Und sie ging hinaus.
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also nicht mehr jung, du wirst sagen uralt. Ich hätte natürlich gehen können, aber du weißt nicht, wie arm ich war. Nichts, was ich au, dem Leibe trug gehörte mir. Alles war Tante Hardanks Gnade. Sie wollte gern daß 'ich heiratete, aber ich wollte nicht; nun ja, ich muß es sagen, sonst' ist dir doch alles zusammenhanglos — ich wollte nicht, weil ich Victor Hardank, ihren Sohn, liebte. Es war ganz aussichtslos, daß sie jemals ihre Einwilligung dazu geben würde. Sie beschwor ihn von mir abzulassen, und mir band sie die Hände mit der wirksamsten Waffe, sie sührte ihre Sorge um mich ins Feld, und ich mußte ihr danken, -oictor war mindestens ebenso eigensinnig wie seine Mutter, er ging einfach auf und davon, ohne sich um ihre Tränen zu kümmern. Damals war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Sechs Jahre lang bat sie ihn in unzähligen Briefen, zurückzukommen und vernünftig zu fein. Natürlich gab er nicht nach, mit keinem Wort, und fie auch-nicht. Dann starb sie. Sie enterbte ihn und schenkte mir alles. .
Ich habe dann geheiratet, weil ich auch letzt nichts gegen den Willen der alten Frau tun wollte, ich wollte Victor vergessen, wie er mich anscheinend vergessen hatte. Ich wollte Kinder haben und endlich einmal ein selbständiger Mensch sein, aber es ist mir nicht gelungen. Kinder haben wir nicht bekommen, und Onkel — nun, er ist sehr gut, nur leicht ver- schwenderiich, und das kann ich nicht dulden, bei einem Gut, das mir gar nicht gehört. Denn wenn ich einmal weiß, wo Victor ist, werde ich ihm alles zurückgeben. , „ .. , .. ..
Sie hatte endlich die Schnur in Ordnung gebracht. „Verdirb dir die Augen nicht beim Lsfen, Elisabeth", sagte sie, „es wird schon dunkel.
Ein paar Tage darauf wurden die Fischteiche abgelassen. Zwei Männer sprangen in den Schlick und lasen die zappelnden Fische in Bottiche, die ihnen die Mädchen reichten.
Der Ortsschulze kam des Weges und sah eine Weile zu, wie die goldenen Barsche und grünlichen Karpfen verzweifelte Anstrengungen machten, den Männern entgegenzukommen. Dann trat er an die Tante heran. ..
„Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?" fragte er und führte sie ein Stückchen abjeits.
„Ich habe nämlich einen Brief für Sie", fuhr er fort, „von einem gewissen Victor Hardank aus Minnesota. Der Brief ist schon eine Weile unterwegs, er ist zuerst nach Königsberg gegangen, und von dort aus ist Ihre Adresse ermittelt worden. Hier ist er."
Die Tante nahm eilig den Brief und ging in den Baumgarten. Elisabeth hatte unruhig aus der Entfernung die Uebergabe des Briefes mitangefehen. Als die Tante lang« fortblieb, ging sie ebenfalls in den Garten. . .
„Tante Dorothea faß in der Ulmenlaube. Sie hielt den Brief in der Hand und sah über die weiten Felder fort.
„Störe ich?" fragte Elisabeth beklommen.
„Nein", sagte die Tante hart, „niemand stört mich. Nichts und niemand. O mein Gott!" Sie warf die Arme auf den Tisch und legte den Kopf darauf. „Victor Hardank ist tot. Er ist ganz arm gestorben, vielleicht ist,er verhungert, und ich habe hier im Uebersluß gelebt."
„Aber du warst.doch so sparsam", sagte Elisabeth leise.
„War ich das?" fragte die Tante. „Ein Glück für mich, daß ich geizig war. Ich hätte jeden Abend hungrig schlafen gehen müssen."
^Elisabeth versuchte leise ihre Hände zu streicheln. Aber die Tante spfang auf und lief in der Laube auf und ab. Fern in der Gartentür zeigte sich der Onkel.
„Jetzt sollen alle prassen", schrie sie böse, „alles kann vergeudet werden, alles kann aufgegessen werden, alles verschenkt — was geht es mich an!"
„Aber Tante!" bat Elisabeth.
„Still", sagte sie, „komm, hilf mir packen. Ich gehe noch heute fort."
