SiehenerZaimIienblStter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1933____________________________Zreitag, den 6. Oktober______________________________Nummer 11
Herbstbeginn.
Von Hans Leifhelm.
Es leuchten die Winden am Wege schneeweiß, Es strotzen die Kolben am gilbenden Mais, Wie schwellende Kugeln aus Kupfer und Gold Sind die Früchte des Kürbis dem Acker entrollt.
Schon webt tm Gehölze etn gelbliches Licht, Bleichflammend die Herbstzeitlose aufbricht, Vom nächtigen Grün des Blattes umkränzt In Ebenholzschwärze die Einbeere glänzt.
September, September — wildgellend hallt Der Schrei des Falken über dem Wald, Die Schlange noch einmal abstreift sie ihr Kleid, Zum letzter Empfange der Sonne bereit.
Die Hummel zieht tönend die trächtige Bahn Im Honigklee und im Thymian, Die Baldachinspinne ihr Silberwerk spinnt, Der süße Seim aus den Birnen rinnt.
Mit panischem Warnruf die Drossel entflieht, Verzaubert steht die Libelle im Ried, Der Wein auf Mittaghügeln kocht, Es gilbt der Kranz, den der Sommer flocht.
Schon morgen klirren die Blätter wie Glas, Schon morgen prallen die Früchte ins Gras, Schon morgen richten aus kreisendem Flug Die Schwalben zum Süden den psetlenden Zug.
Der langsame Hochzeiter.
Von Josef Magnus Wehner.
Peter, der älteste Sohn eines reichen Rhönbauern, wollte, obwohl er von den Elter-n und vom ganzen männlichen Dorf gelrieben wurde, um keinen Preis heiraten. Alle Braute, die ihm kr Vater insgeheim ausmachte, vertrockneten oder nahmen ernen lindern: denn Peter, der kleine, dickfellige Junge, war nicht au» leinen, Haus auf die Freite zu bringen, mochten ihm auch Pfarrer' Vater, Schmied und Wirt mit grob- und felnknutteligen Worten ruf die Spur dreschen,' er sagte höchstens ja, putzte, wenn e» hoch ring, den Wagen, aber ehe er fahrtbereit war, ging immer die Tonne unter, und dann stand er, das glänzend polierte un6 fett- iriesende Kummet um den Hals, stockbeinig nn Hof und ließ den Vater knurren und die Mutter von der Kirche her zetern, ihm war >s genug, daß der böse Tag herum war.
Auch der liebe Gott stand auf seiner Seite. Einmal, als es virklich brenzlich wurde, — es war ein Samstag und der Wagen ' and für morgen schon daheim tm Hof — da Eel es den g Ochsen, mit denen er gerade ackerte, ein, unter ungeroo )nlr > Luftsprüngen das Weite zu suchen. Sie schleiften P lug und Fuhr- nann in einer mächtigen-Staubwolke fo lange, bls Peter e g Runden im Gesicht hatte. So war er von der Brautschau ent- iunden. Im nächsten Jahre brannte das Haus ab, und als e» Meder Frühling wurde, war Peter dreißig ^ahre alt geworden.
Der Vater neigte sich langsam der, Erde S«. Peter ging den Weckern zu Leibe und dachte nicht ans Heiraten. Da faßte der Alte (inen Plan.
Er besprach sich mit den jungen Männern des Dorfes, oie NeistenS sthon verheiratet waren und deshalb einen wohlge- ' ährten Zorn auf den glücklichen Peter hatten, und al» er am nächsten Sonntag zu Mittag gegeben hatte und 'ich gerade auf einer Schütte Stroh im Garte» zum Schlafen ^ederlsgen wollte, i a prallten aus allen Gassen geschmückte Reiter heran, nm- Awärmten den Garten und knallten wit kurzen Geißeln. Der '»ater kam mächtig um die Ecke, hllitendrein die Mutter, letei- Mrocf auf dem Arm, und eine halbe Stunde ,pater rollte der '»glückliche Brautwerber, von den Bauernfohnen umritten, auf
dem neuen Jagdwagen durchs Dorf, einer Brant entgegen, die er noch nie gesehen hatte, ebensowenig wie sie ihn. Aber wäre sie auch die Schönste gewesen, sie hätte keinen betrübteren Liebhaber finden können als unseren Reiter. Und die vielen Gesichter, die aus den Fenstern heraustrvpften, lachten schadenfroh und Peter merkte, daß es jetzt ernst wurde.
Glücklicherweise lag das feindliche Dorf, in dem die Braut wohnte, viele Wegstunden weit entfernt, aber die Vauernburschen trieben den Wagengaul in Trab, und ehe Peter zu Sinnen kam, sah er schon das Brautdorf aus einer Talschlucht herauslugen.
