Während er anscheinend interessiert ein Witzblatt las setzte er an- aestrenat die Ohren, um etwas von dem Gespräch zu erhaschen, das in der Nachbarbox geführt wurde. Er unterschied deutlich das dunkle Organ von Caspar Fuchs und eine etwas spröde, aber nicht unangenebme weib- licke Stimme. Aber es gelang ihm nur, ein paar abgerissene Fetzen der Unterhaltung aufzuschnappen. Denn sein« Tischnachbarn führten eine sehr laute und angeregte Debatte über die

Radio ein Thema, das den unglücklichen Jensen im Augenblick nicht im Geringsten interessierte. Obgleich er natürlich brennend gewünscht hätte, das Gespräch von nebenan durch Radioübertragung mitanhoren zu a[j0, rmh er dich nicht reifen lassen mürbe", hörte er

Fuchs sagen. Und die Frauenstimme antwortete:

,9a, davon bin ich überzeugt. Er ist Überhaupt in der letzten Zeit so sonderbar mißtrauisch. Nicht mit Worten. Aber ich fühle, daß er mich beobachtet. Manchmal schickt er noch spät abends das Mädchen zu mir herauf. Unter irgendeinem dummen Vorwand. Aber ich weiß genau, datz er sich nur überzeugen will, ob ich zu Hause bin. Ich glaube, wir müssen sehr vorsichtig sein."

Glaubst du denn, daß sein Verdacht sich gegen mich richtet?

Nein, bis jetzt noch nicht. Aber wenn er einmal auch nur das aller­geringste 'merkt, sind wir verloren!" m . .

Du meinst, er hat bis jetzt nur eine vage Vermutung, nur so em unbestimmtes Gefühl, daß du einen Freund hast ja? Und das wurde er dir nie verzeihen?" _ .. .

Mir vielleicht aber dir nicht! Du kennst ihn ia. Dann wäre auf einmal die Hölle los." ,

Jensen hatte sich, zum Entsetzen seiner Tischgenossen, in einer unbe­schreiblich anstandswidrigen Haltung immer mehr an die trennenbe Wand herangepirscht, so daß er jetzt mit seiner rechten Flanke förmlich an dem Holz klebte und Wort für Wort in sich hineinsaugte. Er konnte deutlich die Erregung in Fuchs Stimme vernehmen, die sich em wenig über die Frauenstimme erhob.

Und was meinst du, würde er tun? Er kann dich doch nicht zwingen, bei "ihm zu bleiben. Und noch weniger, mich aufzugeben. Nur Geduld, Liebling! In einem Jahr, vielleicht schon früher, bin ich soweit. Dann gehen wir einfach ins Ausland und..." . .

Als wenn das etwas nützen könnte! Mr hatten ja doch keine Ruhe vor"ihm. Ach Liebster, ich weiß, es ist undankbar von mir... Aber manchmal wünsche ich mir, er wäre tot!"

Jensen zog vor Spannung beide Beine hoch, so daß er Gefahr lies, in der nächsten Sekunde hintenüberzukippen. Da setzte plötzlich m un­mittelbarer Nähe das Grammophon ein. Und der Rest der Unterhaltung ging inWotans Abschied" unter... ,

Und als diewabernde Lohe" Brünhild endlich in den Jauberschlaf gesungen hatte, war es auch in der Nebenloge still geworden. So still, daß Jensen beinahe versucht war zu glauben, die einschläfernde Wirkung des Zaubers habe auch das Paar ergriffen. Und es lieh ihm keine Ruhe mehr, sich durch den Augenschein von dieser Wirkung zu überzeugen. Er ließ wie zufällig seine Streichholzschachtel fallen. Und während er sich danach bückte, beugte er sich soweit vor, daß er dabei einen Blick in Die Nachbarnische werfen konnte. Aber mit einem wütendenVerdammt nochmal!", das nicht nur den herausfallenden Streichhölzern galt, fuhr er wieder zurück. Die Bax nebenan war leer.

Das Paar hatte sich, von ihm unbemerkt, währendWotans Abschied gleichfalls verabschiedet. Und der junge Polizeiagenk zersprang beinahe vor Aerger, als er beim Hinausgehen im Hintergrund des Lokals noch einen zweiten Ausgang entdeckte...

