ihm diese kleine Geschichte erzählen. Er sollte daraus eine Ahnung be­kommen von den seltsamen Menschen, denen Musik kein sogenannter Berus keine Unterhaltung, kein Gehirnsport ist, sondern ein Lebens­element, das sie umgibt und durchdringt wie die Luft, die sie atmen. Und dann sollte er sich seine Gedanken darüber machen, was das aber auch für eine Musik sein müsse, die die Kraft habe, einen Menschen stets und ganz zu beherrschen, ihm in jeder Sekunde seines Lebens bewußt gegenwärtig zu sein und in all sein Tun und Lassen heimlich hinein­zuklingen. Es hat ja jenseits unserer Grenzen nie an seinen Kopsen aesehlt, -die das Besondere unserer Musik und unseres Verbundensems mit ihr empfunden haben. In der französischen Literatur stößt man bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und oft gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte, aus Spuren hellsichtigen Berständnisses, ja auf Regungen einer nur halb eingestandenen und fast verschämten Schwärmerei für die eigentümliche Erscheinung des musikalischen Deut­schen. Aber der Blick dieser Beobachter hastet immer nur am einzelnen Fall- es ist der Blick des Sammlers, der liebevoll auf seltenen Exemplaren verweilt. Niemand sah im scheinbar Zufälligen das Symptomatische und Symbolische, und mancher, der nur eine Anekdote zu erzählen glaubte, wußte nicht, daß er den Schlüssel zum Innersten des deutschen Wesens in der Hand hielt. Freilich ist der Deutsche schwer zu begreifen. Er war von je der Märchenhans und Dümmling, der immer zu spat gekommen ist. Aber wenn er dann endlich zur Stelle war, hatte er Glück und führte die Braut heim. Das war unverständlich, ja provozierend, und ist merk­würdigerweife nicht rechtzeitig unterbunden worden. Wäre nicht das grob Materielle stets wichtiger gewesen als alles andere, fo hätte ein kultureller Völkerbund bereits gegen,Heinrich Schütz und seine brutale Art, kühner und organischer zu musizieren als die Italiener und Fran­zosen, Einspruch erheben müssen. Die deutsche Musik, von der zu Zeiten Leonins und Perotins noch gar nicht, im Zeitalter des großen Mach aut sehr wenig und erst vom 16. Jahrhundert an ernstlich und in weiteren Kreisen die Rede war, sing plötzlich an, ganz bedrohlich zu wachsen und sich auszubreiten wie ein mächtiger Wald. Hundert Jahre später zeigte sich schon, daß dieser Wald in dem reicheren Boden wurzelte, und als Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel ihre Werke schusen, war die deutsche Musik längst von der Uebergipselung fremder Vorbilder zur Entdeckung neuer Länder und Welten vorge- chritten. Sie warstill und mit Zeit" die Königin geworden, der niemand die Krone streitig machte. Sonst aber sah es aus der Welt so aus: Frankreich, das nie einen größeren Musiker besessen hat als Machaut, war schon im grand siede zu dem nobelen, geistvollen und verkleinerten Format einer Musik übergegangen, die eigentlichmusiquette heißt, ein Wort, das wir nicht haben, weil wir die Sache nicht haben, und das wir ebensowenig übersetzen können wie die Franzosen das deutscheLied'. Englands Musik war seit P u r c e l tot. Sie starb plötzlich und unerwartet wie unter dem Fallbeil. Italien hat die organische, gestaltende Kraft deutscher Musik nicht mehr in sich aufzunehmen vermocht, aber noch blühte dort die alte, edle Kantilene wie ein goldener Sommernachmittag, von dem man nicht glaubt, daß er zu Ende gehen kann. Er ist dennoch zu Ende gegangen. Es kam jene musikalische Weltrevolution, die den Gene- ralbahstil dahinrafste, und die nur Deutschland ohne Schmälerung seines Erbes und feiner Macht überstanden hat. Während unser Boden einen chaydn, Mozart und Beethoven hervorbringen und tragen konnte, begann in Italien die Musik immer mehr an Saft zu verlieren. Die edle, alte Erde war verbraucht. Es bedurfte nur weniger Jahrzehnte, um die Kantilene dieses Landes, die einst ohnegleichen war, in die seich­testen Niederungen amüsanter und sentimentaler Popularität sinken zu lassen. Die Gemeinsamkeit und gegenseitige Befruchtung europäischer Musik hatte ausgehört, jede Nation war isoliert, und keine konnte auch nur den Versuch wagen, sich mit der deutschen Musik innerlich auseinander- zusetzen. Italien hat ebenso wie Frankreich die großen Ereignisse Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert nicht erlebt, sondern nur von außen gesehen. Es hals nichts mehr, daß in der späteren Romantik die abgerissenen Fäden wieder angeknüpft wurden. Auch im Leben der Vol­ker läßt sich nichts nachholen. Der Substanzverlust war nicht mehr herein- zubringen, und keine historische und psychologische Konstruktion kann die furchtbare Leere ausfüllen, die durch den passiven Widerstand gegen Haydn, Mozart und Beethoven geschossen worden ist, so wenig als geistige und technische Aus-der-Höhe-stehen das unwägbare Etwas ersetzen kann, ohne das es nicht möglich ist, eine tiefe, herzbewegende Musik wie eben das Schumannfche Abendlied zu schreiben. Wie aber diese tragische Entwicklung kam, warum bei Italienern, Franzosen und Engländern die ganz große Musik auf einmal verstummt ist, und warum sie bei uns weiterlebt bis auf den heutigen Tag, läßt sich nicht ergründen. Die Histo­riker wissen es nicht, nicht einmal die Psychoanalytiker, die doch alles wissen. Es ist ein metaphysisches Geheimnis, das durch die Geschichte nur bestätigt, nicht erklärt wird.Ihr Deutschen habt es eben leicht musi­kalisch, ja musikbesessen zu fein, ihr habt den unschätzbaren Vorteil einer sozusagen legitimen Kontinuität musikalischer Entwicklung, die seit dem Ausgang des Mittelalters eingesetzt hat und nie unterbrochen worden ist wie bei uns." So sagte mir vor zwei Jahren cm geistreicher Musiker und Landsmann Romain Rollands. Ich erwiderte:Wir sind nicht das musikalische Volk, weil wir unsere große Geschichte und Tradition haben, sondern wir haben diese Geschichte und Tradition, well wir das musikalische Volk sind." Das sand er sehr nett; er hatte als echter Fran­zose seinen Spaß an jeder improvisierten Antithese. In der Sache war er anderer Meinung. Aber dann erzählte er mir, wie m Frankreich keine Musik liebevoller, ja leidenschaftlicher gepflegt werde als die deutsche, und welch vollendete Interpretationen Beethovenscher Symphonien er in Rom unter Molinari erlebt habe. Er meinte, wenn es m Frankreich mehr Musiker gäbe, wäre das Verständnis für Deutschland großer und die Einigung der Völler gar nicht so schwer. Ganz Europa schwelge in beut» scher Musik. Da schwieg ich, weil mir keine rechte Antwort emstel. Ich dachte an die Wehrlosigkeit alles Geistigen vor Politikern und Geschäfts­leuten. Ich dachte an die optimistischen Selbsttäuschungen vorurteilsloser Künstler. Aber ich dachte auch an meinen alten Pfarrer und fernen Glauben an das Psingstwunber der deutschen Musik.

