Nummer 2<
Samstag, den 26. März
Jahrgang <952
Das Kreuz.
Bon Fritz Diettrich.
Ein schmählich Holz ist abgehauen, Gering an Wuchs und Art.
Und diesem Holz entsteigt ein Grauen Und überrinnt eiskalt die Frauen, Die um Maria sich geschart.
Nie war in dieses Holz gestiegen Ein Saft voll Süßigkeit.
Nie war ein srüchtevolles Wiegen, Ein Vogellied, ein Aesteschmiegen In seinem tödlichen Gezweig.
Ohn' Trost Ist dieses Holz zu schauen,
Als hott' es nie gelebt,
Als sei es ganz, aus grauem Stein gehauen.
Es schwankt als schwerer Mast im Frühlingsblauen Unsicher hin. Und hoch ein Geier schwebt.
D Marterholz, bald fallen deine Schrecken!
Du wirst verwandelt sein
Und überblühst die Welt an allen Ecken Und reifst auf Golgatha, dem Leidensflecken, Süßesten Wein.
Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Gespräch am Abend vor Ostern.
Von Hans Franck.
Sie hatten ihr Haus hinter sich gelassen, der fünfzigjährige Mann und die vierzigjährige Frau; denn er wußte den Weg nicht weiter. Sie aber hoffte, daß es ihr vergönnt sein werde, im Gehen irgendwann die Hand zu erheben und Mut fürchte Frage zu finden! „Dorthin?" Die Bäume standen noch kahl. Auf der Erde lag letzter Schnee. Der graue Himmel hing so tief herab, als ob es nicht später März wäre, sondern November. Der Mann sah es und seufzte. Auf dem Beet am Haus bettelte das Goldgelb des Winterlings um schwesterliche Sonne. Im Garten läuteten weißgrüne Schneeglöckchen: „Es wird Frühling!" Ein Fink schlug. Die Frau hörte es und lächelte; schmerzlich, aber sie lächelte. Doch erst als sie aus das Feld kamen — das an drei Seiten vom See begrenzt wird, über den hinweg in schweigendem Mitklingen der Wald grüßt, so daß man sich dort frei und zugleich geborgen fühlt — erst da begann sie:
„Wie konntest Du drinnen im Haus daS grauenvolle Wort sagend „Welches von den vielen Worten?"
„Muß ich es wiederholen?" .
„Wenn Du Antwort aus Deine Frage haben wcklst — ja.
„Also sei es. Wie, Lieber, konntest Du sagen: Genug!"
„Auch Elias, dieser mächtigste aller Glaubensstreiter, schrie: „Es iß genug, so nimm, Herr, nun meine Seele!"
Der Prophet des alten Bundes! Der Mittler des Neuen Bundes a6e$ schleuderte nicht die Menschensumme dem Ewigen ins Gesicht; sondern es fragte den Vater unser Aller: „Mein Gott, mein Gott, warum hast D« mich verlassen?" . , ... ,
„Und was hat der, den auch Jesus mit solchen Worten anklagte, auf diese Frage geantwortet?"
Da« weiß ich nicht. Niemand auf Erden Nnrd es jemals wißen. Ich weiß nur, daß dem, der sich selber des Menschen Sohn nannte, die Antwort Gottes hiilreichende Antwort war. Denn er stieg — obwohl er es vermocht hätte — nicht vom Kreuz herab, schrie nicht: „Es ist genug!", sondern nahm das Leid, nahm alles Leid der Welt auf sich, befahl seinen Geist in Gottes Hände und —“
„starb! Elias aber blieb am Leben!'
Nachdem Gott der Herr von dem Berge herab ihn zu dem gezwungen hatte, wozu er Jesus zu nötigen nicht braiichte: zu der Erkenntiiis, daß das Göttliche nicht im Sturm, nicht im Erdboden, nicht im Feuer an uns vorübergeht, sondern im stillen sausten Sausen, ja; da blieb Ellas am Leben. Steht Dir dieses Leben höher als Christi Sterben?"
Man darf Beides nicht vergleichen. Jesus wußte, baß er wieder auf- erstehen, daß durch dieses Wiederauserstehen am Ostermorgen sein Sao> sreitagsleid wenn nicht aiisgelöscht, daun doch ausgeglichen werde, und dieses Wissen ersparte ihnr die letzte Bitterkeit. Das Wort des Ellas aber war an sein Leben, an die Tragbarkeit seines Lebens gebunden. Hatte sem Leben „och Sinn, so mußte er es leben. War sein Leben ohne Smn geworden, ging das Maß des Leides über die menschlichen Kräfte, so mußte er sprechen wie ich — weil mein Leben sinnlos iourde oder, wenn es lisch einen verborgenen Sinn haben sollte, meine Kräfte nicht mehr ausreichen, es zu tragen — in unserem Hause sprach: „Ich mag nicht mehr! Ich tarnt nicht mehr! Ich will nicht mehr! Es ist genug!"
,Es gibt Eiserer um den Herrn, und es gibt^Dillder um den Herrin Es gibt Streiter durch den Streit, und es gibt Streiter durch das Leid.
"Wohl. Und wozu Gott den Elias schuf, wofür er Jesus auf die Welt sandte, das liegt vor Aller Augen. Also erfüllten Beide durch das Gegensätzliche nur ihre Bestimmung; der Eine, wenn er sich ausreckte, Gott das mißlungene Werk vor die Füße warf und ihm zuries: „Genug! — der Andere, wenn er sein Haupt der Dornenkrone neigte, sich geißeln, sich beschimpfen, sich anspeien ließ und den Mund nicht auftat."
