Du im Du
Gesang an die Heimat.
Von Karl Burkert, GDS.
Nun bin ich zu diesem Dasein erlesen, zum Lieben, zum Leide, zum Weinen, zur Lust: der Erbe von dem, was du immer gewesen, verschwiegt allen Dingen, die längst du gewußt.
Ich schreite mit dir durch all dein Erleben, deinen Schnee, deinen Lenz, dein herbstrotes Gold. Dir bin ich verbunden: deinem Wachsen und Weben, deinem Donner, der durch die Wälder hinrollt.
O Heimat, die nie noch mir sich verwehrte mit Sonne, mit Wolke, mit Wasser und Wind — o Heimat, du freudige, feurige Erde: ich bin und ich bleibe dein glückliches Kind!
hast mich getragen in deinem Grunde, schweigenden Schoß deiner Mütterlichkeit. __ hast mich geboren zur glücklichen Stunde aus Dunkel und Stille, hinein in die Zeit.
Deter verschnaufte. Er zog seine Stiefel an und seine Windjacke aus und überlegte Allein mit der Kraft seiner Arme konnte er das riesige Kreu, nicht wieder aufrichten. Aber vielleicht konnte er es die Halde emporschleifen bis zur Gipfelebene! Diese Strecke maß ungefähr dreizehn Meter.
Inzwischen war auch der letzte Rand der Sonne versunken. Ein nrünlidher Glast spiegelte sich wie verpusteter Schwefel in der damm- riqen Luft. Im Osten tropften und blinzelten hochviolette Sterne. JDer Wind blies auf einem heiseren, zischenden Ton und roch nach Flechten und Kräutern.
Peter wußte noch immer nicht, wie er es anfangen sollte bas «obige Berqkreuz hinaufzuschleifen. Er erinnerte sich seiner Höchstleistungen m neraaraenen Jahre. Damals hatte er einen wildgewordenen Iungstier an den^Hörnern gepackt und nach hartem Kampf auf die Weide geworfen. Am letzten Jahrmarkt hatte er einen schweren Ringkämpfer durch einen Doppelnelson erledigt, indem er ihm hinterrücks mit den Armen unter den Achseln hindurchschlüpfte und die Hände auf dem Genick des Geg- ners verschloß, daß dieser abgeschnürt, wehrlos und mürbe wurde und schließlich auf die Schulterblätter gedreht werden konnte. Peter stieß einen langen Pfiff aus und tippte sich mit dem Finger gegen die Schlafe. Da kam ihm eine Idee! Wie wäre es, wenn er auch dieses «ertzkreuz mit einem Doppelnelson bezwang?! Wahrhaftig, hier war eine TOog id)’ kett! Er faßte den Dolch mit der Faust und schürfte aus beiden Seiten des Länaspfahles eine Rinne in das Geröll, so tief, daß seine Arme hineinpahten. An den Stellen, wo die Felsen nackt lagen, tonnte er den verwitterten, halbmorschen Gneis mit der Klinge herausstechen. Da n kniet er sich neben das Mittelstück des Kreuzes, wand seme Arme m der Art eines ungeschlossenen Doppelnelsons unter dem Querbalken hindurch in die ausgestochenen Mulden, bohrte sich mrt den F'ngern 'M Boden feit lud das Gewicht der Balken aus feine Arme, setzte diese als Hebel an und begann zu wuchten. Das Kreuz bewegte sich und wurde einen Viertelmeter entlang gedrückt. Peter schob die Arme voraus und druckte von neuem an. Wieder wanderte die Last eimge Handspannen weiter. Das ging ja schneller, als er vermutet hatte! Und um sich anzuei ern, kommandierte er laut: „Hoh—ruck! — Hoh—ruck! — Hoh—ruck! Mit Hoh" krochen seine Arme voran, mit „Ruck" riß er bas Sretyupd).
t'uner Zeit hatte er die Last um mehrere Meter verschoben, schließlich muhte er eine Pause einlegen, denn er war außer Atem gekommen.
Als er sich niederbeugte zur zweiten Runde, beschloß er, mit feinen Kräften zurückzuhalten. Er mäßigte das Tempo, regulierte de" Atem, und wechselte die Stellen, wo die Arme von den Holzkanten geschnitten wurden Trotzdem begann sein Körper zu schweißen und seme Halsader bestia zu klopfen. Nachdem er drei weitere Meter erkämpft hatte, hielt er die Melle Rast. Jetzt hatte er es zur Hälfte geschafft Er zerneb einen Latschenzweig mit den Fingern und legte sie auf die Nase, der kräftige Kiengeruch wirkte erfrischend.