der Dunkelheit.

Ton kam die Antwort

schon die Beerdigung.'

Oie Oame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.)

Aber genau konnte er es nicht lesen, die Entfernung war für feine etwas kurzsichtigen Augen zu groß, und außerdem schwankte das Zei­tungsblatt in der Hand der Dame wie ein Fächer hin und her. Seins Begierde, die Zeitung in feinen Besitz zu bringen, steigerte sich mit jeder Sekunde. Und plötzlich griff er zur Kriegslist. Er tat, als wolle er sich eine neue Zigarette anzünden, und beugte sich dabei so ungeschickt vor, daß er mit seinem Patentfeuerzeug der Zeitung zu nah kam und der untere Rand Feuer fing. Mit einem Ausruf ratlosen Schreckens riß er der Dame das Blatt aus der Hand und goß den Inhalt feines Wasser-

Kling nahm sich in einem Hotel am Schlesischen Bahnhof ein Zim­mer für die Nacht und versenkte sich zunächst in ein tiefschürfendes Stu­dium des Berliner Telephonbuches. Nach einer viertelstündigen General- muft-erung sämtlicher Fuchs hatte er festgestellt, daß der von ihm gesuchte Caspar Fuchs am Schöneberger Ufer Nr. 11 wohnte und auch Telephon besaß. Er beschloß, aufs Geratewohl einen Versuchsballon loszulassen, und lieh sich mit der betreffenden Nummer verbinden. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich jemand meldete. Dann fragte eine heisere Frauen­stimme :Wer ist dort? Was wünschen Sie?"

Ich möchte Herrn Fuchs sprechen. Ich bin ein alter Geschäftsfreund von ihm und auf der Durchreise in Berlin", log Kling kühn drauflos. Die Stimme räusperte sich, und in tieferstauntem Zzr. di: Antwort

fifeer. ... . _ . .

