verdrosch; wortlos, aber tüchtig. Das Weib schrie nicht, sie biß nicht, sie hing einfach sprachlos in seinen Fäusten. Ich löste meinen Hosenriemen, trat an Misch heran und gab ihm den. So wurden die Prügel noch sinnvoller.
Nach einiger Zeit ließ Misch von der Frau ab und sagte mit der j harten Stimme, vor der sich die Knechte duckten: „Wie hast du den Sri ■•en ferngehalten?"
Mich durchfuhr diese Stimme wie die Frau. Sie knirschte mit den Zähnen. Da faßte Misch zu. Seine gute schwere Hand auf ihrem Nacken, so führte sie uns in den Wald, zur Stelle, wo der Bär gewesen war.
Es lagen Fleisch und Knochen auf dem Boden, wild zerstreut. Wir leuchteten den Umkreis ab und folgten der Fährte, die heranführte; nach einiger Zeit fanden wir eine abgetretene Stelle, wo der Bär wieder etwas gefressen hatte, bald eine zweite, dann noch einige.
Die Frau sprach nicht ein Wort, sie deutete auf diese Stellen und lachte höhnisch. Misch sagte nach einiger Zeit des Staunens: „Du haft also Fleisch ausgelegt, vom ganzen Westgrat herüber, damit der Bär auf dein Luder stößt und nicht auf unseres? Woher hast du das Fleisch?"
„Von eurem Luder."
Er ließ die Frau sofort los und schüttelte sich.
Wir schritten zurück. Die Frau hinter uns her Mir gings noch immer nicht recht ein, daß sie in der kurzen Zeit dies alles hatte tun können, das tote Pferd zerstückeln, das Fleisch ausstreuen bis zum Westgrat und den großen Haufen vor die Waldlichtung legen. Sie war ein Satan, gewiß, aber Mut hatte sie.
Als wir über die Stelle schritten, wo der Bär gefressen hatte, stolperte ich. Da lag ein Gefäß. Misch hob es empor, sah es an und schrie: „Honig!"
Und dann packte er die Frau wieder. Ich aber war nicht mehr einverstanden mit dieser Züchtigung. Mochte er prügeln, so lange er wollte, wir waren blamiert.
„Gib mir den Hosenriemen", sagte ich.
Wir gingen weiter, die Frau hinter uns her. Sie bog nach einigen Schritten zur Seite ab, bückte sich und hob eine Axt, ein Messer und einen Korb auf. Das war ihr Werkzeug gewesen. Dann folgte sie uns und lachte manchmal.
Mythos gegen „Weltmaschine".
Bon Renö Fülöp-Miller.
Georges Corel gehört zu den Gestalten der europäischen Geschichte, die — kaum genannt und noch seltener gekannt — in der geistigen Vorbereitung der unsere Gegenwart bestimmenden politischen Ereignisse einen starken Einfluß ausgeübt haben. Mussolinis Weg zum Faschismus führte durch das mächtige Gedankengebäude dieses Mannes, der dem blutleeren Fortschrittsglauben des Aufklärungszeitalters das Bild der heroischen Lebenshaltung entgegenhielt und dessen Wirkung nicht nur in Italien ihre Spuren zieht. Rene Fülöp- Miller widmet in seinem fesselnden, soeben bei F. Bruck- mann in München erschienenen Buch „Führer, Schwärmer und Rebellen" der Person und dem Werk Sorels die folgenden Abschnitte.
Als Corel seine leidenschaftlichen „Betrachtungen über die Gewalt" verfaßte, war er achtundfünfzig Jahre alt. „Le p6re Sorel" nannten ihn die jungen Dichter, Schriftsteller und syndikalistischen Arbeiter, die sich um ihn versammelten, so oft er nach Paris kam, und die mit aufhorchenden Geistern den Reden des „alten Originals" lauschten, in denen sich enzyklopädisches Wissen mit einer durch und durch eigenwilligen Art der Betrachtung und Wertung der Dinge paarte.
In dem engen Redaktionszimmer des „Cahiers de la Quinzaine" in der Rue de la Sorbonne kamen jeden Donnerstag die Freunde Charles Peguys zusammen. „Es sind nicht immer dieselben", erzählt Michel Arnauld, „aber stets hebt sich von ihnen, über ihnen, die fast alle jung sind, der weihe Bart von Monsieur Georges Sorel ab. Er präsidiert nicht, er plaudert; feine abrupten und einfachen Urteile, die auf komplizierte Gründe gestützt sind, lassen die Unterhaltung nie ermatten."
