und sei er auch noch so unglücklich, einen Trost. Ihr konntet mir in den schrecklichen Jahren nur Hoffnungen, keinen Trost gewähren. Da kam Brahms. Ihn liebte und verehrte Euer Vater... Auch Joachim war mir «in treuer Freund, — Ihr wißt es! Doch mit ihm lebte ich nicht immer zusammen. So war es Johannes allein, der mich ausrecht hielt. Vergeßt nie liebe Kinder, den Dank, den Ihr ihm schuldet, — für Eure Mutter!" Die unverwüstliche Kindlichkeit seines Herzens, die Reise seiner Künstlerschast vermischen sich unter ihrem Einfluß. Am 1. Dezember 1854 schreibt er: „Ich bin noch jung, noch jungenhaft; — Sie wissen allein, daß ich ernster fühle, daß der jugendliche Uebermut mich wohl anders erscheinen, aber nie vergessen lassen kann!" Sein kindliches Herz, seine derb-fröhliche Jugendlichkeit lebten sich aus, wenn er, mit seiner unendlich großen Fähigkeit, Freude und Vorfreude zu genießen, in Gemeinschaft mit Clara das Weihnachtsfest für ihre Kinder bereiten half. „Ich laufe fchon", teilt er mit, als sie auf Reifen ist, „so lange ich hier bin, an einem Laden vorbei, wo ich wunderschöne Soldaten entdeckt habe. Ich habe die allerschönste Schlacht jetzt, — so schön, wie ich sie noch nicht sah, und einen kleinen Turm dahei. Ich bin ganz glücklich darüber! Zu Weihnachten will ich alle meine Truppen so schön aufmarschieren lassen, daß Sie Ihre Freude daran haben sollen!"
So wirkte sich nun für Schumanns Familie als ein Segen aus, was das wundervolle Brahmsherz an tiefer Güte und aufrichtiger Hilfsbereitschaft durch Robert Schumann erfahren hatte, so sproß die Saat aus tiefem, dankbaren Seelenboden. Und Brahms durfte „ausgleichen", opferfreudig und hingeben, die große Tat des Genies, das, fein Genie er- fichlend, es zuerst der Welt verkündet hatte. —
Hatte schon der Meistergeiger Joachim von dem „ausnahmsweifen Kompositionstalent Brahms" gesprochen, und von „einer Natur, wie sie nur in der verborgensten Zurückgezogenheit sich entwickeln konnte'. — (1853 erst schloß sich Brahms dem ungarischen Geiger R e m e n t) i zu einer Konzerttournee von seiner Vaterstadt Hamburg aus an) „rein wie Demant, weiß wie Schnee", und von feinen Kompositionen gesagt: „es herrscht darin ganz das intensive Feuer, jene fatalistische Energie des Rhythmus, die den großen Künstler prophezeien", so ist Schumann aufs Tiefste durch diese Erscheinung berührt und erschüttert, und vergleicht ihn mit „einem jungen Adler", als er über Liszt und Weimar zu ihm nach Düsseldorf kprnmt; er nennt feine künstlerische Kraft einen prächtigen Strom, der, wie der Niagara, am schönsten sich zeigt, wenn er als Wasserfall brausend sich von der Höhe herabstürzt. „Johannes, glaube ich, ist der wahre Apostel, der da Offenbarungen schreiben wird, die Pharisäer nach Jahrhunderten nicht enträtseln werden."
Und dünn erscheint der Dielumftrittene Aussatz Schumanns in der von ihm vorher redigierten musikalischen Zeitschrift: „Neue Bahnen". Brahms wird darin bezeichnet als einer, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weife auszufprechen berufen fein würde. „In dunkler Stille schaffend, aber von einem begeistert zutragenden Lehrer in den schmierigsten Satzungen der Kunst gebildet (Marxfen), enthüllt er, am Klavier sitzend wunderbare Regionen... Lieder, deren Poesie man, ohne die Worte zu verstehen, empfinden würde, Klavierstücke, teilweise dämonischer Natur, Sonaten für Violine und Klavier, Quartett« für Streichinstrumente, — und jedes so abweichend vom anderen, daß sie alle ver- chiedenen Quellen zu entströmen scheinen. So scheint er, wie Minerva, auf dem Haupte des Zeus entsprungen. Wir heißen ihn willkommen als starken Streiter!"
