Steiermark hat ja der Friede samt ihren deutschen Städten und sonstigen deutschen Enklaven an das südslawische Reich angeschlossen. Den Uebergang dorthin spürt man, ähnlich wie am Niederrhein schon die holländischen Motive neben die rheinfränkischen treten — oder wie seinerseits das Deutsche und Steirische weit hinunter ins slowenische Land reicht.
Noch eine andere Bewegung geht durch das Land und hat es geformt,- ihre Zeichen sind noch fühlbar, ob auch die neuere Zeit durch die geänderten Verkehrsmittel manches davon außer Kraft setzt. Wir nannten den Namen Eisenerz. Nichts andres nennt der altberühmte Bergwerksort, als was er erzeugt. Und ist der Name schön, so ist der Ort von eindringlicher Majestät. Zwischen unwirtlich starrenden Bcrgriesen lagert da der Erzberg: der Sinn dieses Talkessels ist die riesige rötliche Stufenpyramide seines Tagbaus, ein grandioses Lebewesen aus einer Vorzeit, redend gemacht durch die Arbeit von Menschenhand. Deutsche Bergleute waren es, die hier im Mittelalter den Bergbau begannen. In vorgeschichtliche Zeit dagegen reicht die Salzgewinnung in der berühmten Landschaft des Salzkammerguts, an dem ein westlicher Winkel der Steiermark, das „Außeer Landl" Anteil hat. Wieviel an Leben bedeutet aber Erz oder Salz für ein Landl Und während der Verlagsort des Eisens, die Stadt Steyr, die der ganzen Mark den Namen gab, draußen nördlich vor der Grenze blieb, weisen im Lande häufige Namen darauf hin, welche Verkehrswege die gewonnenen Güter genommen: da gibt es Eisenstraße und Eisen- patz, oder Salzsteig, Salzstraße, Selztal. Noch stehen alte Eisenhämmer und Sensenschmieden da und dort im Land, ob auch das Zeitalter der Maschine dem alten Handwerk fast durchweg ein Ende bereitet hat, und seine Denkmäler, Brunnen aus Schmiedeeisen oder Kirchentüren mit köstlicher gotischer Ornamentik gepanzert, findet man in kleinen Landstädten oder im Museum in Graz, einen überguellend reichen Formenschatz von Türbänöern und -griffen, Schlössern und Schlüsseln sowie Eisengerät aller Art, wie es einst dem Alltag diente. Wir sind in der „ehernen Mark".
Sie heißt auch die „grüne Steiermark", und es sind die Berge mit dem festen Mantel ihrer Wälder und die smaragden leuchtenden Almen und Wiesen, die ihr diesen Namen gegeben haben. Uralt deutsches Bauernland ist es, in dem wir. hier sind,- so hoch der Boden nur etwas tragen will, ziehen sich die Bauernhöfe an den Berglehnen empor, und unwillkürlich sinnt der Wanderer, der Reisende der Betrachtung nach, in welch großer Einsamkeit und Abgeschlossenheit ihre Bewohner hausen mögen. Aber wer hier geboren ist, den umgibt gesellig und erwärmend die bestimmte Lebensform, die man bäuerliche Kultur nennt. Ihr Brauchtum ist in der Steiermark unzerstört. Ihm zu guter Stunde zu begegnen, wird dem, der sein Volk, und dem, der Europa liebt, ein großes, ein tröstliches Erlebnis sein. Noch ist trotz aller gleich- machendcn Einflüsse in Lied und Tanz, in Tolksspiel, -tracht und --fest echtes Volksgut überall zu finden.
Das steirische Bauernhaus hat seine besondre naturgcwachsene Form. Nur den Anblick heiterer, blitzblanker, herrenmäßiger Ansitze, wie in den westlichen Alpenländern, wie in der Schweiz, in Tirol, wird man hier nicht suchen dürfen. Das steirische Bauernhaus ist das unscheinbarere, naturhaftere und ärmere der Geschwister. Vergessen wir nicht, wir sind am östlichen Rand der Alpen, wir sind dem Osten näher, dem wirklichen Osten. Dieser wirkliche Osten aber, dessen einstige Kriegszüge das Land hart Mitnahmen, hat eine innerliche, und man weiß: eine religiöse Beziehung zur Armut. Armut ist im Osten nichts was schändet und was man zu verbergen strebt. Sie hat gottgegebene Berechtigung und deren Ausdruck. Ich sage das für den Orient und nicht für die Steiermark, die selbstverständlich stattliche und reiche Vaueranwesen in Fülle hat. Aber ich sage es, daß man diese Verfärbung nach dem Osten, welche durch die Gebiete gleicher geographischer Länge durchgehend wahrzunehmen ist, richtig zu sehen vermag. An Stelle des Blinkenden und Herrschenden tritt hier ein inniger, ein träumender, ein seelenvoller Ausdruck. Ein Bauernhaus dieser Art gibt es, das der Fühlende nur mit tiefer Rührung sehen wird. Es ist das Geburtshaus des Dichters Peter Rosegger. Es steht nicht sehr weit vom Semmering, im östlichen Teil der Steiermark, und ist es eines der ärmsten, welch einen Ausdruck hat es, welch liebes Dreinschauen, welch stille unbewußte Herzlichkeit! Es ist eben auch kein Zufall, daß aus solchem Hause einer hervorging, der diesem Bauerntum, diesem besonderen Stamm des deutschen Volkes, tiefer, echter Ausdruck wurde. Denn das ist Rosegger. Unveraltet steht das in den Bänden seiner Erzählungen, welche „Walöheimat" überschrieben sind. Was darin Innigkeit ist und was Schalkhaftigkeit, ist in seiner besonderen Mischung wirklich steirisches Wesen. Nichts an diesem Mann war Zutat, Zufall, Künstelei, und so bleibt er unschätzbar. Er hat sein Leben allein von seinem eigenwilligen Innern heraus entwickelt, nnd es ist so bezeichnend: Wien bat ihn nie gelockt. Er blieb seinem Lande trat, blieb in seiner Waldheimat und in Graz, der schönen Hauptstadt: die ja freilich groß genug und mit einer bedeutenden Universität, mit regem Theater- und Musilkcben und vielfältigen Bildungsstätten auch verwöhnten geistigen Ansprüchen vollauf zu genügen weiß. „
