Man sage nicht, dah ein -und nicht auch schadenfroh fein tonne. Diese reinste Freude ist durchaus nicht nur dem Menschen Vorbehalten. Ich sollte einen schlagenden Beweis dafür erhalten. Natürlich war es Nigra, die ihn lieferte. .

Während die Meute in einem Nebenhause über dem Hos eine Schlaf- stelle besaß, war Nigra hie Einzelstellung verliehen worden, im Ankleide- zimmer meiner Tante ein filmdivamäßig kokett verziertes Schlaskörbchen benutzen zu dürfen, und obendrein war ein richtiges An- und Auskleide­zeremoniell eingeführt worden, an dem der ganze Haushalt beteiligt war. Denn es war gar nicht so einfach, Abend für Abend den dichten Locken­wald sein säuberlich zu bürsten und zu kämmen. Wenn Nigra dann in ihrem Körbchen lag, mit der roten seidenen Steppdecke zugedeckt, dann, beneidenswertes Los, steckte die Herrin ihr Abend für Abend ein pracht­volles Stück Nugat in das feuchte Schnäuzchen. Dann legte Nigra zu­frieden das Köpfchen auf die Seite und schlief ein. Und ich Nugat leidenschaftlich gerne, aber ich kriegte keines. Ich sand das wenig ver- wandtschaftlich, und obgleich ich sehr sriedlich und wenig ausrührerisch bin, protestierte mein sehnsüchtiger Magen eines Tages doch, und ich stotterte in wunschvoller Verlegenheit:Kann ich nicht auch einmal ein Stückchen Nugat haben?"

Natürlich verstand Nigra jedes Wort, das man sprach, so steckte ße denn bei diesem Gestotter das Schnäuzchen noch einmal neugierig über den Rand des Schlafkorbes und sah die Tante mindestens eben so sra- gend an wie ich, denn sie war absolut nicht aufgelegt, ein nur ihr ver­liehenes Privileg mit irgendeinem Menschen zu teilen. Ader die Tante schüttelte verneinend das Haupt.Jungen Damen sind Süßigkeiten vor dem Schlafengehen schädlich." Meine Wohlerzogenheit verbot mir, zu widersprechen mit dem Vermerk, dah Nigra auch nur eine junge Dame sei ... und so schwieg ich denn. Die Hundedame in ihrem Körbchen aber grunzte befriedigt auf, leckte sich noch einmal und legte die Sache dann scheinbar zu den Akten. Aber nur scheinbar. Denn von diesem Tage an ge- schah folgendes: Nachdem Nigra abends ihren Obolus empfangen, und nur dann, wenn ich dabei war, verzehrte fie ihn mit einem herausfordernden I Schmatzen ganz langsam und genießerisch, die Töne endlos ziehend, wie ein Tenor auf dem hohen C, und die ganze spitzbübische Physiognomie sagte deutlich:Aetsch!"

Nigra war unartig gewesen, sehr unartig. Das bedingte natürlich Strafe. Aber war für eine? Eine ganz schwere wurde beschlossen. Nigra durste am großen Nachmittagsspaziergang in den Wald (und in dem Waldhause gab es sllr die Meute frische Würstchen!) nicht teilnehmen. Das war bitter. Zur gewohnten Stunde verließ alles festlich gestimmt das Haus, Nigra aber wurde im Zimmer eingeschlossen und versalzte uns, am Fenster sitzend, mit den Augen, die bis an-den Rand mit Vorwürfen gefüllt waren.

Wir waren fröhlich und guter Dinge, dachten mehrmals unterwegs der armen Gefangenen und freuten uns auf ein Wiedersehen. Aber es kam anders, als wir gedacht hatten. Nigra bewies wieder einmal, daß sie ein Tier von eigenartigem Charakter war, keineswegs gewillt, eine Streife von solcher Härte in Demut hinzunehmen. Als wir nach Hause kamen, stießen wir nämlich auf die Spuren einer groß angelegten Racheaktion, lieber» legt und strategisch einwandfrei durchgeführt. Die Tante hatte am Morgen einen Strauß herrlicher Treibhausnelken erhalten, an dem sie ihre Helle Freude hatte. Im Kristallglas standen sie auf dem Flügel und machten das Zimmer überaus festlich.

Die Nelken ... wo waren die Nelken ... und wo war Nigra? ...

