ursächliche Bedeutung zu, die Zuhörer in den Bann der Auf­führung zu zwingen. Es ist bas Erlebnis jedes der achthundert Spieler, das er zu vermitteln hat: er läßt sich nirgends und durch nichts ablenken. Er spielt nicht Passionsgeschichte, sondern er erlebt den Leidensweg für sich selbst, er ist vom Eifer des Jüngers besessen oder von der Furcht des Verräters oder von dem Leid der Mutter Maria. Diesem Eindruck entgeht keiner der Zu­hörer, auch nicht der Skeptiker, der mit den Regeln des Theaters in der Großstadt messen möchte. Anfangs gelingt es ihm wohl noch, einige Anstände zu machen, die Stimme des Chorführers sei nicht voll genug, Johannes besäße zu wenig Metall in der Stimme, der Darsteller des Christus sei ihm zu herbe, zu herr­schend, das Orchester müsse noch verstärkt werden. Doch von Szene zu Szene verschwinden mehr Einwände, bis dann zu Beginn der einzigen Pause während einer Spieldauer von acht Stunden nur noch Ergriffenheit vorhanden ist.

Das macht der Wille zur Gemeinsamkeit, der allen Spielern bei ihrem Tun hilft. Das macht das eigenartige Thea­ter, das geschlossen und doch wieder offen ist: der Himmel lacht hinein oder er regnet, donnert und blitzt, die Lerchen und Schwal­ben fliegen in das Haus und vermitteln eine neuartige,echte" Begleitmusik, der Wind stößt über die Bühne, fährt ins Haar oder in das Gewand der Spieler und nötigt ihnen so Bewe­gungen ab, die sagen wir: menschlich wirken.

Geheimnis der Wallfahrt nach Oberammergau? Nein, es ist kein Geheimnis aufzudecken. Der Eifer, der die Spieler beseelt, macht das Spiel heilig. Dieser Wirkung kann sich niemand ent­ziehen, der einen Tag dieser Passion verbringt, der Christ nicht, und wenn er kein Wort versteht, weil er die deutsche Sprache nicht beherrscht, und auch der Andersgläubige nicht, der beispiels­weise aus Japan kommt. Ja, auch dieser Japaner ist ergriffen, er und der Skeptiker...

Auf Wallensteins Spuren.

Eine Loggia, ein Säbel, ei« Pferd, ei« Spitzenkragen.

Von Professor Dr. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle.

Im barocken Prag macht der Palast Wallensteins in der endlosen Reihe der dortigen Adelsresidenzen die weitaus beschei­denste Figur. Kinskys und Schwarzenbergs, Kolowrats und Für­stenbergs und Clam-Gallas bauten viel üppiger und prunkvoller. Der große Herzog von Waldstein und Friedland, heimlicher König von Böhmen, hatte ursprünglich auf dem königlichen Burgberg, dem Hradschtn sein Haus hinstellen wollen. Doch verweigerte der Kaiser Ferdinand der Zweite ihm die Erlaubnis Er wollte den unheimlichen Menschen, den Herrn der Armee, nicht in allernäch­ster Nähe haben. Da kaufte sich Wallenstein am Fuße des Burg­berges ein dutzend Häussr, ließ sie niederreißen und errichtete dort sein Palais. Nun konnte er aus seinem Garten immer hin- aufschen zum Kaiser oder seinem Statthalter, wenn er in seinem riesigen französischen Garten ging und überlegte, ob er Frank­reichs Angebot der böhmischen, seit dem Sturz des Winterkönigs ihn lockenden Königskrone und der Goldmillion und der franzö­sischen Heeresmacht annehmcn sollte. Der Astrolog, Giovanni Bat­tista Seni aus Padua war in der Nähe. Neben der Garten­loggia saß er oben im Rundturm und rechnete an den Sternen, ob Keplers dem im Zeichen des Jupiter und Saturn gebore­nen Wallenstein Anno 1609 gestellten Horoskop noch immer stimme. Darin stand etwas davon, er würde, zu großen Dingen berufen, seinen großen Feindenmeistens obsiegen".

