tft das Lachen aus deinen Augen fort wie bas Rot von deinen Backen. Warum?"

Ich weiß es nicht, Gust."

Wir müssen es wissen. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen, wenn wir wieder zurechtkommen wollen. Du hast gesagt: es ist so weit in dir bis zur Freude. Weswegen?"

Ein Berg liegt davor. Nein, viele Berge. Ein Gebirge. Da­hinter ist auch in mir die Freude."

Welches Gebirge?"

Vielleicht der Krieg, Gust?"

Das kann nicht sein. Dann könnten sich überhaupt kaum noch Menschen auf der Erde freuen. Denn wie viele Völker gibt es, die nicht unmittelbar oder mittelbar von diesem Krieg in Mit­leidenschaft gezogen werden?"

Ich wundere mich auch immer wieder darüber, daß Menschen noch zu lachen vermögen. Ich, die früher mehr und leichter gelacht hat als die meisten Menschen, ich vermag bas nicht."

Das allgemeine Leid kann der Grund für deine Not nicht sein. Es muß ein besonderer, ein persönlicher Grund da sein."

Vergißt du denn ganz, Gust: unser Jupp"

Jupp wird wiederkommen."

Rikelchen schwieg.

Auch hinfort widersprach die Mutter Josef Mtcheelsens ihrem Mann nicht mehr, wenn von dem Krieg und dem Schicksal Jupps die Rede war.

Freilich, Rikelchen stimmte Gust auch nicht zu.

Sie war stumm. Mit ihrem Mund. Und in sich selber.

Da Gust es verlangte, so freute Rikelchen sich. Da Gust es wollte, so lachte Rikelchen. Nicht wie ehedem. Sondern bald zu leise bald zu laut. Oft so gezwungen, so stoßhaft, daß man fürchten mußte, ihr Lachen werde in Weinen umkippen. An anderen Tagen so laut und schrill, daß selbst Gust aufhorchte und sich fragte: Was ist nur mit der Frau?

Was «rtit Nikelchen war? Sie wußte es: Müde! Unsagbar müdel Aber Gust durfte es nicht wissen. Gust durfte es nicht sehen. Aufrecht halten! Freuen! Mitfreuen! Und: lachen! Auch dann, wenn die Tränen nur durch Aufwand aller Mühe herunter­zuschlucken waren, auch dann lachen!

Dieser Kampf gegen sich selbst machte Rikclchen immer blaffer. Und immer müder.

Zum Doktor! drängte Gust. So gehe es nicht weiter!

Nikelchen schüttelte den Kopf: Zum Arzt? Nicht doch! Ihr fehle nichts. Ein törichtes schwaches Frauenzimmer wäre sie. Das sei des ganzen Rätsels Lösung.

Gust selber fand den Weg zur Freude nach wie vor leicht. Sie lag ihm sehr nah, seit er das höchste Ehrenamt des Bürgertums bekleidete. Kein Berg, kein Hügelchen drängte sich zwischen ihn und das Freuen. Nicht einmal die Sorge um Jupp. Der würde gesunden Leibes mit ordenbedeckter Uniform und einem Offiziers­rang, der sich zur Zeit nicht einmal abschätzen ließ, wiederkommen. Das stand unerschütterlich. Es gab eine sittliche Ordnung der Dinge, die sich nicht einmal in ihr Gegenteil verkehren konnte. So wenig wie am Acquator plötzlich alles vereisen, an den Polen eines Tages die Sonne den Eskimos senkrecht auf die Pelz­kappen scheinen konnte.

Niemand in der Stadt hatte Veranlassung, den kriegbeglückten Rentier und Bürgerworthalter August Micheelsen, dessen Sohn im Felde die während des Friedens verweigerte Offiziers­ernennung zuteil geworden war, zu fragen, wie es ihm gehe. Man las es auf seinem Gesicht, sah es an seinem Kommen und Gehen, hörte es hinter jedem Wort, spürte es durch jedes Hand­ausstrecken im Dienst des Vaterlandes: Gust ging's gut!