Die Pause währte nur kurz. Hartnäckig stellte er sich zur drillen I Runde In seinem Schädel drehte und taumelte es, und seine Arme brannten. Nach jedem Ruck wurde die Strecke, die nBrullkasten
Spanne um Spanne mußte mühsam errungen werden. Sem Brustkasten flog von der Anstrengung. Sein Atem keuchte und pstst Er hielt d Augen geschlossen und biß die Zahne zusammen „Hoh—ruck! — Hoh
I __Hoh—ruck!" Er kommandierte nur noch in Gedanken. Die Kruste
I drohten ihn zu verlassen. Da hielt er inne.
I Nur ganz langsam konnte er sich wieder aufrichten. Vor seinen Augen flackerte ^Sein Rücken war wie gelähmt Seine Beine Merten und aus seinen Armen war das Gefühl gewichen. Der Schweiß perlte m dicken Tropfen von feiner Stirn. Seine Hande waren zer chunden un klebten. Er leckte das Blut mit der Zunge ab, fetzte sich auf de" Balken und atmete schwer und tief, Minuten vergingen, ehe er einen klaren Ge danken fassen konnte. Er nahm sich vor zur letzten Runde erst dann anzutreten, wenn er sich wieder erholt hatte Md außer Schweiß war Schaffen mußte er es auf jeden Fall, vorher wurde er diesen Ort nicht
I verlassen.
I Peter stellte fest, daß der gesamte Sternenhimmel heraufgezogen war. I (Fg herrschte ein magisches Zwielicht, bei dem man zwar sehen, aber nkchts Genaues erkennen konnte. Die Umrisse der Latschen ver chwammen im Winde, wie Schatten großer Vögel auf einer Getreidefläche Das Bergkreuz, auf dem er faß, schien weder Anfang noch Ende zu habe und zwei verschiedene Wege zu zeigen: Der eme, den er selber gewandert war, führte zur Landesgrenze und wurde von einem andern, der: an der Grenze entlang lief, verriegelt. Peter war weder besonders gläubig noch abergläubisch, in diesem Augenblick aber sagte ihm em hellsichtiges Gefühl, daß bei dem Mädchen, das er besuchen wollte und das er auf einer Kirchweih flüchtig kennengelernt hatte, Unheil und Unfrieden lauerten. Er wußte plötzlich, daß er die Grenze nicht überschreiten und die Re le abbrechen würde. Er fühlte sich wohltuend gestärkt und beruhigt, griff sogleich zum Endspurt unter deck Querbalken, setzte zum Hub an unO preßte, ruckte und wuchtete das Berak'-euz in schnellen Stoßen voran Er war selbst überrascht, wie leicht diese letzte Runde 'hm fiel, ter blieb frisch bis zum Schluß. Mit einem letzten gewaltigen Stoß trieb er oie Balken bis zur Mitte des ebenen Bergsattels.
Dann richtete er sich entschlossen auf, klopfte den Sand von den ! Kleidern, zog feine Windjacke an, stülpte den Wetterhut aus, warf Ben ! Rucksack über und wanderte ohne Zögern den Weg, den er glömme war, wieder zurück. Eine Weile war noch sein harter Schritt zu Horen, und wie das Eisen an seinen Stieseln in der nächtlichen Stille lärmte, bann aber wurden alle Geräusche von der Weite verschlungen, unö am das geborgene Bergkreuz glimmten die Sterne.
CRingfampf in den Bergen.
Eine Erzählung von Gert Lynch.
Peter Stürmer näherte sich der Landesgrenze. Er beabsichtigte, seine I Heimat zu verlassen und jenseits der Grenze, wo er von einem Mädchen I erwartet wurde, neu zu beginnen. Da er fast ohne Mittel war, unter- I nahm er die Reise zu Fuß.
Peter dampfte, als er den Gipfel der Grenzkoppe erreicht hatte. Er löste den Tragriemen und ließ den schweren Rucksack zu Boden gleiten. I Dann wischte er sich mit dem Aermel der Windjacke über die Stirn und zog die Uhr Diesmal hatte er die Grenzkoppe in knapp vier Stunden bestiegen! Damit muhte er sich von den Heimatbergen verabschieden, aus lange Zeit, vielleicht für immer, wer konnte das wissen.
