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Der Maler Lessing.
Bon Dr. Paul Landau.
Als vor rund einem Jahrhundert die weltfremde Kunstrichtung der Romantik durch den neuen starken Realismus, der von den jungdeutfchen Theoretikern [einen Ausgang nahm, überwunden wurde, da ergriff die von dem Aesthetiker Wienbarg ausgegebene Parole, daß das Leben des Lebens höchster Zweck fei, daß auch die Vergangenheit nur Wert habe in ihrem Bezug auf die Gegenwart, daß die Natur in ihren ewigen formen das Heldenlied der Menschheit singe, — ergriff die Küstler und erfüllte Dichtung und Malerei mit neuen Keimen. Diese Auffassung der Geschichte spiegelt sich schon in Künstlern, die noch gar vieles mit den alten Idealen gemein haben, in denen aber ein zukunftsreiches Drängen nach einem originalen Inhalt und Stil lebt. In der Dichtung steht etwa L e n a u so zwischen den Epochen, in der bildenden Kunst Karl Fried- Tid) ßeffing. Es sind Persönlichkeiten, an denen sich Fortentwicklung und Weiterbildung gewisser Anschauungen deutlich zeigen, deren Wir- .kung in diesem Eingehen auf Charakter und Wesen ihrer Zeit begründet liegt. So verschieden di« markig gesunde kraftvolle Gestalt des Malers Lessing zunächst von der innerlich zerwühlten, müden Persönlichkeit Lenaus erscheint, so haben sie doch wichtige allgemeine Faktoren der Zeitkultur gemeinsam. Bei beiden ein melancholischer Weltschmerz, eine düster klagende Melodie, die in stimmungsreichen Landschaftsbildern ertönt, sich an dem Dusen einer phantastisch personifizierten Natur ausweint, dann ein Verwalten gewisser realistischer Beobachtungen, bei Lessing allerdings viel starker als bei dem Lyriker, und endlich die höchst persönliche, tendenziöse Erfassung der Geschichte, die Lenaus „Albigenser' mit ihrem überlauten Gegenwartston und ihrem brausenden Pathos direkt als ein Gegenstück zu Lessings berühmten Hus-Bildern erscheinen lassen. Es ist [ebenfalls das Bedeutende und Wichtige im Schaffen des Historien- und Landschaftsmalers K. F. ßeffing, daß er der Kunst neue Wege wies über den blaffen Idealismus der Romantik, über die aufgeputzten Kostümmaskeraden und Geschichtsklitterungen der Schadow-Schule hinaus.
Er hatte in der gleichen Art begonnen wie die anderen, die Sohn, Hübner und Bendemann, die mit dem Akademiedirektor Schad o w nach Düsseldorf gekommen waren. Seine schwermütigen Burgruinen im Mondenschein, seine unheimlichen Waldseen, die den spannenden Reiz Walter Scottscher Romane aufleben ließen, fanden ebenso viel Anklang wie fein „trauerndes Königspaar" nach Uhland, (eine „Leonore" nach Bürger und [ein trübsinnig sentimentaler Räuber nach Spieß und Cramer. Ein so allgemeines Trauern begann in der Malerei, daß dem der humorvolle Schroedter mit seinen „trauernden Lohgerbern" schleunigst i, ein Ziel fetzen mußte. Aber Lessing war eine zu kräftige, sittlich ernste Natur, in der eine tiefe Sehnsucht nach ursprünglicher Wildheit und pathetischer Größe lebte, als daß er in dieser sentimentalen Tränenselig- | feit versunken wäre. Bilder des großen Landschafters David Caspar Friedrich hatten ihm den Sinn für eine gewaltige Natur erweckt, nachdem sich schon die wundersame Schönheit deutscher Wälder während - seiner Jugendzeit in dem schlesischen Wartenberg tief in seine Seele gesenkt hatte. Auf einer Reise nach Rügen war dieser Sinn für große Formen der Landschaft in ihm mächtig geworden, und sein Ideal einer von der Kultur noch nicht verniedlichten, wild und grandios sich offenbarenden Natur fand er in der Eissel und später im Harz Romantisches und realistisches Schauen vereinen sich schon in den ersten Eisselland- schaften Lessings zu einer eigenartigen und ergreifenden Wirkung. Die Schönheit eines weiten wohlgepflügten Ackerlandes, der Reiz eines modernen Forstes waren ihm noch fremd, er suchte Formationen, wie sie etwa im Mittelalter in Deutschland heimisch gewesen waren, trotzige Felskegel, dichten, von keinem Weg durchschnittenen Urwald Doch es genügte ihm nicht, wie es wohl die andern taten, für feine Ritter, Räuber und Mönche nun einen idealen Landschaftsrahmen feiner eigenen Phantasie zu schaffen, [onbern er suchte die wirklichen Formen in der Natur auf, di kleinem Wesen entgegenkamen, und gab sie wieder in einer inbrünstigen Wahrheitsliebe, mit starker ursprünglicher Beobachtungsgabe. So ist Lessing der erste Meister der neueren