etwa sechzig Zoll langes, sehr spitziges Brecheisen in seiner Rechten. Schweigend liefe er seinen Blick von einem zum andern schweifen. Aber weder Kling noch der Maler äußerte ein Wort. Da meinte er trocken, indem er mit dem Daumen die Spitze des Werkzeugs prüfte:

Ich schätze, daß man mit hem Ding da schon einen Menschen ins Jenseits befördern könnte. Was meinen Sie, Herr Kommissar?"

Kling nahm, ohne zu antworten, dem Beamten das Eisen aus der Hand und hielt es Grau vor die Augen.

Sagen Sie, Grau, ist das vielleicht das Instrument, mit dem Sie Fuchs getötet haben?"

Der junge Mann tat einen röchelnden Atemzug.

Ich glaube ja!" quälte er hervor.

Der Kommissar hielt die Mordwaffe gegen das Licht und unterzog sie einer langen, aufmerksamen Prüfung. Endlich richtete er seinen Blick forschend auf den Maler und sagte mit Bestimmtheit:

Wenn diese Flecke hier an der Spitze Blut bedeuten, dann müssen Sie Fuchs erstochen haben. Und nicht, wie Sie zu Protokoll gaben, ihn durch einen Schlag getötet haben lVerstehen Sie, was das heißt?"

Nein!"

Das heißt, daß durch diese Tatsache die von Ihnen geschilderte Situation ganz und gar verschoben wird. Wenn nämlich Fuchs er­stochen worden ist, dann muß auch die Stellung, die Sie bei der Tat eingenommen haben, eine andere gewesen sein, als Sie angeben. Sie können Fuchs nicht, wie es Ihrer Schilderung nach der Fall sein müßte, auf eine Entfernung von nahezu anderthalb Metern getötet haben."

Grau sah ihn verständnislos an.Warum nicht?"

Weil es technisch unmöglich ist! Ich will es Ihnen sofort beweisen. Nehmen wir an, das sei die Bilderkiste ..."

Er rückte mit Jensens Hilfe eine alte Truhe an die in Frage kom­mende Stelle.Zeigen Sie mir jetzt, wo Fuchs gekniet hat?"

Der Maler kam zögernd näher und deutete auf die der Tür abgekehrte Seite der Truhe. Jensen übernahm nun die Rolle von Caspar Fuchs und kniete an der bezeichneten Stelle nieder.

Gut! Und der Werkzeugkasten? Wo stand der?"

Am Boden, glaube ich, rechts von ihm."

Also mehr nach der Tür zu. Und was geschah dann? Sie sind auf die Tür zugelaufen vermutlich von der linken Seite her nicht wahr? Und da bemerkten Sie erst, daß die Klinke fehlte, und daß die Tür verschlossen war. Nach einem vergeblichen Versuch, die Tür mit Ihrem Körpergewicht aufzudrücken, drehten Sie sich zornig nach Fuchs um, der immer noch auf der gleichen Stelle kniete und Sie höhnisch angrinste. Stimmt das soweit?"

Grau nickte stumm.

Dabei fiel ihr Blick auf den Werkzeugkasten. Und Sie entdeckten das Brecheisen. Ihr erster Gedanke war, sich des Instruments zu be­mächtigen und damit die Tür aufzusprengen ja?"

Grau machte abermals eine bejahende Gebärde.

Sie stürzten sich alsa auf den Werkzeugkasten und griffen nach dem Eisen ... Und wie ging es weiter? Ich muß Sie bitten. Grau, die weiteren Vorgänge mit größter Genauigkeit zu schildern. Die geringste Unstimmigkeit kann Ihnen zum Verhängnis werden! Nun?"

Er heftete seinen Blick erwartungsvoll auf Grau. Dieser fuhr sich langsam Über die feuchtgewordene Stirn. In seine roeitgeöffneten Augen trat ein Ausdruck, als horche er atemlos in sich hinein. Seine Be­wegungen bekamen etwas Automatisches. Mit schwerer Zunge ant­wortete eh

Fuchd muß meine Absicht erraten haben. Blitzschnell griff er nach dem Stemmeisen, noch bevor ich es erreichen konnte. Und dann" ... Sein Ton wurde immer schleppender. Nur widerwillig schien sich das Filmband seiner Erinnerungen in ihm abzurollen ...Dann richtete er sich auf. Er wollte aufstehen, aber er konnte sich nicht schnell bewegen. Sein fetter Bauch hinderte ihn daran. Und ich fühlte: er hatte die feste Absicht, mich niederzufchlagen!"

Woher wollen Sie das gewußt haben? Drohte er ihnen denn?"

