an die Wiener Ringstraße erinnert, deren Einmaligkeit ja auch weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus berühmt ist.
Die Altstadt wieder: hier reihen sich zehn bis zwölf Stockwerke hohe Häuser aneinander, aber auch diese Straßen sind lauber und gestatten beinahe überall einen Blick in die hügelige, bewaldete, naturnahe Umgebung der Stadt. Man will also (rote könnte man anders?> nur loben. Da reitet einen der Teufel und man fährt hinaus nach Newhaven.
Hier greift man sich erst einmal an den Kopf. Man war doch eben in Schottland, nicht? Und jetzt, kaum fünfzehn Minuten später, befindet man sich in Italien? In irgendeiner „cittä vecchia" an der Küste der Adria? Im Norden, oder in Neapel? — Aber nein, der Himmel ist hier ja viel blasser als im Lande der Orangen. Fahlblau, nicht' ultramarin. Doch der Schmutz ist der gleiche. Alte, uralte verschrumpelte und maßlos verwahrloste Häuser kleben sich eng aneinander, winzige Buden mit kümmerlichen Fenstern, wacklige Treppen gleichen die Höhenunterschiede zwischen Wohnungen (im ersten Stock) und Schuppen (zu ebener Erde) aus, schiefe Telegraphenstangen drohen einem entgegenzustürzen, nicht minder bedächtig schwankende Kamine warten anscheinend bloß, einen Ziegel aus unsere Köpfe herabzuwerfen — und durch all dies Gerümpel spannt sich eine Vielzahl von Stricken, an denen (wie in Italien!) in buntesten Farben sämtliche eben nicht getragenen Wäschestücke der verehrlichen Einwohnerschaft von Newhaven baumeln. Freundlich grüßen mich rote Unterhosen, wehten sich mir bauschene Röcke und Bettlaken entgegen, manchntal war die Wäsche auch noch naß, dann tropfte es auf mich einsamen Besucher herab, man nimmt das anscheinend hier nicht so genau, es gehört eben dazu wie das alte „Pfauenhotel", das ja gleichfalls in dieser Umgebung steht und trotzdem eine Weltberühmtheit geworden ist. „The old Peacock Hotel" heißt es und wird in Schottland mit gleich andächtigem Namen genannt, wie in London Mister Charleys berühmt-berüchtigte Taverne in der West India Dock Road. Aber freilich: bei Peacock geht es ehrlich zu, fauber und nett. Hierher kann man auch um Mitternacht ganz ruhig kommen, die Schotten sind ehrliche Leute, und man erzählt sich, daß sie von dieser Ehrlichkeit geradezu leben. Denn jeder Führer erklärt: „Mein Herr, ich wette mit Ihnen, hier, selbst in diesem so verrufen aussehenden Wohnviertel wird nichts gestohlen!", und dazu läßt man — um den Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung zu erbringen — etwas mitten auf der Straße liegen: ein Buch, ein Taschentuch, einen Stock. Geht fort, kommt erst in einer halben Stunde wieder. Der zurückgelassene Gegenstand ruht in der Hand eines Schotten, der ihn nachdenklich betrachtet: — „Mister", redet er Dich freundlich an, „ich sah, daß Sie dieses Ding verloren haben, ich nahm es an mich, damit es nicht wegkäme. Und wartete, bis Sie ^urückkämen." Worauf man pslichtschuldigst gerührt ist, dann ein Geldstück in die schwielige Rechte des Finders drückt und dem Führer die verlorene Wette bezahlt, stolz auf diefes einmalige Erlebnis. Bis man vom nächsten Besucher Newhavens erfährt, daß sein Führer mit ihm dasselbe Spiel gespielt hat. Und einem ein Licht aufgeht......
Aber zurück zum Psauenhotel, das schon 300 Jahre besteht, immer noch in demselben Gebäude untergebracht ist und wo man die besten Fischgerichte der Welt bekommt. Tatsächlich, selbst die Italiener können von dieser entzückenden Wirtin, die nicht nur glänzend schottisch, sondern auch ein bißchen deutsch spricht, lernen. Sie bedient ja auch Lords und Barone, Bühnenkünstler und Filmstars. Wer nach Schottland kommt und nicht bei „Peacock" ißt, war nicht wirklich und richtig in diesem seltsamen Land. Und dabei ist es hier ziemlich billig, halb so teuer als im übrigen England; man kann essen so viel man will, je mehr, desto besser, denn das freut die Wirtin. Und wer ein zweitesmal kommt, erhält bereits ein extrafeines Menü um denselben Preis.
