| Hellheiten und Dunkelheite Trikolore der kleinen Fah I finhunn drei neuer Graus
Paris (19. November 1909): Paris würdest Du sehr erkennen, so wie es jetzt aussieht: mit einer plötzlichen gelben Sonne zwischen halb acht und halb neun und von da ab immer grauer, Grau vor Grau und Grau durch Grau gesehen. 3d)' machte eben einen schnellen Weg nach den gro- tzen Boulevards, solange die Himmel noch nicht ganz zugegangen waren: das war unbeschreiblich schön; die Stüdte-Statuen an den entlegenen Ecken der Place de la Concorde gaben Mitteltöne ab zwischen der seinen Helligkeit der Dinge und des Raumes und den Bronzemitten der beiden Fontänen in denen das flache Wasser sich in kleinen, knittrigen Falten rührte um sich noch zu fühlen vor dem Einfrieren. Die einander engegen- gebäumten Steinpferde beim Eingang der Tuileriengärten sahen schwer aus und winterlich unter dem vielen opalen Himmel, und die Baume dahinter hatten schon den violetten Nebenton eines Wintertages. Rechts an der „Strasbourg" nahmen die Kränze und Blumenhaufen merkwürdige Hellheiten und Dunkelheiten an, die nicht mehr Farben waren, und das Xhlu.vk. F„hnen war nur noch wie die eben gemachte Er
findung drei neuer Graus, das Aeuherste, was, nach drei verschiedenen Seiten hin, im Grau zu leisten war. Die Avenue der Champs-Elysees slotz langsam und unsicher auf den Platz zu, und nur, wenn man sich wandte, sah man hinten, als Letztes im Ungewissen, die goldenen Rosse des Pont Alexandre III. ihre Flügel ausreihen.
JW; M
Städte-Bilder.
Aus neuen Briesen von Rainer Maria Rilke.
Die ausgereiftesten und bekenntnisreichsten Dichtungen Rilkes aus der Vorkriegszeit find in den Jahren 1907 bis 1914 entstcmden. In das Ringen um diese Werke sührt uns der neue Band „Br efe aus den Jahren 1907 bis 1914" ein, der Insel-Verlag erscheint. Bald in tiefer Einsamkeit, bald in weiten Reisen sucht der Dichter Sammlung und Anregung, und die Eindrücke aus seinen Fahrten formt er bisweilen in unnachahmlichen Schilderungen, wie sie nur ihm gelangen. Wir stellen hier einige dieser Bilder zusammen.
Wien (9. November 1907): Hier ist merkwürdig mit dem Menschensehen und mit allem; es ist so, daß es mich völlig unvorbereitet s.ndetz nicht das geringste davon kommt bis zur Sagbarkeit: so> wenig; kann: ich noch bewältigen; daß da eine Stadt ist, eine alte, ihrer selbst fufjere eigene Stadt, die sich um mich begibt, die dasteht mit ihren uralten Kirchen und Häusergruppen, die mit ihren Brücken zwanzigma über den ZU kleinen Fluß und seine Kanäle hin und wieder geht, die mit Menschen strömt, mit raschen Wagen fährt, mit Wagen, die auf dem Asphalt lauüos um.in« Ecken biegen, ein rasches Getrappel vor sich her e,n ganz leichtes Hufi ausklingen rasch und vielfach durcheinander gesetzt, wie beim klöppeln die Hölzer; eine Stadt, in der alles anders ist, als man es kennt, ohne daß dieses Anderssein im Sichtbaren liegt; es schwebt vielmehr nur wie eine alte Verabredung, wie eine nicht abgestorbene, mündlich weitergetze- bene Tradition um das Vorhandene und legt auch das Weiteste noch intim und irgendwie unerwartet aus: sagt du zu ihm, nennt es, kennt es, richtet sich danach ein, macht es populär, zieht es in die Gewohnheit hinein (während Paris alles draußen laßt), geht mit >hm um wie mit Täglichem, gibt sich gutmütig und treu damit ab —; da ist diese «tabi, und man ist nicht imstande, mit einer Andeutung zu geben was diese alten Gassen so besonders, diese Plätze so altmodisch, die alte^ Hofburg; mit ihren Höfen zu zeremoniell und umständlich, die Ringe |o gtanjenb bt<! ® o ausführlich, die barocken Brunnen so unentbehrlich und die Marien äulen so angeboren macht: und doch ist der Zusammenhang und das Dasöin von alledem bis zum Geruchwerden hin verdichtet; man empfindet es, wie man in der Kindheit einen Bäckerladen, einen Schlachter oder eine Koloninl-Handlung empfand: so ganz mit sich selbst durchdrungen an iebft Stelle kenntlich unb in jebcm Kennzeichen mit allen Sinnen zu fassen: auch hier ist Atmosphäre entstauben, von innen ausgestrahlte unb ausgebunkelte Umgebung, in ber bie Leute zu Hause sind unb bie man als Frember mit jeder Bewegung teilt, abwehrt, anruhrt, kostet. —
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Straßburg (5. September 1909): Von Paris kommend, bin ich nur einen Vormittag dort gewesen; aber ich habe ihn zeitig begonnen unb hab mich viel umgesehen; unb wenn Sie mich nach manchem nicht weiter Berühmten unb Intimen fragten: einer Ecke, einem Ausblick von ber Schloßterrasse ober nach einem gewissen Brunnen aus bem „Neuen Fisch- martt" — ober was sonst es sei —: ich würbe auch da nicht ohne Zustimmung unb Auskunst bleiben. Dann hab ich immer wieder bas ungeheuere Münster umkreist, hab mich vor ihm in ben engsten unb ältesten Gäßchen versteckt, aber auch da, überall am Ende eines jeden, wuchs es wieder auf und war da, vor einem, über einem: über allem. Unb gleich barauf erfuhr ich bie Stärke seines Anstiegs nach auf eine anbere Art: müffel’ qenb in ber engen gebrehten Treppe; beim auch bazu hatte ich Zeit, Zeit, bie Stabt mit ben zusammengeschvbenen Schuppenbachern unb bas ebene Lanb weithin zu überschauen; Zeit, im Raum unter ber Wolbum, bes vollendeten Turmes bie Uhr elfmal schlagen zu sehen unb ben alten Turmwächter, ber ihr elfmal nachfchlug auf einer anberen Glocke, ganz wie sie, in gleichen, sichern Zwischenpausen. Zeit, bie in die Bausteine geschnittenen Namen zu lesen: Goethes, ber Stolbergs unb manches anberen aus 1770.
