Oie Spinnerin.
Don Johann Heinrich Voß.
Ich saß und spann vor meiner Tür, da kam ein junger Mann gegangen; sein blaues Auge lachte mir, und roter glühten meine Wangen. Ich sah vom Rocken auf und spann und saß verschämt und spann und spann.
Gar freundlich bot er guten Tag und trat mit holder Scheu mir näher. Mir ward so angst, der Faden brach; das Herz im Busen schlug mir höher; betroffen knüpft' ich wieder an und saß verschämt und spann und spann.
Liebkosend drückt' er mir die Hand und schwur, daß keine Hand ihr gleiche, die schönste nicht im ganzen Land an Lieblichkeit, an Rund' und Weiche! Wie sehr dies Lob mein Herz gewann: Ich saß verschämt und spann und spann.
Er lehnt an meinen Stuhl den Arm und rühmte sehr das feine Fädchen. Sein naher Mund, so rot und warm, wie zärtlich haucht' er: „Süßes Mädchen!' Wie blickte mich sein Auge an!
Ich saß verschämt und spann und spann.
Indes an meine Wange her sein schönes Angesicht sich bückte, begegnet ihm von ungefähr mein Haupt, das sanft im Spinnen nickte. Da küßte mich der schöne Mann: ich saß verschämt und spann und spann.
Mit großem Ernst verwies ich's ihm, . doch ward er kühner stets und freier, / umarmte mich mit Ungestüm und küßte mich so rot wie Feuer.
Oh, sagt mir, Schwestern! sagt mir an:
War's möglich, daß ich weiterspann?
Oas Land des Lächelns.
Bon Frank Heller.
Heute morgen werden die Passagiere der „Gripsholm" von einer Reveille geweckt, wie sie sie noch nie erlebt haben. Durch die Kajütenfenster dringt ein Lärm, der Tote auferwecken könnte, heisere Worte in einer unbekannten Sprache, heftiges Wassergeplätscher, flehentliche Bitten und Lachkaskaden. Was ist los? Wo sind wir? So allgemach klärt sich die Erinnerung. Wir sollen ja heute früh Dakar anlaufen, die Hauptstadt von Französisch-Senegal. Das ist soeben geschehen, und die Symphonie, die durch die Fenster hereindringt, ist Senegals Morgengruß. Als die Einwohner Dakars das fremde weiße Schiff in den Hafen gleiten sahen, stürzten sie, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, zu ihren Booten und steuerten auf den seltenen Gast los. Wer kein eigenes Boot hatte, lieh sich durch eine solche Bagatelle nicht abhalten, die Honneurs zu machen, und schwamm ihm entgegen.
Als wir durch das Korridorfenster hinausblicken, ist das Wasser voll von schwarzen Köpfen, die auf den Wellen auf- und niedertanzen, einige glatt geschoren, andere von kurzem Kraushaar bedeckt, das wie feine Astrachanmützen aussieht. Schwarze Gesichter starren zu uns empor, von einem Lächeln gespalten, dessen Zahnreichtum mit der Zahnformel des Menschen, die wir in der Schule lernten, unvereinbar scheint. Schwarze Hände, deren Innenseite die hellrote Farbe eines leicht gebratenen Roastbeefs hat, strecken sich flehend zu uns empor. „Moussou, moussou!" Aus den langen, schmalen Booten ertönt derselbe herzbewegende Rus: „Mous- |ou, moussou!" Jemand wirst eine Handvoll Kleingeld ins Wasser, und mit einem Male ist der Hafenspiegel ein brodelndes Gewirr von tauchenden Körpern; muskulöse Arme teilen die Wellen, Fußsohlen von derselben Farbe wie der Bauch eines Krokodils kehren sich uns durch das blaugrüne Hafenwasser zu. Dann kommt ein Taucher nach dem andern wieder an die Oberfläche, eine Münze zwischen den gefletschten weihen Kannibalenzähnen, und von neuem widerhallt die Luft von flehentlichem Geschrei: „Moussou, moussou!"
