Indessen war die Sonne hinabgesunken, und nor mir leuchtete das Miendrot über die Heide. Der Baum war stumm geworden, die Bienen hatten ihn verlassene es war Zeit zur Heimkehr. Meine Hand faßte nach dem Ketscher. Aber was kllnimerte mich jetzt dies Knabenspielzsug. Ich sprang auf und hängte ihn hoch, so hoch, wie ich vermochte, zwischen den dichtbelaubten Zweigen des Baumes aus. Dann, das Bild der schönen Schneiderlochter vor meinen trunknen Augen, machte ich mich langsam auf den Rückweg. *

Die Dämmerung war stark hereingebrochen, als ich aus dem Portale des Schloßgartens trat. Drüben am Karussell waren schon die Lampen angezündet, Leierkastenmusik, Lachen und Stimmengewirr scholl zu mir herüber; dazwischen das Klirren der Floretts an den eisernen Ring- halteriL. Ich blieb stehen und blickte durch die Linden, welche den Platz umgabcm in das bewegte Bild hinein. Das Karussell war in vollem Gange: Sitzplätze und Pferde, alles schien besetzt, und ringsumher drängte sich eine schaulustige Menge jedes Alters und Geschlechts. Jetzt aber wurde die Bewegung langsamer, so daß ich unter den grünen Zweigen durch die einzelnen Gestalten ziemlich bestimmt erkennen konnte.

Unwillkürlich war ich indessen näher getreten uni) hatte mich bis an den K-sendraht gedrängt, der ringsum gezogen war. Das Mädchen dort auf dem braunen Pferde war die Schwester meines Freundes Chri­stoph. Aber es kam noch eine Reiterin, eine feinere Gestalt; sie saß seit­wärts, ein wenig lässig, auf ihrem hölzernen Gaule. Und jetzt, während sie langsam näher getragen wurde, wandte sie den Kopf und blickte lächelnd in die Runde. Es war Lore; fast wie ein Schrecken schlug es mir durch die Glieder. Auch sie hatte mich erkannt; aber nur eine Sekunde lang hasteten ihre Augen wie betroffen in den meinen; dann bückte sie sich zur Seite und machte sich an ihrem Kleide zu schaffen. Das schwere, eiserne Florett, das sie in der kleinen Faust hielt, schien nicht umsonst von ihr geführt zu sein; denn es war fast bis an den Knopf mit Ringen angefüllt.

Mittlerweile war der Eigentümer des Karussells herangetreten, um für die neue Runde einzusammeln. Sie richtete sich auf und hielt ihm ihr Florett entgegen.Freigeritten!" sagte sie, indem sie es umstürzte und die Ringe in die Hand des Mannes gleiten ließ.

Er nickte und ging an den nächsten Stuhl, wo eine Anzahl Kinder sich um die besten Plätze zankten. Als ich von dort wieder zu Lore hinüber sah, stand Christophs Schwester neben ihr; aber sie wandte mir den Rücken und schien mich nicht bemerkt zu haben.

Gehst du mit, Lore?" hörte ich sie fragen;ich muß nach Hause."

Lore antwortete nicht sogleich; ihre Augen streiften mit einem un- sichern Blick zu mir hinüber. Ich wagte mich nicht zu rühren; aber meine Augen antworteten den ihren, und mir selber kaum vernehmlich flüsterten meine Lippen:Bleib!"

So sprich doch!" drängte die andere;es hat schon acht geschlagen." Lore steckte ihr Füßchen wieder in den Steigbügel, den sie hatte fahren lassen, und die Augen auf mich gerichtet, erwiderte sie:Ich bleibe noch, ich hab' mich frei geritten 1" Und leise setzte sie hinzu:Meine Mutter wollte vielleicht noch hier vorüberkommen!"

Ich fühlte, daß das gelogen sei. Das Blut schoß mir siedendheiß ins Gesicht, es brauste mir vor den Ohren; die kleine Lügnerin hatte plötzlich den Scfjleier des Geheimnisses über uns beide geworfen. Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine so berauschende Zusage erhielt; bisher hatte ich nur manchmal darüber nachgesonnen, wie in der Welt so etwas möglich sei.