nicht an Wert eingebüßt. Schleunigst holte er fein Monokel hervor und suchte damit die Todesanzeigen ab. Und richtig, da stand es: Fuchs! Der Name stimmte zwar, aber alles andere war ziemlich enttäuschend. Dieser Mann, der hier als am 20. November verstorben gemeldet war, hieß mit Vornamen Casus und war ein Makler aus SW. Berlin. Und wenn­gleich er auch den nicht ungewöhnlichen Namen Fuchs trug, so konnte sich Kling doch nicht verhehlen, daß für feine Identität mit dem angeblich ermordeten Kunsthändler aus der Jnvalidenstraße sonst nicht das ge­ringste sprach. Und dennoch sei es nun, daß fein Interesse bereits übertrieben auf diese Sache zugespitzt war, ober daß er in feinem Spür­eifer den nebensächlichsten Umständen ein übermäßiges Gewicht beilegte diese im Grunde so nichtssagende Anzeige ließ ihn nicht mehr los. Sie saugte seine ganze Aufmerksamkeit an sich, sie verstrickte seine Gedanken in die abenteuerlichsten Kombinationen. Und so kam es, daß Kommissar Kling sich selbst dabei überraschte, daß er in Schnetdemühl den Königs­berger V-Zug verließ und auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig einen Zug bestieg, der in entgegengesetzter Richtung nach Berlin zurückfuhr.

Als Kling in Berlin ankam, war es bereits zu spät, an diesem Tage noch etwas zu unternehmen. Dazu kam noch, daß ein dicker, rostfarbener Nebel den Straßenverkehr hemmte. Alle Fahrzeuge waren gezwungen, im Schritt zu fahren. Und die Warnungssignale heulten gespenstisch aus

glafes über die glimmende Stelle. Dann breitete er unter vielen Ent­schuldigungen bas klitschnasse Papier auf der Tischplatte zum Trocknen aus. Aber die Dame hatte genug. Sie strafte ihn mit einem stummen, vorwurfsvollen Blick und nahm ostentativ an einem andern Tischchen Platz. Aus die durchweichte Zeitung verzichtete sie großzügig.

Kling hatte seinen Zweck erreicht. Er war jetzt uneingeschränkter Be- ber Zeitung, und für ihn hatte sie trotz ihres beschäbigten Zustandes ~~ ...... ' " holte er fein Monokel hervor und

nb richtig, ba staub es: Fuchs! Der

zurück:

Aber wissen Sie benn gar nicht, baß Herr Fuchs gestorben ist? Ja, denken Sie nur, am Montagabend! Morgen ist schon die Beerdigung."

Kling ließ, scheinbar verstört, eine Pause eintreten.

Was Sie sagen! Gestorben? Aber das ist ja schrecklich! Und so plötz­lich! Woran denn nur?"

Ich weih nicht recht. An Blutvergiftung, glaube ich aber fo etwas Aehnlichem. Schade, daß Fräulein Hohmann nicht zu Haufe ist. Die könnte es Ihnen genauer sagen."

Kling spitzte die Ohren.Ach so Fräulein Hohmann! Seine Sekretärin meinen Sie wohl?"

, O nein! Die Nichte von Herrn Fuchs. Sie ist jetzt sehr viel unter­wegs. Weil es doch allerhand Laufereien gibt wegen des Begrabniffes und fo verstehen Sie?" ..

Gewiß natürlich. Aber ich möchte doch nicht versäumen, Fraulein Hohmann mein Beileid auszusprechen. Und außerdem hätte ich auch gern über eine andere Sache mit ihr gesprochen. Eine Sache, beretroegen ich eigentlich Herrn Fuchs aufsuchen wollte. Wer ich muß morgen schon wieder mit dem Mittagszug nach Küstrin weiterfahren. Und fo früh am Tag möchte ich doch nicht gern stören!" ,

Das weibliche Wesen am Apparat schien zu überlegen. Dann meinte es zögernd:Vielleicht, wenn Sie schon von neun Uhr kommen wür­den ...? Fräulein Hohmann ist immer sehr früh auf. Und ich glaube kaum, daß sie morgen vor zehn Uhr ausgeht, weil sie die Schneiderin bestellt hat. Kann ich ihr vielleicht etwas ausrichten?"

Kommt sar Kling dachte einen Augenblick nach. Dann rief er ms Telephon:Gut also melden Sie Fräulein Hohmann meinen Besuch für morgen vormittag um neun Uhr. Mein Name ist Müller, Heinrich Müller. Ja, mit Doppel-l."

Er hängte schnell den Hörer an und verließ nachdenklich die Telephon­zelle Dieser Fuchs also hatte eine Nichte! Eine Nichte, die allem Anschein nach bei ihm im Hause lebte. Ein tüchtiges, gesundes Mädchen, das des Morgens früh aufftanb unb auch im tiefsten Schmerz nicht vergaß, die Schneiderin zu bestellen! Aber jener andere Fuchs, der Ermordete ober wie Kling ihn bei sich zu nennen pflegte,Fuchs, ber Rotbart hatte ber nicht auch feineNichte" bei sich gehabt? Oder doch eine grau, die er als Nichte ausgab. Und von dieser Frau besah Kling, danieder erfolgreichen Unterstützung von Dr. Morris, eine ziemlich genaue Per­sonalbeschreibung, die es ihm nicht schwer machen würde, auf den ersten Blick festzustellen, ob zwischen der beschriebenen Person und diesem Fräu­lein Hohmann irgendeine Identität bestand. Kling vergaß an diesem