nehm««, daß sie ihm jetzt mit Entschloflenheit auf Sen Leib rücken. Ter Händler Karczinsky fühlt sich nicht mehr sicher, so lange dieser Man», der ihm den Ruin androhte, noch frei herumläuft. Kar- czinsky hat seinen eigenen Anwalt mitgebracht, und dieser exami­niert Herrn Peter Schönlein.Sie hätten die Verpflichtung gehabt, Herr Kollege, die Gläubiger Ihres Mandanten davon zu unter­richten, daß die unerhört kostspielige Werbetätigkeit noch weiter­läuft."

Bedauernd und so eiskalt, als ob er sich dasbewährte Eis­haarwasser" über den Kopf geschüttet habe, zuckt Schönlein die Achseln.Davon ist seitens der Fabrik nicht einmal mir Kenntnis gegeben worden."

Ich denke, Sie haben die Bücher durchgesehen."

Im nächsten Augenblick wird Anton Wagenschanz ein erledigter Mann sein. Der Anwalt antwortet:In den Büchern fehlt eine Angabe über Bestellung und Bezahlung dieser Inserate."

An den Wänden blitzen die Retorten und die blanken Gläser. Doktor Wagenschanz sitzt auf seinem Schreibtisch, die Beine auf den Stuhl geklemmt. Vollkommen ruhig.

Ich werde", erklärt der Gegenanwalt,jetzt sofort gegen Herrn Doktor Wagenschanz Untersuchungshaft wegen betrügerischem Ban­kerott beantragen."

Totenstille.Wieso betrügerisch?" hört man Anton sagen.

«Der Mann redet sich um seinen Kopf', denkt Schönlein. Er will z« einer Rede ansetzen, zu einer seiner berühmten Reden, in denen das Spiel ausgleichender Handbewegungen nicht geringer wirkt als die geschliffenen Gedanken. Aber Anton winkt ihm ab. ,^Jch habe allerdings eben von einem Münchener Grossisten eine telegraphische Bestellung von Waren über mehr als zweitausend Mark erhalten. Die Herren mögen mich bitte entschuldigen, zum Reden ist Herr Schönlein da. Ich muß die Absendung der Expreß­kisten anordnen." Nickt, springt auf und bahnt sich einen Weg. Hinter ihm grollt die Empörung.

Karczinsky und sein Anwalt laufen spornstreichs zum Gericht. Das ist ja ein ganz gefährlicher Bursche! Der Kerl mutz weg!"

Ich hoffe auch", meint der Anwalt,daß wir den Kerl noch rechtzeitig unschädlich machen können."

Indessen rührt die Witwe Wagenschanz wie jeden Tag in ihrem Bottich. Sie hat sich Watte in die Ohren gestopft, damit sie nichts hört. Was müssen die alten Ohren erleben, ihr Sohn ver­sinkt in Schande, und auch die alten Augen möchten sich schließen. Heute früh wollte sie Elli Hampel wecken, aber die Mansarde war noch von gestern aufgeräumt, das Bett stand unberührt. Und hier geht Elli vorbei, ein paar neue Telegramme in der Hand, sie geht vorbei, tändelnd und mit einer Zigarette im Schnabel, ringsherum stürzt die Welt ein, und Elli lächelt, nein, sie lacht frech. Mutter Wagenschanz holt die Watte aus dem rechten Ohr. Ich habe es immer gut mit Ihnen gemeint, Elli, Sie waren ein anständiges Mädchen, aber wo sind Sie denn diese Nacht ge­wesen?"

Oh! Ich war natürlich bei meinem Freund!"

Sie haben--? Seit wann denn?"

Schon lange", strahlt sie,schon immer!" Und sie trällert vor sich hin, was nun auf einmal in ihrem Kopfe klingt, mit der Melodicngewalt einer Symphonie und einfach wie ein Kinderlieb. Sie hörte Lisa Schönlein einst singen:

Wer mich liebt, den lieb' ich wieder, und ich weiß, ich bin geliebt"

Wie leicht geschah das, wie spielend ging es zu, ein Fünkchen Güte fiel in das sehnsuchtsvolle Herz, und schon brennt es in einer wirbelnden Empfindung, und alle bittere Erinnerung ist ausge­löscht und vergessen

Watte ins Ohr. In diesem Umsturz bleibt nur der Kessel mit Fleisch und Gemüse übrig. Der Sohn macht eine schimpfliche Pleite, die Untermieterin legt sich einen Freund zu, aber essen muß man, sattmachen muß man sie alle. Auch diese hier hat nur eine Richtung im Gehirn, die sie bedingungslos bis in den Welt­untergang fortseht, cs ist eine kosmische Richtung in dieser alten Frau. Wir wollen sie loben. Ihr ist gegeben, auf ihrem Posten zu sein. Mehr kann man nicht. Mehr wird nicht verlangt.

