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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (952

Montag, den 28. November

Nummer 95

Advent.

Von Ludwig Thoma.

Die stille Nacht ist gar so kalt,

Weih ist das Feld und weiß der Wald, Es zittern in der Ferne

Vor Frost die kleinen Sterne.

Und führt ein Engel bei der Hand Das Christkind her in deutsches Land, So mutz es heute kommen. Das hoffen alle Frommen.

Und watet es durch tiefen Schnee, Dann horcht im Wald ein armes Reh, Ein Baum erschauert leise Und grüßt es auf der Reise.

Wir horchen in die stille Nacht, Die alle Menschen glücklich macht.

Hört keiner wohl die Kunde Aus froher Engel Munde?

Brief aus Tuskulum.

Von Gustav W. Eberlein, Rom.

Tuskulum, im November.

Als sie drunten in der Stadt die Allerseelenglocken läuteten, brach mf den Bergen mit Ungestüm der zweite Frühling durch. Sommer­zluten wichen dem Winzermond, die furchtbare Bräune der Campagna, üe Leichenstarre gab nach, und Leben rauschte herab, Leben strömte wieder ein, Regen, Regen, unsagbar herrlicher Regen. Die Stadter mochten Schirme ausspannen, obwohl auch sie es nur zögernd tun, so !östlich ist die Nässe nach der Dürre, aber die Landleute standen still Md hielten den Kopf nach vorne, damit es so recht fühlbar beglückend den Nacken hinunterriesle. Nicht anders die Erde. Sie atmete tief auf wie ein Genesender und der Strom des Lebens zog mächtig durch ihre Lungen, und es war Auferstehung, was die Glocken läuteten.

Da hob sich die Scholle, da brach es weiß und gelb und grün aus den erloschenen Wiesen, es brachen sogar die hartgetretenen Wege zwischen den Rebenreihen und Blühen war ringsum. Blühen. Das ist jedes Jahr Io im November und jedesmal wieder wie ein Wunder. Das gebe es «uch im Norden manchmal, sage ich, denn vor den Wundern der Fremde drängt es einen, die Heimat in Schutz zu nehmen, unsere Bauern sprachen dann von einem Martinisömmerchen. Sia benedetto San Martino! geben die römischen Bauern höflich zurück, aber man merkt es ihnen doch an, daß sie nicht so recht daran glauben. So blau! So warm! Und so jlamm- gelb die Vigna, der Weinberg!

Vendemmiano! Das heißt: wir wollen zur Ernte schreiten.

der phlegräischen Gefilde, wie sollte man ihn für 38 Gold den Liter ver­laufen können? Wo einmal die Männer einsprmgen müssen, machen sw ftcich ein Gesicht, als ob das Traubenpflucken -'ne Arbeitfei, nach Tarif zu entlohnen, aber die donne, nein, die lachen und fingen nur. -in g h das auch viel flinker von der Hand.*

Am nächsten Morgen, die Sonne ist noch nicht über den Hügel von tuskulum heraufgeklommen, kommen Ne fmgenö an, mU «Scheren und dangen mit Butten und Körben und Kupferkesseln und scheußlichen Konserven- und Petroleumeimern, alle Gesäße müssen ^fjaen, ber a te Sauer an der Spitze, dann Roß und Mulo, Karren und Hunde, endlich die feminine, die donne. Nur Frauen und Mädchen, denn die männliche Arbeitskraft wäre zu teuer. Wie sollte man sonst Öen golbenen Srascah, len köstlichsten Wein ber Erde nach ben;i Ucnmae Chns

Am Sonntag sind) sie nicht einmal bie Madonna hat es schon lächelnd verziehen aur Kirche gegangen. In lila indiana, wir sagen m f 'MrÄ we^n st- cmch ^rck/aus keinen marschierenben Eindruck machen erb eiten sie fiel) durch die Reben bergaufwärts, die Alten und Bie Hatz liehen ftrena darauf achtend, daß die Jungen und Hübschen ja keine

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er in bie Jahre kommt. In Zweifelsfällen liegt bie Entscheidung aus­schließlich bei bem Manne: er kann ein Möbel in bie Arme nehmen ober ihm eine pfunbschwere Traube auf ben Munb klatschen und ritzeratze bort verreiben, daß Graziella mit triefendem Kinn dasteht wie eine Bacchantin. Uebrigens ließ sie es in süßer trunkener Ruhe über sich ergehen, in jenerweichen Zerfahrenheit, wie sie Dionysos selber zu­kommt, und bann beugte sie sich selig zur Schwester herab: Da siehst bu's, er liebt mich boch! *

