Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Nummer 62
Montag, den 15. August
Schweig, Herz...
Von Clemens Brentano.
Schweig, Herz, kein Schrei!
Denn alles geht vorbei!
Doch daß ich auferstand
Und wie ein Jrrstern ewig sie umrunde,
Ein Geist, den sie gebannt, Das hat Bestand.
Ja, alles geht vorbei,
Nur dieses Wunderband,
Aus meines Herzens tiefstem Grunde
Zu ihrem Geist gespannt, Das hat Bestand.
Ja, alles geht vorbei.
Doch sie, die mich erkannt,
Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde, Ging nicht vorbei, sie stand, Reicht mir die Hand.
Ja, alles geht vorbei.
Doch diese liebe Hand,
Die ich in tiefer, freudenheller Stunde
An meinem Herzen fand, Die hat Bestand.
Beamte abermals feixt; hierauf muß Philander alles unterschreiben. Ja, sagt der Beamte wichtig, das ist eine Koffersalle gewesen; und er beginnt, auf Philanders fragenden Blick antwortend, die Sache zu erläutern: das ist ein Handkoffer, nicht wahr, unter dem man den Boden weggeschnitten hat; stattdessen hat man an den unteren Rändern Mctall- stäbe angebracht, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, hervorschießen und sich unter dem Hohlraum ver- schränken. Man setzt das Ding wie eine Käseglocke ganz harmlos im Gewühl über die Tasche eines Reisenden, die man stehlen will, drückt aus den Knopf, hat die Beute wie eine Maus in der Falle und geht zufrieden weg. Niemand kann etwas sehen. Niemand, denkt Philander mit nie gekannter Bitterkeit! Und er geht, ohne den schuldigen Dank zu entrichten.
Da sitzt er nun, seht ihr, in seiner häßlichen, aber romantischen Dachstube und sieht die Sonne und die letzten Schwalben nicht, sondern ver- wühlt sich in finstere Gedanken. Es gibt so viele Leute, die es Der» schmerzen können, wenn man sie bestiehlt; er kann es nicht verschmerzen. Wo blieb die höhere Gerechtigkeit, als es galt, die Hand des Diebes zu lenken? Oh, man kann dieser höheren Gerechtigkeit nicht zu Leibe; aber der irdischen, dieser blinden Schnecke, kann man höhnisch eine Nase drehen. Und wie? Wir müssen befürchten, daß der fanfte Philander zur Hyäne wird. Kein Gedanke an Brandstiftung und Amoklauf, aber das kranke Feuer der sogenannten fixen Idee flackert in seinen Augen. Er wird ein Pirat auf den Bahnhöfen werden, ein Stoertebecker im Landverkehrswesen, ein Michael Kohlhaas in bezug auf Handtaschen. Seht: er sucht mit zitternden Fingern in der wackligen Kommode sein letztes Geld zusammen; er geht zum Trödler und kauft sich einen großen, bieder aussehenden Handkofser. Er entsinnt sich einst geübter Bastelkünste und macht sich zu Hause daran, den Boden des Kosfers wegzuschneiden. Stattdessen bringt er an den unteren Rändern Metallstäbe an, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, heroor- schießen und sich unter dem Hohlraum verschränken werden. Er macht die Probe auf die Zuverlässigkeit dieser Sofferfalle mit Hilfe seiner alten Fußbank und verläßt dann am andern Abend mit der Tasche das Haus, die verzweifelte Entschlossenheit des Wahnsinns im Blick.
Aber es ist Methode in diesem Wahnsinn. Philander — wer hätte das gedacht? — handelt wie ein alter, erfahrener Zunftfachmann. Er betritt, Angstanwandiungen kräftig himmterfchluckend, den Bahnsteig, wo der Nachtschnellzug nach Berlin adsahren wird; er durchwandelt gelassenen Schrittes die dichtgedrängte Menge der wartenden Reisenden und macht ein Gesicht dabei, als wäre die Benutzung von Nachtschnell- zügen ihm eine alltägliche, abstumpsende Gewohnheit. An dem Eisengeländer, das den Schacht der Bahnsteigtreppe begrenzt, stehen viele Koffer und Handtaschen in allen Größen, mit und ohne Aufsicht. Phi- lander wählt hastig eine davon, die in der Größe passend erscheint, für sein Probestück; pirscht sich heran; setzt seine Kofferfalle darüber; drückt auf den Hebel und hört das leise Klicken des einschnappenden Metalls; wartet einen Augenblick voll herzabdrückender Spannung und nimmt dann, mit einer gemurmelten Bemerkung, als hätte er sich in der Richtung geirrt, die Beute auf. Er hat Glück: eben läuft auf der anderen Seite des Bahnsteiges ein Zug ein; so kann er sich unauffällig unter die Ausgestiegenen mischen und sich von der niederschwappenden Woge in den Treppenschacht spülen lassen. Mit zitternden Knien, schweißbedeckt, aber, ach, voll wilden Triumphes, verläßt er den Bahnhof
In der Nähe ist ein kleiner Park, und darin steht, verborgen in einem Gebüsch, aber beleuchtet von einer Laterne, eine einsame Bank. Da läßt sich Philander nieder und befreit voll gieriger Spannung seinen Raub aus dem Käfig. Warum zuckt er, als er die gestohlene Tasche genauer betrachtet, zusammen? Warum reiht er sie mit einem knirschenden Ruck auf und zerrt den Inhalt mit bebenden Fingern heraus? Warum lacht er so schrecklich, daß wir uns besorgt umschauen, ob auch niemand es hört? Betrachten wir den Inhalt; vielleicht erhalten wir Aufklärung. Da ist ein Hemd, daß wir kennen; aber es hat Gesellschaft bekommen in Gestalt eines zweiten, das auch der etwa nicht anspruchsvolle Leser verschmähen würde. Da sind Hölderlins Gedichte: die uns geläufige Zahl der Papierkragen hat sich auf einen verringert, aber die Strümpfe sind noch da; auch die großen Morgenschuhe mit den sehr roten Rosen fehlen nicht; ebensowenig die Seife, wenn sie auch etwas kleiner geworden ist; zu den „Liedern an eine Blonde" hat eine fremde Hand schauerlich gemeine Randzeichnungen gemacht Und schließlich findet sich noch ein dickes Buch, aus dem man sich über die Geheimnisse der Nonnenklöster unterrichten kann. Hat etwa Pbilander die entwendete Tasche seines Oheims Eusebius wiedergestohlen, in dem Augenblick, wo der Dieb damit hinwegreisen wollte? Wir können es nicht bezweifeln.
