SMnerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <933
Zreitag, -en ^8. August
Nummer 65
Schicksal.
Von Wilhelm Raabe.
Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen lassen;
Schmerz wie Gewinn erhältst du Stuck um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.
Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und Haiti ... da liegt der bunte Tand: Und klagen müssen nun, die eben lachten.
Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und meinen über den zerstreuten Stücken.
Oer dreifache Herr Siller.
Von Franz Karl Wagner.
Nach der Revolution und besonders in den Jahren der großen Inflation bestand auch für viele Angehörige von fürstlichen Familien die Gefahr einer sehr ungewissen finanziellen Zukunft. In diese Zeit fiel ein Kriminalfall, der erst mehrere Jahre später durch die zähe Ausdauer fines Berliner Polizeikommissars aufgeklärt wurde.
Ein deutscher Herzog, einstmals Besitzer eines ganz bedeutenden Bar- »ermögens, sah sich durch die rapide Markentwertung genötigt, seinen Familienschmuck zu verkaufen. Da es sich um Millionenwerte handelte, war es nicht leicht, einen Käufer zu finden. Nach langen Verhandlungen tam endlich zwischen dem Herzog und einer Amsterdamer Diamanten- chleiferei ein Abschluß zustande, die deutsche Regierung erteilte die Aus- uhrbewilligung, und eines Tages erwartete der ehemalige Hofjuwelier, lei dem der Familienschmuck deponiert war, den Vertrauensmann der niederländischen Firma.
An diesem Tage nun wurde dem Kommissar Dr. Erich Müller vom Berliner Kriminalamt ein Herr gemeldet. Er war ungefähr vierzig Jahre :lt, hatte schon stark ergrautes Haar und einen ebenso melierten Spitz- 6art. Der dunkle Anzug verriet einen erstklassigen Schneider.
„Mein Name ist Daniel Siller, ich bin der Vertrauensmann der Am- jerbatner Großschleiferei Grabbe & Sohn, Herr Kommissar, Sie werden n wissen, daß unsere Firma die Juwelen des Herzogs von I. gekauft hat. Sitte, hier sind meine Papiere."
Dr. Muller prüfte Paß, Legitimationen und Empfehlungsschreiben, unterzog seinen Besucher einem Kreuzverhör, und als dieser die Feuer- | >robe bestanden hatte, fragte er: „Also, mein Herr, was wünschen Sie ton der Polizei."
„Nur eine kleine Gefälligkeit ihrer geschätzten Behörde," lautete die lebenswürdige Antwort. „Sie werden verstehen, daß ich zu größter Vor- scht verpflichtet bin. Leider hat die Oeffentlichkeit vorn Berkaus der f Zweien schon durch die Presse erfahren... und ich gestehe offen, ich fühle "lief) etwas beunruhigt..."
Kriminalkommissar Müller unterbrach seinen Besucher: „Ich werde ftinen zwei Kriminalbeamte für die Dauer Ihres Berliner Aufenthaltes 3-ir Verfügung stellen."
„Ausgezeichnet, darum wollte ich Sie eben bitten, Herr Doktor. Ich ^übernehme die Juwelen morgen um neun Uhr vormittag und fahre dann 1 If fort zur Bahn. Mein Zlltz geht um 10.30 Uhr. Wenn mich Ihre beiden Herren um 8.30 Uhr im Hotel Adlon erwarten würden, wäre mir dies ichr angenehm."
„Wird alles pünktlich veranlaßt", sicherte Dr. Müller zu und geleitete §errn Siller zur Tür.
Knapp vor Amtsschluß wurde dem Kriminalkommissar wieder ein Herr gemeldet. Es war Herr Siller, der diesmal mit allen Anzeichen un- Nheuerer Erregung in das Bureau stürzte.
(„Was ist denn geschehen?" fragte Dr. Müller mit der unangenehmen Vorahnung kommender verwickelter Ereignisse.
Stoßweise berichtete Herr Siller: „Ich bin der Vertrauensmann der liamantenschleiferei Grabbe & Sohn und komme im Auftrag meiner i'irma, um die Juwelen des Herzogs nach Amsterdam zu bringen. Nach j «i?1 Kassieren der deutschen Grenze war ich so unvorsichtig, von einem * "-streifenden eine Zigarette anzunehmen Herr Kommissar, man hat mich - "i taubt, man hat mir den Paß und meine Legitimationspapiere ent
wendet, ein Schwindler will sich die fürstlichen Juwelen aneignen Helfen Sie mir!"
„Aber...," wollte Kommissar Müller einwenden, doch er schwieg noch Zur rechten Zeit und besah sich den zweiten Herrn Siller genauer. Die Ähnlichkeit mit dem Hochstapler, der ihm noch vor kurzem hier gegen- übersah, war verblüffend. Erst bei eingehenderer Betrachtung stellte Dr. Müller fest, daß der zweite Herr Siller der wirkliche fein mußte, doch unterließ er nicht, Haar und Bart seines Besuchers zu kontrollieren.
„Alles echt!" stöhnte dieser.