Diese Gartenloggia ist das architektonisch feinste Stück des Wallensteinschen Palastes, zwischen 1625 und 1630 gebaut. Von dem Italiener Sebregondi, von dem man sonst nicht viel weiß. Sie könnte so auch, ohne aufzufallen, in Vicenza stehen, Palladios Stadt, oder gar in Mantua, wo Raffaels Schüler Giuliv Romano den Geschmack beherrschte, denn sie hat noch viel mehr von der eleganten Spätrenaissance als vom frühen, wenn auch noch so klassizistischen Barock. Hier war Wallensteins Kunstmuseum, der Freiluftraum, angefüllt mit Renaissancebronzen, meist mittel­mäßiger Sorte. Heute stehen hier nur Nachbildungen. Die Ori­ginale haben die Schweden mit in ihr Land genommen.

Sonst aber, abgesehen von dieser schönen Loggia, ist das Wal- lcnsteinpalais in den Bauformen sehr schlicht, anständig in den Proportionen, aber etwas trocken. Imponierend nur durch die Größe auf dem dreieckigen Grundriß zwischen zwei. Straßen, durü- die Abgeschlossenheit seines riesigen mauerumzogenen Gartens, durch diesen Charakter von abwehrenden Trotz. Und durch seine Erinnerungen. Auch durch seine Religuien. Nicht alles im »nnern paßt zu dem Geist des Mannes, der hier in den letzten Zähren seines kurzen Lebens residierte. Im großen Festsaal aus Mar­mor und aus noch mehr Stuck hat er sich in einer mächtigen ckllc- gorie im rauschenden Nubcnsstil an die Decke löffen, als triumphierenden Mars, in der weitaussahrenden Pose des Kricgs- gottes. Die steht ihm gar nicht. Er war viel weniger etn gewal­tiger Schlachtenheld und Soldat, als vielmehr ein ungeheuer be­gabter Kondottiere, ein Unternehmer im Kriegsgeschaft, em Mei­ster des diplomatischen Schachspiels, wie der Norden Europas kaum jemals einen größeren sah. Davon spürt man unter der barocken Triumphdccke nichts, nichts von dem, was tn einem der Nebenräume sein Bildnis sagte, dies fahle hagere trockene Antlitz mit den wartenden Augen unter den gefährlichen Brauen, skep­tisch, überaus skeptisch, allen mißtrauend, zuletzt auch noch den geliebten wie gefürchteten Sternen, denen er oben im -rurm mit dem Paduaner zusah.

Das Observatorium ist nicht mehr vorhanden. Aber das runde Arbeitszimmer, das mit einer Wendelireppe darunter lag, ist noch da, unangerührt, wie man so sagt. Hier sind die Reliquien, in Glasschränken aufbewahrt. Sein Säbel, kurz und schmal, eher ein Galanteriedcgen denn eine kriegerische Waffe. Man denkt sich einen Kriegsmann anders bewehrt. Zwei Schabracken seiner Reit­pferde stehen da, eine rote und eine grüne aus Samt, mit Silber­stickerei. Er muß kleine Pferde geritten haben, auch im Kriege. Denn im sog. Spielzimmer des Untergeschosses sicht man aus­gestopft das Leibpferd, das er in der Lützener Schlacht ritt. Der Rumpf, denn nur er allein ist echt und alt, erscheint ausgesprochen zierlich, ganz anders als man sich Schlachtrosse des Barockzeit- alters vorstellt. Kurz, Wallenstein muß von, wenn auch nicht ge­rade kleinem, so doch sehr zartem Körperbau gewesen sein. Seine schwarzen Reitstiefel in der Vitrine im Arbeitszimmer, mit klei­nen Sporen, überschreiten kaum das Maß eines Damenreitstiefels.

Und da liegt nun, in einem Glaskasten, auch sein Spitzen­kragen, feinste Seidenspitzen, mit einem Ornament aus Blumen, Trauben und Vögeln. Den trug "er in Eger am 25. Februar des Jahres 1634. Er war hingeeilt, um zu retten, was noch zu retten war, und sandte Eilboten über Eilboten nach Regensburg zum Schweden. Der Kaiser hatte seine Absetzung schon unterschrieben. Aber auch seiner Armee war er nicht mehr sicher. Piccolo­mini paßte auf und verriet immer alles. Der Ire Butler und der Schotte Leslie, seine Obersten, glaubten den Kaiser zu er­raten und wollten Schluß machen. Nach einem Fastnachtessen beim Kommandanten der Egerer Zitadelle, Gorbon, hatte Wallen­stein sich zur Ruhe begeben. Seni hatte ihn eben verlassen und ihn vor Gefahr in den Sternen gewarnt. Da stürzte der Ire Deveroux ins Schlafzimmer und stieß ihm die Waffe in die Brust. So sagte man: in die Brust. Aber die braunen Blutflecke auf dem feinen sehr engen Spitzenkragen, der seinen dünnen Hals umschloß, sitzen nicht vorn, sondern hinten, int Genick.

