Empfindung, Gefühl, Phantasie, herrscht der Lebenswille. Richard Dehmel will es freilich anders,- aber er geht zu sehr vom Technischen ans, wenn er meint:Ein Buch zu lesen, ist allererst eine bare Verstandestätigkeit." Das trifft nicht zu. Zwar ist sein System, wie sich aus dem verstandesmäßigen Lesen allmählich das suggestive Ergriffensein entwickelt, recht schön und klar, aber erin­nert er sich gar nicht mehr der Zeit, da dem Kinde schon der erste sinngewordene Buchstabe einen merkwürdigen Zauber enthüllte und aus dem Worte der Fibel sofort das anschauliche Bild gebo­ren wurde? Darin hat er freilich recht, daß jeder Leser, wenn er vollwertig sein will, schon etwas mitbringen muß, nämlich die Hingabe an die Dichtung, zumindest den Willen dazu. Dann stimmt der Vergleich, den Dehmel zieht:Bücher sind wie spiritistische Medien,' wer die nicht richtig zu fragen versteht, dem antworten sie falsch oder gar nicht, und die meisten Leute halten deswegen den Spiritismus für Schwindel, bestenfalls für Selbsttäuschung. Jener afrikanische Wilde, der einen Missionar aus der Bibel vvrlesen hörte, sich dann das Buch an die Ohren hielt und es ungläubig wegwarf, weil es ihm nichts sagte: der steckt noch in jedem gebildetsten Leser."

Zu verlangen, daß einer alles, was er je gelesen, behalten hätte", sagt Schopenhauer,ist, wie verlangen, daß er alles, was er je gegessen hat, noch in sich trüge. Er hat von diesem leiblich, von jenem geistig gelebt und ist dadurch geworden, was er ist. Wie aber der Leib das ihm Homogene assimiliert, so wird jeder behalten, was ihn interessiert, d.h. was in sein Gedankensystem oder zu seinen Zwecken paßt. Letztere freilich hat jeder: aber etwas einem Gedankensystem Aehnliches haben gar wenige: daher neh­men sic an nichts ein objektives Interesse, und dieserhalb wieder setzt sich von ihrer Lektüre nichts bei ihnen an: sie behalten nichts davon."

Der Mensch hat also am meisten von seiner Lektüre, der schon etwas i st. Darum trifft zu, was Goethe in seinenMaximen und Reflexionen" sagt:Niemand mag lesen als das, woran er schon einigermaßen gewöhnt ist, das Bekannte, das Gewohnte ver­langt er unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, daß es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist", oder an anderer Stelle:

Was in der Zeiten Bildersaal Jemals ist trefflich gewesen, Das wird immer einer einmal Wieder auffrischen und lesen."

Vom Gewohnten gehe also der Anfänger im Lesen aus. Dann wird er schneller den Weg zu der Lektüre finden, die für ihn am meisten fruchtbringend ist. Das Gelesene charakterisiert nicht allein den Lesenden, es führt ihn auch über sich hinaus und der Dichter übt an ihm jene Wirkungen aus, die Goethe an Wieland zu rühmen wußte:

Was macht er nicht aus unfern Seelen? Wer schmelzt wie er die Lust im Schmerz? Wer kann so lieblich ängsten, quälen? In süßen Träumen zerschmelzen das Herz? Wer aus der Seelen innersten Tiefen mit solch entzückendem Ungestüm Gefühle erwecken, die ohne ihn uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?

Nahe dem Orient.

Reiscbilder von Edwin Erich Dwinger.

Delos.

Eine kleine Insel, selten erreicht von normalen Kursschiffen. Nach schwieriger Fahrt durch schmale Engen, die unendlich stillen Fjorden gleichen, liegt sie vor uns: Kahl, fast baumlos, über und über mit Häusern bedeckt, hier und dort noch ein paar Säulen tragend aber ohne Menschen.

Es ist, als ob man durch Pompeji ginge. Völlig erhalten sind die Straßen, mit breiten Steinplatten gepflastert, zuweilen eiu- gemuldet und zerschlissen von den Sandalen, die ste einst beschrit­ten. Unter den Platten entdeckt man die Kanalisation, brerte Schächte, die kreuz und quer das Regenwasser vom Berg zum Meere leiteten. Geradezu erstaunlich sind die Häuser, lediglich die Dächer fehlen, Treppenstufen und Fensterkreuze sind unberührt, viele Wände tragen noch den rauhen Unterputz, nicht anders auf- getragen und gerauht, als man es heute tut. Auf den Fußböden der schönsten Häuser findet man zahlreiche Mosaiken.

