SietzenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 193^ Hreitag, den 9. November Nummer 81
5)as SKalsßand /
ROMAN
VON FRANK F. BRAUN
ch in großem Ernst an dich stelle, liebe nir raschest und erschöpfend Aufklärung
kam mit diesen Ueberlei
fragte sie gereizt.
„Es ist eine Frage, die tc Frau; und ich bitte dich, mi
„ich weih' es wirklich nicht, wo ich hier an frische Farbe dieser Art geraten konnte. Was übrigens ist der Grund — mit großem Ernst! — die Frage an mich zu richten?" Ihr Lächeln war mokant und wich nicht
Der Konsul offm er laut und prallte
mehr aus. .
Konsul Finkendey faltete die Hände; wahrscheinlich hielt er sich fest; die Gelenke knackten. „Du weißt es nicht. Deine Worte in Gottes Ohr! Laß mich weiter fragen Hast du heute eine Unterredung mit Doktor Bellmann gehabt?" „ , ...
Sie zuckte merklich zusammen. „Was soll das? Werde ich überwacht? Läßt du mir nachspionieren?", und sie sah den Assessor an, errötete und
(Fortsetzung.)
„Fragen Sie", sprach Luzius, „Ihre Gattin wird uns bestimmt Auskunft geben können, wie sie zu den Flecken kam. Ich durste nicht fragen; ich wagte schon viel. Fragen Siel Es muß eine Verbindung zu dem Doktor Bellmann bestehen!"
„Aber welche! Was hat meine Frau mit diesem Hauslehrer zu schaffen? Wo ist der Mann übrigens? Er soll sofort hierherkommen. Vielleicht hat er den Brief geöffnet, sich die Finger gefärbt und meiner Frau die Hand gegeben? Ist solche Uebertragung möglich?"
„Nein", sagte Luzius. „Sie werden auch seststellen, Ihre Gattin hat blaue Fingerspitzen, Daumen, Zeige- und Mittelfinger. So gibt man niemandem die Hand."
eine Ziel kennend und «es ansteuernd, nahm sofort ihre Hand auf. Er sah die Fingerspitzen an, auch Luzius warf einen neugierigen Blick hin. Frau Olga hatte selbst mit Terpentin nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Der Konsul gab den Weg frei.
„Bitte, setze dich, Olga", bat er, „dorthin, wenn es dir recht ist. Wir wollen einander bei dieser Unterredung in die Augen sehen. So, danke. Und nun sage mir: woher stammen diese blauen Flecke aus deinen Fingerspitzen?"
Frau Olga schaute nur ihren Mann an. ,Zst dies ein Verhör?",
ete die Tür in das Nachbarzimmer. „Olga!!", rief zurück; feine Frau war im Begriff gewesen, durch diese Türe hereinzukommen. Der Konsul, wie ein Besessener nur das
zu geben."
Sie sah ihren Mann mit größer werdenden Augen an. In diesem Ton sprach er selten mit ihr. Hatte er Verdacht geschöpft? Sie sah diese verteufelt blauen Fingerkuppen an. Doktor Bellmann war lange schon unterwegs, von der Seite drohte keine Gefahr mehr; der gefährliche Brief war schon aus dem Hause. Sie hob den Kopf, ihre Sicherheit .........gungen zurück. „Ich weiß es nicht", sagte sie, licht, wo ich hier an frische Farbe dieser Art
Läßt du mir nachspiom^c.,- , — -im,— -------- - -
stand aus. „Mach dieser merkwürdigen Szene vor unserm Gast hier gefälligst ein Endel" Sie wollte zur Tür, aber der Konsul sprang auf, er war schneller und stellte sich breit vor den Ausgang.
„Ich gehe in den Garten", sagte Luzius und erhob sich, doch der Konsul rief ihm fast drohend zu: „Sie bleiben, Luzius! Klingeln Sie bitte dem Mädchen. Es soll sofort der Doktor Bellmann hierherkommen. Sofort!"
Frau Olga wandte sich ab. „Das ist überflüssige Mühe", erklärte sie, „Doktor Bellmann ist nicht im Hause, er besorgt einen Weg für mich.
„Schickst du den Hauslehrer deines Sohnes, Wege zu gehen?
„Im allgemeinen nicht. In diesem Falle paßte es gerade.
„Wohin hast du den Mann geschickt?" „
Frau Olga war an das Fenster getreten; sie trommelte nervös einen Marsch gegen die Scheibe. „Er wollte zum Bahnhof , stieß sie heraus. Würde die Fragerei nun ein Ende haben? , < .<■
Luzius und der Konsul sahen sich an. Der Konsul klingelte dem Mädchen. „Sehen Sie nach", befahl er, „ob Doktor Bellmanns Sachen, fein Gepäck noch oben im Zimmer sind. Sagen Sie mir gleich Bescheid.
Das Mädchen blieb stehen. „Ich kann das sofort sagen, Herr Konsul. Ich habe gerade das Zimmer des Herrn Doktor Bellmann aufgeräumt. Herr Doktor Bellmann hat mit zwei Handkoffern und fast allem Zeug, daß er besaß, das Haus verlassen." . ,
„Cs ist aut", sagte der Konsul. Er ließ sich m den nachsten Sessel linfen. Er hob die Hand, aber sie fiel wieder herab und schlug schwer wie ein Hammer auf die Sessellehne.