Christophs Schwester hatte sich entfernt. Der Leierkasten begann wieder seine Musik, die Peitsche klatschte über dem alten Gaul, und unter dem Zuruf der Bauerburschen und -Mädchen, die inzwischen die meisten Platze eingenommen hatten, setzte das Karussell sich wieder in Bewe­gung. Lore sah nach mir zurück, sie hatte ihr Florett in den Sattelknopf gestoßen und saß wie in sich versunken, die Hände vor sich auf dem Schaß gefaltet. Das rote Tüchelchen an ihrem Halse wehte in der Lust, und in immer rascherem Kreisen wurde die leichte Gestalt an mir vorüber getra- Sen; kaum fühlte ich den Blitz ihres Auges in den meinen, so war sie hon fort, und nur der Schimmer ihres hellen Kleides tauchte in der trüben Lampenbeleuchtung noch ein paarmal flüchtig aus den immer tiefer fallenden Schatten auf. Plötzlich krachte etwas; die in den Stühlen sitzenden Mädchen kreischten, und das Karussell stand.

Bleiben Sie sitzen, meine Herrschaften!" rief der Eigentümer, indem er mit seinem Gehilfen über die Querbalken stieg, um den Schaden zu untersuchen. Eine Laterne wurde heruntergenommen, es wurde geklopft und gehämmert; aber es schien sich so bald nicht wieder fügen zu wollen. JJlir wurde die Zeit lang; meine Augen suchten vergebens nach der kleinen Reiterin. Ich drängte mich aus der Menschenmasse heraus, in die ich eingekeilt war, und ging von außen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Als ich mich hier mit Bitten und Gewalt bis an die Barriere durchgearbeitet hatte, stand ich dicht neben ihr. Sie war von dem Holzgaul herabgestiegen und blickte wie suchend um sich her.

Rach einer Weile steckte sie das Florett, das sie spielend in der Hand gehalten, wieder in den Sattelknopf und machte Miene, herabzuspringen.

<Sr1D-°^reni) fie i^e Kleider zusammennahm, war ich in den Kreis geschlupft.

Guten Abend, Lore!"

Guten Abend!" sagte sie leise.

Daun während die Bauernburschen immer lauter ihr Eintrittsgeld ^uruitforberten, faßte ich ihre Hand und zog sie mit mir hinaus ins iSreie. Aber hier war meine Verwegenheit zu Ende. Lore hatte mir ihre J)anb endogen, und wir gingen wortlos und befangen nebeneinander öer Kratze zu, an deren äußerstem Ende sich das Haus ihrer Eltern vejand. Als wir den zur Seite liegenden Eingang des Schloßgartens

1 Mit kurzen Stoßdegen müssen während des Fahrens die Ringe von den Haltern herabgeftoßen und aufgefangen werden.

erreicht hatten, kam uns von der Straße her ein Trupp von Menschen entgegen, an deren lauten Stimmen ich einzelne meiner ausgelassensten Kommilitonen erkannte. Unwillkürlich blieben wir stehen.

Wir wollen durch den Schloßgarten!" sagte ich.

Es ist so weit!"

Oh, es ist nicht so viel weiter!"

Und wir gingen durch das Portal in den breiten Steig hinab, welcher zwischen niedrigen Dornhecken zu einem Laubgange von dicht verwachse­nen Hagebuchen führte. Da hier vorne auch hinter den Zäunen nur be­bautes, baumloses Gartenland lag, so verhinderte mich die einbredjenbe Dunkelheit nicht, die neben mir wandelnde Mädchengestalt zu betrachten. Mich schauerte, daß sie jetzt wirklich in solcher Einsamkeit mir nahe war.

Kein Mensch außer uns schien in dem alten Park zu sein; es war so still, daß wir jeden unserer Tritte auf dem Sande hörten.

Willst du mich nicht anfassen?" fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

Warum nicht?"

Rein wenn jemand tarne!"

Wir hatten den gewölbten Buchengang erreicht. Es war sehr dunkel hier; denn in geringer Entfernung zu beiden Seiten waren ähnliche Laubgänge, und auf den dazwischen befindlichen Rasenflecken lagerten undurchdringliche Schatten. Ich wußte nur noch, daß Lore neben mir ging, denn ich horte ihren Atem und ihren leichten Schritt; zu sehen vermochte ich sie nicht. Wie neckend schoß es mir durch den Kopf, daß ich am Nachmittag auf einen Sommervogel ausgegangen war.Nun bist du doch gefangen!" sagte ich, und durch die Dunkelheit ermutigt, ergriff ich ihre herabhängende Hand und hielt sie fest. Sie duldete es; aber ich fühlte, wie sie zitterte, und auch mir schlug mein Knabenherz bis in den Hals hinauf.