Die Nelken ... von ihnen ragten nur noch einzelne Stengel, wie ein vom Wirbelsturm getroffener trauriger Wald, alle, ohne Ausnahme, dicht unter der Blüte abgebissen, die Blüten aber lagen, sein säuberlich an­einandergereiht, ausgerichtet wie eine Kompanie Soldaten, auf der Flügeldecke. Und Nigra? Trotzig war sie gewesen, aber daß dieser trotzige Racheakt wieder etwas sehr Straffälliges war, das hatte ihr ebenfalls gedämmert. Sie hatte sich also versteckt Aber wo? Wir suchten und such­ten, lockten und riefen, aber alles blieb stumm. Und wir kriegtens nur her­aus, weil Nigro, der Ehemann, Verrat übte. Wobei dahingestellt fein mag, aus welchen Motiven er das tat. Er stellte sich nämlich im Schlafzim­mer plötzlich vor den Kleiderschrank und bellte wild herauf. (Ob bas kavaliermäßig war?) Aus dem Schrank aber stand ein Holzkarton, in ihm lag Tantes großer Skunksmuff. Wäre es möglich? ... Mir wurde der ehrenvolle Auftrag, dies zu ergründen. Ich stieg hinauf, öffnete den Derkeb sieh, da leckte mir etwas verstohlen die Hand, und aus dem Muff stach ein schwarzes Schnäuzchen. Und ich durste doch kein Bundesgenosse sein

Marie Antoinette verließ das Abschiedsdiner für ihren Bruder. Spater - erschien sie noch einmal kurz, als er wegfuhr, und hatte rote Augen. Auch er hielt sie länger in den Armen, als d,e Etikette es wollte son­derbar, trotz allen Mergers!" slüsterte der M Dann veNieß Joseph das Schloß, der erste und letzte Kaiser des römisch-deutschen Reichs, den Ver- laii@r ?ulu'durch" ganz Frankreich, am Atlantischen Ozean entlang bis zu der spanischen Festung Fuent Arabia zurück über Bordeaux, Mar- I fetUe und Lyon ... aber [eine Stimmung wurde nicht besser. Ehe er Frankreichs Boden verließ, sandte er Marie Antoinette einen langen Ermahnungsbrief. _ ... . r, I

Die Revolution wird furchtbar sein, wenn Du ihr nicht vorbeugst, war noch einmal der Resrain.

Das war im Frühsommer 1777.

Geschichten vom Pudel Nigra.

Don Ilse Schmidt-Wissendorsf.

Nigra war eine kohlschwarze Pudelhündin, herrlich geschoren, mit einer I brennend roten Schleife in den dichten Locken. Nigra gehörte, oh Schmerz, nicht mir, sondern einer Großtante, und das war um so bitterer, als die Tante [ehr achtunggebietend war und Nigra ein Hund ohne jeden Ver­gleich. Zahllose Male prämiiert, photographiert, examiniert und auf Aus­stellungen herausstasfiert. Trotz all diesem hatte sie bei so vielbeachtetem Lebenswandel nichts von ihrer bescheidenen Natürlichkeit eingebaut.

Wo war der Mensch mit einem hundeliebenden Herzen, der vor soviel Vorzügen nicht dahinschmolz? Ich leüenfalls war nigraüberwaltigt und fuhr gern an Sonntagen zu der Tante, die in der Vorstadt ein geräumiges Landhaus bewohnte und vom Rest der Verwandtschaft nicht gerade mit Begeisterung besucht wurde, denn neben einer zahlreichen Hundemeute aller Rassen und Größen krähte noch ein stimmbegabter Papagei seine melodischen Skalen durch die Räume. Man hatte also zur Unterhaltung die Auswahl zwischen Gekläff und Gekrächz, mitunter auch chorischen Leistungen der vereinigten Völker und den Lebensphilosophien der Tante. I Mich aber schreckte dieses alles nicht. Und zwar Nigras wegen.

An einem schönen Sonntag war es wieder einmal soweit. Ich fuhr mit der Bahn hinaus, alle Taschen angefüllt mit ausgesuchten Hunde­leckerbissen, denn die übrige Meute besaß immerhin auch einen Teil meines Herzens, und redlich verteilte ich meine Gunstbeweise noch auf Desch, den Setter, Murcks, den Dackel, Fisi, den Rattenpinscher, Rolf, den Schäferhund, und die beiden Doggen, die eigentlich namenlos waren und jeweils einen Saisonruf verliehen bekamen, weil sie große Naturfreunde I waren.

Mein Herz klopfte sehr erregt bei dem Gedanken, daß Nigra Kinderchen bekommen hatte. Ich habe nämlich bis jetzt vergessen zu erwähnen, daß Nigra streng monogam verheiratet war mit Nigro, einem ebenfalls bild­schönen Pudelkavalier, und vor einiger Zeit ihren Mutterpflichten in her­vorragender Weise nachgekommen war.

Das Haus meiner Xante lag in einem großen, parkähnlichen Garten, und schon von weitem zeichnete es sich durch die Symphonie der Tier- laute aus, die ihm entquollen. Heute war dieses auszeichnende Element besonders arg. Ein angstvolles Geheul klang auf die Straße hinaus, ein Jammer ohnegleichen ... aufgeregt kleffte die ganze Meute durcheinander. Das bedeutete doch irgend etwas? Ob bei Gänsen, Hunden oder Men- schen ... die Ausgerührtheit eines versammeltenSprechchores" ist stets die gleiche.

