cs nachdem grabe
herunter Die alte Frau Holle schüttelte ihre Federbetten über uns und di« neue Maschine, mit der wir aus ihrem Weg waren.
HopplaI Die Hinterräder lassen es sich nicht mehr gefallen und wollen auch einmal nach vorn. Ich reihe rechtzeitig das Steuer und bringe den Wagen wieder in gerade Bahn. .
.Fahr nicht so schnell!" lagt Karl mit der eindrucksvollen Langsamkeit. Ich' antworte mit einem Fluch, denn der Wagen rutscht unter Karls Mahnung diesmal bis an den Grabenrand
Und als wir vorsichtig in Vaduz einfahren, machte er ganz herum einen Sprung und stand mit einemmal still in d°r Richtung, aus der wir kamen. Ich war etwas betroffen über diese entschlossene Eigenwilligkeit.
„Ohne Schneeketten ..." begann Karl.
„D Karl, halt's Maul, ich hab ja keine da!
Und dann", fuhr Karl fort, „weiht du denn, wo sie in Chur wohnt?
Ach starre ihn an. Als ich mich gesaht habe, begehre ich auf:
„Hättest du das nicht schon in Bregenz fragen können? Nein, ich weih nicht, wo sie in Chur wohnt." . , ,.
Da fühlten wir, wie inmitten einer großen Traurigkeit ein ebensolcher Hunger kam. Der Wagen stand schon in der paffenden Richtung zur Rückfahrt und dazu vor der Tür eines Bäckers, aus der vollendeten Werk des Backofens duftete.
Edouard Manet.
Zum 100. Geburtslage des Malers.
Von Dr. Paul Landau.
Auf der Ausstellung französischer Kunst, die jetzt das Ereignis der Londoner Saison ist, bilden die Werke Manets einen Höhepunkt. Einige seiner berühmtesten, nicht seiner schönsten Bilder — das frühe Porträt seiner Eltern, der „Bon Bock“, das große Stilleben, das die „Brioche“ genannt wird, fein Spätwerk „Die Bar in den Folies Ber- otzres" — schlagen die Brücke von dem Stil der Romantiker und Realisten zu der Freilicht- und Freiluft-Malerei des Impressionismus. Kommt man von der stolzen Leidenschaft eines Delacroix, der beseelten Klarheit eines Ingres, der wuchtigen Kraft eines Courbet zu diefen Schöpfungen, so steht man vor etwas ganz Neuem, einem Evangelium der Schönheit, dessen Kühnheit man nur aus dem Rückblick auf das Vergangene ahnen kann. Den» für uns ist Manet heute so gut ein Klassiker wie feine großen Vorgänger. Seine Gemälde strömen jenen Zauber, jenen Wohllaut aus, der nur den höchsten Leistungen der Kunst eigen ist, und ihre selige Harmonie ist dieselbe wie die der Giorgione und Raffael, der Frans Hals und Vermeer, der Rubens und Watteau.
Und doch haben vor diesen fünften und zarten Offenbarungen der reinsten Farbigkeit, der vollendeten Formen bei ihrem Eintritt in diese reiche Welt Stürme getobt, waren sie von den Regenschirmen einer wütenden Menge bedroht, die sich in ihren heiligsten Gefühlen sür das Alte und Bewährte verletzt sah, die in diesen „Klecksereien" eine Verhöhnung ihres Geschmackes, ihrer Weltanschauung erblickte. An was allem, das wir heute gar nicht mehr fehen, hat man sich nicht auf Manets Bildern gestoßen! An feinen Stoffen: daß er einen Absinth-Trinker malte, eine nackte Frau neben angekleideten Herren, Ruderer und kleine Gri- fctten, den banalen Alltag' der Straße. An Einzelheiten: einer Katze, einem Papagei, einem Hund. Immer wieder sind feine Werke von den Ausstellungen zurückgewiefen worden. Er war verachtet, geschmäht wie ein Verbrecher. Wie alle Propheten, die eine neue Wahrheit verkünden, wurde er zum Märtyrer, bis ein späteres Geschlecht bas anbetete, was man vorher »erbammt hatte ...