Elisabeth folgte der alten Frau verstört. Ihr tat das Herz weh. Die Gärten, die Kühe, die Pferde, Pikas und das blaue Zimmer — olles sollte nicht mehr für sie und die Tante da fein. Sie konnte es nicht fassen; sie ging verzweifelt in den Saal und sank auf einen Sessel. Die Nesselbeziige der Polstermöbel leuchteten gespenstisch in dem Dunkel der halbgeschlossenen Jalousien.
Die Tante kam herein. „Warum weinst du, Elisabeth?"
„Das Leben ist so furchtbar schwer", schluchzte Elisabeth.
Die Tante setzte sich auf den anderen bezogenen Sesfel. Sie stützte den Kopf in die Hand. „Alle haben immer gesagt, ich sei eine geizige Frau. Aber sie fallen sehen, daß ich nicht geizig bin. Alles schenke ich dir, Elisabeth, alles."
Sie stand auf und umarmte Elisabeth. „Ich bin eine böse, alte Frau geworden. Aber, weiß Gott, ich war daran ohne Schuld, ich hab« das Beste gewollt, aber so geht es. Plötzlich gerät man aus einen Weg, den man gar nicht gewählt hat. Ich will nicht wie die andere Frau Trübsal um mich aussäen. Du sollst es besser haben als ich, Elisabeth.
„Willst du nicht bei mir bleiben? flehte das Mädchen.
Die Tante stand unbewegt. Es kratzte an der Tür. Die Hündin Mila mit ihren Jungen kam herein. Das Hausmädchen hatte in dem Wirrwarr nicht acht gegeben, und so waren die Tiere bis ins Allerheiligste gedrungen.
„Sieh diese jungen, kleinen Geschöpfe", ries Elisabeth, „willst du nicht bei ihnen bleiben, bei mir, bei uns allen, die du lieb hast?"
Die Tante streichelte die gelben, zottigen Pelze der Kleinen, und ihr hartes Gesicht wurde weich. Plötzlich fing sie an zu meinen. Sie lag auf den Knien, und ihre Tränen fielen auf die jungen Tiere, die sich unbeforgt und vergnügt miteinander balgten.
Dann umfaßte sie mit einem Arm Elisabeth, die sich neben ihr hin- gekniet hatte.
„Ich werde bleiben", sagte sie endlich, „du bist ein wirklich gutes Kind, meine kleine Elisabeth, ein wirklich gutes Kind."
August.
Don Theodor Storm.
Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken, Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.
Deutsche Ostseestädte-
Von Herbert Günther.
Die Plätze, an denen die Küftenstäüte entstanden sind, haben eine gemeinsame Eigenschaft: das Wasser ist wie eine Zunge ins Land hinem- gedrungen, an deren Spitze eine Siedlung geschützten Raum findet, oder «in Fluß strömt in die See und bildet durch seine verbreiterte Mündung eine Mulde. So kommt es, daß viele Oftseestädte einige Kilometer vom Meer entfernt liegen und mit der offenen Flut durch ein stilleres Gewässer verbunden sind. Draußen aber reiht sich ein Kranz von Badeorten, von der Stadt getrennt und doch zu ihr gehörig. So ist es bei Flensburg und Kiel mit der Förde, bei Lübeck mit Trave, Travemünde und der von 20 Bädern eingerahmten Lübecker Bucht, bei Rostock mit der Warnow, Warnemünde und den vielen anderen mecklenburgischen Bädern. Greifswald hat den Ryk und den Bodden, Danzig die Mottlau und Zoppot, Königsberg den Pregel und die Bäder der Steilküste. Wismar ist durch die tiefe Wismarer Bucht geschützt, Stralsund durch die vorgelagerte Insel Rügen, Stettin durch Oder und Haff. . .
Durch diese Lage hat auch die Geschichte jener Städte viel Gemein- sames. Lübeck, Rostock und Wismar schlossen 1259 jenes denkwürdige Bündnis, das zum Ausgangspunkt der Hanse wurde. 20 Jahre später treten Stralsund und Greifswald dazu, und schließlich hat der Siadte- bund bis zu 90 Mitglieder, wird eine politische Macht ersten Ranges und beherrscht die ganze nordische Welt. Weiter blühend oder vom Niedergang früherer Größe betroffen, sind sie alle heute wie einst Meerstadte, Handelsstädte, Häfen, voll von Zeugen.ihrer erhabenen Vergangenheit: der stolzen norddeutfchen Backftein-Gotik.