Nein, ich merkte es an feinem Blick. An dem tückischen Funkeln in seinen Augen. So etwas fühlt man doch auch."

Kling unterdrückte ein spöttisches Lächeln.

Aha! Jetzi soll die Geschichte auf Notwehr hinauslaufen."

Der junge Mann empfand die verächtliche Ironie dieser Worte wie einen körperlichen Hieb. Seine Lippen wurden schmal.

Nein, das soll es nicht!" sagte er finster.Ich habe Fuchs nicht erschlagen, um mein Leben zu retten. So viel liegt mir an diesem Leben gar nicht. Das dürsten Sie schon bemerkt haben. Ich mußte ihn ein­fach umbringen. Wie man ein böses und schädliches Tier umbringt. Ganz einfach! In jenem Augenblick wurde mir klar, daß ich das immer gewollt hatte. Daß ich vielleicht überhaupt deswegen zu ihm ge­kommen war. Ja, und da rife ich ihm das Eifen aus der Hand, noch bevor er ganz aufgeftanbert war. Und habe damit auf ihn los­geschlagen ja ober ..." Seine Erinnerungen verwirrten sich mit einmal wieder.Oder auch gestochen wie Sie meinen ich weiß es nicht mehr."

Er ließ sich erschöpft auf die Truhe fallen. Aber Kling gönnte ihm keine Pause.

Das ist alles ziemlich verworrenes Zeug, lieber Grau! Und kein Richter wird Ihnen glauben, daß Sie sich an so ein Ereignis nicht mehr erinnern. Aber meinetwegen! Nun sagen Sie mir noch das eine: wie lag der Körper Fuchs', als er gefallen war?"

Grau grübelte in sich hinein.Er taumelte und fiel mit dem Ge­sicht vornüber. Der Unterkörper tag über der Kiste. Und und Blut viel Blut ..Er wühlte schaudernd das Gesicht in beide Fäuste. Ein langes Schweigen trat ein. Man hörte nichts als den röchelnden Atem des jungen Mannes.

Dann sagte Jensen plötzlich in die Stille:

Das könnte stimmen, Herr Kommissar. Hier auf dem Teppich ist eine dunkle Stelle, als wenn ein Fleck ausgewaschen worden wäre. Es ist mir schon vorhin ausgefallen."

Kling winkte ihm mit den Augen.Schon möglich! Aber hören Sie, Grau Sie sagten doch einmal,das Blut lief ihm übers Gesicht". Gewiß, das haben Sie wörtlich zu Protokoll gegeben! Ader nach Ihrer heutigen Darstellung konnten Sie fein Gesicht ja gar nicht sehen. Denn Sie haben ausdrücklich betont, daß er vornüber gefallen ist. Also ein neuer Widerspruch! Finden Sie nicht auch?"

Grau bewegte müde die Schultern.

Und woher wollen Sie denn überhaupt wissen, daß Fuchs tot war?"

Grau ließ langsam die Hände sinken und sah den Kommissar mit einem Blick sprachloser Ueberraschung an. Kling behielt ihn unverwandt im Auge.

Ja, ich meine, wie können Sie behaupten, daß er tot war, als Sie ihn verließen und nicht am Ende bloß bewußtlos? Haben Sie denn den Leichnam untersucht?"

Donald Grau wehrte entsetzt ab.Was denken Sie! Ich habe diesen Kerl nicht mehr angerührtl"

Dann können Sie auch nicht mit Bestimmtheit behaupten, dafe dir Wirkung Ihres Schlages, sagen wir eine tödliche war. Es ist doch sehr leicht denkbar, daß er sich, nachdem Sie die Wohnung verlassen hat­ten, wieder von seiner Ohnmacht erholt hat, und heute schon wieder spring- sidell herumspaziert."

Donald Grau blickte eine Weile starr vor sich hin. Dann schüttelte er langsam den Kopf und sagte im Ton unerschütterlicher Gewißheit:Rein, Caspar Fuchs ist tot ich weife es!"

Der Kommissar verdrehte mit einem Seufzer der Ungeduld die Augen. Aber, lieber Freund, wie wollen Sie denn das wissen? So etwas kann doch überhaupt nur der Arzt mit Sicherheit feststellen. Oder waren Sie vielleicht auch bei seinem Leichenbegängnis?"

Der Maler verzog nervös das Gesicht.Nein. Aber wenn dieser Mensch nicht tot wäre wenn er noch irgendwo auf dieser Welt lebte im entferntesten Erdenwinkel ... Das glauben Sie mir! das würde ich fühlen. So gewiß, wie ich jetzt fühle, daß er tot ist!"