In den Brunnen, die viele Häuser ichmucken, steht noch das Wasser: in großer Zisterne, deren sechs gewaltige Bögen sich un­zerstört über ihre Tiefe schwingen, ruht noch ein schivarzer sec. Das Amphitheater rundet sich mit hundert stelnernen Ringen un­versehrt, der Tempel des Apollon, dieser Insel stärkstes ^^bins, strebt weiß und ragend in die Bläue, der Blick vom höchsten Punkte auf dieses Jnsclmeer dringt unvergeßlich ein. Wie konnte es kommen, fragt man sich, daß eine solche Stadt eine» Tages oi,ne Menschen war? Hier hütete man einst den märchenhaften Schatz des Attischen Seebundes, hier befand sich einst der größte Sklavenmarkt ganz Griechenlands bis zu zehntausend Sklaven wurden täglich hier verhandelt, von hundert Schiffen aus aller Welt auf diesen Börsenplatz gebracht! Ja, welches Leben hat einst diese Stadt erfüllt... Jetzt wohnt aus dieser ganzen Insel, in­mitten dieses vorzeitlichen Häusermeeres nur noch ein alter Grieche, ihr stummer Wächter. Und Perleidechsen liegen breit- gefüchert aus den Fensterbänken...

Athen.

Die Stadt der Automobile, sagt man uns. Jawohl, dazu jener, die irrsinnig um alle Ecken rasen, zudem einmal rechts, einmal links ausweichen, gleichsam immer dort, wo es am schnellsten geht. Eine aufstrebende, amerikanisierte Stadt, die im Grunde überall auf der Erde liegen könnte, nichts typisch Griechisches mehr an sich hat.

Im Staatsmuseum suchen wir vor allem jenen Raum, in dem die Schätze Schliemanns aus Mykene liegen. Vergessen ist die amerikanische Stadt, ihr internationales Gepräge: Die alten Schwerter, Schilde, Helme sind von solcher Arbeit, daß man ver­meint, etwas von gleicher Schönheit niemals wieder sehen zu können.

Auf der Akropolis verstummen unwillkürlich die Gespräche, wird jeder leise. Propyläen, Erechtheion, Parthenon, Niketempel... Zwei griechische Soldaten in alten Trachten, weißen, gestärkten Nöcken, feuerroten Umhängen, halten die Ehrenwache. Der Him­mel ist wolkenlos, die ungeheure Marmormasse goldgelb. Sieht man nicht junge Menschen überwältigt an den Säulen lehnen und die glatten Wände mit Händen streicheln, die leise zucken? Ich selber sitze mit zwei jungen Mellschen auf einem Felseustück am Rand der Burg, zu dem von unten das ferne Brausen der großen Stadt heraufschwingt, wo es aber dennoch so still ist, als ob die ganze Akropolis ein einziger, überdachter Tempel sei. Und aus uns steigen Worte und Gedanken, die nur auf diesem Platz ent­stehen können, auf dem vor Tausenden von Jahren Schönheit und Glaube ihre höchsten Feste feierten niemals von einem Volke noch einem Menschen mehr erreicht! So sitzen wir vom frühen Mittag bis zum Abend auf diesem einsamen Platz, bis rot die Sonne untergeht, irgendwo mit klagendem Klange die Glocke des Wächters ertönt, die Ehrenwache feierlich die Burg verläßt. Und jedem tftS, als ob er aus dem Paradies vertrieben würde...

Stambul Konstantinopel.

Kaum hat das Fallreep sich auf den Kai gesenkt, als ein türki­scher Hauptmann in Gold und Khaki die Treppe herauffliegt, mich überstürzt au seine Brust drückt, schalleud auf beide Wangen küßt. Lieber, Lieber habe ich dich wieder!" Ich stelle ihn den Freun­den vor:Jüsbaschi Achmed Bey ein alter Kampfgenosse aus Sibirien!"Nun, vorwärts, illerü Ihr seid zwei Tage meine lieben Gäste!"