Das uns so unbegreifliche Schicksal von Manets Werk bei seinen Lebzeiten hat nur ben tieferen Sinn, baß es feine Entbeckertat ins helle Licht setzt. Der Revolutionär von gestern ist ber Klassiker von heute. Was er zuerst empfunben, geschaut, gestaltet, bas ist felbftuerftänblid) geworden, und die Nachwelt ahnt kaum noch, mit wessen Augen sie sieht, wer ihr Weltbild so unendlich bereichert. Um aber die Größe seiner Leistung zu begreifen, müssen wir uns darüber klarmachen, worin bas Neue und Unerhörte besteht, das dieser Genius der abwehrenden Menschheit schenkte und bas längst, von unzähligen Nachahmern ausgenommen, zum Gemeingut geworben ist. Manet selbst, ber sonst ber Regel folgte: „Bilbe, Künstler, rcbe nicht!", hat einmal gesagt: „Alles, was ben Geist des Zeitgenössischen und der Menschheit zeigt, hat Wert. Alles, was ihn nicht zeigt, ist Nichts". Das klingt banal, aber es verkündet die ewige Wahrheit, daß jeder echte Künstler nur aus feiner Gegenwart die tiefsten Impulse seines Schassens gewinnen kann und bah er sie fv steigern, so verklären muß, baß sie allgemeingültig, ewig werben. Der gewöhnliche Sterbliche aber ahnt nichts von bem Ewigen und Wunberbaren, das in seiner Umwelt steckt: er sucht seine Ideale im Vergangenen, vielleicht im Zukünstigen und kann es nicht begreifen, wenn ein begnadetes Ackge da die Wonnen und Wunde» des Schönen entdeckt, wo ihn das gewöhnliche und uninteressante Gesicht des Alltags angrinft. Manet war eins dieser Sonntags- kindcr, die mit unbefangenem, mit schöpferischem Blick aus der Natur herausreißen, was an bisher verborgenem Glanz in ihr steckt, die nicht in ben Traum, nicht in bas Unwirkliche zu stüchten brauchen, (onbern bie funkelnde Pracht ber Farbe, ben juwelenhaften Glanz des Lichtes, bie buntle Glut bes Schattens, bas bunte Spiel der bewegten Luft überall finden und vermöge einer ihnen innewohnenden Kraft festzuhalten wissen. Ihm war die Weit, wie bem Goetheschen Erbgeist, ein wechselnb Weden, ein glühenb Geben, und aus bem Gewirr von Farben unb Lichtern vermochte er „ber Gottheit lebenbiges Kleib" zu wirken. Alles, was er ansah unb malte, war neu, — neu bas blühenbe Grau eines Beinkleibes gegen das leuchtende Schwarz eines Rockes gesetzt, neu der koloristische Zusammenklang in dem Besatz einer weiblichen Toilette, neu bas belichtete Grün ber Blätter ober bas sunkelnbe Feuerwerk eines Blumenstraußes.
. Er selbst erstrebte nichts anberes als bie Wahrheit; „ehrliche Silber" wollte er malen, bie Dinge in natürlichem Licht, in natürlicher Farbe, keine Pose, nichts Gestelltes. Darin war er sich einig mit ben gleichzeitigen Dichtern, die bie Natürlichkeit auf ihr Panier geschrieben hatten, unb in seinen Bildern ist dieselbe junge frische, derselbe frühlingshafte
Dust, di« gleiche unmittelbare Eindringlichkeit, wie in den Schilderungen seines nächsten Verwandten in der Wartkunst, Flaubert. Nur mit Sätzen der „Madame Bovary“ ober der „Education sentimentale ließe sich annähernd die Stimmung eines Manetschen Bildes beschreiben. Aber ebenso wie Flaubert in magischer Weise fein« Beobachtungen durch die Macht seines Stils ins Unvergängliche erhob, so hat auch Manet durch die höchste Verfeinerung und Intensität des Sehens das einfache Natur- motio verklärt, ihm Schönheiten und Reize entlockt d,e niemand vor ihm erblickt. In dem Sohne einer alten französischen Burgerfamilie hatte sich die glückliche Begabung dieses Volkes, fein erlesener Geschmack, feine Steigerung aller Sinnesempfindungen, zu einer nie erreichten Hohe aus- gespeichert; dieser cingesleischte Pariser fp-iegelte in sich und seiner Kunst mit einzigartiger Innigkeit bie weiche und fchmelzende Farbenpracht der Seine-Stadt, von der man nicht mit Unrecht gesagt hast daß sich über ihr der schönste Himmel spanne. In ihm lebte eine Musik der 3<irben, eine schwingende und tanzende Rhythmik von Licht und Luft, die es ihn drängte, auf dem Papier in schwarz-weißen Tupfen, auf der Leinwand in koloristischen Nüancen festzuhalten, und ihm gelang bas Wunber, dieses aufgelöste Chaos einzelner Flecken unb Schatten zu einem verklärten Abbilb ber Natur zu formen.
Manets Kunst ist reine Malerei in einem so ausschließlichen Sinne wie nie zuvor. Sie vermeidet alle plastische Modellierung, lebe dramatische Gegensätzlichkeit. Es ist ein Spielen und Weben des Pinsels aus der Fläche, ein Hinfetzen einzelner „Valeurs , die sich zur Einheit, zu Gestaltung zusammenfügen auf so wunderbare Weife, wie die Steine der Tempel durch das Spiel des mythischen Orpheus. Auch er ward nicht aus dem Nichts, steht auf den Schultern seiner Vorgänger, hat von Delasguez gelernt und von Frans Hals, von den Japanern, von seinen Meistern Delacroix und Courbet; er hat sich entwickelt, hat eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit gezeigt und ist von einem jubelnden Kolorismus zu einer gedämpften, verinnerlichten Schwarzweih-Wirkung, von einem harmonisch verschivedenden Atelierton zur Hellen Freilichtmalerei ubergegangen, hat sich immer mehr zu sieghafter Leuchtkraft durchgerungen. Aber |o sehr er auch eine Zeitgenossen durch stets überraschende Sensationen beunruhigte, o stellt sich doch heute feine Entwicklung als eine vollkommen logische dar; unbeirrt ist er fortgeschritten „nach dem Gesetz, nach dem er angetreten". Als der Pinsel seiner ermatteten Hand entglitt, da ließ er bie Welt anbers zurück, als er sie vorgesunben, wenigstens in ben Augen ber Menschen: farbiger, blütjenber, nuancenreicher, und em neuer Stil, ber des Impressionismus, ber der Kultur fein Gepräge aus
brückte, ging von ihm aus.