Kriminalkommissar Dr. Müller ließ sich mit dem ehemaligen Hof- juroelier verbinden und unterrichtete ihn von dem geplanten Betrug. Dann entsandte er eine Gruppe von Detektiven zur Verfolgung des Verbrechers. Außerdem meldete er ein Gespräch mit Amsterdam an, und Silier mufete zuerst mit seinem Chef sprechen, dann ergriff Dr. Müller [elbft den Hörer und verschaffte sich Gewißheit, daß er nicht abermals einem Schwindler aufsaß. Als endlich alles in Ordnung war, sagte er zu Herrn Silier: „Ich werde Sie selbst zu dem Juwelier begleiten, offenbar besteht tatsächlich der Plan, den Familienschmuck des Herzogs zu stehlen."
In der Privatwohnung des Juweliers fand die Uebergabe der kostbaren Schatze statt. Herr Siller verpackte die Juwelen in einem Futteral aus weichem Leder, bas er sich unter der Weste über den Hüften anschnallte.
„Lassen Sie sich eine Thermosflasche mit schwarzem Kaffee aus dem Speisewagen kommen," belehrte der Kriminalkommissar Siller, als sie im , zum Bahnhof fuhren, „und benützen Sie womöglich ein stark be- fttztes Koupee. So sind Sie vor Attentaten sicher."
Herr Siller, dem man ansah, daß er von seiner Mission absolut nicht begeistert war, versprach, alle Ratschläge genau zu befolgen. Und als sich ber Zi^ in Bewegung setzte, winkte er noch bem liebenswürdigen Beamten »er Kriminalpolizei mit dem Taschentuch zu.
Am nächsten Tag erschien bald nach dem Eintreffen Dr. Müllers im Amt eine Ordonnanz. „Herr Kommissar möchten sofort zum Polizeipräsidenten kommen!"
211s Dr. Müller das Zimmer seines Chefs betrat, blieb er wie angewurzelt stehen: Er erblickte einen ungefähr vierzig Jahre alten Herrn mit schon stark grau meliertem Haar und einem Spitzbart. Er trug einen lichten Reiseanzug von elegantem Schnitt.
»Ich stelle Ihnen hier Herrn Daniel Siller vor, den Vertrauensmann der Amsterdamer Diamantenschleiferei Grabbe & Sohn. Herr Silier ist gekommen, um den Familienschmuck des Herzogs von X. zu übernehmen. Veranlassen Sie, daß zwei unserer besten Leute den Schutz Herrn Sitters übernehmen."
»Nein," schrie Dr. Müller, „nein, das ist nicht Herr Siller..., das ist ein Schwindler...!" Und ehe sich der dritte Herr Siller noch wehren konnte, hatte ihn Kriminalkommissar Müller gepackt und wollte ihm die falsche Perücke und den angeklebten Bart herunterreißen.
Aber der Vertrauensmann der Firma Grabbe & Sohn begann so fürchterlich zu brüllen, daß Dr. Müller schließlich von der Echtheit seiner Haartracht überzeugt sein mußte. Fassungslos und auf allen Linien geschlagen verließ der Kriminalkommissar das Bureau des Polizeipräsidenten. Wenige Tage später wurde er wegen gröblicher Vernachlässigung im Dienste entlassen.
*
Dr. Erich Müller grübelte wochen- und monatelang über sein Mißgeschick nach, und vor allem über das Problem, wieso es möglich war, baß sich der Doppelgänger des echten Herrn Silier so täuschen konnte. Auch das Telephongespräch zwischen Herrn Sitter und seinem Amsterdamer Chef rief er sich immer wieder ins Gedächtnis zurück. Wieso war es möglich, daß sich selbst die Herren Grabbe & Sohn hineinlegen ließen? Dr. Müllers Recherchen, die er mit großen Zeit- und Geldopfern einleitete, waren jedoch vergebens. Die Juwelen des Herzogs blieben verschwunden. Aber Dr. Müller ließ sich nicht unterkriegen, er gründete ein Privatdetektivbureau, das sich mit der Zeit eines sehr ansehnlichen Rufes erfreute.
Drei Jahre später erschien eines Tages bei einem Juwelier in Monte Carlo ein Herr, der einen ooalgeschlisfenen Smaragd verkaufen wollte. Es war ein sehr wertvolles Stück, aber die Juweliere in Monte Carlo sind daran gewöhnt, daß sich auch reiche Leute in plötzlichen Geldverlegenheiten befinden. Nach einigem Herumfeilschen war der Verkäufer des Steines mit einem Preis von einhundertfünfzigtausend Francs einverstanden. Doch als der Juwelier eben der Kasse die Banknoten entnahm, betraten mehrere Herren in Zivil das Geschäft, und im Augenblick war der Besitzer des Smaragdes festgenommen. Eine Viertelstunde später gab es auf der Hauptwache von Monte Carlo eine dramatische Szene.
„Drei Jahr« habe ich gebraucht," sagte Dr. Erich Müller zu dem Gefangenen, „bis ich Sie erwischen konnte, und ich muß gestehen, beinahe hätten Sie die Früchte Ihres Trick', genießen können. Wir glaubten natürlich alle, daß es einen echten unO zwei falsche Daniel Siller gegeben hat, in Wirklichkeit aber gab es stets nur einen Herrn Siller, Vertrauensmann


