Juppi önrchwatete die schweren Wehen. Er hörte die Tele­graphendrähte ihr Winterlied singen. Die Luftharmonika summte eintönig Trübes. Ein Schattenwisch huschte an den Masten vor­über: Juppi ... Heda, wie liegt sich's ...? Poch, poch, poch ...

Er zog seine Straße.

Ich tippele ... Poch, poch, poch ...

Der Schnee hatte ihm einen weißen Mantel angelegt. Mit eingezogenem Nacken schob er sich in das Gestäube hinein, in die Winterwalder.

Was sie jetzt zu Hause machen ...? Sie nageln den Sarg ... Einen von Eichenholz ... Bretter sind da ... Sie haben den Arzt gehör: ...Oder den Pfarrer ...Vielleicht ist es nicht so schlimm ... Dann brauchen sie bloß den Doktor ... Dann brauchen sie keinen Sarg ... Wenn man doch bloß keine Särge schreinern müßte ...

Er beeilte sich, noch immer gehetzt vom Schrecken, der mit langen, weißen Geißeln nach ihm drosch.

Um fünf geht der Zug. Wieviel ist es jetzt? Er hat keine Uhr. Die Uhr seines Vaters wurde versteigert. Zur Firmung hat ihm niemand eine Uhr geschenkt. Der Firmpate, der Vormund, bat ihm ein paar Schuhe gekauft. Er hat sie an. Es sind gute, feste Schuhe ... Eine Uhr hätte er gern gehabt... Er stapft, er marschiert, er rennt, er würgt sich durch den Schnee.

Was wird die Gret sagen...? Gret, gute Spielzeug-Gret! Liebe Hemden-Gret! Ihre Namen klingen in ihm wie Weihnachtsgeläut.

Wenn es so weiter schneit, kann er bald die Straße nicht mehr von den Wiesenflächen unterscheiden. Er wird auf den nächsten Kilometerstein achten. Die Telegraphenstangen haben inzwischen eine andere Richtung eingeschlagen, aber Juppi spürt die aus­gefahrene Glätte der zugedeckten Schltttenspuren. Er ist also auf dem richtigen Weg.

Der Meister tut ihm leib. Wenn er nur nicht gestorben ist! Juppi hat noch lange zu lernen, bis er seine Gesellenprüfung ab­legen kann. Wirtheim ist ein tüchtiger Schreiner. Am liebsten möchte Juppi Kunsttischler werden ...

Er hastet und nimmt den schweren Weg. Ihm ist warm.

Stumm liegen die Wälder. Nicht eine Krähe schwingt. Der Schnee dampft, tanzt, quirlt. Kein Kilometerstein zeigt sich. Alles verschneit. Die großen Felsen an der Böschung tragen dicke Schnee­hauben, Eiszapfen hängen von ihren Wurzeldächern. Das Tages­licht hat an Kraft verloren, es wird so seltsam dämmerig im Wald.

Eine mißtrauische Frage kriecht ihm ans Herz: ist das auch die richtige Straße? Er bleibt stehn, lauscht. Der Winter zischt, gischtet und stöhnt. Er geht weiter. Er wird sich erkundigen, sobald ihm ein Fuhrwerk begegnet oder ein Fußgänger.

Niemand begegnet ihm. Da bleibt er wieder stehn. Wie ein vorsichtiges Tier sichert er, macht Fuchsaugen, strengt sein Gehör an, einen Laut aus dem weiten Gesicht des Schneetreibens auf­zufischen. Die hohen Fichten ragen über ihn hinaus in ihre him­melferne Einsamkeit, die Tannen wurzeln in der Oede.

Da geht er weiter, mit neuer Anstrengung, neuer Hoffnung. Sicherlich, hinter dem nächsten Hügel, sobald er erst den Wald hinter sich hat, wird sich der Bahnort zeigen, mit seinem Bahnhof und der rauchenden Lokomotive. Er zuckt zusammen. War das nicht ein Pfiff, der Eisenbahnpfiff? Schnell! Ihm ist leichter ums Herz.

Doch der Wald nimmt kein Ende. Das ist ein fremder, tiefer Riesenwald, wo die Bäume so groß gewachsen sind, wie die Stämme des alten Titt. Mauerngleich umbauen, unreifen sie ihn. Sein Mut schwindet, er spürt auch seine Beine. Aeste knacken. Ein Knacken, wie beim Fall des Meisters. Der Winter, denkt er, bricht den Bäumen die Knochen, die Arme ...