Aus biefem, an Delbilbern, Pastellen, Zeichnungen, Radierungen und Lithographien so reichen Schaffen ragen einige Höhenzüge und Gipsel hervor Da ist die sog. „spanische" Periode, in der er, angeregt von einer spanischen Sünftlertruppc, Typen der Pyrenäen-Halbinsel bevorzugte, weniger beeinflußt durch fpanische Kunst als durch die stärkere Farbigkeit bie er Kostüme, burch die leibenschastlichen Gebärden dieser Mensche», gerade so, wie die französische Romantik im Spanischen einen exotischen Reiz gesunden. Als er dann nach Spanien kam, war er über diese Episode schon hinaus, fühlte sich von Vclasguez, Greco ober Goya nur in feiner rein malerische» Haltung bestätigt. Mit dem „Frühstück im Grafe , mit dem fo fabelhaft modernen unb koloristisch so unenblich kühnen Akt ber Olymp! a", mit bem sachlich kühlen Historienbilb ber „E r - s ch ! e ß u n g Soifer Maximilians", bem an Hals und Courbet geschulten Biertrinker („Le bon Bock“), mit seinen DWeifterportrats, seinen strahlenden Freilichtszenen in ber Lanbschast erreicht er immer mehr bie vollendete Ruhe, die kristallklare Reinheit, die unendlich abgewogene Harmonie seines reifen Stils, bei bem bas zarteste Fingerspitzengefühl bie Farbe burchseelt unb verklärt. Dramatischer Ausbruck,. starke Kontraste liegen außerhalb seines Bereiches. Es ist die wundervolle Behandlung der Fläche, bie jedes Stückchen Leinwand zu einem Juwel gestaltet. In dieser stillen Pracht des malerifchen Zufammcnklangs steht das Bild „Im Gewächshaus" der Berliner Nationalgalerie mit an erster Stelle. Als ein Rückcnmarksleiden ihn lähmte und in den Rollstuhl bannte, da hat er in seinen Stilleben sich selbst übertroffen unb in einem Spargeb bündel, in einem Fliederstrauß Den Abglanz des Unendlichen gespiegelt. Nie ist in der Kunst bas Vergängliche besser verewigt worden. So ward Manet zum Entdecker einer neuen Schönheitswelt. Man kann kein Bild von ihm betrachten, ohne das uns die Augen gleichsam ausgewaschen, gereinigt werden, ohne bah wir bie Dinge lichter und leichter, blühender unb strahlender sehen, ohne bah mir mehr von ben Herrlichkeiten ahnen, bie überall um uns leben. Wahrlich, ein großer Wohltäter ist dieser Ataler in unserer von so vielen Sorgen verdüsterten Welt für alle, bie die Segnungen feiner Kunst erfahren haben.
25 Sabre deutscher Technik.
Von Dlpl.^Jng. Dr. A. H a m m.
Am 12. Mai 1856 trafen sich in Alexisbad im Harz 2,3 junge deutsche Ingenieure, bie bie Einheit ber Technik unb ihres Volkstums so krästig fühlten, baß sie bie ©rünbung eines Vereines Deutscher Ingenieure beschlossen und durchführten, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die aus der Gesinnung ber Zeit ihrem Unterfangen entgegenftanben. Die Satzung bes neugegründeten Vereines enthielt auch ben Beschluß, eine eigene Zeitschrift herauszugeben, bie bie Mitglieder als einigendes Band umschließen und ihnen Gelegenheit geben sollte, „den Fortschritten ber Technik zu folgen unb technische Fragen zu erörtern". Das erste Heft dieser Zeitschrift erschien vor »unmehr 75 Jahren, im Januar 1857, und bie lange Reihe von Bänden, die ihm nachfolgte, enthält in allem wesentliche» bie Geschichte ber Technik und insbefonbere der deutschen in drei Vicrtel- jahrhunderten, von einer Zeit an, in der eben bie Technik anfing, sich vom (Bewerbe loszulöfcn, bis zum Zeitpunkte ber voll entwickelten, wissenschaftlichen Technik, als ben wir wohl unsere Gegenwart betrachten können. Nichts, kein Gesck)ichtswerk und keine Zahlentabelle verdeutlicht so fehr ben Wanbel ber Zeiten wie ein Blick auf biefe 75 Jahrcsbände. Hier ist auf einem Teilgebiete eine Geschichte des deutschen Volkes geschrieben