Achmed führt uns. Oh, er ist unermüdlich, keine Moschee bleibt aus, kein sehenswerter Platz, kein wertvolles Denkmal, weder die Süßen Wasser" bei Ejoub, noch Alexanders Sarkophag im Zivil­museum, weder seine Kavallerieschule, noch das Heeresministerium, in dem er arbeitet. Und immer wieder schlüpfen wir in große Pantoffeln, um lautlos über riesige Teppiche zu gleiten, in den gewaltigen Kuppeln der Hagia Sophia, der Sulejman, dem nasa­len Gesang der Hodjas zu lauschen.Oh", sagt er,früher waren diese Moscheen immer übervoll, zu jeder Zeit, jetzt sind sie fast leer, wie Ihr seht! Seit unser Gazhi..." Ja, er ist ganz modern, mein alter Freund, schreibt nur noch lateinisch, zeigt uns als Allerwichtigstes das Denkmal Kemals, auf dem er an der Spitze seiner letzten Truppen zur Entscheidung vorstürmt...

Mittags essen wir in einem Restaurant, in dem viele Offiziere sitzen, die unglaublichsten Gerichte: Gefüllte Schoten, Hammel am Spieß, fremdländische Früchte, übersüßes Zuckerwerk. Ein Diener schleift die riesenhafte Nargileh herbei, die reihum geht, ein klei­ner Stiefelputzer nimmt sich unserer Schuhe an, daß sie nach kur­zem wie mit einer Glasschicht überzogen scheinen, derart, tu stechendem Glanze flimmern, wie keiner es von Schuhen je ge­sehen. Zum Schlüsse bringt man den Kaffee, jenen herrlichsten Kaffee aller Kaffees der Welt, den man ganz dick und mit dem Satz nimmt...

Nachmittags gehen wir ins Serail, das alte Haremsschlotz der Sultane, vor kurzem erst eröffnet. Ein Teil der unzählbaren Räume birgt die herrlichste Wasfensammlung der Welt, von einem deutschen Professor geordnet, unendlich reiche, aber meist über­ladene, nicht häufig wahrhaft edle Stücke. Im nächsten Raum stehen Thronsessel und Prunkbetten mit soviel Perlen und Dia­manten, wie man als Kind in Märchenbüchern las, dazwischen fünfzehn, zwanzig lebensgroße Puppen, sämtliche Sultane, in jenen edelsteinbesäten Kleidern und Turbanen, die sie zu Lebzeiten trugen. Die Räume der Eunuchen und Haremsdamen schließen sich daran leuchtende Teppiche, flimmernde Majoliken, zerschlis­sene Polster, Schmuckschränke für die Nacht ... Konstantinopel geht zurück, man kann es nicht leugnen: Dies alte Serail wird ihm für alle Zeiten mehr Fremde bringen als sie irgendein sehenswerter Ort der ganzen Welt hat! Als letztes sehen wir die Gefängnisse der Haremsdamen. t

Abends sind wir zur WiederseheuLfeier in Achmeds Wohnung geladen, ein kleines Haus inmitten eines Trümmerfeldes.Ja, Stambul zerfällt", sagt Achmed,Stambul stirbt... Alles geht nach Ankara, nahe zur Sonne hier wird nicht mehr aufgebaut, was einmal zusammenstürzte..." Achmeds Frau, Hafis Hanum, eine schöne Türkin mit fremdem Charme, schwarzen Augen, sehr vollem Mund, hat eine Freundin für uns eingeladen, damit sie uns auf ihrem Instrument, einer zwölfsaitigen Laute, heimatliche Lieder spiele. Um Mitternacht kommen wir nicht darum, in großem Chor den Gallipolimarsch zu singen, den wir einst in Sibirien gesun­gen... Bevor wir gehen, sagt Hafis Hanum:Hier sind die Gast­geschenke, Freund meines Gatten!" Ihre Gaben sind zwei kleine Rauchtischdecken, aus Gold und Seide, mit dem Monogramm des Propheten eigenhändig bestickt, ferner eine Reitpeitsche, völlig aus ziseliertem Silber, innen vom Holze eines Baums aus Moham­meds Zeiten, dessen Berührung jedes Pferd gesund macht...