Aber nicht nur hinweisende Worte entsprechen der Natur Schumanns: in tatkräftiger Entschlossenheit macht er die Sache des jungen Genies dessen klangliche Welt von der (einigen wiederum durch eine ganze Welt getrennt ist, zu der (einigen, er empfiehlt ihn persönlich den Verlegern, verhandelt mit ihnen anstelle des praktisch Unerfahrenen, und fugt hinzu: Er ist ein höchst bescheidener Mensch, und von unerschütterlicher Liebenswürdigkeit". Dank seiner Vermittlung kann Brahms seine Kompositionen in Leipzig spielen. Brahms antwortet auf soviel Güte, auf soviel geniales Einfühlungsvermögen mit herzrührenden Worten: „Sie haben mich, verehrter Meister, so unendlich glücklich gemacht, daß ich nicht versuchen kann, Ihnen mit Worten zu danken. Gebe Gott, daß Ihnen meine Arbeiten bald den Beweis geben möchten, wie (ehr Ihre Liebe und Güte mich gehoben und begeistert hat! Das össentliche Lob, das Sie mir spendeten wird die Erwartlingen des Publikums auf meine Leistungen fo außerordentlich gespannt haben, daß ich nicht weiß, wie ich denselben einigermaßen gerecht werden kann... Möchten Sie nie bereuen, was Sie'für mich taten! Möchte ich Ihrer recht würdig werden!"
Es ist charakteristisch für Schumann, der im Stillen immer um die „große Form" gerungen hat, und doch ein Meister der „kleinen Form^ war, daß er die Sonaten von Brahms als „verschleierte Symphonien anfah. Brahms vermochte aber wie Schumann, fein Tiefstes uicht in Der Symphoniesorm zu erlösen. Wenn auch Brahms fchon als junger Mensch gelegentlich seines Aufenthaltes in Detmold als Chorleiter und Lehrer Gelegenheit hatte, praktische Erfahrungen bezüglich der Behandlung Der Chor- und Orcheftermefsen zu machen, fo kam er doch erst 20 Jahre nach dem Schumannwort von den „verschleierten Symphonien" zur großen Form (Symphonie in C, L-Moll, k-Dur, v-Dur), eben weil sie nicht der ursprüngliche Ausdruck seines Genies war. Wie Schumann fußte Brahms auf Bach. Daher die architektonisch strengen Formen feiner Kunst, die Bülow veranlaßten, ihn zu den Klassikern zu zählen. Seine mustka- lischen Studien durch ein ganzes Leben immer mehr vertiefend, arbeitete er in der Zeit der größten Reife am strengsten darauf hin, das Gefühlsmäßige der tadellos gemeißelten und schönen Form unterzuordnen, die in gewaltigem Aufbau die Erfindung stützt und zusammenhalt, und auf Den Gipfel trägt. Diese „Abstraktion", wenn man (o will, in seinen Liedern, zahllosen Klavier- und Kammermusikwerken usw. befremdete seine Zeitgenossen. Und erst in den achtziger Jahren beginnt das Publikum, feine Größe zu ahnen, sich an seiner schlichten, durchaus männlichen Kunst zu erfreuen. Aber fein Verständnis auch weiterer Kreise, noch während seiner Lebzeiten, ist für ihn zu einer fo tiefen Quelle von Beglücktheit geworden wie das Verständnis im Schumannhause.
Oos Mädchen an den Mai.
Bon Eduard Mörike.
Es ist doch im April fürwahr Der Frühling weder halb noch gar; Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei,
So weih ich, was der Frühling seN
Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die Hellen Augen aufgemacht, fchon welken und verschwinden?
Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär' es dann für's ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai,
Ach, so warte noch ein kleines Weilchen!
Die Dame mit dem Otterpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
Jensen drückte auf die Glocke und ein harter, Heller Klingelton schrillte durchs Haus. Dann war wieder alles still. So still, daß man von drinnen deutlich den Pendelgang einer Uhr hören konnte. Abermals ertönte die Glocke — zweimal nacheinander in aggressivem Diskant. Aber nichts rührte sich. Nach einer Pause sagte Scharf: „Gehen Sie den Schlosser holen, Jensen — wir diirsen feine Zeit verlieren."
Mer noch ehe Jensen sich zum Gehen gewandt hatte, hielt er ihn am Aerrnel zurück.
„Still! Hören Sie nichts?!" Drinnen war eine Tür gegangen, eine Diele knarrte. Vorsichtig schleichende Schritte näherten sich der Flürtür. Daun wurde langsam von dem Guckloch die Klappe weggezogen, und ein Auge starrte unbeweglich durch die runde Oessnung. Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick. Automatisch schoben beide die rechte Hand in die Manteltasche. Dem jüngeren Jensen riß Die Geduld.