Graz zählt zu den schönsten Städten des deutschen Südens. Gelagert im Grün wie eine Gartengesellschaft, läßt sie ihre ganze Ausdehnung leicht unterschätzen. 'Die ältesten dichten Teile der Stadt schließen sich um den großen Felsbrocken des „Schloßbergs", der durch seine besondere Lage, einzeln inmitten der Ebene, wobl den zwingenden Anlaß zur Stadtgründung gab. Einst Festung, ist er jetzt ein einzigartiger Park, voll entzückender Fernblicke und voll Idylle, ein Mittelvunkk idealen Naturgenusses in der Stadt, die ihren unvergleichlichen Reiz eben darin hat, baß sie neb--n das Bild geschlossener prächtiger Architektur vor allem aus älterer
Zeit allenthalben unberührte Natur zu setzen vermag und ssch aus diesen beiden Elementen ihr prächtiges Gewand webt. So hat Graz sehr viele dauernd festgehaltcn, die es besuchten und seine Eignung zu einem kleinen Paradies begriffen. Aber wer die Steiermark nur einigermaßen kennt, der ist längst inne geworden, daß sich, in ihre Berge gebettet, solche kleinen Paradiese in nicht zu geringer Zahl finden, von Nord zu Süd herab,- von dem zaube- rtschen Autzee und seiner geräumigen Talmulde an, die als ein Bild des Friedens von grünen Matten und Seespiegeln glänzt und in die der Dachstein mit ewigem Eisfeld fernher hereinsteht,- dem hohen grünen ebenen Boden der Ramsau zur andern Seite des Dachsteins mit seinem besonderen adeligen freien Menschenschlag bis zu den Weinhügeln im steirischen Süden, die wie ein aufgestelltes Bilderbuch der weiträumigen und vielgestalteten Welt den Beschauer umschließen. Aus dieser Landschaft sei erzählt, welchen Gesundheitsstand eine Gemeinde, die aus drei Ortschaften besteht, in einem Vierteljahr aufzuweisen hatte. Im Januar war kein Todesfall zu verzeichnen, im Februar starb ein Jubelgreis, im März gab es ein totgeborenes Kind. Es ist allzu verführerisch, diesen Bericht zu zitieren: da er günstiges Leben für Menschen dort erhärtet, wo es uns mit schöner Landschaft schon den reizenden Schein davon darbot.
wiesele.
Die Geschichte eines kleine« Pferdes.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
(Nachdruck verboten.) lFortsetzung.)
Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt war, mußten aus dem Stall treten und wurden am selben Tag fortgeführt ans Bahnhöfchen.
Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken tonte, schürfte mit seiner Nase oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte sie unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch der Kopf streckte es von sich und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, bas an der Eisenstange festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen geschlafen.
Der Fuchs konnte sich nicht legen, denn er hatte Hufeisen an, die schon recht glatt gelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glitt er aus, schnellte vor Aufregung und Angst immer wieder in die Höhe.
Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den dunklen Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten Vorderbein ästelte eine Ader, dick wie ein Bauernöaumen, nach oben und unierm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt, von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich unter dem schmalen Zehengelenk, wie ein Brückenbogenansatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinklig zur Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des Riesele.
Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchsen Hals! Es durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es durfte an der kurzen Mähne, die äußerst zerzauselt, bald nach links, bald nach rechts herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge herumschmecken.
Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kops herum: es biß mit seinen Zähnchen an den festen Nüstern, es schabte mit der Nase seitlich an die sehnigen Backen.
Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!
Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt, das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zeltdächer und sahen hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, ohne zu beißen.
Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit bunten Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten.
Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchsen Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hasteten seine Augen an den grellen Farben der Holztafel.
Niesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder das Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals streichelten und seinen Rücken, fei es, daß das Kerlchen von dem, was auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den drei Kleinen zu fvielen. und daß es also ungeduldig war, hier angekovvelt sich beaassen lassen zu müssen!
Eine Sacktür öffnete sich! Niesele ward hineingezogen der Fuchs kam hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden,-