Der Wald verschwimmt, hinter Wolken geistet alles, was Juppi anstrebt: Bahnhof, Eisenbahn, Passau, die liebe Gret, eine Bank, darauf er sich ausruhn kann vom mühseligen Weg durch den Wald...

Der Schnee flimmert, grau und bläulich, wie die Flügel von Schneegänsen und Eisvögeln am Wasser. Wie fahl das Eis schil­lert. An allen Bäumen hängen Eisheilande. Ihre Füße sind an­gefroren, ihre Arme ausgerenkt, die Hände verkrampft. Der Wald hat sie eingesargt ... Der Wald ist ein Sarg ... Schneelinnen hat ihn ausgepolstert ... Eiskreuze sind darauf gezeichnet ...

Er fürchtet sich. Eingesargt in den weißen Wald ist Juppi. Noch einmal macht er eine wilde Anstrengung, durch den Schnee zu kommen und den Wald zu verlassen. Vergeblich, er erliegt seiner Müdigkeit, in der Dämmerung findet er einen Stapel von Kiefernholz, er lehnt sich einen Augenblick daran, um etwas aus- zuruhn. Wie gut. Nun hört es auch auf zu schnein.

Heut ist sein Geburtstag... Heiliger Abend ...

Grabesstille. Juppi lehnt an dem Holzstapel, nur einen Augen­blick will er verweilen, dann weiter mit ausgeruhten Beinen. Aber er weilt schon lange. Schade, daß er vergessen hat, ein Stück Brot einzustecken. Das hätte seinen Hunger gestillt und ihn er­muntert.

Sein Blick irrt durch das Schwarz-Weitz-Gegitter der Stämme. Em Silberwald ... Ein Spukwald ... Er sieht die Eisheilande glänzen, die langen magern Glasleiber, die dünnen Schattenbärte. In der Tiefe, wo Säulen das Dach des Abends tragen, fließt zmngrauer Nebel, stumpfes Engelshaar. Dort hängen silberne Mondkugeln an den Aesten. Es klingelt ... Die Einbescherung beginnt ...

Er stobt zufriedenen Gesichts.

Alle Bäume lassen Zwirbelschnurrbärte wehn. Me Gesichter der Eisheilande haben blaugefrorene Lippen. Auch Juppi hat blaugefrorene Lippen, er fühlt aber die Kälte nicht. Den Nuß­baum sieht er im Einsamerhof, wie er ihm durch das Stallfenster

mit magern Holzhänden winkt. Die Mittagsfichte wächst vor ihm auf, wächst in den Himmel. Auf ihre harzgoldene Spitze hat der oberste Engel seinen Lichtfutz gesetzt. Die ganze Fichte strahlt. Durch ihre Aeste hüpft sein Weihnachtsfink von Watte und Federn. Lichter flammen auf den Zweigen, Sternenkreise umrunden den Baum von unten bis oben, Sternenwirbel und große Sternen- wageu-Räder ...

Juppi sackt in sich zusammen. Sein Bewußtsein hat sich zu einem Halbbewußtsein gemindert, der Schlaf steigt von der Win­tererde auf und wurzelt sich in seinen Gliedern ein. Die Hände werden schwer, der Kopf neigt sich ein wenig. Aber die Seele lauscht noch in ihre Traumgewölbe: Wie jenseits melodeit der Engel auf der Spitze sein heiliges Gloria ...

Da löst sich aus einer Baumgasse eine Gestalt. Unhörbar naht sie, gleichwie der weiße Waldestod. Sie gleitet heran, stockt und neigt sich zu Juppi. Sie rüttelt den Ermatteten, schreit ihm in die Ohren.

Heda, aufwachen, aufstehn 1"

Aber Juppi sinkt in den Schnee. Der Mann auf seinen Ski­brettern reibt ihm das Gesicht, die Schläfen und die Pulsadern mit Schnee, er reibt ihn warm, reibt ihn lebendig. Ein paar Tropfen Kognak hat er noch in seiner kleinen Flasche: er träufelt sie ihm zwischen die Zähne. Der Atem geht, das Blut regt sich ... nach einer Weile öffnet Juppi die Augen. Verwirrt schaut er um sich. Es ist Abendlicht. Jemand umfaßt und geleitet ihn: der Engel, Gott?