„Zum Kuckuck, so öffnen Sie doch, Sie da drinnen! rief er gereizt. Die Klappe fiel wieder zu. Dann fragte eine heisere Männerstimme: „Was wünschen Sie denn?"
„Das werden wir Ihnen drinnen erzählen. Deffnen Sie jetzt endlich. Kriminalpolizei!" . _ „ . .
Es war, als halte drinnen jemand vor Schreck ein paar Sekunden Den Atem an. Zögernd verlor sich der Schritt wieder nach dem Hintergrund. Und die Stimme antwortete diesmal in verbindlichem Ton: „Einen Augenblick, bitte — ich bin nicht an gekleidet."
Scharf bekam vor Ungeduld einen roten Kopf.
„Das stört uns gar nicht" rief er verärgert. „Machen Sie keine Umstände, und lassen Sie uns augenblicklich hinein! Sonst müssen wir aus- brechen lassen!" _...
Das schien zu ziehen. Der Schlüssel drehte sich ttn Schloß. Eine Sicherheitsfette klirrte. Und in der halbgeöffneten Flurtür erschien ein Mann im Pyjama und Morgenschuhen, Der den krampfhaften Versuch machte, feinen linken Arm in den umgekehrten Aermel eines am Boden schleifenden Schlafrocks zu zwängen. _ , . . ,
„Verzeihen Sie", sagte er höflich, „ich pflege am Sonntag sehr lange zu schlafen. Als es das erstemal läutete, glaubte ich, geträumt zu haben, und legte mich wieder auf die Seite. Ein fo früher Besuch ist bei mir eine Seltenheit." . , , , .
„Das will ich hoffen!" grinste Jensen und betrat hinter Scharf einen großen düsteren Raum, Kompromiß zwischen Wohn- und Arbeitszimmer, mit schönen und zweifellos echten Chippendalemöbeln und em paar sehr guten alten Stichen und Oelgemälden an den Wänden. Nach der Einrichtung hätte man auf Geschmack und Kultur des Besitzers schließen können. Aber das Ganze machte einen vernächlässigten und irgendwie zufälligen Eindruck. Es glich eher einem Möbeldepot als einer wohnlichen Be- Häufung Auf allen Gegenständen lag eine dicke Staubschicht. Der wertvolle Perferteppich war offenbar feit Jahren nicht mehr abgekehrt worden so daß man die schönen Farben kaum noch erkennen konnte. An den Fenstern hingen schmutzige, zerrissene Gardinen billigster Sorte. Reste von Holzwolle lagen hier und da am Boden verstreut. Im Kamin brannte fein Feuer, und die Kälte machte den Raum noch unbehaglicher, als er an sich schon war. Die beiden Kriminalbeamten schenkten indes Dem Zimmer zunächst weniger Interesse als Dem Mann im Pyjama, Dem es inzwischen endlich gelungen war, in feinen Schlafrock zu tommen. Cr war ein mittelgroßer Mensch zwischen dreißig und vierzig Jahren mit schütterem schwarzen Haar und einem mageren bartlosen Gesicht von beinahe südlicher Hauttönung. Der Mund war ausfallend hübsch und enthüllte bei Sprechen ein makellos schönes Gebiß, was besonders seinem Lächeln einen bestechenden Reiz verlieh. Stirn und Augen verrieten Intelligenz, aber das linke Augenlid hing, wahrscheinlich infolge einer Lähmung, etwas herab, was 'her Physiognomie zuweilen etwas harnisch Verzogenes gab. Er sprach ein tadelloses Deutsch und schien Den gebildeten Ständen anzugehören. Die Herren ignorierten seine zum «itzen einladende Geste, und Inspektor Scharf überrumpelte ihn ohne Einleitung mit Der Frage: „Wer finb Sie?"
Der Befragte zögerte einen Moment in betroffenem Erstaunen mit der Antwort. Dann sagte er vollkommen ruhig:
„Mein Name ist Fuchs — Caspar Fuchs. Womit kann ich Ihnen b’^ytun war die Reihe des Staunens an den Polizisten. Besonders In Scharfs Gesicht matte sich aufrichtige Bestürzung. Aber er fammelte feine Züge sogleich wieder zu dienstlicher Straffheit.