7.,

Kommissar Kling saß vor seinem Schreibtisch und hielt den Kopf grüblerisch zwischen seine beiden Fäuste gepreßt. Die ausgegangene Zi­garre hing ihm locker im Mundwinkel. Und der Faltenwurf seiner Stirn hatte es erfolgreich mit jeder römischen Toga ausgenommen. Er mußte schon eine beträchtliche Weile in dieser Pose verharrt haben, denn als er endlich die geballten Hände von den Schläfen nahm, war auf seiner rechten Wange die Gravierung seines Siegelringes bis ins feinste ab­gebrüht. Der Grund feines Grübelns war ein dienstliches Schreiben aus Berlin, das er soeben mit der Morgenpost erhalten hatte, und dessen Inhalt seine ganzen bisherigen Kombinationen im Falle Grau über ben Haufen warf. Diese verworrene Geschichte gab ihm täglich neue Rätsel auf. Und kaum glaubte er, einen Schritt oorgebrungen zu sein, so würbe er burch neue Komplikationen zurückgeschlagen.

Plötzlich iprang er auf unb schleuderte ben zerkauten Zigarrenstummel in bie schenschale. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Eilig sammelte er die verstreuten Papiere in einen blauen Aktendeckel und verlieh damit sein Amtszimmer.

Im selben Gebäude, nur ein Stockwerk tiefer, befand sich das polizei­ärztliche Referat. Dorthin lenkte Kling seine Schritte. Er meldete sich im Vorzimmer und verlangte, in dringlicher Sache, Dr. Butscher zu sprechen. Der Amtsdiener zuckte bedauernd die Achseln.Herr Butscher ist leider heute nicht im Dienst. Er hat sich schon gestern krank gemeldet. Dr. Morris vertritt ihn."

Das ist ja großartig", platzte Kling heraus. Aber er unterbrach sich noch rechtzeitig und war in sichtlicher Verlegenheit um eine mildernde Erklärung.Ich meine natürlich, daß gerade Dr. Morris ihn vertritt, den ich schon längst einmal sprechen wollte."

Im selben Augenblick trat Dr. Morris aus der Tür seines Sprech­zimmers. Ein noch junger Mann mit feinen und sympathischen Gesichts­zügen. Die grauen Augen hinter der schwarz eingefaßten Hornbrille hat­ten einen starken unb warmen Blick. Unb fein Lächeln strahlte so viel be­ruhigende Güte aus, daß man bie Erfolge verstanb, bie biefer kaum breißigjährige Arzt in feiner Praxis bereits zu verzeichnen hatte.

Er streckte bem Kommissar bie Hand entgegen.

Ich habe mich also nicht getäuscht, als ich Ihre Stimme zu erkennen glaubte, Kommissar Kling! Kommen Sie zu mir?"

,9a. Das heißt, eigentlich wollte ich zu Dr. Butscher. Aber offengeftan- den ist es mir bedeutend sympathischer, als ich Sie statt feiner angetroffen habe , fügte er hinzu, als sich hinter ihnen bie Tür geschloffen hatte.Denn allen Respekt vor seiner Tüchtigkeit! ich bezweifle doch sehr, ob unser braver Butscher gerabe für biefen komplizierten Fall bie richtige Instanz

gewesen wäre."

Dr Morris bankte mit einer kleinen Verbeugung für bas indirekte Kompliment und setzte sich bem Kommissar gegenüber auf bie Armlehne eines Klubsessels.Hoffentlich muß ich Sie nicht enttäuschen! Worum hanbelt es sich denn?"

Kling nahm eine Zigarette.Ach, ich bearbeite da gegenwärtig eine Sache, bie mir schon zwei schlaflose Nächte bereitet hat. Also stellen Sie sich vor: Kommt ba vor zwei Tagen ein Mann zu uns Kunstmaler e,n gebilbeter, bisher unbescholtener Mensch unb beschulbigt sich selbst,^tags zuvor in Berlin einen Totschlag verübt zu Haden. Ich stanb der Sache von Anfang an skeptisch gegenüber. Nicht, baß ber Mann einen ausge­sprochen unglaubroürbigen Einbruch auf mich gemacht hatte. Aber alles, was ich mir in meiner Praxis an Menschenkenntnis erworben habe, sprach einfach bagegen, baß biefer Mensch selbst im Affekt nun, Sie werben ihn ja gleich selbst zu sehen bekommen! Die Erhebungen hatten benn auch bas vorausgesehene Ergebnis. Es steht fest, bah der Mann, ben er ermordet haben will, noch lebt unb auch keine Spur einer Ver­letzung aufweist. Der angeblich Ermordete lehnt es ab, einen Maler na­mens Grau überhaupt zu kennen. Ferner ist sestgestellt worden, daß Grau in der kritischen Zeit krank zu Bett lag unb seine Wohnung in Stralsunb überhaupt nicht verlassen hat."