Juppi wagt kein Wort. Er fühlt Müdigkeit und Wachsein zu­gleich. In einem fast schwebenden Schritt geht er mit der hohen Gestalt auf der silbernen Straße. Sind es die kristallenen Land­schaften des Himmels, die Spiegelaugen der Sterne, durch die sie schreiten?

Sein Begleiter spricht zu ihm, ferne Worte. Es ist die Sprache des Jenseits: er muß sie erst erlernen, bevor er ein Wörtchen versteht. Es ist das Sterueustraßen- und Himmelslatein, kein Landstraßen- und Handwerksburschenlatein ...

Und doch, er versteht, er hat verstanden.

Wir gehn heim ..." hat es geklungen.

Wir gehn heim. Der selige Gedanke ist nicht auszuschöpfen in seiner Süße und aller Freude.

Noch eine lauge Zeit gehn sie auf der Straße: der Mann gleitet ihm zur Seite, ein Mann, groß und stark wie ein Tannenbaum. Ab und zu, wenn Juppi taumelt und strauchelt, greift die Hand des Mannes nach ihm und hält ihn fest, so daß er nicht fällt.

Kein Wald mehr zu sehn, kein Wald, weit und breit kein Wald, so sehr sich Juppi auch anstrengt, nach Bäumen auszuspähn. Der Wald hat ihn freigegeben, er ist aus dem Waldsarg heraus. Gott sei Dank!

Er dankt, und die Erinnerung kehrt ihm zurück. Müde war er, und verirrt hatte er sich, heute an seinem Geburtstag, am Weih­nachtsabend. Aber nun kommt er zurecht. Der Mann zeigt ihm den Weg zum Bahnhof. Mit einem späteren Zug wird er nach Passau fahren. Ganz dumpf ist sein Kopf, er bringt seine Ge­danken schlecht zusammen.

Ich will zur Gret ..." sagte er vor sich.

Zur Gret...?" antwortete fragend sein Begleiter.

Er wundert sich, baß ich zur Gret will, dachte Juppi, und gab keine weiteren Auskünfte.

Nun kamen sie über eine Senkung und standen vor einem Haus. Seine matten Umrisse hoben sich aus der Abenddunkelheit, Streifen rötlichen Fensterlichts überschimmerteu den Schnee. Licht­teppiche. Glücklichen Herzens schaute Juppi nach diesem gastlichen Leuchten. Er leuchtete auch. Was für ein Hans? Das Dämmerbild erweckte ihm in der Brust ein Gegenbild: ein anderes Haus zeich­nete sich in seiner Vorstellung ab, ein Haus klarer, luftiger Linien, wie mit dem Tischlerbleistift hingesetzt.

Der Mann schnallte seine Skibretter ab, öffnete die Haustür.

Wir sind da!" sagte er, und sie traten ein.

Ein heller Flur. Juppi erstarrte vor Staunen. Wie war ihm eigen zumute. Die Bank? Die Zimmertür? Die Stiege nach oben? Das war sein Haus, das er meinte. Die Tür tat sich auf, volles Licht, eine Frau auf der Schwelle, hinter ihr in der Stube ein brennender Weihnachtsbaum. Wie ein großer Engel stand die Frau, zwischen Licht und Licht, vor dem Sternlichterbaum.

Die Fichte! hätte er beinah gestammelt.

Juppi...! Das ist ja der Juppi Hofschaffer..." rief sie aus.

Den hab ich unterwegs im Schnee gefunden ..." sagte der Mann, nicht weniger überrascht als seine Frau, die Försterin von Siebeuellen.

Sie ging auf den unverhofften Gast zu, faßte ihn an der Hand und brückte ihn an sich.

Komm herein", sagte sie, und zu ihrem Mann:wenn's geht, wollen wir ihn behalten."

Der Förster nickte und folgte ihnen.

Ja", sagte Juppi, und da standen sie zu dritt um den Baum: Mann, Frau, Knabe. Geblendet schaute er auf die golden be­nagelten Stühle, den feierlichen Baum, auf die gläsernen Kuael- monde, die silbernen Nüsse, die roten Aepfel im Dickicht der Zweige, die Bäche von Engelshaar, die Lichter, wie sie, flammende Geister in Wachsgestalt, von unten aufstiegen und die höchste Höhe des Baumes gewannen, Stern bei Stern bis zur Spitze, dem einsamen Kronentrieb.

Auf seiner äußersten, der harzbetränkten Schlafknospe aber schwebte ein weißer Engel. Er hatte den Mund zum Singen aufgetan.

Tierart lwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'jche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.