Am Nachmittag gibt Anton Wagenschanz einigen Gerichts­personen Auskunft über die Lage seines Unternehmens, er tue es ohne Umschweife. .Jetzt könnt ihr kommen', sagt er sich, .jetzt könnt ihr mir gar nichts mehr tun, jetzt läuft die Karre schlimmen- .falls auch vierzehn Tage ohne mich.'. Der Anwalt Peter Schön­lein stellt sich mit einem Ruck um und sekundiert ihm wacker.

Denn inzwischen ist etwas geschehen. Wenn man den gestrigen Status betrachtet, so wäre eine Entscheidung sehr einfach: ins Loch mit dem gefährlichen Kerl! Aber jede halbe Stunde knattert eine Depeschenbote daher, Elli springt ihm mit leichten Knien entgegen und legt unter einen Briefbeschwerer auf Antons Tisch neue Bestellungen: nun kommen sie nicht mehr zögernd, fragen nicht mehr vorsichtig an, sie verlangen Eillieferung, nicht ein Dutzend Probestückchen, gleich Hunderte. Das bedeutet: in den Läden des ganzen Reiches erscheinen in diesen Stunden die Käufer: Bitte eine Tube Erotikon", oder:Ich möchte mal Doktor Wagen­schanz' Eishaarwasser probieren." Bcdaure, antworten die klugen Händler, augenblicklich vergriffen. Jetzt klingeln die Fernsprecher beim Grossisten:Senden Sie mir sofort"

Was, Sie haben nicht?"

Sofort bestellen."

Es sind die ersten Wellenkämme einer Brandung. Der Revisor und die Kommissare, die der Staatsanwalt zu einem Einblick in Antons Bücher schickte, können sich diesem Eindruck nicht entziehen:

Aus Bonn, aus Königsberg wird Ware angefordert, Sie umfang­reiche Bestellung eines Berliner Grossisten reißt die erste merkbare Lücke in die Bestände.Ich verlange Wiederaufnahme der vollen Fabrikation!" schreit Anton.

Das alles muß Rosemarie miterleben. Anton verlangt eS. Sie muß dabei sein. Neben ihm stehen. Muß Auskunft geben und tut es mit beherrschten Lippen. Nun, wie sie allein sind, Peter Schön­lein allerdings sitzt dabet, an einer Zigarette saugend, eine un- wichtige Figur, nimmt Anton ihre Hand, sie hocken auf der Kante seines Schreibtisches, er hält ihre Hand umklammert, ganz kalt das Händchen, zittert, oh, es zittert! Ja, das geht in die Nerven, das war zuviel, wie?

Schönlein sicht es mit an, obwohl er abgewandt sitzt und den Kopf beiseite dreht. In ihm streiten Zorn und Bewunderung, er hat nicht erwartet, daß er so starker Empfindungen fähig wäre: ein bohrender Neid auf die breiten Schultern, auf das Gesetz im Gehirn, das am Ende immer obsiegt. Aus der Kraft, die andere LeuteSturz" nennen, macht es einen neuen Anlauf. Und eine selbstzerstörende Beschämung empfindet Peter Schönlcin: die Uebermiitigen werden nicht zurückmüffen in ihr Mauseloch, wie er es ihnen wünschte.

Das Gericht verhängt über die Chemischen Werke eine Ge­schäftsaufsicht, die nach einigen Tagen schon wieder aufgehoben wird. Es ist dem Doktor Wagenschanz gelungen, ganz Deutschland unter einen unwiderstehlichen Zwang zu versetzen. Er stößt Kon­kurrenten aus dem Sattel, unter dem Anprall schwanken altein­gesessene Firmen, die er ihrer Hoffnungen auf den besten Monat des Jahres beraubt. Drei Wochen vor dem Fest erscheinen in allen Schaufenstern die blausilbernen Packungen der Wagenschanz-Er­zeugnisse.

Sie liegen auch in den erleuchteten Schaufenstern unserer Stabt, durch die Schönlein und Elli an einem Sonntag ziellos schlendern. Was soll ich dir schenken, Kindchen?"