Er hatte mit einer Uebcrjeugung gesprochen, die etwas merkwürdig Suggestives hatte, und der sogar das exakt arbeitende Gehirn Klings für Sekunden unterlag. Wieder, wie fo oft schon bei diesem rätselhaften Fall, fühlte er sich von einer unerklärlichen Gewalt angerührt, die feine Kritik lähmte und ihm alle Hilfswerkzeuge reiner Vernunft aus der Hand schlug. Die Stille im Zimmer wurde beinahe quälend.

Auf einmal richtete sich Donald Grau steil auf und horchte mit ver- haltenem Atem nach der Flügeltür. Seine Pupillen wurden unnatürlich groß. Ein feiner Schweiß trat ihm auf die Stirn.Da hören Sie bas nicht?" flüsterte er mit trockenen Lippen. Kling kam vorsichtig näher.

Was denn, lieber Grau, was meinen Sie denn?!"

Der Maler fing auf einmal zu zittern an. Erst war-es nur wie ein Schauer. Wie das erste Frösteln eines Fieberanfalles. Aber mit jeder Sekunde nahm es zu. Sein ganzer Körper wurde in wilden Stößen davon geschüttelt. Man hörte seine Zähne aufeinanderschtagen. Und plötzlich brach ein fast tierhastes Stöhnen aus ihm hervor. Mit übermenschlicher Änstrengung befreite er sich von den beiden Kriminalisten, die ihn nieder- zuhalten versuchten, und taumelte auf die Tür zu. Mit feiner ganzen Schwere warf er sich dagegen. Wie ein Besessener trommelte er mit den Fäusten gegen das Holz.

Sitzt Ihr denn auf euren Ohren, daß Ihr das nicht hört? Dieses Weinen das muß ein Tauber muß ja das hören!" Er rüttelte ver­zweifelt an den Angeln. Aber die Tür gab nicht nach. Kling und Jensen wechselten einen Blick des Einverständnisses. Der Kommissar faßte den Tobenden behutsam von rückwärts an den Schultern und fagte in feinem väterlichsten Ton:Beruhigen Sie sich doch, mein Lieber! So bringen Sie ja die Tür nicht auf. Aber wir haben ja Werkzeug da. Glauben Sie denn wirklich, daß hier nebenan jemand ist?"

Grau sackte in feinen Armen zusammen. Sein Gebrüll verebbte in einem kindlichen Winseln. Willenlos tiefe er sich einen Sessel unterschieden und trank das Glas Wasser, das Jensen inzwischen aus der Küche geholt hatte. Seine Augen standen voll Tränen.

Ja, ich weife es. Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, dafe sie noch in der Wohnung ist. Wenn Sie dort hineingehen in dem großen Schrank hinter der Tür müssen Sie sie finden!"

Kommissar Kling schüttelte hinter seinem Rücken ratlos den Kopf. Aber Jensen ergriff plötzlich mit überraschendem Instinkt für bas Richtige die Initiative.

Wenn Sie erlauben, Herr Kommissar", sagte er in zielbewusstem Ton,dann gehe ich einmal in das Zimmer hiniiher und sehe nach. Vom Gang aus führt ja noch eine Tür hinein. Wir können uns also die Ar­beit des Aufbrechens sparen. Und wenn noch irgend wer in der Woh­nung versteckt ist, bann werden wir ihn schon kriegen. Darauf können Sie sich verlassen, Herr Grau!" Er ließ den Kommissar mit Grau allein und betrat das ihm bereits von seinem ersten Besuch her bekannte Schlaf­zimmer. Es war noch in genau bemfetaen vernachlässigten Zustand. Der Schlafraum eines Junggesellen, der feine Hauswirtschaft allein belorqt! Zigarettenstummel lagen auf dem Bettvorleger zerstreut. Aus dem Wcstch- tisch ftanb noch bas schmutzige Wasser, in bem sich Fuchs kurz vor feiner Verhaftung gewaschen haben mochte. Und burch bas feit Tagen offen- stehende Fenster drang eisige Kälte ein.

Jensen nahm seine Ausgabe ernst. Er burchsuchte gewissenhaft bas ganze Zimmer nach irgenbeinem (ebe'nben Wesen. Besonbers ben mon­strösen Kleiberschrank unterzog er ber eingehenbften Prüfung.

(Fortsetzung fo^gt.)

Reraniwortlich: vr. HanS Thhriot. Druck unbDerlag:Drühl'scheUniverNtäts-'Luch- und Steindruckerei.L. Lange, Giekren.