Kaum hat dieser Eine begonnen, sein Gehirn und sein Herz von der ganzen erstarrten Schicht toter Gemeinplätze, Instinkte und Sentiments zu befreien, da zieht alsbald in ihn der lebendige Geist ein, tauchen aus feiner Seele die Urbilder auf, aus denen die Welt sich immer wieder neu erschafft, wird fein Ohr hörend für das Wachsen und Walten von Natur und Geschichte. Eins geworden mit dem Werden der Zeit und ihrem Gestaltsstreben, beginnt er dieses ihr Wollen zu verkünden. In seinen leidenschaftlichen Ausbrüchen wirkt das Kreisen frischer Säfte, in der Bewegtheit feines Geistes, in den Wandlungen feines Wesens ringt die junge Zeit selbst um ihren Ausdruck. ,
Die Denkklischees, die das geistige und politische Leben jener Epoche im Bann halten, stellen alles Weltgeschehen als einen verläßlichen, von der fortschreitenden rationalen Erkenntnis geregelten Riesenmechanismus dar, m welchem die Demokratie als die vernünftigste aller Staatsformen die Sicherheit und den ewigen Weltfrieden gewährleistet und demnächst auch die letzten noch übriggebliebenen Gefährdungen des Lebens abge- fchafft haben wird. Freiheit von allen Aengsten des Dafeins, Sicherung vor jeglichem Schicksal — dieser ewige Wunschtraum religiös-chiliastischer Gemeinden ist nun zur banalen Phrase in aller Mund geworden, seit die moderne Druckmaschine des neunzehnten Jahrhunderts sie täglich in Leitartikeln, Reden und Ansichten van Ministern und Politikern in die Welt speit. ,
„Vater Sorel" aber versteht es, die Zeitungen und Bucher mit Augen zu lesen, die zwischen dem Gedruckten ein noch für lange Zeit Ungedrucktes herausbuchstabieren: feine Ohren, mit denen er die Meinungen von Rednern, Journalisten, Arbeitern und kleinen Leuten auffängt, hären zwischen den vielerlei Meinungen und dem vielen Geschwätz einen fernen Widerspruch — Worte, die noch niemand gesagt hat, ja, die für lange Zeit noch nicht einmal gedacht werden sollen. Hellhörig vernimmt er in
der Stille dieser Jahre ein dumpfes Grollen aus der Tiefe, und dieses Grollen verkündet ihm den kommenden Kampf der Völker, der jetzt noch in den Frieden wie in einem Kokon verpuppt ist und der doch eines Tages feine Hülle sprengen wird; und bald wird auch die ganze wohlfunktionierende „Weltmaschine", diese stolze Erfindung der aufgeklärten Wissenschaft, so völlig in Trümmer gehen, daß zuletzt nicht einmal die Spur dieser Trümmer von ihr Zeugnis ablegen wird, denn bann wird selbst der Stoff, aus dem die Wissenschaft diese Maschine aufgebaut hat, in Milliarden unsichtbar wirbelnder Elektronen zerstieben, mit denen sich niemand mehr auskennen wird. Und die dann noch an den Fortschritt glauben, werden geächtet sein, ihre vernünftigste aller Staatssorinen wird der Welt zum Gespött dienen. Herrschen aber wird die Gewalt, die eine neue Welt und neue Ordnungen setzt und die Menschen lehrt, daß alles Dasein nur dann Sinn erhält, wenn es zum mythischen Schicksal reift, daß das wahre Glück nicht die Sicherheit, sondern das gefährliche Leben ist . . .
Gewalt, das ist es, was Georges Sorel als das neue Evangelium verkündet. Zu ihr müsse die Menschheit sich bekennen, wolle sie Anteil haben am Werden der Geschichte, an der Gestaltung der Zukunft. Und so müsse sie es auch aufgeben, sich allerorten und von allen Seiten vor den unbekannten Mächten des Lebens „sichern" zu wollen; denn sich sichern ist Verrat am „Werden", ist Desertion vom Dienst am schöpferischen Leben. Wer mit den großen Kräften des Lebens im Einklang bleiben will, darf vor ihnen nicht in eine „Ordnung" entfliehen; er muh diese Kräfte lieben. In ewiger Bedrohtheit muß sein Schicksal sich bilden.
Aus der „exaltation genereuse de la vie" gehen die großen Ideen hervor. In der inneren Leidenschaft der „historischen Stunde", in der Glut des Kampfes wird die Seele zu neuer Form umgeschmolzen. Darum ist auch der Kampf „göttlich", „wie alles göttlich ist, was in der Natur unmittelbar aus der schöpferischen Fähigkeit, im Menschen aus der Spontaneität des Geistes oder des Gewissens hervorgeht und außerhalb der Serie geschieht".