Da sitzt nun Philander, seht ihr auf der Bank, hat die Hände vors Gesicht geschlagen und läßt durch die Finger zornige Tränen tropfen. Wohl hat er der irdischen Gerechtigkeit eine Nase gedreht, aber von der böheren hat er dafür eine schmerzende Ohrfeige bekommen. Und er sieht ihren schulmeisterlich erhobenen Zeigefinger, wie sie spricht: „Es hat
phrlander.
Eine romantische Geschichte.
Von Karl Lerbs.
Da in unserem nüchternen Zeitalter kein vernünftiger Mensch mehr Wilander heißt, so wollen wir aus Zartgefühl mit diesem Namen den hübschen jungen Mann benennen, der eben jetzt von einer kleinen Reise Nrückkehrt — Personenzug Dritter, denn er ist scheußlich arm; und Mein, denn seine schöne Begleiterin ist ihm unterwegs davongelaufen/ Einerlei — er schreitet beschwingt daher und lächelt, wie nur ein Mensch mit leeren Taschen und vollem Herzen lächeln kann, der die Hauptgestalt ii einer romantischen Geschichte ist. In der Hand hat er einen nicht mehr ganz neuen, aber vortrefflich erhaltenen Handkoffer, den er vor i fahren von seinem unbegütert und fromm verstorbenen Oheim Eusebius cis dessen einziges Vermächtnis ererbt hat. Sage niemand, daß es uns nichts angeht, was dieser Koffer enthält — es ist nötig, daß wir es »issen. Er enthält ein Hemd, das der anspruchsvolle Leser verschmähen Bürbe, obschon es sauber ist; zwei Papierkragen; Strümpfe; em Stuck feife; Hölderlins Gedichte; grüne Morgenschuhe, die mit sehr roten Sofen bestickt sind; und die Handschrift vvn Philanders „Liedern an eine !onbe", die er sehr schön findet, obschon ihm, während und weil er sie dichtete, die Blonde davonlief.
Da ist er also durch eine goldene Sochmerlandschaft gefahren und HU sich an Wiesen, Wäldern und Gewässern gefreut. Nun laßt er sich om hastigen Geschäftsleuten und Bäuerinnen durch die Bahnsteigsperre buffen; entdeckt, den Schritt verhaltend, in der Mitte feines Innern em ilnlustgefühl — und gelangt dazu, es als Hunger zu erkennen. Er klaubt ans seinen Taschen ein paar Groschen zusammen, tritt an den Schau k- ti ch im Wartesaal und kaust sich einige Früchte, die er ußen Saft bllvoll schlürfend, zu verzehren beginnt. Seinen Handkoffer bat er n ben sich an die Erde gestellt. Als er, gesättigt, bas letzte Kerngehäuse vorschriftsmäßig in den dafür bestimmten Korb geworfen hat, greift k: zuversichtlich nach seiner Handtasche. Holla, aber da greift er verübens. Die Tasche ist fort. Wer hat sie gestohlen? „Man , müssen wir legen; denn alle Leute, die in der Nähe sind, haben ober machen harin- jlrfe Gesichter, und soviel wir auch mit Philander umherspahen — wir Inen viele, denen wir den Diebstahl zutrauen möchten, aber keinen, bim wir ihn beweisen könnten. , .
■ Was tut Philander? Er geht zur Polizei. Zwar hat er noch niemals tteucrn bezahlt, Strafbares gebüßt, zeugenpflichtigen Vorgängen bei- P wohnt, aber er fühlt sich trotzdem plötzlich als Staatsbürger. Er hat Vertrauen zur Polizei. Sie ist oft nicht freundlich aber immer gerecht M wird es mißbilligen, daß man einem armen Hansguckindieluft ferne mzige Habe stiehlt, und sie wird ihm die Habe wieder.herbeischasfen. .kie mißbilligt es auch; aber vom Wiederherbeischaffen ist einstweilen i'rbt die Rede, sondern von Philanders Personalien, seinem Vorleben, Irlbungsgang, Elternpaar und Reisezweck. Als Philander m ferner 23 er- furrung auch von der Blonden spricht, feixt der Beamte und will auch i-er sie alles wissen, obzwar sie, wie gesagt, davongelausen ist. Dann ist D-n einem Protokoll die Rede und vom Inhalt der Tasche, wobei der