XII.

Obwohl Gust für die Allgemeinheit selbstverständlich ohne jedes Entgelt tätig war, vermehrte sich sein Einkommen ständig.

Der Käufer seines Hauses, der das während zweieinhalb Jahr­zehnte hochgebrachte Geschäft heruntergewirtschaftet hatte, stellte freilich die Zahlungen ein, und es war Gust, 5er Kriegszeit wegen, nicht möglich, sein gutes Recht gegen ihn geltend zu machen. Aber das nannte er ein Opfer, welches Tausende, Hunderttausende dem Vaterland bringen mußten. Ihn traf es obendrein nicht schwer. Ihn traf es im Grunde überhaupt nicht. Denn der Zinsfuß seines eigentlichen, seines unversehrt ge­bliebenen großen Kapitals erhöhte sich nach und nach von vier aus fünf vom Hundert und glich den Ausfall nicht nur wieder aus, sondern machte den ehemaligen Schuhmachermeister zu einem noch reichern Mann als bisher.

Für die Zeichnung zu der ersten deutschen Kriegsanleihe mußte Gust Hypotheken kündigen. Bei den später« Kriegsanleihen war das nicht mehr nötig.

Seine Gläubiger sprachen vielmehr die Kündigung aus. Sie brachten ihm das geliehene Geld ins Haus. Sie drängten es ihm geradezu auf. Sogar arme Schlucker, denen im Frieden das Zu- samnicnkratzen der paar Mark Zinsen manchesmal schlaflose Nächte gekostet hatte, waren imstande, ihm sein Kapital bis auf den letzten Pfennig zurückzuzahlen.

Wo ivar unter den kriegführenden Nationen ein Staat, der den ungeheuren wirtschaftlichen Anforderungen des Weltkampfes

kn gleicher Weise aus eigener Kraft gewachsen war wie Deutsch­land? Die Freude Gusts kannte keine Grenzen.

Er freute sich, baß er im Laufe der Jahre sein ganzes Besitz­tum, seine hunderttausend Mark, bis zum letzten Pfennig auf den Altar des Vaterlandes legen konnte. Er freute sich, daß mit dem höheren Zinsfuß sein Einkommen bei jeder neuen Kriegsanleihe wuchs. Er freute sich, daß es selbst Leuten, welche früher die Groschen vor dem Fortgeben umdrehen mußten, möglich war, die Markstücke, die Fünfmarkscheine ohne viel Besinnen auszugeben. Er freute sich, daß der Wohlstand der unteren Volksschichten sich in unglaublicher Schnelligkeit hob. Wenn es mit der Aufwärts­entwicklung des Vaterlandes in gleicher Weise weiterging wie bisher während des Krieges, dann gab es bald keine Arme mehr in der Stadt. Weil selbst Leute, die früher einen Hundertmark­schein nur vom Hörensagen kannten, mehrere davon besitzen würden.

Schließlich aber vermochte Rikelchen nicht mehr, sich zum Schweigen zu zwingen.

Als Gust wieder einmal mit Sätzen, die sich vor Stolz über­schlugen, die unvergleichliche und undurchdringbare goldene Kriegs- rüstung Deutschlands rühmte, wies sie darauf hin, daß zwar mehr Geld im Lande sei als vor dem Kriege, aber auch sehr viel weniger Ware. Daß man für das Allermeiste das Doppelte, bas Dreifache bezahlen müsse wie im Frieden. Daß man manches nicht mehr bekommen könne, auch wenn man das Hundertfache des früheren Preises dafür biete.

Uebergangserscheinungen: erklärte Gust.

Aber man muffe doch essen! Selbstverständlich nicht viel und gut wie im Frieden: immerhin so, daß man satte werde. Man müsse sich doch kleiden! Wenn auch nicht verschwenderisch und wählerifch wie vor dem Krieg: immerhin so, daß man nicht friere und zum Gespött der Leute auf der Straße werde.