Nur wenn der Mensch einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber» steht, ergreift ihn völlig die Idee, die aus dieser „lutte transformatrice" geboren wird, sich durch sie in den Herzen der Menschen befestigt.
Als die Würde des neuen Menschen verkündet Sorel das Heroische, den Kampf, die — ewige Gefahr. Ungesichert soll -er leben, immer offen und bereit, daß der Schöpferwille in ihn einströme und in ihm Ausdruck gewinne. Ja, selbst dem Schmerz muß der Mensch Einlaß gewähren, denn er ist eine Urmanifestation des Lebens: „Im Schmerz liegt die Einheit des Daseins, während die Freude tausend Formen hat. Im Schmerz fühlen wir die Verbundenheit mit der wirklichen Welt. Das Vergnügen flieht vor den Notwendigkeiten des irdischen Daseins und setzt so den Gegensatz von Körper und Seele. Im Vergnügen liegt darum aber auch der Keim des Todes, weil der Mensch im Vergnügen die Wächter feiner Existenz einschläfert. Das Vergnügen reißt den Menschen aus seinem Muttergrunde los und entwurzelt ihn. In der aufrauschenden Musik der Freude ist sehr leicht die Melodie des Todes zu hören."
Zur schaffenden Tiefe gilt es sich zu bekennen, aus der alles wahrhaft Wertvolle hervorbricht. Das Schicksal mit aller Bitterkeit und Härte will innerlich bejaht, nicht aber bekämpft werden; erst die Person, die eins ist mit ihrem Schicksal, gewinnt die Unvergleichlichkeit ihrer Existenz, die letzte Erhöhung und Vollendung ihrer Gestalt.
Dieses Schicksalhafte aber, das sich in den Gewaltfamkeiten des historischen Geschehens kundgibt, findet fein Bildnis einzig im Mythos. Er verdichtet zur Form, was unaussprechbar und unausschöpfbar im Lebendig-Gegenwärtigen wirkt; und so empfängt auch alles, was ist und wird — Staat, Gesellschaft, Recht und Idee — erst vom Mythos her die Sanktion. Ihm kommt somit die Stellung zu, die seit Jahrhunderten die Vernunft für sich usurpiert hat; denn „der wahre Mensch in seiner vollendeten Gestalt, nicht aber der Mensch als Fabrikant seiner eigenen Ordnungsmaschine" ist das letzte große Ziel allen irdischen Geschehens.
Es ist eine wahrhaft neue Geschichtsbetrachtung, die mit dieser Orientierung nach dem Mythos anhebt: Waren seit den Zeiten Rousseaus alle Neueinrichtungen des Staates und der Gesellschaft im Gegensatz zum Sein nach der absoluten Idee eines möglichen „Besseren" und „Vernünftigeren" geschaffen worden, fo suchte die Gründung des Tuns auf den Mythos die Idee wieder mit der Welt der lebendigen Erscheinungen in Einklang zu bringen.
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor von Kohlenegg.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H„ Berlin.
(Fortsetzung.!
Sie war wieder da und allein. Ziemlich einsam ohne Julia; und sie hatte einiges gutzumachen. ,Haben Sie unsre Karten bekommen, lieber Herr Professor? Wie geht es Ihnen?"
Er holte sie am späten Nachmittag mit dem Wagen ab.
Und am Abend, in der Nacht, wieder nach ernstem Wandeln, schrieb er ihr einen Bries. Er schrieb frisch, blond, jugendlich, mit einem harten Lächeln um die Lippen und mit anmutig bebender heitrer Warze aus der Backe. Wenn Dagobert, Diez und Till plötzlich ins Zimmer getreten wären und ihm über die Schulter gesehen hätten, würden sie ihm verblüfft auf diese Schulter gehauen haben: „Was ist los mit dir, alter Knabe? Was geht hier vor? Wir verkehren nicht mehr mit dir!"
Er hätte nicht viel dagegen gesagt. Aber er hätte sie rausgeschmissen.
Es war die Zeit, in der der Mensch gern Wald- und Höhenluft atmet ober seinen Leib von Meereswellen umspülen läßt. Dagobert liebte die See. .
So wiegte er eines Morgens seinen langen, m einen breit gestreiften Bademantel gehüllten Leib, die Pfeife im Mund, den besonnten Strand entlang und freute sich des muntern, immer wieder festlichen Anblicks:
* hie blau strahlende See, der lachende Himmel, flatternde Möoen und