realistischen Land- sch istskunst geworden, wenngleich eine romantische Seele diese fo traft» • voll und wahr erfaßten Bilder durchdringt. Die Ausstellung von Werken deutfcher Landschafter im Jahre 1905 und die Jahrhundertausstellung Haden uns auch seine Vorläufer vorgeführt, besonders Karl Blechen und Ferdinand von Olivier, aber Lessing überragt sie in dem großen einheitlichen Zug, mit dem er die Starrheit feiner Gebirgsmassen zum Rot der Föhren, zum dunkeln Grün des Nadelwaldes, zu dem dustern Licht im Wasserspiegel feiner Seen zusammenstlmmt. Eine tragische Schwermut liegt über diesen Ruinen, deren zerrissene Schatten in ver- faUener Größe aufragen in den weiten Raum, in diesen uralten riesigen Eichen, die verwittert und verdorrt voll majestätischer Einsamkeit dem Sturme trotzen, in dem melancholischen Zug der dunkel geballten Wolken, in denen mit schwerem Flügelschlage ein Adler kreist. In solchen Werken steht uns di« weltschmerzlich verdüsterte, tief ernste Kunst Lessings, die zugleich mit trotziger Kraft ihren Geist seiner strengen Naturbeobachtung zu vermählen verstand, mensch'ich und ästhetisch am nächsten.
Fremder erscheint uns Lessing heute in seinen historischen Bildern, die die Gemüter seiner Zeitgenossen in Begeisterung und Zorn so mächtig erregt haben. Die literarischen äußerlichen Anregungen drängen sich zu stark hervor. Räumers Geschichte der Hohenstaufen, die der damaligen Dramenliteratur fb viele Barbarossas und Konradine entstehen liefe, begeisterten ihn in seinem ersten Gemälde, der „Schlacht von Jkonium . Zu den Hussitenkämpfen zog ihn ein unverbürgter Glaube, daß seine Familie böhmischen Ursprungs sei, und noch mehr die Schilderung in 6er Menzelschen Geschichte der Deutschen. Immerhin weist auch seine Historien-Malerei auf eine stärkere realistische Beobachtung hm als bei den andern Düsseldorfern, und sein leidenschaftliches, finster grübelndes Temperament verleugnet sich nicht. Seine Farben weichen schon auf der „Huffitenpredigt" von der charakterlosen Buntheit der Genossen ab und suchen in einer fahlen Purpurglut eine unheimlich brennende Stimmung zu erzeugen. Die Stärke des Kolorits steigert sich dann in dem groß
gesehenen „Hus vor dem Konzil" und nähert sich der neuen Farben» anfchauung, die bald darauf die belgischen Koloristen in Deutschland verbreiteten. So waren es künstlerische und stoffliche Elemente zugleich, die den Nazarenern diesen jungen Maler als den Antichrist der Kunst erschei- nen ließen, die ihm [einen alten Lehrer Wilhelm Schadow entfremdeten und Philipp Veit [ein Amt als Direktor des Städelfchen Instituts niederlegen ließen, als Lessings „Hus" angefauft wurde. „Hus auf dem Scheiterhaufen" mit feiner theatralischen und aufreizenden Absichtlichkeit bildet den Höhepunkt in dieser immer mehr dem Aeußerlichen zugewandten Entwicklung, und seine andern zahlreichen H.storienbilder, die einen Abriß mittelalterlicher Weltgeschichte geben, zeigen ein Erstarren und Nachlassen seiner Begabung.
So treten in den späteren Werken Lessings Mängel und Grenzen seiner Begabung immer deutlicher hervor. Der Großneffe Gotthold Ephraims, den übereifrige Verehrer wohl mit dem großen Vorfahren im Kampf um Naturwahrheit und im Streit gegen Intoleranz verglichen haben, hätte mit mehr Recht als der Dichter der „Minna von Barnhelm" von sich jagen können, daß der Brunnen [einer Schaffenskraft nicht frei sprudele, sondern mit Röhren heraufgepumpt werden müsse. In feinem Talent lag bei einer innerlichen Kraft etwas Mühsames, ein Ringen mit dem Mittel, in dem nur ein eiserner Fleiß, strengste Disziplin Sieger bleiben konnten. Ein Mißtrauen gegen die eigene Begabung hemmte ihn im freien Schwung der Schöpfung; sein« großen Bilder waren mühselig zusammengesetzt aus einer Fülle von sorgsam ausgcführten Studien, so daß auch nicht das kleinste Detail ohne genaue Skizze, ohne einen mehrfach übergangenen Entwurf geblieben wäre. Diese ausgeführten Werke aber zerfallen vielfach in eine Menge gut gesehener, aber eigentlich unwesentlicher Einzelheiten. Der Mangel einer großen malerischen Empfin- bung tritt bei den späteren Bildern immer mehr zu tage, während die eigenartige Persönlichkeit des Mannes hier nicht mehr so stark mitspricht. Lessings Größe und Bedeutung liegt*ln den eigenartigen und neuen Tönen, die er in den Werken der dreißiger und vierziger Jahre angeschlagen hat.