So gingen wir langsam weiter. Von der Stadt her kam der gedämpfte Ton der Drehorgeln und das nach immer fortdauernde Getöse des Jahr- markttreibens; vor uns am Ende der Allee in unerreichbarer Ferne stand noch ein Stückchen goldenen Abendhimmels. Ich legte ihre Hand in meinen Arm Xmd faßte sie dann wieder. In diesem Augenblick trollte vor uns etwas über den Weg; es mag ein Igel gewesen fein, der auf die Mäusejagd ging. Sie schrak ein wenig zusammen und drängte sich zu mir hin; und als ich, unabsichtlich säst, den Arm um sie legte, fühlte ich, wie ihr Köpfchen auf meine Schulter glitt.

Als aber dann, nur eine flüchtige Sekunde lang, ein junger Mund den andern berührt hatte, da trieb es uns wie töricht aus den schützenden Baumschatten ins Freie. So hatten wir bald, während ich nur nach ihre Hand gefaßt hielt, das Ende der Allee erreicht und traten durch eine Pforte auf einen Feldweg hinaus, der seitwärts auf die letzten Häuser der Stabt zuführte. Wir gingen eilig nebeneinanber her, als könnten wir bas Ende unseres Beisammenseins nicht rasch genug herbeiführen.

Mein Vater wirb mich suchen; es ist gewiß schon spät!" sagte Lore, ohne aufzusehen.

Ich glaube wohl!" erwiderte ich. Und wir gingen noch eiliger als zuvor.

Schon standen wir am Ausgang des Weges, den letzten Häusern der Straße gegenüber. In dem Lichtschein, der unter der Linde aus dem Fenster des Schneiderhäuschens fiel, sah ich unweit davon ein Mädchen an einem Brunnen stehen. Ich durste nicht weiter mit. Als aber Lore den Fuß auf das Straßenpflaster hinaussetzte, war mir, als dürfe ich sie so nicht von mir gehen lassen.

Lore", sagte ich beklommen,ich wollte dir noch etwas sagen."

Sie trat einen Schritt zurück.Was denn?" fragte sie.

Warte noch eine Weile!"

Sie wandte sich tun und blieb ruhig vor mir stehen. Ich hörte, wie sie mit den Händen über ihr Haar strich, wie sie ihr Tüchelchen fester um den Hals knüpfte; aber ich suchte lange vergebens des Gedanken hab­haft zu werden, der wie ein dunkler Nebel vor meinen Augen schwamm. Lore", sagte ich endlich,bist du noch bös mit mir?"

Sie blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.

Willst du morgen wieder hier sein?"

Sie zögerte einen Augenblick.Ich darf des Abends sonst nicht aus- gehen", sagte sie bann.

Lore, du lügst; das ist es nicht, sag' mir die Wahrheit!"

Ich hatte ihre Hand gefaßt; aber sie entzog sie mir wieder.

So sprich doch, Lore! Willst du nicht sprechen?"

Noch eine Weile stand sie schweigend vor mir; dann schlug sie die Augen auf und sah mich an.Ich weiß es wohl", sagte sie leise,du heiratest doch einmal nur eine von den feinen Damen."

Ich verstummte. Auf diesen Einwurf war ich nicht gefaßt; an so un­geheure Dinge hatte ich nie gedacht und wußte nichts darauf zu ant­worten.

Und ehe ich mich dessen versah, hörte ich ein leisesGute Nacht" des Mädchens; und bald sah ich sie drüben in dem Schatten der Häuser ver­schwinden. Ich vernahm noch das vorsichtige Ausdrücken einer Haustür, bas leise Anschlägen ber Türschelle; bann roanbte ich mich und ging lang­sam durch den Schloßgarten zurück.

Ohne erst zum Abendessen in die Wohnstube meiner Eltern zu gehen, schlich ich die Treppe hinauf in meine Kammer. Wie trunken warf ich mich in die Kissen. Nach einer Viertelstunde hörte ich die Stubentür gehen, und durch die halbgeöffneten Augenlider sah ich meine Mutter mit einer Lampe an mein Bett treten. Sie beugte sich über mich; ober ich schloß die Augen und träumte weiter. Trotz des wenig verheißenden Ab­schiedes war mir doch, als hätte meine Hand eine volle Rosengirlande gefaßt, an welcher nun in alle Zukunft hinein der Lebensweg entlang gehen müsse.

(Fortsetzung folgt.)

Verant,«örtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlog: Brühl sche Univerfitäts-Buch. und Steinbrudetei, R. Lange, Gießen.