Aber Gott schien ihm auch diesmal zu Helsen. Die Garde, die sich heiß geritten hatte, erblickte kaum am Wegrand ein Walb- wirtshans, als sie auch schon alle aus den Sätteln sprangen, um daselbst, da sie ja einen guten Vorsprung erritten hatten, einen Schluck Wein zu trinken.
Peter war der erste, der am Tisch saß. Er warf behend seinen Geldbeutel aus der Tasche, der Wirt fuhr vom Besten an, Peter erzählte mit schneller Stimme Schnurren, die ihm jetzt auf einmal haufenweise einfielen, und diese plötzliche Veränderung belustigte die ingrimmigen Paradiesreiter so sehr, daß sie schneller und mehr tranken, als sie sich vorgenommen hatten. Am meisten aber trank Peter von dem guten alten Wein.
Plötzlich schlug es drei. Die Reiter eilten zu ihren Pferden und Peter bezahlte langsam die Zeche. Dann stand er auf.
Im nächsten Augenblick lag er im Hausflur. Es war ihm, als habe ihm der Blitz ins Genick geschlagen. Er schaute sich um, wer ihm den Stoß versetzt habe, sah aber nur die Flaschen, die auf einmal mit ihren Gläsern einen flammenden Tanz auf dem Tisch aufführten.
Da wurde Peter sehr zornig. Er verfluchte den Wirt, der ihn habe ermorden wollen, nannte das Wirtshaus eine Räuberhöhle und stand auf. Im nächsten Augenblick lag er draußen im Hof, gerade an dem Fleck, wo der Schatten des Daches an die weiße Sonnenstraße stieß.
Da war es ihm klar, daß der Wirt ein Mörder sei. Er rief mit lauter Stimme nach der Polizei ynd bemühte sich vergebens auf die Beine zu kommen.
„Die Sonne bringt es an den Tag", schrie er noch, dann sank er auf der Stelle in einen tiefen Schlaf.
Die Genossen standen zuerst ratlos um ihn herum, als sei er tot und sie wüßten nicht, wohin ihn begraben. Es war ihnen leid, daß sie so billig um ihren Spaß kommen sollten.
Da trat der Vorreiter, ein Rotkopf und gefürchteter Spaßmacher zur Seite, winkte den anderen und raunte ihnen etwas zu, worauf alle in ein großes Gelächter ausbrachen. Dann luden sie Peter auf den Wagen und fuhren und ritten davon. Der Wald verbreitete sich jetzt über die Straße hinüber. Unter einer alten Tanne legten sie Peter zu Boden, zogen ihm die Kleider aus, und der Rotkopf zog Peters Kleider an und verbarg die seinen im Wagen. Daun fuhren sie ins Brautdorf, ließen Peter im Walde liegen und er wachte nicht ein einziges Mal auf.
Erst als es dämmerte, rieb er sich die Augen. Er wußte weder, wo er war, noch wie er dahin gekommen fet; es war ihm nur sehr leicht ums Herz, als er es ringsum nachten sah, und er hauchte beruhigt in die untergehende Sonne und versuchte wieder einzuschlafen. ,,
Plötzlich hörte er von fern einen höllischen Lärm, der sich rasch näherte. Tausend Stimmen riefen seinen Namen: „Peter, Peter! rauschte es durch den ganzen Wald, raschelte es im Laube, zischte es unter jedem Stein hervor. Peter merkte, daß es nun mit dem Schlaf vorbei fet; er erhob sich langsam in seinem Hemde, es fror ihn auf einmal. Doch da sah er schon einen geschmückten Wagen heranblitzen, er hielt keine zehn Schritt von seiner Schlaftanne, und aus dem Wagen stieg ein schönes Mädchen mit roten Backen, und hinter ihr ging er selbst. Das war doch Peter, sein Hut, fein fein Gehrock, fein Wagen, fein Pferd! In Scham wollte er einen Wacholder aus der Erde reißen, um sich vor dem Mädchen öanuj zu bedecken, aber feine Angst, als er sich selbst im Dämmer aus fick zukommen sah, war noch größer. Er brüllte tief auf, als gehe es ihm jetzt ans Leben, und kaum hatte ihn das Mädchen erblickt da wandte es sich so eilfertig um, daß ein Staubwölkchen unter ihrem Rock hervorquoll und eilte in den Wagen zurück.
„Dann zeige ich dir unfern Hochzeitsschatz ein andermal, rief ihr Begleiter, schwang sich neben sie auf den Bock, und der Wagen, von unzähligen lachenden Reitern gefolgt, verstob tu bei 9Z
Plötzlich gab es Peter einen Riß. Er schoß mit dem Kopf voran aus dem Wald und schaute dem Gefährt nach. In einem Augen-


