„Die Gräfin sollst bu erst sehen!" begann der ältere meiner beiden Nachbarn wieder, indem er seinen kleinen Schnurrbart drehte.
Der andere tat eine verwunderte Frage.
Sein Freund lachte: „Es ist nur eine Nähterin, Ludwig: aber wenn sie dich so kalt mit ihren schwarzen Augen ansieht! — Sie ist verdammt von oben herab." .....
„Aber warum nennt ihr sie denn die Gräfin?'
„Nun, siehst du — der Raugras hat sie."
Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesen Worten erschrak. Schon wollte ich nähere Erkundigungen bei dem jungen Renommisten einziehen, als mir einfiel, daß ich bei meinem Fortgehen die „lahme Marie" in der Hinterstube meiner Hauswirtin gesehen hatte.
Ich machte mich sofort auf den Rückweg: und eine halbe Stunde später stand ich neben ihr und hatte ein Gespräch mit ihr angeknüpft.
„Und Sie haben Lenore seit lange nicht gesehen?" fragte ich.
Sie schwieg einen Augenblick. „Ich gehe nicht mehr mit ihr", sagte sie, indem sie auf ihre Arbeit blickte.
„Sie schienen doch sonst so gute Freunde!"
„Sonst, ja!" — Sie strich ein parmal mit dem Nagel über die eben angefertigte Naht. „Aber seitdem sie draußen bei den Studenten tanzt: --[te wird die längste Zeit bei der alten Tante gewesen sein; und mit dem Testament mag es nun auch wohl anders werden."
„Also doch!" dachte ich. — Christoph hatte mir das entlehnte Geld schon einige Zeit nach seiner Abreife mit der kurzen Bemerkung zurückgesandt, daß er im Hause seines Oheims sine freundliche Aufnahme, bei den beiden Alten nicht weniger als bei deren schon etwas ältlicher Tochter, und außerdem Arbeit vollauf gesunden habe. Seitdem hatte ich Näheres weder von ihm, noch von Lenore gehört.
„Aber, wie ist denn das gekommen?" fragte ich nach einer Weile, während die Nähterin emsig fortgearbeitet hatte.
„Nun!" sagte sie und steckte für einen Augenblick die Nähnadel in das Zeug. _,,Es war vierzehn Tage vor Pfingsten: die Lore war schon lange unwirsch gewesen; ich dachte erst, weil der Tischler ihr noch Immer nicht geschrieben hatte, mitunter aber karn's mir vor, als sei das ganze Verlöbnis ihr leid geworden, und als könnte sie in sich selber darüber nicht zurecht kommen. Sie scherte sich auch keinen Deut darum, ob sie mich oder eine von ihren vornehmen Herrschaften mit den kurzen Worten vor den Kops stieß: am schlimmsten war es aber, wenn sie gegenüber die Musik vom Ballhaus hörte; denn sie hatte dem Tischler doch versprechen müssen, nicht zu Tanze zu gehen. — Eines Abestds nun, da wir vor meiner Tür auf der Bank fitzen, kommt mein Schwestersohn, der Schneider, der erst gestern aus der Fremde heim war, mit ein paar andern Gesellen zu uns. Er war den Rhein herabgekommen, hatte auch dort in zwei oder drei Städten, die er namhaft machte, gearbeitet. Die andern fragen; er erzählt. — ,So hast du den Christoph Werner auch gesehen?" sagt der eine. — .Den Tischler, freilich habe ich ihn gesehen: der hat sein Glück gemacht." — .Wie denn?" fragte der andere. — .Wie denn? Er heiratet die Meisterstochter; und sie hat---du verstehst mich!"
Er machte wie Geldzählen mit den Fingern. Mir wurde himmelangst bei diesen Reden. .Du bist nicht gescheut, Junge", sag' ich, .was schwatzest du da ins Gelag" hinein'!" — .Oho, Tante, gescheut genug!" ruft er, .bin ich doch dabei gestanden, daß er die Bretter zu seinem Hochzeitsbett gehobelt hat!"--Lore, auf dieses Wort, ohne einen Laut zu geben, steht
sie von der Bank aus, nimmt ihren Hut und geht, ohne sich umzusehen, die Straste hinab. .Was fehlt der?" sagt mein Schwestersohn noch. — .Ich weih nicht, Dietrich." — Und ich wußte es auch wirklich nicht. Es war nicht gar so heiß gewesen zwischen ihr und dem Tischler; denn er war ihr lange nachgegangen, und sie hatte sich zweimal bedacht, bevor sie ja gesagt; und wenn ich's auch schon wußte mit dem vornehmen jungen Herrn, dem Studenten, so dachte ich doch nicht, daß er ihr so ganz ihren eigensinnigen Kops verrückt hätte.
„Noch eine Weile saß ich bei den andern und hörte, was der Junge, der Schneider, zu erzählen wußte; aber ich härte nur Halbwege, und bald litt es mich nicht länger; denn ich sorgte doch um sie.