Es war wirklich zum Verwundern. Die Gitterpforte zum Garten, die sonst sest verschlossen war, stand weit offen, ich durchquerte den Garten, auch die Haustür war nur angelehnt, die Wohnung, durch die ich ging, vollständig menschenleer ... mir jagte ein richtiger Schrecken durch die Glieder ... das winselnde Geheul der Hundemeute drang aus dem Schlaf­zimmer der Tante ... es würde doch nicht etwa ...

Mit einem Sprung war ich an der Tür und riß sie auf. Ein Blick in die Runde genügte, und mein Schreck löste sich in befreites Lachen. Oh, ihr guten Götter, welch ein Anblick!

Nigra war ein weibliches Wesen, ich habe es mehrfach erwähnt. Nigra war eine Schönheitskönigin und eine glückliche junge Frau. Und Nigra besaß neben diesen Eigenschaften noch eine andere, aber durchaus nicht nur spezifisch weibliche (obschon Männer dies behaupten) Nigra war naschhaft. Sie hatte sich in Abwesenheit der Tante ja, wo steckte die Tante? in die unverschlossene Speisekammer geschlichen. Sie wußte es genau, die geschmeidige Pudelmadame, oben auf dem zweiten Bort stand Morgen für Morgen der Topf mit der herrlichen süßen Sahne, die die nach den damaligen Modebegrisfen allzu hagere Tante mit Begeisterung literweise zu trinken pflegte. Und Nigra, von keinen ernährungsphilosophi­schen oder modischen Reflexionen belastet, dachte:Warum nur die Tante?" Sie war also mit einem eleganten Satz hinaufgefprungen, hatte den Kopf in den Sahnetops gesteckt und sich tiefer und immer tiefer in den köstlichen Inhalt hineingeschleckt. Tiefer und immer tiefer. Und Nigra hatte einen breitstirnigen gelockten Pudelkopf mit einer mächtigen Schleife daraus, und der Topf war schmal und die Gier war groß. Grund genug, sich mit Gewalt hineinzuzwängen. Aber heraus ging es nicht mehr. Bis zur Hälfte des süßen Inhaltes in dem Tops mochte fie gelangt fein, da wurde es ganz finster um fie und die Luft begann ihr auszugehen. Merkwürdige Erfahrung! Sie wollte nun wieder zurück, aber es ging nicht. Absolut nicht. Sie begann den also behelmten Kopf hin und her zu schütteln, Sahnespritzer flogen in hohem Bogen nach allen Seiten, aber der Kopf wankte nicht und wich nicht. Der faß. Von Angst und Luftmangel geplagt, raste Nigra durch die Wohnung, die Sahne verriet den Weq, den fie genommen hatte, schnurstracks in das Schlafzimmer der Herrin. Nur die konnte helfen. Aber die Herrin war zum Unglück nicht da, und Nigra sah nichts mehr, sie witterte, gefangen und beengt, nur noch fchwach und flog dann im Bogen hinauf aufs Bett. Hinter ihr her stürmte die Meute, angstvoll jammernd und um Hilse stehend.

Nigro, der Ehemann, mitunter galant, mitunter auch nicht, (prang diesmal zur Hilfeleistung nach und versuchte mit seinen Pfoten den Topf

abzustreifen, die rabenschwarzen Kinderchen standen unten am Bettrand ausqereiht und winselten zu ihren, sich mühenden Erzeugern herauf, die Sahne spritzte auf Kissen und Wände, alles heulte und keiner konnte Hel- fen wie so oft, da kam ich justament zur Türe herein.

Die Meute sprang nun auf mich zu, wedelte, zerrte, so daß ich nur mit Mühe das Mohrenfrauchen erwischen konnte .... ober wie fest saß die- ser Topf! Nigra, du Gierige! Es hals nichts. Es blieb nur noch die Zer­trümmerung. Ich holte einen Stock, und herzklopfend denn es han­delte sich doch um eine Schönheitskönigin schlug ich auf das untere, wahrscheinlich leere Ende des Topfes. Hoffentlich verletzte ich das 3arte Schnäuzchen nicht. Aber der heroische Angrisf gelang. Der Topf barst. Befreit und beseligt heulte Nigra auf, mich umhalsend und sahnesuy be­leckend ... die Meute tobte beglückt um mich her, die Kinderchen wollten auch auf den Arm genommen (ein, es war ein stürmisches Familienglück.

Und bann kam die Tante. Sie hatte meine Ankunst erwartet, schnell noch eine kleine nachbarliche Angelegenheit erledigen wollen. So hatte sie die Türen für mich einfach ofsenstehen lassen.

Nun waren wir alle vollzählig, und Nigra bellte der Herrin die ganze Geschichte aufgeregt her und die Herrin streichelte den Hund und sah kritisch über das sahnebestritzte Bett, und dabei fiel ihr ein, daß Nigra wohl noch ein paar pädagogische Klapse kriegen mußte, was auch geschah, und dann wurde es noch ein wunderschöner Tag.