Sind in Afrika auch die Möwen schwarz? lieber den Hasen kreisen ganze Scharen rußschwarzer Vögel, deren Flug täuschend an den der Möoen erinnert. Aber als wir einen Matrosen nach ihrem Namen fragen, belehrt er uns, daß dies Aasvögel sind. Schwarze Aasvögel unter einem Himmel, an dem die Hitze wie Dampf wogt, eine flache, blendendweiße Strandlinie mit verkümmertem Wald, ein Hasenmolo, wo herkulische Soldaten in Khakiuniform Wache halten — ist dies Afrika? Die Antwort geben uns die rastlos tauchenden Köpfe unter uns: ja, das ist Afrika, aber nur eine Seite von Afrika. Afrika ist wild, heiß
und erschreckend wie ein Fiebertraum, aber es ist auch ein breite, Lachen, es ist die einzige, übriggebliebene Kinderstube der Welt!
Wir gehen ans Land. Dakars Front gegen das Meer zu ist sran- zösisch; gerade, gut angelegte Straßen, öffentliche Gebäude in einem für die Tropen klug modifizierten französischen Stil, ein Park und das Denkmal für die im Weltkrieg Gefallenen. Aber die Erde des Parks ist rot wie Glutasche oder geronnenes Blut, und feine Bäume sind nicht die Bäume des weißen Mannes. Wir steigen in ein Auto, um eine Rundfahrt zu unternehmen. Unser Chauffeur ist ein langschädliger Neger mit schmalen Augen, weit entfernt vom Gorillatypus. Er trägt eine gelbe Sportmütze, hat ein schmales Goldarmband um das Handgelenk, hennafarbene Nägel an den Spitzen seiner schwarzen Finger, einen grünen Glasring an einem derselben und einen abgebrochenen Zweig zwi chen den Zähnen, an dem er unablässig kaut.
„Esmek?" fragen wir. Das bedeutet auf Arabisch „Wie heißt du?"; senegalesisch gehört nicht zu unferm philologischen Reisegepäck. Aber der Chauffeur versteht Arabisch.
„Anatole France", antwortet er stolz.
Die Neger in Senegal haben das Wahlrecht und einen eigenen schwarzen Abgeordneten in der Kammer in Paris, Monsieur Diagne. Sie fühlen sich ganz als Franzosen — „nous autres Franpais noirs" —, und anstatt Mohammed oder Lobengula haben sie sich wohlklingende Namen gewählt wie Clämenceau, Poincare und Aristide Briand.
Ein schwarzer Polizist, dessen Gesicht eine einzige Narbe (nach irgendeinem Bajonettstich in Flandern oder der Champagne) ist, und dessen Brust Tapferkeitsmedaillen bedecken, winkt dem Chauffeur zu fahren, und während wir davonrollen, denken wir, wie gut doch die Franzosen die Psyche ihrer afrikanischen Untertanen verstanden haben, und wie leicht es ist, die Welt zu regieren, wenn man nur von den richtigen Gesichtspunkten ausgeht. Ein Bändchen im Knopfloch oder am Burnus, und der Stammeshäuptling ist nicht mehr ein blutdürstiger Gegner, sondern ein Ritter der Legion d'honneur, dem die Ehre seines Ordens am Herzen liegt. Die Legion darf nicht an jeden beliebigen verschwendet werden, man hat noch andere Symbole zu vergeben, in erster Linie den Ordre du Merite Agricole, den Orden für Verdienste um die Landwirtschaft. Der hat in Senegal viele Träger, und man behauptet, daß einige derselben sich seine Insignien auf den Bauch tätowieren ließen, wo sie von kräftiger, antidämonischer Wirkung sein sollen.
Wir haben die Peripherie von Dakar erreicht, und auf einmal sind alle Spuren Europas wie weggefegt. Das blutrote Erdreich quillt überall hervor, wo es nicht vom Sand erstickt wird; ungeheuer breite Bäume, geformt wie Eichen, schießen zu zehn Meter Höhe empor, um bann unvermittelt in ein paar kurze Zweige auszulaufen, die verkrümmten Händen gleichen.