Da« Mangobaumwunder.
Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk.
Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.
(Fortiegung >
,Ach, Sie sind's,
Langsam ging er, als der Baron das Zimmer verlassen hatte, daran, die Instrumente in feine schwarze Ledertasche zu füllen. Die feinen Messer und die spitzen Nadeln, die scharfen und gefährlichen Dinge, die die Baroneffe fo liebte. Die Baronefsel Dr. Kircheifen legte die Tasche aus der Hand und trat ans Fenster. Ulam Singh und der Baron waren eben in das Treibhaus getreten. Aber die Baronesse war noch im ©arten. Langsam ging sie über den Kiesweg. Wie schön sie war, mit welch edler Grazie sie dahin schritt, dieses junge Weib mit dem anmutig leichten Gang eines verträumten Kindes. Dr. Kircheifen liebkoste die schlanke Gestalt mit den Augen. Jetzt begann sie rascher zu gehen; ihr Vater hatte sie gerufen. So kurz war der Weg, ein paar Schritte noch und sie mußte ihm aus den Augen sein. Wenn sie doch stehen bleiben wollte, nur eine kurze Minute lang! Doch sie stand schon in der Treibhaustür. Einen Augenblick lang noch leuchtete der Helle Fleck ihres blaßblauen Kleides im dunklen Türrahmen, ... ein letztes Auffchimmern ihres blonden Haares ... nun war sie verschwunden.
Dr. Kircheisen trat vom Fenster zurück. Das sonderbare und ganz unerklärliche Angstgefühl, das ihn schon vorher beschlichen hatte, war plötz- lich wieder da, doch stärker und deutlicher als zuvor. Die Unruhe war zu einer guälenben Traurigkeit geworden, die Sorge zu einer drückenden Gewißheit. Irgendeine dunkle Vorstellung einer furchtbaren Gefahr tauchte in ihm auf, die sich nicht in Worte [offen liefe, und der er den- noch nicht entrinnen konnte. Es war ihm mit einem Male ganz klar, daß dieses kurze Ausleuchten des blonden Haares in der dunklen Tur ein Abschied gewesen war, der Abschied für immer. „Sie wird nie mehr wiederkommen", sagte er leise vor sich hin, wie etwas, was nicht mehr zu ändern war, und wußte dennoch nicht, woher ihm diese furchtbare Gewißheit tarn. Langfam ging er aus dem Zimmer und über den
„Guten Morgen, Gnädigste." „ ... . .... . ..
Grüß Sie Gott, Doktor. Was fehlt Ihnen? Sie sind fo blaß heut.
^Wirklich? Blaß?"
„3ft etwas passiert?"
„’Rein. Mir wenigstens nichts.
„Wem denn? Am Ende ... wo ist Felix?
Der Herr Baron ist vollkommen wohlauf, beruhigte sie der Arzt.
Gang.
Es würde dann nun das alte, traurige Leben wieder beginnen, das trostlose, liebleere Dasein, das Jahre hindurch [ein Anteil am Leben gewesen war. Nein, niemals wieder würde er noch eine Frau lieben können, noch dieser einen, einzigen, die er jetzt verloren hatte. „Vorüber! flüsterte er halblaut, und der Klang seiner eigenen Stimme ließ ihn aus seinen Gedanken aufsahren.
Er stand vor dem Arbeitszimmer des Barons ... Was ist nur plötzlich über mich gekommen? ... fragte er sich verwundert ... Solch ein Unsinn' Aus eine Viertelstunde ist sie hinuntergegangen, und ich trauere ihr nach, als wäre es ein Abschied fürs Geben gewesen. Wie ist mir denn überhaupt dieser absurde Gedanke gekommen? Wer in aller Welt kann mir sie jetzt noch nehmen? Ich habe ihre Liebe, ich habe die Zustimmung des Vaters, brauche ich mehr? Sonderbar, daß man von so närrischen Einfällen am hellichten Tage heimgesucht werden kann ...
Er öffnete die Tür und trat ein. Melitta Ziegler saß fchon da und wippte sich in des Barons großem Schaukelstuhl. Sie fchien fchon recht ungeduldig geworden zu fein.
„Felix!" rief sie, als der Arzt ins Zimmer trat.
Doktor?^