So ging ich denn hinterher und traf sie, wie ich es mir auch gedacht hatte, drunten im Haus der Tante, wo sie in einem Hinterkämmerchen ihre Menage hatte. Da stand sie mitten im Zimmer kreideweiß und nagte sich aus den Lippen, daß ihr das Blut übers Kinn lief; alle ihre Schubfächer und Schachteln hatte sie aufgerisfen, und Tüll und Bänder lagen um sie her gestreut auf dem Fußboden. .Lore!" rief ich, .was machst du, Lore?" Aber sie schien nicht auf mich zu hören. — .Ist Sonntag Tanz im Ballhaus?" fragte sie. — ,Jm Ballhaus? Was geht das dich an!"— .Ich Willi mittanzen!' — .Du? Was würde dein Schatz wohl dazu sagen?" — .Was geht mich mein Schatz an!" — Sie hatte währenddes ihren Hut aufgesetzt und ihr Umschlagetuch von der Kommode genommen: dann schloß sie ein Kästchen aus, worin sie ihr Erspartes hinein zu legen pflegte; — denn wenn sie auch manchen Schilling für Putz vertat, so war sie doch stolz und hatte immer nicht so nackt und bloß zu ihrem Bräutigam kommen wollen. Nun riß sie das Papier, worin es ein« gewickelt war, herunter und ließ das lose Geld in ihre Tasche fallen. .Willst du mit?" fragte sie; .ich muß Einkäufe machen." — Ich wußte nicht, was sie wollte, aber sie dauerte mich, und so ging ich mit ihr; denn ich hoffte noch, das mit dem Tanzen ihr wieder auszureden. Aber es waren leere Worte; denn sie ging hastig neben mir die Straße hinab und antwortete nicht und sah nicht nach mir hin.
Als wir bei dem Schnittwarenhändler am Markte vor dem Ladentisch standen, ließ sie sich die dicksten seidenen Bänder und die modernsten Stoffe vorlegen, wie sie deren sonst wohl nur zuzeiten für die Vornehmsten in der Stadt verarbeitet hatte. Sie suchte dazwischen umher und warf es durcheinander. Der Ladendiener legte noch eine Ware vor. .Wenn es der Dame, die das Kleid bestellt hat, auf den Preis nicht ankommtl" sagte er und streckte die Hand unter den klaren, durchsichtigen Stoss.
1 Ins Gelag' hinein --- drauf los schwatzen.
.Nein', fügte Sore, ,es kommt Ihr auf den Preis nicht an.' — Ich stieß sie heimlich an; denn ich verstand es nun wohl, daß sie die kostbaren Zeuge für sich selber wollte. .Lore", sagte ich leise, .ich bitte dich, besinne dich doch, was willst du mit den seinen Suchen?" — Aber sie kehrte sich nicht daran, sie ließ den Ladendiener abschneiden und zählte das schöne, hurte Geld auf den Tisch, als wenn sie nicht mehr wüßte, wie viele Tuge sie sich sauer darum hatte tun müssen. ,So laß doch", fugte sie, als ich ihren Arm zurückhielt; .ich will auch einmal fein fein; ich bin nicht häßlicher als die Schönste hier!"--
Dann ist sie nach Haus gegangen und Hut die ganze Nacht und den folgenden Tug gefeffen und mit der heißen Nadel genäht, bis das teuere Kleid fertig gewesen ist.
Am Sonntag darauf", fuhr die Erzählerin fort, nachdem sie zuvor einen neuen Faden durch ihr« Nadel gezogen hatte, „abends, da es schon spät gewesen ist, Hut sie sich von den weißen Maililien in ihr schwarzes Haar gesteckt und ist dann aufs Ballhaus gegangen.
Ich hab' das alles nur von meinem Schwestersohn«", setzte sie hinzu, „das ist auch einer, der keinen Tanz verpassen kann.--Sie hat erst
lang« gesessen; denn die jungen Hundwerksleute haben sich gar nicht an sie getraut; und die Studenten hüt sie selber einen nach dem andern abgewiesen: es hätte nahezu wieder einen Aufruhr um sie gegeben. Der blasse, vornehme Student, wie heißen sie ihn gleich?"--
„Der Raugras!" sagte ich.
„Freilich, der ist auch da gewesen; aber er Hut sich wie gar nicht um sie gekümmert. Zuletzt hat er doch kommen müssen; denn zu schön Hut sie ausgesehen; als wenn sie aus dem Morgenland gekommen wäre, haben sie gesagt. Sie ist blutrot geworden, als er zu ihrem Platz getreten ist, und hat am ganzen Leide gezittert. Aber nun ist sie aufgestunden und hat ihm die Hand gegeben, und er Hut sie angesehen, sagt mein Schwestersohn, als wenn er sie hat verzehren sollen. Sie hat auch mit keinem sonst getanzt; denn bis die Musikanten ihre ©eigen eingepackt haben, sind die beiden miteinander nicht wieder von der Diele gekommen."
