichen einen massigen viereckigen Kirch­turm. Um die uralte Kirche geschart liegen im Schutz eines Waldhügels einige wenig« Häuser, Pfarrhaus und Schule, das Haus des Kauf­manns und ein Bauernhof. Das übrige Kirchspiel liegt zerstreut. Ein Vach geht durch die Wiesen und rauscht durchs Fluder, von dem wie Stalaktitengebilde die schweren Eiszapfen hängen. Einige Höfe liegen sichtbar am Berghang, manche aber finden sich erst ein und zwei Stunden weiter droben, inmitten der großen Bergwälder. Das ganze Hochtal breitet sich vor deinen Augen, durchschnitten von zwei bewaldeten Hugel- zäqen durchzogen von Pfaden und Gräben, mit anmutigen Kuppen und Mulden ein Alpenhochtal, durch das die Luft klar und schneefrisch vom gewaltigen Urgebirgskamm weht und in das die niedrig stehende Sonne ihre Wärme und ihr Leuchten ergießt. Es ist noch früher Nachmittag, aber in einer Viertelstunde wird die Sonne hinter der bewaldeten Berg­kuppe versunken fein. Du verweilst, dis die Schatten das ganze Tal füllen. Die Sonne ist nicht mehr sichtbar, aber auf der höchsten Hohe des Kammes leuchten, wie in Weißglut aufgelost, sekundenlang noch drei Fichten. Dann kommt auch in sie das Dunkel der Llchtlosigkelt, und der ganze Berg liegt im frühen Abendfchatten. Es wird Zeit, Herberg zu suchen. Und du findest sie in einem der Bergbauernhofe.

Morgens klingt Glockengeläute aus der Tiefe herauf. Aus den Türen der Bauernhöfe treten jetzt Männer und Frauen, voran dw Manner mit den Laternen, dann folgen die Frauen. So will es der Brauch. Es ist bitterkalt. Niemand spricht. Drüben am Berghang wandern andere Lichter. Der Weg geht nun durch den Wald unter türtisgrunem Himmel.

In der Kirche brennen festlich die hohen Kerzen auf den Altären, und im altersdunklen Betgestühl tropfen die roten und gelben Wachs- ftörfe. Flackerndes Licht geht über die gefalteten Hände und geneigten Köpfe. Festlich find diese Goldenen Aemter, wie der Dolksmund sie nennt. Die Melodien der uralten Adventgesänge füllen das kleine Gotteshaus und rühren an die Herzen.

Nach dem Gottesdienst eilen die Leute heim, die Arbeit muß getan werden wie alte Tage. Den Leuten kommt das Gehen bergauf hart an. Weiß dampfend steht der Atem vor ihren Gesichtern. An den Ufern des Wildwaffers hängen, um Gräser gegossen, Krüge von Eis in der Farbe des Mondsteins.

Daheim sind die Schüsseln gerichtet mit der Brocksuppe. Nach dem Essen gehen sie alle an die Arbeit, die Männer in den Stall und in den Wald, die Frauen in die Küche und in die Spinnstube.

Die Stube ist schon gut gewärmt, rings um den Ofen sitzen die Frauen an den Spinnrädern. Ebenmäßig drehen sich die Räder, und in ihrem kleinen Wirbelwind wehen kleine weiße Wollflöckchen mit. Die Jung- magd haspelt die Garnspulen ab.

An den Fenstern fahren die Knechte vorbei mit den Holzfuhren. Die Bremsen kreischen. Aus der Tenne dröhnen dumpf die Schwingkeulen der Dreschflegel im Dreiertaft. Der Bauer ist in den Kemeten und schaufelt das Getreide durch.

Heute, am schulfreien Donnerstag, knien die Kinder auf der Fenster­bank und äugen durch die Scheiben. Draußen sichert der Großvater mit Strohbünden den immerfort fließenden Brunnen vor dem Einfrieren. Dann kommt er in die Stube, und die Kinder schnitzen unter feiner Anleitung Tiere für die Weihnachtskrippe. Sie fragen den Großvater, ob heute wieder wie am vorigen Donnerstag die Anklopfer kämen. Freilich", erwiderte der Alte.Und nächsten Donnerstag kommen sie zum dritten und letzten Mal."

Am Mittag kommt die Sonne kurz auf den Hof, und die Kinder flnb auf einmal draußen. Sie zerstampfen das Eis am Brunnentrog. Der Altbauer hockt sich mit der Katz« auf die Hausbank, und gerade als der Klemperer die Metallscheibe, die mit jbem Hammer geschlagen wird« zum Essen ruft, versinkt die Sonne hinter dem Kogel.

