und Deutschland besser dienen, wenn sie den Blick für Me volle Große der alten Geisterführer wieder gewännen. Der größte Volkslehrer der Deutschen erweist freilich seine Lebendigkeit, indem er uns unser Erleben vorausgestaltet und ausdeutet. Aber seine Lebendigkeit soll vielmehr uns der Quell neuer Erquickung und Kraft werden. Der heroische Wille, der in ihm Denker und Dichter war, ist in ihm Geist geworden. Er lebt uns im Geist ein Leben voll vornehmster Geistigkeit vor, ein Leben des Stolzes und der Freiheit, des Stolzes vor den feindlichen Schicksalsgewalten, der Freiheit zu einem rechten Mannesdasein in Mut und Größe. Das Volk, das sich ein Deutschland jetzt erschaffen will, muß freilich ein Volk des heroischen Willens sein. Aber auch in ihm soll der heroische Wille Geist werden. Das ist die nächste Aufgabe. Das Weltreich des deutschen Geistes will sich in der Gegenwart sein Volk bilden. Wir waren nie über Schiller hinaus, wir sind noch nicht bis zu ihm gekommen. Er blieb nicht hinter uns zurück. Er weist uns in die Ferne zu dem Ziel, das vor uns liegt.

Reiterlied.

Von Friedrich Schiller.

Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!

Ins Feld, in die Freiheit gezogen!

Im Felde, da ist der Mann noch was wert, Da wird das Herz noch gewogen.

Da tritt kein anderer für ihn ein. Auf sich selber steht er da ganz allein.

Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,

Man sieht nur Herren und Knechte: Die Falschheit herrschet, die Hinterlist Bei dem feigen Menschengeschlechte. Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, Der Soldat allein ist der freie Mann.

Des Lebens Aengsten, er wirft sie weg, Hat nicht mehr zu fürchten, zu forgen; Er reitet dem Schicksal entgegen keck, Trifst's heute nicht, trifft es doch morgen; Und trifft es morgen, jo lasset uns heut Noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit!

Von dem Himmel fällt ihm sein lustig Los, Braucht's nicht mit Müh' zu erstreben. Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß, Da meint er den Schatz zu erheben. Er gräbt und schaufelt, so lang' er lebt, Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.

Der Reiter und sein geschwindes Roß, Sie sind gefürchtete Gäste.

Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß, Ungeladen kommt er zum Feste.

Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold, Im Sturm erringt er den Minnesold.

Warum weint die Dirn' und zergrämet sich schier?

Laß fahren dahin, laß fahren!

Er hat aus Erden kein bleibend Quartier, Kann treue Lieb' nicht bewahren. Das rasche Schicksal, es treibt ihn fort, Seine Ruhe läßt er an keinem Ort.

Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt, Die Brust im Gefechte gelüftet!

Die Jugend braujet, das Leben schäumt, Frisch auf, eh' der Geist noch verdüftet! Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein.

Ctf» ((er als Vorbild und Gewissen der Nation.

Von Walter von Molo.

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Walter von Molo, der Dichter des bekannten Schiller- Romans, stellte uns zum 175. Geburtstage Schillers den nach­folgenden Orginalbeitrag zur Verfügung.

An vielen Stätten Deutschlands sind Denkmäler errichtet für den Schwaben Friedrich Schiller, und in jedem Schulbuch steht der Name Schiller.

Wenn Schiller nur deshalb noch lebte, dann lebte er nicht mehr in uns, dann gehörte er dem vielen zu, das gestern oder vorgestern wert­voll war, das seiner Zeit diente, uns aber nurmehr ein Erinnerungs- mal an Früheres ist, nicht mehr. In die Zukunft geleitete uns dann Schiller nicht, und wer uns nicht in die Zukunft geleiten kann, der ist unserer stürmisch bewegten Gegenwart nichts wert.

*

Schiller war ein Held des unbesiegbaren Geistes. Gemeinhin glauben noch immer viele, der Dichter sei ein weltfremdes Geschöpf, das vom Leben nichts versteht. Diese Anschauung ist charakteristisch für die Zeit, die hinter uns liegt. Im wahren Dichter ist lebendiger als in anderen das Menschentum, er erlebt das Schicksal seines Volkes als das Schicksal der

Menschheit, und das Schicksal der Menschheit erlebt er als das Schicksal seines Volkes. Er weih um die elementaren, unveränderlichen Grund­gesetze des Seins und ist darum Mahner und Prophet.

Schiller war ein geistiger Soldat, wie es jeder echte Dichter ist, denn jeder hat an feinem Platze das Seine zu tun. Die Ausgabe des Dichters ist das Reich der Seele, des Gemütes. Er ist durch die Sprache, die ihm nicht Werkzeug ist, sondern die Urkraft seines Werdens und Lebens und Schaffens, ein bewußter Wahrer des Volkstums.

Schiller schuf aus feinem Blut heraus, in dem die Erde der Heimat lebt, die mehr ist als die Hervorbringerin von Gemüse und Gras; er war bewußtwerdende Nation. Jeder Mensch wirkt in die Gesamtheit und damit für sie, ob er will oder nicht. Auch an Schiller ist manches zeit­bedingt gewesen und gilt nicht mehr für uns, denn er hat ganz feiner Zeit gedient, aber weil er machtvoll war und denken konnte, so war ihm feine Zeit nur ein Stück der Ewigkeit, und so hat er seiner Zeit und aller Zeit recht gedient nach dem Grundsatz: Dem Ewigen dienen, heißt seine Zeit richtig erleben.