Bor dem Pfauenhotel lungern Arbeitslose herum. Arme, ganz arme Menschen, denen die Not von den Gesichtern abzulesen ist. Sie wollen nicht Geld geschenkt, sie betteln nicht: nur Beschäftigung möchten sie wieder haben. Es krampft sich einem das Herz zusammen. Ueberall dasselbe Elend, und man kann nicht helfen. —
Dann sitzt man wieder im Zug, um in knapp einer Stunde nach Glasgow zu gelangen, das doch viel größer als Edinburgh ist, mit seiner eine Million Menschen übersteigenden Einwohnerzahl gleich nach London rangiert und als die wirtschaftlich wichtigste Stadt Schottlands gilt. Aber ach, wie nachteilig unterscheidet sich diese Stadt von Edinburgh! Zwar gibt es hier keine Vorstädte mit monotonen Elendsquartieren, zwar sindet man keine gleichförmigen Häuserzeilen, die als Arbeitermassenbehausungen sich rund um die nüchternen Backsteinbauten d^r Fabriken gruppieren, doch auch die besseren Wohnstätten, die an sich prächtigen offiziellen Gebäude umlagert hier eine Düsterkeit, die uns bedrückt und unfroh macht. Denn Glasgow wurde durch Schottlands Reichtum fichtbarlich verunstaltet: seine Kohle, die in allen Industrien brennt, vermag nicht rußlos zu verbrennen. Und der dicke, schwere Qualm überzog allmählich die ganze Stadt, hüllte sie in ein schmutzig düsteres Kleid, das sie nie abzustreisen vermag, nicht einmal des Sonntags, wenn die Schlote feiern.
Rußig, grauschwarz sehen alle Wände aus. Rußig, grauschwarz wälzen sich die Wasser des Clyde unter den ebenso rußigen Brücken. Die Fronten der Gebäude muten an, als ob man sie mit dunkler Tusche gelackt hätte, und die zahlreichen Parks vermögen keine Erquickung zu bieten. Die Wiesen überlagert seiner, grauer Staub, die Bäume sind von einer gleichen dunklen Schicht überzogen. In Glasgow scheinen alle Farben erstorben, selbst die Plakate vor den Kinos und Varietes kämpfen vergeblich gegen die Wirkung der schottischen Kohle.
Ich schlendere durch die „besten" Straßen der Stadt: Argyle-, St. Vincent-, Union-, Sauchiehall- und Buchananstreet geht es auf und ab. Ich stehe vor Geschäften, hinter deren angerusten Auslagescheiben Waren aller Art zum Verkaufe bereit liegen. Aber mich lockt nichts.
Da treffe ich einen Bekannten. — „Lieber Doktor", sagt er. „Sie sind eben zu einer schlechten Zeit nach Glasgow gekommen. Wir haben schon seit drei Wochen feinen Regen. Warten Sie, bis es geregnet hat, dann sieht alles ganz anders aus. Daun glänzen alle Fensterscheiben, dann sind die Bäume grün und die Wiesen so hübsch wie nirgends sonst aus dieser Insel."
Er mag recht haben, der Gute. Aber ich kann den Regen nicht abwarten. Ich muß weiter. Und so wird für mich, wenigstens vorläufig, Glasgow eine zwar sehr große, sehr moderne, aber auch sehr düstere Stadt bleiben. Und ich kann nur berichten, was ich gesehen habe.
Kleider machen Leute.
Novelle von Gottfried Keller.
(Fortsetzung.)
Unter der Küchentür stand die Köchin, welche ihm einen tiefen Jfrtfr Echte und ihm mit neuem Wohlgefallen nachjah; auf dem Flur und an der Haustür standen andere Hausgeister, alle mit der Mütze in der Hand, unö Strapinski schritt mit gutem Anstand und doch bescheiden heraus, einen Mantel sittsam zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.
Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um arbeit darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schonen, feftgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab, zur Wafserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum Einhorn u. bgL Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur Bürgertugend a, Zur Bürgertugend b, zum Vertrauen, zur Liebe, zur Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste em Böttcher, welcher eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen einfaßte und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod! ein verwaschenes Gerippe erschreckte sich von unten bis oben zwischen den Fenstern, hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt keiner dem andern etwas schuldig blieb.
Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der Fabri- kanten, Lankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg, Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camelia, Wilhelminen- bürg und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.
An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichern Uhrwerk, buntem Dock und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber von der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze, dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem Efeu überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen Kranze umschloß.
Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die Aufschriften der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er der Meinung, sie bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so ans, wie die Ueber» schrist an gab, so daß er in eine Art moralisches Utopien hineingeraten wäre. So war er geneigt zu glauben, die wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hänge damit im Zufammenhang, fo daß zum Beispiel das Sinnbild der Waage, in welcher er wohnte, bedeute, daß dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender Schneider zum Grasen gemacht würde.
Er geriet aus seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun fo über das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der pflichtgemäße Gedanke, seinen Weg unverweilt sortzusetzen. Die Sonne schien, die Straße war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß, zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und lein Hindernis war zu erspähen.
Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab, stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpse funkelten lockend aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verfchuldung, ein geheimnisvolles Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte die freie Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er denn auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches mit wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr. Sobald Strapinski nur an feine Mütze griff und dieselbe demütig vor seine Brust nahm in seiner Ueberraschung, verbeugte sich das Mädchen rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon.
Strapinski machte aber unwillkürlich ganze Wendung und kehrte gettost nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft, durch die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden Blätter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes Haupt.
Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich, gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und bildete sie während des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um; besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm dächten und was für ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild arbeitete er weiter aus nach seinem