Auch wozu Gott Dich schuf, bedarf zwischen Dir und mir keiner Worte." "Dann tat ich also nur, was ich tun mußte. Wie Elias."
Hast Du gleich ihm gehandelt? Elias sagte rote Du: „Es rst genug! * aber er ging, nachdem Gott seine Augen aufgetan, sein Herz geianstigt hatte in das Leben, ging an sein Werk zurück. Als der Alte, der.Eiserer und doch als ein Neuer, als ein vertiefter Mensch. Tu aber, was wolltest Du tun? Was hättest Du getan, wenn ich nicht im letzten Augenblick zwische« Dich und den Tod getreten wäre?"
Der Mann schwieg. So fuhr die Frau fort:
Sieh Liebster, der Streiter durch den Streit braucht nicht immer und nicht überall Der zu sein, der es ist. Elias, der vorn Berge Horeb zun-ckkarn, hat — glaubst Tu es nicht auch? — hinfort manchesmal den Nacken gebeugt roo er vordem gesagt hätte: „Ich kann nicht mehr! Ich mag nicht mehr! crch wlll nicht mehr! Genug!" Hat den Nacken gebeugt' Und war in sich füll Der Streiter durch das Leid muß zuweilen den Kops Hochrecken und den Arm zum Schlag beben. Selbst Jesus schwang die Geißel über Widersacher der Ewigkeit, und es heißt von ihm: „Der Eifer um Gottes Haus hatte ihn gefressen!"
„Wohin zeigst Tu?'
Stille Auferstehung.
Von Ernst Wiechert.
0(16 ich ein Kind war, hatten wir einen Holzmeister, der siebzig Jahre all war und jeden Tag, Sommers'und Winters, eine Melle well von feinem Dorf zur Försterei kam. Er saß in der Küche, rauchte seine Pfeife, hielt mich auf den Knien und schlug das Buch seiner Welt vor mir auf. Bet seiner Geburt hatte Goethe noch gelebt, und obwohl ich nichts von Goethe wußte, glaubte ich, daß der Holzmeister noch gut dabei gewesen sem konnte, als die bösen Brüder Joseph nach Aegypten verkauften.
Und einmal in der Osterzell begleitete ich ihn ein Stuck Wege- Heun. An seiner Hand, durch den Wald, in dem die Knospen sich öffneten und d e ersten Drosseln sangen. So froh war mein Herz, daß ich aufschrie vor ~ujt, so laut, daß das Echo um uns aufstand. Da legte nur der Holzmeister erschreckt die Hand auf den Mund, eine harte Hand, die nach Harz und t>inde roch. „Still !" sagte er leise, „Christus steht aus...
■ Das ist nun vierzig Jahre her, und immer wenn die ~>e(t laut ist, > der Freude ober im Schmerz, stehe ich still daneben, well eine harte wa d auf meinen Lippen ist und eine leise Stimme über nur. «Still, Lbriftu steht auf..." Es ist nun kein Anlaß zur Freude iimdeutschen Volk um diese Osterzeit. Aber es ist Lärm genug, Lärm ohne Freude, -.arm aus Haß. Leitungen, Plakate, Aufrufe, Versammlungen. »Lazarus, komm heran-. Ach sie schrien nicht, damals als der Tote aus seinen kvrabtuchern ans- erstand. Die Schwestern nicht, das Volk nicht, und Christus nicht, -tränen waren in Christi Augen, Gebet aus seinen Lippen, Schauer in ,einem Herzen. Ja ich glaube, daß die Zeit kommen wird, da Gott über die Städte und Wüsten und Gräber der Erde rufen Wirb: „Lazarus, komm herausUyd daß das deutsche Volk aufstehen wirb, gebunben Et Grabtuchern an Fußen und Händen, und das Blut von seinem Antlitz wischen wird und Gott e heißen wird, es aufzulösen und gehen zu lassen. Und daß danach die neue Erde beginnen wird. Aber leise wirb es geschehen, gan.-, leise, und zuvor wirb eine barte Hand sich auf alle lärmenden Lippen legen und e.ne Stimme ivird sprechen: „Still... Christus steht auf . • • w
Nein nicht von denen werden unsere Ostern kommen, die aus dem Markte stehen und den Heiland verkünden. Aber mitunter steht aus »userey Wegen ein stilles Gesicht auf, in den Schulen, aus den straßen, in den dämmernden Ecken einer Versammlung, auf den abendlichen Landstraßen, über die die Wildgans zieht unter dem ersten Stern: em stilles Gesickt, da- die Augen in eine weite Ferne richtet, ein versunkenes Lauschen, eine gläubige Stirn. Aus diesen Gesichtern ivird sie ziisammenwachieii, die neue ,vorm, die Krall, die den Stein vom Grabe wälzen ivird, die Liebe, die den Hab bezwmgen wird, die leise Stimme, die zu uns sprechen wird: „Komm heraus. - Dann werden wir Ostern haben. Nicht solange mir tonrfeht itm iem Stleib, onbern wenn wir nach dein Opfer verlangen statt nach der Macht. Denn noch niemand ist ans dem Leben auferftanben statt au» dem -lou.