Auch Schiller hat geirrt, denn er war ein Kämpfer, und kein Kamps ist eine Versicherungsanstalt gegen Irrtum. Und dennoch ließ uns Schiller Ungeheures: Die Anschauung seines Eigenwuchses, sein heldisches Wesen, das uns den Mut gibt, unbekümmert den Weg vorwärts zu gehen; denn nur das ist wertvoll, das ewiges Vorwärts ist. Es gibt kein Zurück, und wer es versucht hat, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, der erlebte stets, daß er damit das Geschäft seiner Gegner besorgte, in- dem er gründlicher und schneller das Gestrige beerdigte.

Schiller erkannte: wirkliche, wirkende Veränderung wird nicht durch äußere Gewalt, wird nicht durch Massen, sondern nur durch die Verände­rung der Massen. Und diese wird nur durch Aenderung jedes Einzelnen.

*

Schiller achtete jedes Volk, aber er liebte das feine, weil er zu ihm gehörte. In den Jahren der Jugend hat Schiller geglaubt, die Mensch­heit könne sich versöhnen und im dauernden Frieden leben, aber je tiefer er arbeitete und sich umsah, desto mehr fand er zu seinem Vaterland, mußte er erkennen, daß ewiger Krieg und daß es nötig ist, in diesem ewigen Krieg zu bestehen, daß jeder Krieg führen muß, jeden Tag, jede Stunde, mit sich selbst, in sich selbst, um ganz rein, ganz selbstlos zu sein, fähig zu bleiben, sich für eine Idee aufzuopfern.

Denn nicht das Leben sah Schiller als wertvoll an, es war ihm nur wertvoll, wenn es jederzeit bereit war, sich hinzuopfern für eine sittliche Idee. Das Leben kann nur gewonnen werden durch Einsatz des Lebens; Sieger kann nur fein, wer sich selbst besiegt.

Nur der Menfch, der überwunden hat, nur der Mensch und der Staat, die bitterschwer glücklich werden, geraten. Nur die innere Kraft entscheidet. Aeußere Unfreiheit ist mit innerer Freiheit zu bekämpfen. Das war Schillers Lebensrichtung und Werk. Es sind die Seelen, die frei werden müssen, damit äußerlich Freiheit lebt.

Schiller erzog sich durch Geschichte und Philosophie. Als er seine mangelnde Bildung erkannte, endete er sein Dichten, bis er seine Urteilskraft, seine Vernunft gebildet und ganz zum Herrn erhöht hatte. Auf diesem unangreifbaren Fundamente wurde er dann der große Dichter und Führer.

Was von Schiller lebt und immer weiter leben wird, ist das Vor­bild. Wie dieser kranke, arme Mensch stolz und kühn seine heldenhafte Weltanschauung erwarb, verbreitete und nach allen Seiten ausbaute, so die Gewißheit für uns gewann, daß der Mensch jede Schwierigkeit in sich und um sich zu überwinden vermag wenn er nur will.

Als Schiller durch Arbeit an sich die innere Gesetzmäßigkeit des Lebens erkannt hatte und das große Heldentum gewann: hinter sich zu­rückzutreten, sand er die Freiheit, das Ziel feines Lebens. Er gab sich selbst seine Gesetze, bevor sie ihm vom Leben diktiert wurden.

*

Schillers ganzer Kampf ging um Freiheit und Ehre!

Ihm war das Zusammenleben der Menschen in einem Staate nichts anderes als der uralte Kampf, die Gattung und das Individuum ohne Zwang, in Freiheit zu versöhnen. Die einen wollen alle Macht der Gattuntz geben, die anderen dem Individuum: das war ihm grausame, unmögliche Trennung, wie sie nur Ungebildete suchen und wünschen. Der ideale Staat, der ästhetische Staat, wie Schiller ihn nannte, kann nur aus dem Ausgleiche dieser zwei Gegnerschaften gegründet werden.

Schiller war für die Entwicklung der Gattung, weil die Anlagen der Menschheit nicht im Individuum allein, sondern nur in der Gattung ganz zur Entwicklung zu gelangen vermögen denn der Einzelne stirbt. Aber er wußte: ohne Summe aller Individuen gibt es keine Gattung.

Es ist leicht, sich als Idealist zu bezeichnen, aber zu tun ist das: den Glauben an das Ideal nicht zu verlieren und doch ein realer Mensch zu sein, der der Vernunft Genüge tut. So war Schiller.

Ihm war die Kunst die befähigteste Lehrmeisterin im Erziehungs­plane der Menschheit.

In Schillers Werk können sich alle in selbst erworbener Freiheit als Brüder, jenseits aller Phrasen, erkennen, in der Gewißheit: das Leben ist Kampf, darüber ziemt uns nicht Klage, das Leben muß hingenommen werden, wie es ist. Wir bestehen es, wenn wir nicht an unser persön­liches Schicksal denken, wenn wir immer an unser gemeinsames Schicksal, an das Schicksal der anderen denken.

Der heldische Mensch ist stärker als jedes Schicksal. Je fruchtbarer der Gegner, desto glorreicher der Sieg, der Widerstand allein macht das Leben lebenswert.

Schiller ist das Gewissen der Deutschen.

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Beraniwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange. Gießen. 11