Nachmittags stampft die Hausmühle am Vach. Alles beeilt sich mtt der Arbeit, denn früh bricht die Dunkelheit ein. Dann liegen die Knechte müde auf der Ofenbank, und aus dem Dämmer glofen ihre Pfeifen. An den Fenstern warten die Kinder auf die Anklopfer. Endlich kommen sie, die geduldig von Hof zu Hof ziehen, zum uralten Gedächtnis an Josef und Maria, die einstmals von Haus zu Haus zogen und Herberg suchten. Die klopfen an Türen und Fenster und jammern und bitten. Das alte Herbergslied klingt auf mit feinem rührenden Zwiegefang:

Wer klopft an?"O zwei gar arme ßeuf."

Was wollt ihr bann?"O gebt uns Herberg heut, durch Gottes Lieb wir bitten, öffnet uns doch eure Hütten."> O nein, nein, nein! O nein, das kann nicht fein."

Wenn das Lied beendet ist, wird ihnen die Tür geöffnet, und mit kleinen Gaben beschenkt wandern sie weiter, hinauf zum nächsten Hof.

Und unerwartet bringt der Abend noch eine Herbergsuchende. Sefa, die Mutter der Großmagd, kommt auf den Hof. Sie wickelt sich aus vielen Tüchern, ihre angegrauten Zopfe liegen breit um den Kopf. Die Bäuerin lädt sie zum Tisch und nötigt fie zum Essen. Sefa ist feit zweiundvierzitz Jahren auf dem Kemptnerhof im benachbarten Kirchspiel, jetzt ist sie an die Sechzig. Schon beim Großvater des Bauern war sie auf dem Hof, und des Bauern Mutter hat ihr dos Ausgeding versprochen ober jetzt! Sefa rührt den Löffel nicht an.

Nach dem Essen fitzt fie mit der Bäuerin hinter dem Herd und klagt und erzählt. Jetzt auf einmal fei fein Platz mehr auf dem Hof für fie, und am Neujahrstag solle sie wandern. Bis heute hat sie doch alle Arbeit getan, nein, alt ist sie noch nicht. Sie zieht die Fransen ihres Umschlag­tuches durch die Finger, und ihre Hände zittern ein wenig.

Bleib da, bist was findest", sagt die Bäuerin. Dann geht fie hinaus, und hinter Sefas Rücken fetzt sie sich hin und schreibt einen Brief an ihren Bruder im anderen Tal. Der ist feit einem halben Jahr Witwer, und fein Haus kann eine frauliche Hand brauchen. Fürs Erste bleibt Sefa also hier. Schon morgen findet fie Arbeit genug.

Du hast Abschied genommen und wanderst weiter über das Gebirge. Die Almhüften sind ohne Leben. Zwischen den Felsen starren grün öle Wacholderbüsch« mit ihren blaubereiften Beeren. Die dünnen Wasier- säden am Berg oben sind im Frost verstummt. Wo die Erde sich ht Abstürzen bricht, stehen seltsame Gebilde. Wie in kleinen Basaltbrüchet» wächst das Eis in kristallenen Pfeilern aus der Erde.

Ganz einsam ist die Region der Höh«. Aber eine Adventbegegnung geschieht dir auch noch hier oben. Ueber die Einsattlung des Gebirtzs wandert mit behutsamen Schritten eine Frau, jung und hoch in der Zeil. Ihr Bild ist wie das Marias, von der es heißt, daß siein denselben Tagen aufstund und eilends über das Gebirge ging."

Mit kurzem Gruß wandert sie an dir vorüber, und der Bergwald nimmt sie auf.

Ehe du die bewohnten Stätten jenseits des Kammes erreichst, ist die Nacht hereingebrochen. Keine Nacht des Jahres ist so in Sternenfeuern entbrannt wie diese. Heraufgeführt vom funkelnden Aldebaran hebt sich mit der Flanke das Sternbild des Orions bereits vollkommen sichtbar über den gebirgigen Horizont. Gegen Norden neigt sich der Ero^e Wagen leuchtend nieder. Hoch über dir schwingt sich als gleißende- '"and die Milchstraße über den ganzen nächtlichen Himmel.

In der Tiefe blitzen Lichter auf aus verdunkelten Häusern. Dort liegt das Ziel deiner Wanderung im Advent.