Vielleicht gibt das nach seinem Tode erschienene, im Sinne des Kaisers gehaltene Medaillon von der Geschichte seines Endes doch den Tatbestand am zuverlässigsten wieder? Wie er, halb ausge­kleidet schon ans Fenster stürzt, um hinauszuspringen und dabei den Partisanenstoß in den Rücken erhält. Wallenstein war ein Nervenmensch, mit einem immer von der Gicht geplagten Körper. ' Auf jenem Flugblatt steht zu lesen, er habe gerade imPodagra- : Verhaft" zu Bett gelegen. Der eben Vierzigjährige hatte sich unten in seinem Turm, unter seinem Arbeitszimmer ein Badezimmer oder vielmehr eine Badegrotte einbauen lassen. In bronzener Wanne pflegte er mit warmen Heilbädern den gebrechlichen Kör­per und ließ sich dann von dem Tropfsteinwerk an der Decke dieses Gemaches kalt berieseln. Es ist ganz schwarz hier unten, und er ; muß in dieser Grotte gespenstisch ausgesehen haben. Die Tür aber, > durch die man diesen unheimlichen Raum verläßt, führt unmittel­bar in die heitere Loggia mit den Renaissancebronzen.

Oie Gchusterkugel.

Roman von Hans Franck.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

XV.

Gust nahm das Auf und Ab seines Lebens, dies der Wippwapp Selbstverständliche, nicht als Schicksalsfügung hin.

Er kämpfte gegen die Zeit.

Immer wieder verlangte er sein dem Vaterland geliehenes Kapital zurück. Er forderte: Meine hunderttausend Mark! Er ging auf das Rathaus. Nicht etwa zu den beiden Staöträten Schweikert und Wilhelm Drebitz. Die fanden es berechtigt, daß die, welche den Krieg angezettelt hätten, ihn auch bezahlten. Sondern zu dem neugewählten Bürgermeister. Der hörte ihn an­fangs geduldig an, teilte feine Entrüstung darüber, wie Deutsch­land seinen besten Bürgern ihren Opferwillen mit Undank lohnte, zuckte aber schließlich mit den Achseln, gab Anweisung, den ver­armten, schon etwas tüderig gewordenen Rentner nicht mehr vor­zulassen, sondern ihn auf den schriftlichen Weg zu verwerfen.

Gust machte also Eingaben. Er ließ Protokolle ausnehmen. Er schrieb an die Behörden der Landesresidenz. Er schrieb nach Berlin. An die amtlichen Versorgungsstellen. An die Minister. An Reichs­tagsmitglieder. An Parteiführer. An den Reichspräsidenten.

Als jemand Gust riet, er möge doch mittags mit einem nicht zu kleinen Gefäß zur Rentnerküche gehen, die unten im Rathaus neben der Wohnung des Polizeidieners eingerichtet sei und sich das Essen, welches wirklich sehr schmackhaft sein solle, von dort holen, hob er als Antwort im ersten Augenblick die Hand zum Schlag. Dann aber ließ er den Verblüfften, der es schließlich gut mit ihm gemeint hatte, der nur nicht vermochte, sich in ferne Seele hineinzudenken, wie einen Schuljungen, der etwas Dummes ge­sagt bat, ohne ein Wort der Erwiderung stehen.

Rikelchen aber lief der rasend gewordenen Zeit nach.

Sie suchte ihr abzulisten, abzulocken, abzuzwacken, soviel Ye nur vermochte.

Aber der Tag kam, an dem sie nichts Entbehrliches mehr zu verkaufen hatte.

Da ging Rikelchcn in die Häuser der Vornehmen, der Reich- gewordenen auf der Hohen Straße und erbot sich zur Arbeit. Man wies sie ab. Weil man eine Hilfskraft, obwohl man sie dringend brauchte, nicht mehr bezahlen konnte. Da man ihrer Art, da sie nicht im Lande geboren war, mißtraute. Weil man sich, sobald man zurücksah, schämte, sie zu niedern Diensten anzuwerben. Eine fast