Peter lehnte sich an den Stamm des Gipfelkreuzes, das die Knie- föhren um sieben Meter überragte und den höchsten Punkt der Grenzkoppe bezeichnete.
Es ging bereits in den Abend hinein. Die Sonne hing schief im Westen und sprühte einen kreidigen Kupferschein über den Bergsattel. Das dunkle Holzkreuz, das wuchtig und herb gegen den Himmel stand, | färbte sich wie mit Blut berieselt. In den Latschen flirrte der Wind; er j duckte und wellte die Triebe und Zweige, daß sie kochten und brodelten.
Peter versprach sich das Aeußerste an Ausblick, wenn er das hohe Bergkreuz erkletterte. Er zog die genagelten Stiefel aus, spuckte sich in die Hande, umschlang den Stamm mit Armen und Schenkeln und preßte sich ruckweise empor. Als er den Querbalken erreicht hatte, merkte er, daß das Kreuz heftig schwankte. Plötzlich verlagerte sich das Schwergewicht, der Stamm gab nach, pfiff schneidend durch die Luft und schmetterte mit dumpfem Donnerjchlag auf die Gneisfelsen am Rande des Steilhanges. Die Erschütterung war so stark, daß Peter eine Zeitlang liegen blieb, ehe er sich wiederfand, seine Knochengelenke ausprobierte und ans Aufstehen dachte. Das hätte bös enden können, sagte er sich, hockte sich auf den Kreuzbalken und massierte seine schmerzende Kniescheibe.
„Hoppla!" Peter sprang schnellfüßig auf. Das massive Holzkreuz, das auf der fchiefen Ebene lag, war langsam ins Rutschen gekommen und drohte den Stellhang von nahezu anderthalbtausend Metern hinunterzustürzen. Peter flog das Entsetzen ins Haar. „Halt! Halt!" brüllte er auf und warf sich mit feiner ganzen Länge auf das gleitende Kreuz. Es gelang ihm, die Last der Balken zum Stillstand zu bringen. Er lockerte feine Arme und ließ in der Anspannung der Kräfte ein wenig nach. Sofort kamen die Holzbohlen von neuem ins Rutschen. Peter preßte seinen Körper dagegen und konnte wiederum bremsen. Lange würde er das nicht aushalten, das spürte er Er mußte sich schnell einen Plan ausdenken, nach dem er zu Werke ging, um das Bergkreuz vor dem Sturz in die Tiefe Iu retten. Peter fühlte den jähen Impuls in sich, das Kreuz einfach sausen zu lassen. Mochte es unten auf der Talsohle zersplittern, was brauchte es ihn zu kümmern? Es gab genügend Hölzer am Berg, um ein anderes Gipfelkreuz aufzuschlagen. Peter verwarf diesen Gedanken augenblicklich, sein ganzes Gefühl sträubte sich dagegen. Er durfte das Kreuz, das er umgeroorfen hatte, jetzt nicht im Stiche lassen, er mußte es bergen! Er schloß einen tiefen Atemzug lang die Augen, um seine Kaltblütigkeit zurückzuerobern. Dann suchte er festen Stand, stemmte die rechte Achsel gegen den Querbalken, der das eigentliche Kreuz bildete, griff mit der Linken nach feinem Leibriemen, riß ihn herunter, und legte ihn in Form einer Schlinge um das Mittelstück der Balken. Noch ein Griff, und er hielt fein Stilett in der Hand. Er nahm die Lederscheide zwischen die Zähne, zog die Klinge blank, stieß die Spitze in das gelochte Ende des Hüstriemens. und durchbohrte ihn in Drei- fingerbreite Dann köpfte er mit drei Schnitten eine Latsche und preßte die Riemenöffnung über den Knorzen des Wurzelstocks. Es war höchste Zeit; er bitte bereits das Zittern in seinen Knien. Als er feine Schulter von der Last befreite, zog sich der Riemen straff, und der Wurzelstock bog sich, aber er hielt. Damit war das Kreuz fürs erste gesichert. Nur zwei Meter trennten es van dem Abgrund.
Verantwortlich: vr. HansThyriot.— Druck und Deriag: Brühl'jche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. B. Lange, Gießen.