Benebig (20. November 1907): Fast scheint mir dieses Beliebig schwer zu bewunbern; um zu lernen, ist es von Anfang an. Aschen steht sein Marmor, grau im Grauen, licht wie ber veraschte Raub eines Schei- tes ber eben noch Glut war. Unb von welcher unerklärlichen Auswahl ist bas Rot an Mauern, das Grün cm Fenfterläben; maßvoll unb doch nicht zu übertreffen; vergangen aber von einer Fülle ber Vergänglichkeit; blaß aber wie jemanb blaß wirb in ber Erregung. Unb bas alles nicht von einem Hotel aus; von einem kleinen Haufe, mit alten Sachen, zwei Schwestern unb einer Magd; vor dem jetzt bas Master liegt, schwarz unb glänzenb, ein paar Segelschiffe, in benen bie Taue knarren; unb in einer Stunbe muß ber volle Monb herüberkommen von ber Riva her.
halbes Psunb weißen Käse, drei Kopf Salat unb noch einiges andere. Der Doktor knallte ihr die Sachen auf ben Ladentisch, sah sie unfreunb- lidi an unb fcatc ba5 (Selb in bie 5t(ifte. stq;«
1 Draußen gleich an ber Tür würbe sie in Empfang genommen. „Wie kannst du zi? diesem Menschen eintaufen gehen! Schreibt er bir etwa. Haßt du ihn geküßt? Ist da fönst etwas vorgegangen?
„Nichts. Das ist doch immerhin ein studierter Mann, unb man sollte M'"Das"wäre"ja noch schöner. Feiner Doktor Ein Mann mit Mitleib! Ein"Mann, ber mit dieser Zeit nicht fertig wird.
„Ach Mutter, heute hat jeder feine Sorgen.
„Von jetzt ab wird auf dich aufgepaht, Trudchen, ich lasse dich keinen ^^Änton" stand h^n?er"i,ie Ladenscheibe geduckt, verstehen konnte er nichts bie Gesten unb wütenden Blicke genügten zu vollem Verständnis der Szene. Um das Fräulein Hugendubel kümmerte er sich nicht, er stand zu ihr nicht in der,losesten Beziehung.
Aber es ist wahr, er hak sich in schlechte Gesellschaft Gegeben. Täglich sah er viele Stunden in einer Kneipe, deren Wirt auf drangen seiner stellenlosen Kunden viele Zeitungen der Umgebung unb k>er Großstabte hielt Dort mußte man natürlich etwas trinken. Die Witwe Wagenschanz sah Halbwegs ein, baß er bie Stellenangebote lesen mußte unb ließ f)änberingenb zu, bah er sich Selb für feine Stammkneipe aus ber Labenkasse nahm. In Antons Kneipe erschien gelegentlich ber alte Tischler Groth, ein Mann von Lebenserfahrung, über sechzig, lieh em f>eUes ober einen Doppelkümmel für Herrn Wagenschanz bringen unb sprach kluge Worte. „Der Härr Doktor wirb boch nicht gleich die Flinte ins Korn werfen? Auf Regen folgt Sonnenschein. Aller Anfang ist schwär. Prost.