Die Eibechsen, die vor dem Sommer weiß Gott wohin flüchteten, im Juni waren sie jedenfalls verschwunden, sind jetzt ganz toll vor Sonnen» lüft. Es ist ausfällig, wie sie ihre Kleiderfarbe den Reben anpaffen, vom Grün allmählich ins Gelb wechseln und immer lebhafter und intensiver, ocker-, Zitronen- und schließlich hellgelb mit den Blättern werden. Gibt es auch gelbe Edelsteine? Wie soll man bie Smaragbeibechsen setzt nen­nen? Der Bulli jagt sie, sie sinb groß und stark wie er, denkt er, also ein würdiger Gegner. Er übertreibt gerne, immerhin, mit jungen Krokodilen könnte man sie manchmal verwechseln, wenn sie nicht flink wären wie bie Schlangen, bie übrigens, als Vertreterinnen unserer Ringelnattern, auch flammgelb sind. Die Mäbels kreischen, wenn sie plötzlich zwischen ben Beinen burcyzischen, und haben eine Entschuldigung mehr für die übersehenen Grappoli.

Signore, sagt der Bauer, erschrecken Sie nicht! Vor den Schlangen? Nein, vor ben Frauen! Gleich werben sie kommen und--

Da waren sie aber schon ba unb klappten blitzschnell nach vornüber, schneller als Smaragbeibechsen, unb quetschten eine Traube auf meine Schuhe aus. Bevor man zur Besinnung kommt, beugen sich anbere herab und wischen den Saft mit dem Taschentuch wieder weg. Das ist bie mostata, ber Erntegruß an ben padrone, an bie Herrin, an bie Gäste. Die ihreseits nun nach ein paar Silberlingen suchen müssen.

*

So kommt bie allegria zwanglos in Gang, bie Heiterkeit. Facciamo un po di allegria! Das kann man im Silben veranstalten, so oft und wann man will, denn bie Heiterkeit steht wie bie Sonne ftänbig am Seelenhimmel biefes Volkes. Unb ist ihm um so näher, je schlechter es ihm geht. Denn was kostet schon ein bißchen allegria? Eine Schüssel Spaghetti, ein Fiasco Frascati genug unb übergenug zur Seligkeit.

Wir machen mit, wir ernten mit, wir blühen mit ben Blumen und leuchten mit dem Himmel, wir werben eins mit Erbe unb Frühling. Mit biesem überirdisch schönen Novemberfrühling. Die Pferde wiehern, daß ber Bulli mit erstaunten Kulleraugen nach oben starrt unb bann aus vollem Hals zu lachen anfängt. Es ist herrlich, einen Bulli lachen zu sehen. Darauf, bas fonberbare Tiergebilbe zu Füßen erblickenb, brachen auch die Röster Fiorella und Rosina in lebhafte Heiterkeit aus. Unb Kaiphas balgte sich mit Tripoli und Turco Kollegen des Bulli, wenn auch ohne Prätention. '

Drunten in ber Campagna zog ber fieberbannenbe Rauch über die Hürden, über Tuskulum zog der Wechselgang der Winzerinnen. Sie improvisieren Text und Noten, man denkt, es fällt ihnen halt so ein und freut sich mit ihnen, wenn eine Stimme am Ende so recht lang und schmelzend aushalten kann. Das schwebt im Sonnenglaft wie Marien- fäöen, das summt unb fimmt wie Telephonbrähte unb hat etwas von büfteren Dorfkirchen unb klingt aus hohen Domen, endet aber regelmäßig in jenem von der Tonleiter halb harlekinifch, halb gravitätisch herabpurzeln- ben Schnörkel ber italienischen Volksweise, immer mit aaaaaa aaaaaah ober ooo00000000h. Oder auf e. Jedes Wort mündet ja in einen Vokal aus. Horchen wir einmal zu:

Wie schön wäre es, so fängt ein junges Ding an, wenn uns jetzt einen Liter brächte, nehmen andere das Motiv auf, unsere Chor padronaaaaaah!

Still, sage ich zur padrona, hören wir, was noch kommt! Und es kommt vieles, aber im Grunde immer wieder dasselbe. Darauf hat die padrona wunschgemäß interveniert. Unb bie Pinien bekamen es zu Horen unb in ben Zypressen hallte es nach unb ber Abenbhimmel, flammgelb wie bas Weinlaub, war ein einziger Resonanzboben:

Nun tränten wir ben Wein nun arbeiten wir mit boppelter amoree unb fingen unb fingen aus vollem cuoooooooooor eeeeeeee!

Als bie Sonne ins Meer stürzte, es sieht herzbeklemmenb aus, wenn man auf ber Höhe von Tuskulum steht, erlosch mit einem Schlage ber Frühlig Schalten urwelthafter Größe huschten über ben ©Otterberg, ben Monte Cavo, bie Lichter ber Rebstöcke gingen aus, bie Menschen ver­stummten unb die Pferde trachteten mit ihrer schweren Last nach dem Tale. Der Hauch ber Vergänglichkeit traf bie (Befilbe der Seligen, mitten im Frühling.