Aber sie sind nicht alle nur Seestädte. Vier Provinzen und Lander begrenzen die Ostsee: Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern, Ostpreußen, und jede von ihnen hat eine eigene Universität, mit ihren be- sonderen Verpflichtungen aus Volkstum und Landschaft: Kiel, Rostock, Greifswald, Königsberg. Die beiden äußeren davon sind zudem seit Kriegs- ende Grenzland-Universitäten geworden, also Bildungszentren des gesamten bedrohten Volkstums in Nord- und Ostmark, nicht nur Studien- ftätte der Berufsakademiker und in Erfüllung der hohen Aufgabe edelster deutscher Kiilturpropaganda innerlich wie äußerlich gewachsen.
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Flensburg, die Hauptstadt des ehemaligen Herzogtums Schleswig, ist seit 1920 Grenzstadt. Das idyllische Teich-Schloß Glücksburg ist grade noch deutsch, aber so kurze Ausflüge wie nach conberburg, Düppel, Gravenstein führen schon ins Dänische ... Diese charaktervolle, landschaftlich herrliche Reeder- und Handelsstadt sollte viel mehr von uns Binnen-Deutschen besucht werden! Um den Hafen herum gebaut, steigt sie rind) beiden Seiten an: die Alkstadt ist immer der Mittelpunkt im Tal, die neuen Teile klettern zu den Höhen empor, deren Randstraßen weite Blicke zu der gegenüberliegenden Seite und über die mit weißen Segeln besäte, grünumroaföete, blaue Förde eröffnen. Nikolai- und Marienkirche mit prächtigem Altar, auch das Nordertor mit seinem gespreizten Staffelgiebel sind wuchtige Zeugen von Flensburgs Vergangenheit. In der Ncwderstraße steht das Alt-Flensburger Kaufmannshaus, in dem Hugo Eckener, Ehrenbürger von Flensburg, feine Jugend verlebt hat.
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Kiel liegt „meerumschlungen", wie es im Liede von ganz Schleswig- Holstein heißt, sozusagen an Ost- und Nordsee zugleich: durch den Kaiser- Wilhelm-Kanal, eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt! Mehr als 200 Schiffe durchfahren ihn täglich! Kiel ist noch heute Deutschlands bedeutendster Marinehafen, und nicht zufällig erhebt sich auf dem Laboer Fort das größte deutsche Marine-Ehrenmal (an der Kieler Jnnen- förde außerdem das U.-Boot-Ehrenmal). Ebenso steht Kiel im friedlichen Wettbewerb zur See an der Spitze: die „Kieler Woche" ist die umfassendste segelsportliche Veranstaltung Deutschlands.
Verkörpert Kiel das Bild einer stetig aufstrebenden modernen Großstadt, so Lübeck das einer mittelalterlichen dazu. Reichsunmittelbar noch'als „die kaiserlich freie und des Römischen Reichs Stadt", hatte be die Führung im Städtebund der Hansa, und aus dieser Zeit stammt ihr Reichtum und der Glanz ihrer Baukunst. Der Dom, eine Gründung Heinrichs des Löwen, und das Holstentor sind Baudenkmäler, die zu Symbolen des Deutschtums geworden sind. An seinem Rathaus haben die Geschlechter mehrerer Jahrhunderte gebaut: gotische Strebeglieder recken sich hinter der gedrungenen Wucht des Renaissance-Vorbaus empor. Ehrfurcht überkommt den Beschauer und ein tiefes Glücksgefühl. Es ist wie eine Erlösung, wenn die alten Orgeln Lübecks diesem überwältigenden Empfinden Sprache geben, jene Instrumente, die zu den riesigsten unö klangvollsten der Welt gehören.
Die Marienkirchen in Lübeck, Rostock, Danzig sind die drei größten Gotteshäuser an der deutschen Ostsee. Die Marienkirche in W i s m -> r ist nicht viel kleiner, und zwei weitere erheben sich dicht daneben. Wismar besaß sogar eine eigene weltliche Schule, die „Alte Schule", einen. der prächtigsten Profanbauten Deutschlands, in bunt glasiertem Backstein Der Fürstenhos, eine unerwartet schmuckreiche Schöpfung norddeullcyer Frührenaissance, verstärkt den ungemein reizvollen Eindruck, mit oei