Luzius sagte: „Es ging vor kurzer Zeit em Personenzug nach Ber- :in; den wird er benutzt haben." „
v Der Konsul nickte. „Er hatte nicht Zeit, auf den O-Zug zu warten, »en Sie nachher nehmen werden. Vielleicht will er auch auf einer kleinen
Station aussteigen und untertauchen. Es wäre ja eine köstliche Szen< gewesen, hätten Sie sich etwa auf der Fahrt nach Berlin im Speisewagen getroffen." Der alte Herr versuchte ein Lächeln, aber es mißlang kläglich. Er schaute zu seiner Frau hinüber. „Olga", hob er an, „ich bitte dich nochmals, verrenne dich nicht in Trotz. Sage mir, wie du dazu kamst, den Bellmann als Boten zu benutzen, was er für dich erledigen sollte, und warum das eine geheimnisvolle Sache bleiben muß."
Er sprach nicht weiter und trat nicht näher. Seine Gattin sah ihn an. Ihre Augen waren zu einem Spalt geschlossen. So blinzelte sie ihn an wie ein großes gefährliches Tier, das zum Sprung ansetzt. Dann riß sie sich herum. „Nein!", sagte sie; nur das eine Wort; und sie stürmte hinaus, wandle keinen Blick mehr zurück. Die Tür fiel schallend in das Schloß.
Der Konsul hob die Schultern, als wolle er eine Last stemmen; dann lieh er sie wieder sinken; die Bürde war zu schwer.
„Verstehen Sie das? Da spricht ein Schuldbewußtsein. Dieser Bellmann wird meine Frau getäuscht haben mit der Maske seiner heimlichen Harmlosigkeit. Er hat meine Frau für irgendeine Tat gewonnen, die anfangs anders aussah — und ihr nun über den Kopf gewachsen ist."
Assessor Luzius sah durch den Konsul hindurch; er sprach, als lese er etwas ab, das irgendwo geschrieben stand, wohin des Konsuls Blick nicht reichte. „Wenn wir dem Herrn Bellmann Unrecht täten? Wenn er die Perlen aus dem Kollier entfernen ließ mit Wissen Ihrer Frau Gemahlin, Herr Konsul. Wenn Ihre Gattin Geld benötigte ..
Finkendey schüttelte den Kops. „So enden Kriminalromane", sagte er, „hier ist das fraglos ausgeschlossen. Meine Frau besitzt eigenes Vermögen und kann jederzeit über jede gewünschte Summe verfügen."
„Ohne Haß sie Ihnen davon Nachricht geben müßte?"
„Gewiß. Davon erfahre ich nur gesprächsweise, nicht zwangsläufig.
Aber an was denken Sie?"
„Vorbei, Herr Konsul. Es war eine Idee. Ich dachte: wie, wenn die Frau Konsul eine Summe Geldes flüssig machen wollte, von der Sie, der Gatte, nichts wissen sollten — vielleicht, weil Sie die Verwendung des Geldes nicht billigen würden."
„Das gibt es doch nicht, Luzius. Ich bin mit meiner Frau zwanzig Jahre durch eine glückliche Ehe gegangen; wir hatten bisher keine Geheimnisse voreinander."
„Nun ist Mita erwachsen, Herr Konsul. Nur um meine Hypothese ein wenig zu rechtfertigen, gestatten Sie mir diese Worte. Mita will zum Film. Sie wehren sich. Die Mutter ist nicht absolut dagegen. Wie nun, sie ebnete der Tochter den Weg mit Geldsummen, deren Verwendung Ihnen aus Stolz oder Scham verschwiegen bleiben sollte?"
Finkendey wiegte den Kopf. „Aber da wäre ich doch mit von der Partie", sagte er, „ich bin doch nicht geizig!"
Luzius schüttelte den Kopf. Der Konsul verstand ihn nicht ganz. Aber er ließ es dabei. Diese Mutmaßung hat sich ja als falsch herausgestellt. Schluß damit! Er erhob sich. Er hatte keine Ahnung, wie nahe er aller Lösung wiederum gewesen war, wie weit er vorbeischoh, aber ganz fern das richtige Ziel gesehen halte. Er sagte: „Soll ich unter diesen Umständen nun doch nach Berlin fahren?"
„Aber was diese Reise anbetrifft", wehrte Finkendey ab, „hat sich doch an der Konstellation nichts geändert. Natürlich fahren Sie, und noch heute, lieber Freund."
„Und die Frau Gemahlin?"
„Das werde ich in Ordnung bringen. Verlassen Sie sich darauf, sie ist dem Bellmann aufgesessen. Ich weiß nicht wie, ich weiß gar nichts. Nur die Spukgeschichte, daß meine Frau die Perlen verkaufen ließ, daß Bellmann dies Geschäft für sie übernahm, das ist völlig ausgeschlossen. Meine Frau hätte vielleicht den ganzen Schmuck verkauft, wenn sie nicht anders zu Geld zu kommen gewußt hätte, aber mit falschen Perlen würde sie sich niemals behängen. Das ist ausgeschlossen, Luzius!"
„Aber ich glaube das keineswegs, Herr Konsul!"
„Um so besser." Der Konsul gab dem Assessor die Hand in alter Herzlichkeit.
Es ist entzückend, dachte Luzius, als er das Haus verließ, er ist wütend auf feine Olga — und mit Recht, scheint mir — aber er verteidigt sie schon. Bellmann hat sie arglistig getäuscht. Und falschen Schmuck anlegen, das ist überhaupt ganz ausgeschlossen bei meiner Olga! Er lächelte; es war nicht anzuhalten, er mußte ein bißchen lachen. An dieser Geschichte war noch immer alles dunkel; dies war ein heiterer Sonnenstrahl gewesen.
Er ging ins Hotel und telephonierte mit Brendel und weihte den ein. Dem Konsul und Brendel mußte er die Kriminalgeschichte überlassen.