Die lahme Marie schwieg; nur „Ja, ja!" sagte sie noch einmal, wie in Gedanken die Moral aus ihrer Erzählung ziehend; dann setzte sie eifriger als zuvor ihre Arbeit fort.
Ich wußte genug; und beschloß, um nun auch mit eignen Augen zu sehen, mich heute abend selbst auf den „Hexensabbat" zu begeben.
Draußen im Walde.
Cs war schon dunkel: eine schwüle Luft lag über dem Walde, während ich die Anhöhe hinauf den Weg durch die Baumstämme zu finden suchte.
Als ich die Steintreppe erstiegen hatte, blieb ich unwillkürlich stehen. Neben mir sah ich ein paar weiße Mädchengestalten durch die Bäume schlüpfen und dann seitwärts im Hause verschwinden. Es schien eben eine Tanzpause zu fein; ich hörte drinnen in dem hell erleuchteten Saal die Musikanten ihre Geigen stimmen; an den offenen Flügeltüren vorbei trieben Studenten und Mädchen in lebhaftem Verkehr vorüber. Ich konnte mich nicht überwinden, sogleich hineinzugehen; vor meinem innern Auge stand die liebliche Kindesgestalt des Mädchens; ich sah sie wieder an dem Halse ihres armen Vaters hangen ich dachte daran, wie sie so hartnäckig meiner knabenhaften Leidenschaft ausgewichen war. Ein plötzlicher Schmerz kämpfte in meiner Brust; ich weiß kaum, mar es Mitleid oder Eifersucht.
Endlich stieg ich die beiden Stufen der kleinen Halle hinan und stellte mich unbemerkt an den Pfosten der offenen Tür. Die Pause dauerte noch fort; aber es schien darum nicht weniger lebendig; die Studenten, die an den Seitentischen ober im Nebenzimmer saßen, redeten und klappten mit ihren Seideln, die Mädchen trieben sich lachend auf und ab; mitunter fuhr ein übermütiger Schrei durch den ©aal.
Es waren anmutige Gesichter unter diesen Mädchen; jugendliche Gestalten mit großen, leidenschaftlichen Augen, die durch den Ausdruck forg- losen Lebensgenusses oder einen vorüberwandelnden Zug von Leide nicht weniger anziehend wurden. Trotz ihrer Slrmut waren sie alle sauber gekleidet, in hellen, durchsichtigen Stoffen, eine Blume oder einen frischen Kranz in dem sorgfältig geflochtenen Haar.
Dies hatte indessen bei ihren Tänzern nicht eine gleiche Rücksicht zu bewirken vermocht denn namentlich die Jüngern und einige der sogenannten „Haupthähne" der Verbindung scheuten sich nicht, in Gegenwart ihrer Damen die Beine behaglich über Tisch und Bänke auszustrecken.
Meine Augen suchten Lore; und sie brauchten nicht lange zu suchen. Sie faß dem Billardzimmer gegenüber zwischen einem Paar jüngerer Mädchen, die lebhaft zu ihr sprachen, während sie teilnahmlos vor sich hinblickte.
Im Haar trug sie eine weiße Rose, eine Seltenheit in dieser Jahreszeit; aber auf ihrem Antlitz war die Rosenzeit vorüber; kein Rot schimmerte mehr durch diese zarten, blassen Wangen.
Auch den Raugrafen sah ich er saß mit überschlagenen Beinen, wie ermüdet, an der andern Seite des Saales. — Ich stand in feiner Nähe. Als die Musikanten ihre Instrumente zur Hand nahmen, trat einer der jünger» Studenten zu ihm. „Laß mir die Lore für diesen Tanz!" sagte er schüchtern.
„Ein andermal, Fuchs!" erwiderte der Raugraf und lehnte feinen schönen, aber bleichen Kopf zurück gegen die Wand. Die Musik setzte ein; allein er stand nicht auf, um feine Tänzerin zu holen, er hob lässig die i Hand und machte gegen sie hin ein Zeichen mit- den Fingern. Ich sah, ! wie sie einen zornigen Blick zu ihm hinüberwarf und bann, ohne auf« 1 zustehen, ihre Augen in bi« aufgestützte Hand begrub. Der Rau graf faltete bie Stirn; und nach einer Weile sprang er auf und schritt durch den Saal, bis er vor ihr stand. — Als sie auch jetzt nicht aufblickte, legte er den Arm um sie und zog sie mit einer raschen Bewegung zu sich empor. Er schien einige Worte mit Heftigkeit hervorzuftoßen; ich war indes zu weit entfernt, um etwas davon verstehen zu können. Dann trat er mit ihr an die Spitze der übrigen Paare und eröffnete den Tanz.
(Schluß folgt.)
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