Könne man. Geld sei genug im Lande.

Gutes Geld, Gust?

Da, auf dem Schein in seiner Hand, stehe mit unmißverständ­lichen Zahlen und Buchstaben gedruckt: Hundert Mark.

Ein goldenes Zwanzigmarkstück würde ihr lieber sein als der papierene Hundertmarkschein.

Ich habe schon viel Gedrucktes gelesen, das nicht wahr ge- wefen ist", wandte Rikclchen ein.

Der Krieg ging weiter.

Und die Entfremdung zwischen Gust und Rikelchen wurde von Monat zu Monat, wurde schließlich von Woche zu Woche größer.

Es war nun so, daß zwei Menschen, die sich geliebt hatten, die sich noch liebten, aber den Weg bis zum Offenbarwerden ihrer Liebe immer wieder verschüttet fanden, daß diese beiden Menschen sich zwar an denselben Tisch zum Essen setzten, im selben Zimmer die Stunden der Ruhe verbrachten, Äctt an Bett sich jeden Abend schlafen legten, aber weniger mit einander sprachen als zwei Fremde, die für kurze Zeit auf denselben Gasthaustisch angewiesen sind. Denn das, worüber Gust und Rikelchen zu sprechen hatten, worüber zu sprechen lohnte den Krieg und bas Schicksal Jupps , durfte sie mit Worten nicht berühren, ohne Gefahr zu laufen, daß es zu einer erregten Auseinandersetzung kam. Das aber, worüber sie sprechen konnten und auch, wenn das Schweigen gar zu quälend wurde, sprachen, war der Worte nicht wert, die sie daran setzten.

So lag über dem Leben Gusts und Rikelchens das Schweigen schwer und lastend wie die Schwüle eines gewitterschwangeren Augusttages. Immer wieder grollte es dumpf und drohend in der Ferne. Aber niemals kam es zu einer befreienden Entladung.

Es gab Tage, gab Wochen, wo Rikelchen das lastende Schweigen als eine Fügung des Schicksals hinnahm, wo sie im Herzen dank­bar war, daß es nicht zu der großen, alles bedrohenden, ent­scheidenden Aussprache kam.

Aber es gab immer wieder auch Stunden, in denen sie sich danach sehnte, daß endlich das Wetter ausbrach.

In Frankreich wurden bereits alle Vorbereitungen für den letzten großen Angriff getroffen, durch den der Erstarrung der Westfront ein Ende gemacht werden sollte. Im Osten lagen die Feinde schon am Boden. Rußland erledigt, Rumänien erledigt.

Nikelchen versuchte noch einige Male, wenn auch immer schüch­terner und hoffnungsloser, Gust zu fragen: Wie aber, wenn Deutschland nicht siegt? Sie ließ cs sich, obwohl der Glaubcns- beraufchte ihr dieses Wort bei Androhung der sofortigen Ver- lassung der Wohnung durch ihn verboten hatte, nicht nehmen, dann und wann ihn anzurufen:Und wenn meine Ahnung, daß wir Jupp nicht wiedersehen, recht behält?"

Gust hörte den Zweifel, hörte die Sorge Rikelchens nicht mehr. Gust hörte nur noch sich.

Und nicht Rikelchen, sondern sich selber, gab er Antwort, immer häufiger, immer lauter, immer anmaßlichcr:Jupp kann nicht verwundet werden! So wenig wie die Sonne bei Nacht, der Mond über Tag scheinen kann."

Wenn aber doch?" wagte Nikelchen zu fragen.

Halt den Mund!" schrie Gust und verließ, gepeitscht vom Aerger über die unbegreifliche Torheit und die unbeugsame Ver­stocktheit seiner kriegverwirrten Frau, das Hans.

Nikelchen setzte sich ans Fenster und sah dem Davonstürmenden nach, bis er hinter dem Tränenvorhang ihrer Augen entschwand.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich; vr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'fche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.