Es fanb sich vor ben Zeitungen biefer Schänke ein Kreis junger öeute ein zu Herrn Doktor Wagenschanz stieß ber Lehramtskandidat Kiesel- bach, überlang unb klapperig, er ah säst nichts, trank viel unb trug em unruhiges Vogelgesicht über ben hageren Schultern. Dieser las schon längst keine Stellenanzeigen mehr, da er seit fünf Jahren auf em Lehramt wartete; er schrieb gegen mäßiges Honorar die wunderbarsten Liebesbriefe für solche, bie es nicht selber konnten, bie Köchin bes Regierungs- Präsidenten war genau fo seine Kundin wie der Schornsteinfeger, dem diese Briefe galten unb ber vom gleichen Autor bie Antwort schreiben liefe. Mit biefen Einkünften unb einer geringen Unterstützung hielt Kiefelbach ganz schön burch". Er konnte alles schreiben, was man von ihm verlangte: entrüstete „Eingesandts" an die Stadtzeitungen, Eingaben an die Behörden, er erledigte Beleidigungsklagen ohne den Richter, er verfertigte Segen feste Taxe Gedichte zu allen denkbaren Familiensesten, Bewerdungs- hreiben, er schrieb gute Inserate für kleine Kaufleute, Warenbestellungen — ein Mann der Feder, mit fahrigen, wilden Gesten, aber tüchtig, gewandt und voll biffigem Humor, und obwohl er an überhaupt keinem Platze stand, fühlte er sich mit Recht als einen Faktor des öffentlichen Lebens.
Biefer Mann wurde Antons Tischkumpan in der Kneipe der Erwerbslosen, ein gar nicht so übler Geselle, besten Lebenswandel lehrte, daß man sich eigene Wege ins Gestrüpp schlagen muhte, ganz gleich wie und wohin. Seit Jahren schon bemühte sich Kieselbach um eine „Schwatzbudenkanbl- batur", ganz gleich wo, Stabt, Lanb- ober Reichstag, Überall bekam man Diäten. Zwar versperrten ihm überall bie Bonzen ben Weg, aber ba er bei ber vorigen Wahl bie Ausrufe schlechthin sämtlicher politischer Ortsgruppen unsrer Stadt versaht hatte, unter Diskretion (und jeder flammend im Feuer echter Gesinnung), so konnte ja noch allerhand aus ihm werden.
Sein Auftreten ist wichtig in Anton Wagenschanz' Leben. Denn Kieselbach zerbrach mit einem lose hingeworsenen Wort das Gebäude mühsam gestützter Zuversicht. „Keinen Zweck, mein Herr. Nischt zu wollen. Bei uns arbeiten die Maschinen. Auf allen Plätzen sitzen die Platzhalter."
„Aber der Stak muh doch sorgen, dah wir unser Lebensrecht erhalten." „Der Staat", sagte Kieselbach mit weiser Lippe und bestellte den dritten Likör, „ber Staat ist bazu ba, um für jede einfache Sache sieben Akten anzulegen, er verordnet, vernimmt, stellt fest, registriert, zieht in Erwägung und macht sich wichtig, wo er kann — er regelt ben Verkehr auf ber schiefen Ebene, ber sowieso zwanglos nur in einer Richtung erfolgt. Wenn Sie zum Staat gehen, bann finb Sie nicht Herr Doktor Dingsda, ein Mann mit Kenntnissen, Seele, Ausbildung, Privatwünschen, bann finb Sie sofort ber „prisonnier de la paix" Nummer founbfyviel."
Gefangener bes Friebens! Gefangene können fllehen, sagte sich Anton im Augenblick, in bem er biefe Gefangenschaft begriff, — aber bas war der letzte rebellische Gedanke für eine lange Zeit, und bevor er ihn ausführte, muhte er tief hinunter ins gestaltlose Schicksal dieser Gesangenschaft.
Er lieh sich vollkommen fallen und fiel ins Bodenlose. Von dieser Stunde ob schrieb er keine Bewerbungsbriefe mehr, vier Monate, zehn, ein Jahr. Es war eine seltsame Zeit. An Antons unb Kieselbachs Tisch setzten sich Kameraden vom gleichen Los. Otto Gambel, Elektromonteur, ein fixer, blonder Junge mit scheuen Augen, der nirgends zu Hause war, Alois Fabisch, Konditor, bärenstark, mit einem aufgeschwemmten Mehl- fresserbauch, unb viele andere versammelten sich um ben Schänkentisch, an bem sie bie Gemeinsamkeit ihrer Gefangenschaft empfanben. Es ist unwahr, bah Doktor Wagenschanz maßlos litt. Die Zeit löste sich auf, sie schlich nebelhast dahin, obwohl sie eilte, obwohl der Tag vorbei war, kaum daß er begann. Welcher Tag? Sonntag? Donnerstag? Man spürte kaum noch die Jahreszeiten. Jedenfalls war eine Woche hemm, ohne daß man es merkte, und so merkte man auch von den Monaten nichts. Sogar das Bild [einer Liebe verschwand, es wurde nebelhaft undeutlich unb war Einbilbung gewesen, Ouastch, ein Möbel wie alle andern. Anton saß am Tisch ber Gefangenen, fie lasen Zeitungen unb spielten Karten, zwar bie Späne flogen nicht, aber bie Blätter knallten, ohne Sinn, ohne Einsatz, ohne Gewinn unb Verlust. Unb obwohl sie nichts zu tun hatten, waren sie immer zum Umsinken mübe.
(Fortsetzung folgt.)
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