„Boaboabäume", sagt der Chauffeur.
Hie und da schüttelt der trockene Wind farbensunkelnde Blüten herab, aber als wir sie in die Hand nehmen, gleichen sie nicht lebenden Blüten, sondern künstlichen Papierdekorationen.
Eine Schar Kühe wird von ihren Hirten vorbeigetrieben; die Tiere haben dünne, lanzenscharfe Hörner von genau derselben sichelförmigen Biegung wie der Neumond. Nein, dies ist nicht das Land des weißen Mannes. Wir kommen zu einem großen, von Stacheldraht eingehegten Feld, das von kleinen, konischen Zementtürmen übersät ist, die an elektrische Kraftstationen erinnern, aber als wir Anatole France nach ihrer Bestimmung fragen, sagt er mit einem Grinsen, das ganz und gar jener sanften Ironie entbehrt, die seinen Namensvetter auszeichnete:
„Pestverseuchte wohnen hier — Order der Regierung —, niemand darf ihnen nahekommen!"
Fast hätten wir es vergessen: ganz Afrika ist ja in zwei Teile zwischen Fliegen und Mücken geteilt, und beide verfrachten die Pest mit ver- schiedenerVirulenz. Das trockene Nordafrika ist die Domäne der Fliegen, das feuchte Zentralafrika die der Mücken, hier sind wir an der Grenze zwischen beiden Reichen. Aber was die Pestverseuchten hinter dem Stacheldrahtverhau auch verloren haben mögen, jedenfalls nicht die gute Laune. Als sie unser Auto erblicken, stürzen sie aus ihren Zementhlltten und führen einen Freudentanz auf. Aus dem Innern der Hütten hört man das Bcgrüßungsgeheul der Patienten, die zu schwach sind, um uns persönlich ihre Huldigung darzubringen. Die schwarzen Aasvögel, die Über der Einfriedung kreisen, flattern einen Augenblick wie erschreckt auf. Nein, dies ist nicht das Land des weißen Mannes.
Unser Auto wendet sich wieder der Stadt zu. Wir kommen in die Eingeborenenviertel, dürftige, strohgedeckte Holzhütten, aber auch Miet- kasernen. Ein unbeschreibliches Gewühl, Kaufläden, Basare, Kinos, Erwachsene, Kinder, Hunde und Schweine, alles durcheinander; aber während der Hund in Europa als ein reinliches Tier betrachtet wird und das Schwein im entgegengesetzten Ruf steht, sind die Schweine in Afrika proper, während der Hund über alle Beschreibung unrein ist. Wo immer unser Auto hinkornmt, entsteht eine unbeschreibliche Verwirrung, es ist schwer zu verstehen, denn Dakar hat, wie ein Anschlag in unferm Taxi mitteilt, eine eigene städtische Mietautounternehmung, und der Anblick eines sich von selbst bewegenden Fuhrwerkes müßte folglich für seine Bewohner eine alte Sache sein. Aber wo wir passieren, läuft alles aus dem Hause, man tanzt, man schlägt sich auf die Schenkel, man weiß sich vor Freude nicht zu fassen. Mitten in einer Schar hüpfender Schokoladekinder hopft ein riesenhafter Neger und schlägt sich auf die Schenkel mit Händen, die mit Leichtigkeit imstande sein dürsten, einem Löwen den Kragen umzudrehen. Nur die Fliegen, die sich in dichten Legionen auf den ausgehängten Waren des Metzgers gelagert haben, weigern sich, an der spontanen Huldigung für die Fremdlinge aus dem Norden teilzunehmen. Diese Afrikaner mit den gewaltigen Gliedern, den blitzenden Zähnen und dem krausen Astrachanhaar haben das größte Problem gelöst: inmitten eines Kontinents von erstickendem Sand, triefenden Urwäldern, pestbringenden Fliegen und Mücken, Sklaventreibern und Eroberern sich an nichts und wieder nichts zu freuen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Sieindruckerei, 2L Lange, Gießen.