Vermutlich ein typischer Fall von Pseubologia phantastica" warf der Doktor nachbenklich ein.Das war anfänglich auch meine Ansicht. Ader hören Sie weiter! Ich nehme mir also biefen Grau noch einmal vor. Verhöre ihn kreuz unb quer. Unb springe ihm mit ber Tatsache ins Ge­sicht, baß wir ihm auf ben Schwinbel gekommen finb. Sr beftegt aber trotzbem hartnäckig aus seiner Behauptung. Er schilbert die ~at mit allen Einzelheiten unb gibt auf Befragen sogar eine genaue Schilberung bes Tatortes!"

Die natürlich ebensowenig stimmt, wie ...

Halt!" Kling schnitt ihm das Wort ab und ließ dann eine bedeu­tungsvolle Pause eintreten, wie ein Kartenspieler, bevor er einen Trumpf ansagt.Im Gegenteil, mein Lieber diese Beschreibung stimmt! S^ar haargenau. Bis ins einzelne bis bis auf das Tapetenmuster! 5)ter haben Sie den Berliner Bericht. Vergleichen Sie den Wohnungsplan mit ber Skizze Graus! Was sagen Sie bazu?"

Dr Morris schüttelte verwunbert den Kopf.Das ist allerbings merk- roürbig! Der Mann muß boch in biefer Wohnung schon einmal gewesen

Darüber besteht kein Zweifel! Aus ben Fingern saugen kann man sich berartige Angaben nicht. Unb selbst angenommen, er hatte seine Kenntnisse ber Oertlichkeit von einer britten Person bezogen, ober er hätte sich gelegentlich einmal ben Zutritt verschafft, man imiß eine Wohnung schon sehr genau kennen ober eine nicht alltägliche Beobach­tungsgabe besitzen, um sich Nebensächlichkeiten zu merken wie ein Tapeten­muster ober bie genaue Stundenziffer, auf ber eine Uhr stehengeblieben ist?

, Unb beshalb, lieber Morris, neige ich zu ber Vermutung, baß sich hinter ber Geschichte irgenbwas verbirgt. Was, ist mir allerdings vor- läufig noch gänzlich schleierhaft! Aber mein Instinkt hat mich nach selten getäuscht, wenn er irgendwo Unrat gewittert hat. Die Berliner Krim,na - polizei verhält sich ablehnend und legt mir nahe, die Sache sollen zu las­sen. Aber jetzt fängt sie erst an, mich zu reizen!" .

Das kann ich verstehen. Kompliziert genug scheint sie zu sein!

"Ich möchte Sie also bitten, lieber Doktor, sich den Mann einmal an- zusehen unb ihn auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Sehr wahr­scheinlich ist er erblich belastet. Die Mutter ist im Irrenhaus gestorben.

Woburch allerbings seine minutiöse Lokalbeschreibung auch noch nicht

erklärt wäre." , . , . ,

Gewiß nicht. Aber mir kommt es zunächst einmal daraus an, zu hören, ob unb bis zu welchem Grabe biesem Menschen überhaupt em derartiges Verbrechen zuzutrauen ist. Ich bin neuerdings in diesem Punkt wieder schwankend geworden. Beim letzten Verhör erweckte er doch den Eindruck ungewöhnlicher Reizbarkeit, so baß man ihn unter gewißen Umständen vielleicht schon einer Affekthandlung fähig halten konnte. Außerdem knüpfe ich an Ihre Intervention noch eine bestimmte Hojf- nung lieber Morris. Nämlich die, daß es Ihnen vielleicht gelingt, diesen Grau zu größerer Mitteilsamkeit zu bewegen." Er reichte Morris bie HanbIch lasse Ihnen ben Akt da. Außerdem stehe ich Ihnen telephonisch jederzeit zur Verfügung, falls Sie über irgendeinen Punkt noch Infor­mationen wünschen."

Morris begleitete den fiommiffar zur Tur und machte sich dann sofort über ben Inhalt des blauen Aktenbeckels. Nach Ablauf einer halben Stunbe gab er telephonisch ben Auftrag, ben Unterfudjungsgefangenen zu ihm zu bringen. Unb bald daraus stand Donald Grau ihm gegenüber.

Der Arzt war sich schon nach ein paar einleitenden Fragen darüber klar, daße er es mit einem ausfallend sensiblen Typus zu tun hatte und bei seiner Psychoanalyse alles würde vermeiden müssen, was in bem Patienten auch nur das leiseste Mißtrauen erwecken könnte. Er beschloß, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen unb ber Situation zunächst den Charakter einer rein physischen Untersuchung zu geben. In deren Verlauf hoffte er dann sich durch geschickte Zwischenfragen an bie Psyche bes Mannes heranzutasten und sich ein Bild von seinem Geisteszustand

zu verschaffen.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.