Elli weiß es wirklich nicht, niemals ging ihr etwas ab. Sie ist arm, daß sie nicht einmal sich etwas zu wünschen versteht. Ganz zufrieden. Viel schöner als Wünschen ist, in Peters Gesellschaft an den glitzernden Läden vorüberzuschlendern und kleine Jauchzer auszüstoßen.Sieh bloß mal, wie schön das aussieht!" In ihrer Begeisterung kneift sie Peters Arm. Daß man das haben und kaufen und besitzen kann, kommt ihr kaum in den Sinn.Kaufen wir uns ein Bäumchen", schlägt sie vor,und einen Haufen Lametta. Und Lichte."

Aber was Peter auch unternimmt, sie findet alles viel zu teuer, in ihrer Gegenivart kann er nichts für sie kaufen. Doch, solche Frauen gibt es. Man braucht sie. Man wird heimlich wieder in die Geschäfte gehen und schwelgt in der Vorfreude. Die Gaben, bin man ihr bietet, verlieren alles gewöhnliche Maß, den Preis verlieren sie und machen sich zu königlichen Geschenken.

Kann man das nicht lernen?" zeigt Elli in ein Schaufenster hinein. Dort liegen Bücher. Peter versteht sie nicht recht, wieso lernen?Ich meine, ob man das nicht lesen kann?" Doch, natür­lich, das kann man.Das mußt du mir beibringen, ja?"

Ja."

Man kann ihn so lieben, daß man über sich selbst hinauskommt. Keine Grenze der Liebe. Sie betrachtet den Mann, den sie be­wunderte, mit zärtlichen Seitenblicken. Er ist in Gefahr. Etwas nagt jetzt ganz tief unten seine Wurzel an. Elli fürchtet diese Ge­fahr nicht. Peter spricht nun gern und mit großer Anerkennung von Doktor Wagenschanz, obwohl dieser, unberechenbar wie immer, plötzlich alle geschäftlichen Beziehungen zu Peter Schönlein abge­brochen hat und die persönlichen Folgen erst recht. Doktor Wagen­schanz hat sich einen andern Anwalt genommen. Peter sagt nicht etwa, nun ja, der Mann hat im letzten Augenblick Glück gehabt. Es wird rühmend vor ihm gesprochen, ein wenig fällt diese Be­tonung auf: der Fall gibt Zahllosen einen neuen Mut, es wird also nicht nur kaputtgegangen in unserer schweren Zeit, man kann sich durchsetzen, man kann sich freie Bahn schaffen, es ist also immer noch möglich.

Elli hat so scharfe Ohren. Es ist besser, man bewundert Peter nicht. Es ist besser, man liebt ihn nur. Mit der Liebesgewalt, die sich bisher in winzigen Portiönchen nach allen Richtungen ver­streute. Nun sammelt sie sich in einem Brennpunkt. Sie kann für Peter sorgen, nicht alle werden mit dieser Zeit fertig. Aber sie Elli!

Was ist besser, fragt sie sich in einer letzten Erinnerung ohne Wehmut, besser für eine Frau: Antons nnberechenbares Herz, sein verbohrter Wille und ein unstillbarer Rachedurst gegen alle, die vor kurzem gegen ihn waren, oder so ein ungefestigtes Herz? Lieber Mann! Er ist fehlerhaft und quält sich mit unserer Zeit, die ihm keinen Frieden gibt. Man darf ihm nicht sagen, daß er den Starken den Frieden ihrer Kraft nicht gegönnt hat, hierunter nut ihnen! Das darf man ihm unter keinen Umständen sagen, er weiß es selbst und fürchtet, daß man es gemerkt hat.

Oh nein, keine Spur, Elli hat gar nichts gemerkt. Und sollte er einen so absurden Zweifel an sich selbst aussprechen, so würde sie ihm diesen Gedanken solange ausreden, bis er selber nicht mehr daran glaubt.

Hat die kleine Elli wirklich niemals Glück? Wir werden damy- getrieben, wehrlose Samenkörner in den Winden, und Hünen nicht auf. Es wirbelt uns, wir finden unsere Bestimmung nimt. Vis cs uns auf einen Grund treibt, in dem wir von Natur aus wurzeln.

(Schluß folgt.)

'verantwortlich: Or. Hans Thyriot. Druck und Derlag:Drühl'sche Univerjitäts-Duch» und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen-