Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte Pankraz in bitterer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine Mutter auch nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl dreißig Jahren sozusagen zum ersten Male sich von dem Sohne umfangen sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmollenden tausendmal ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen anzulachen vermochte, sondern mit klaren Tränen in den Augen nach ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte.
Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder zusammennahm und als ein guter Soldat einen Uebergang und Ausweg dadurch bewerkstelligte, daß er fein Gepäck heraufbeförderte. Die Mutter i wollte mit Estherchen helfen; aber er führte sie äußerst holdselig zu ihrem Sitze zurück und duldete nur, daß Estherchen zum Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den weiteren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die Löwenhaut an dem langen gewaltigen Schwänze zu packen und auf dem Boden herumzuziehen, | indem sie sich krank lachen wollte und einmal über das andere rief: „Was , ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein Ungeheuer?" j
„Dies ist", sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, „vor drei Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getötet habe. Dieser Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen und Böslein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!" setzte er mit einem Seufzer hinzu.
In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in der letzten größeren Stadt, wo er durchgereift, einen Korb guten Weines , eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen, damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf, einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht, wie dunkel einst das armselige Tranlämpchen gebrannt und wie oft er sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum feine müßigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutier, die doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Estherchens, die bei jeder Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach, einmal hatte er sie zornig weinend ausgelölcht, und als die Mutier sie bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus, worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen Wiedersehen würde, hatte er auch noch einige Wachskerzen eingeEauft, und zündete jetzo zwei derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor Verwunderung ob all der Herrlichkeit.
Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Häuschen der Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der Kerzen, die gealterten Gesichter feiner Mutter und Schwester zu sehen, und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er ins Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen über die menschliche Art und bas menschliche Leben, und wie gerade unsere kleineren Eigenschaften, eine freundliche ober herbe Gemütsart, nicht nur unser Schicksal unb Glück machen, [onbern auch basjenige ber uns Umgebenben und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhältnis zu bringen vermögen, ohne daß wir wissen, wie es zugegangen, da wir uns ja unser Gemüt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er jedoch gestört durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht länger unterdrücken konnten und einer nach dem andern in die Stube drangen, um das Wundertier , zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt das Gerücht verbreitet hatte, | der verschollene Pankrazius sei erschienen, und zwar als ein französischer General in einem vierspännigen Wagen.
Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren Vergnügungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl für die Jungen als । wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren. Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu Seldwyl, daß da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann und General Herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl sonst fertig war. Was wollte der den nun beginnen? Wollte er wirklich , am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu fein die übrige Zeit feines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie i hotte er cs angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte, und sie fanden durchaus keinen Schlüße!, das Rätsel zu (Öfen, weil ihre Menschen- ober Seelenkunbe zu klein war, um zu wißen, baß gerabe bie herbe unb bittere Gemütsart, welche ihm unb feinen Angehörigen so bittere Schmerzen bereitet, fein Wesen im übrigen wohlkonserviert, wie ber scharfe Essig ein Stück Schöpsenfleisch, und ihm über das gefährliche Seldwyler Glanz- alter hinweggeholfen hatte. Um bie Frage zu losen, stellte man überhaupt bie Wahrheit bes Ereignisses in Frage unb bestritt besten Möglichkeit, unb um biese Auffassung zu bestätigen, würben verschiebene alte Leute »ach dem Plätzchen abgefanbt, so daß Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und gemütlicher Menschen umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt von den herbeieilenden Schatten.
Er zündete nun feine türkische Pfeife an unb erfüllte das Zimmer mit dem fremden Wohlgeruch des morgenlänbischen Tabaks; die Schatten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher, und Efther- chen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es ihm Zeit dazu schien.
Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglück und auf frohen Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den längsten Leiden die Beteiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitem Welt es tun, so verspürte bie alte Mutter noch nicht bie geringste Mübigkeit unb Schlafluft, so wenig als ihre Kinber, und von dem guten Weine erwärmt, den sie mit Zufriedenheit genoffen, verlangte sie endlich mit ihrer noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Näheres von Pankrazens Schicksal zu wissen.
„Ausführlich", erwiderte dieser, „kann ich jetzt meine trübselige Geschichte nicht mehr beginnen, und es findet sich wohl die Zeit, wo ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde. Für heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, so viel als nötig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht unb aus dem gleichen Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich von einem unoertilgbaren Groll und Weh erfüllt; doch nicht gegen euch, sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefühl, daß ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat, ja well mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschäftigung und also keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn alles, was ich andere tun sah, tarn mir erbärmlich unb albern vor; selbst euer ewiges Spinnen war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Müßigen erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten Herzensgua! und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese Heu machten; ohne ein Work zu sagen ober zu fragen, legte ich mein Bünbel an ben Rand, ergriff einen Rechen ober eine Heugabel unb arbeitete wie ein Besessener mit ben Leuten unb mit ber größten Geschicklichkeit; denn ich hatte mir während meines Herumlungerns hier alle H-nbgriffe unb Hebungen ber» jenigen, welche arbeiteten, wohl gemerkt, sogar öfter babei gedacht, wie sie dies unb jenes ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz anders müßte fliegen lasten, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen wolle.
Die Leute sahen mir erstaunt zu, und niemand hinderte mich an meiner Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingelaben; dieses hatte ich bezweckt, und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen tarn, welches ich ebenfalls mit großem Appetit verzehrte. Doch nun erstaunten die Bauersleute noch viel mehr ui. sandten mir ein verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder aufgriff unb ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In einem bichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis zur Abenddämmerung; bann sprang ich auf, ging aus bem Wälbchen hervor unb guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten begannen. Die Stellung der Sterne gehörte auch zu den wenigen Dingen, die ich während meines Müßigganges gemerkt, und da ich darin eine große Ordnung und Pünktlichkeit gefunden, fo hatte sie mir immer Wohlgefallen, und zwar um fo mehr, als diese glänzenden Geschöpfe solche Pünktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Porston Kartofselsuppe zu üben schienen, sondern damit nur taten, was sie nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen, und babei wohl bestauben. Da ich nun burch bas allmähliche Auswenbiglernen unseres Geographiebuches, so einfach bieses war, auch auf dem Erbboben Bescheib wußte, so verstaub ich meine Richtung wohl zu nehmen, und beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch wieder acht gute Stunden und kam mit ber Morgeusoune an eine wilbe unb entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsäcken belabenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, inbeffen boch bas Wasser über einen Teil ber Labung wegströmte. Da sich nur brei Männer bei bem Schiffe befanben unb weit unb breit in dieser Frühe und in dieser Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich sogleich Hand ankgte und ben Schiffern bie schwere Labung ans Ufer bringen unb bas Fahrzeug roieber flott machen half. Was von bem Korne naß geworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten, und wandten es fleißig um, unb zuletzt bcluben wir das Schiff roieber. Doch nahm dies alles den größten Teil des Tages weg, und ich fand dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer über mittelst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne angebunden hatten.
Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis es nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis zum Tagesanbruch lief. Mik wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, überall des Tages zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davon ging, sobald ich gesättigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Widerspruch fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten, war ich schon wieder weg.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-^Buch» und Steindruckerei, R. Lange,Gießen.


