Kleider um fege bk Ruber aus unb trete bk Heirnsahrt an. Das Sce- oekräukl wird zum Wellenschlag, doch sind die Wellen noch klein und rund und geben wenig Widerstand. Mein gutes Boot sahrt rasch darüber hin, und ehe noch die ersten Regentropfen sollen und das Wasser am User zu branden beginnt, sind wir im Hafen.
Heimkehrend finde ich Bücher, Briefe und Rechnungen auf meinem Tische liegen, fange ungern zu arbeiten an und werfe nach cmer Drertel- stunde das ganze Zeug wieder von mir. Das Verständnis für die Notwendigkeit dieser törichten Dinge ist mir noch nicht wiedergekehrt. Draußen ist ein wütender Gewitterregen ausgebrochen, die Dorfgasse ist em gelber Bach, und die Dächer glitzern weih von den aufprallenden Güssen. Drüben iiberm See blitzt es und donnert prächtig, und mich faßt wie in ftnabeiv zeit bei diesem Toben ein übermütiges Frohgefühl. Pfeifend ziehe ich hohe Stiefel und eine Lodenjacke an, drücke den Filz auf den Kopf und wandere ohne Ziel in das laute, herrlich zürnende Gewitter hinaus.
Max Liebermann.
Zum 85. Geburtstage des berühmten Malers.
Von Dr. Paul Landau.
Max Liebermann hat jetzt jenes tizianische Alter erreicht, das die Natur 'nur ganz selten einem ihrer Lieblinge beschert, und wie dem Größten der venezianischen Malerei ist es auch ihm vergönnt, seine Kunst zu immer höheren, immer reiferen Leistungen zu steigern. So ist sein Bildnis des Chirurgen Sauerbruch, das jetzt auf der vorn Verein Berliner Künstler veranstalteten gewählten Ueberschau seiner Portratschöpfungen zu sehen ist, in gewisser Hinsicht eine Krönung seines Werkes, denn der Fünfundachtzigjährige hat hier im psychologischen Ausdruck wie in der farbigen Behandlung ein Meisterwerk vollendet, das den Gipfel seines wundervollen Alters-Stils darstellen dürfte. Wenn man auf dieser Ausstellung die Entwicklung seiner Menschengestaltung von dem großartigen Jugendbildnis der Eltern durch vier Jahrzehnte verfolgt, so wird einem die ungeheure Leistung dieser Persönlichkeit so recht klar. Während bei andern großen Malern der Charakter und der Mensch hinter der bunten Welt der Schöpfungen zurücktritt, gehört Liebermann zu jenen seltenen Naturen, deren stetes inneres Formen an sich selbst, deren scharfe Selbstkritik und unablässige Arbeit an der eigenen Entwicklung das Gesamtwerk beherrschen, das sie dem spröden Gehalt ihrer Seele abzuringen, ja abzutrotzen wissen. Man darf ihn in diesem „Geschäft des allmählichen Sichläuterns und Emporbildens mit Schiller vergleichen, denn die klare Verstandeshelle des Schaffens, der nie ermattende Fleiß, die bewußte Begrenzung und Konzentrierung des Weltbildes lassen Liebermann diesem Meister der beherrschten Schöpferkraft verwandt erscheinen. Liebermann hat in unserer Zeit die schwere Kunst vollbracht, durch vollkommene und weise Ausnutzung aller Kräfte seinem starken Talente Werke abzugewinnen, die die Größe und Ruhe des Genies haben. Indem er nichts von seiner ursprünglichen Begabung verschwendete oder verlor, sondern alle Einflüsse und Eindrücke ins Persönliche, ihm Eigentümliche zu wenden vermochte, schuf er eine innere Kristallisation, spitzte die Pyram'he seiner Entwicklung — um ein Wort Goethes zu gebrau- ■ chen — zu einer Höhe, in die kein Mitschafsender ihm nachfolgte. Als ein Meisterstück geistiger Oekonomie und künstlerischer Formung wird sein Lcbe.i kommenden Generationen zum Vorbild und Muster dienen.
Früh hatte der junge Maler erreicht, worum andere sich lange mühen und was sie dann vollkommen besriedigt und ausfüllt: eine tüchtige Technik, eine schöne Harmonie. In jenen siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die uns heute als eine besondere Glanzzeit der malerischen Kultur erscheinen, wuchs er erstaunlich schnell heran. Die Werke des Zwanzigjährigen sind bereits wahre Wunder des Könnens und die „G ä n fern p'f e r i n n e n" von 1872 gehören in der Sicherheit der Zeichnung, der Schärf» der Charakterisierung zu den besten Arbeiten jener Epoche. Aber diese Jugendentfaltung war nur der Auftakt, gleichsam das Vorspiel seines reichen Künstlerlebens. Liebermann war das nicht genug, womit andere ihr Leben lang zusrieden gewesen wären. Seine Lehrjahre begannen erst. Er lernt bei den Meistern von Barbizon, lebt sich in die Anmut Corots hinein, wird von C o u r b e t s Wucht ergriffen und fühlt sich unbezwinglich zu der großlinigen Ruhe Millets hingezogen. Die Toten und tue Lebendigen mußten ihm Hilfe und Rat leihen, auch in Holland, dem Malerparcidies, in das er dann immer wieder zurück- gekehrt ist. Rembrandts Radierungen, die ihm eine Welt des Raumgefühls erschlossen, Frans H a l s' Impressionen, an denen er mit dem Geist und der Seele malen lernte, die innige weiche Art Meister Israels' fingen ihn in ihren Bann. Und.er hatte zum Schwersten den Mut, sich selbst aufzugeben, um sein höheres Ich zu finden. So hat dieses geistreiche, von sunkelnden Gedanken durchsprühte, nervöse Temperament gegen die eigenen Neigungen gekämpft, im bescheidenen Sichhingeben an andere die Tiefe der eigenen Natur entdeckt. Ursprünglich lebt in Lieb ermann eine Sucht nach blendenden Apercus, nach witzigen Einfällen, wie sie manche frühen Bilder, z. B. der „Christus im Tempel", zeigen. Er hätte ein zweiter Menzel werden können, aber er wurde ein andächtiger Schilderen der stillen, großen Natur.
Verleugnet er so kurze Zeit seine Individualität, um von fremden Meistern zu lernen, so ringt sich doch allmählich sein eigenes Wesen durch. Da lockt ihn in dem Bild der „K a r t o f f e 11 e f e n b e n Bauern" die Weite des Raumes, in dem die gebückten Gestalten mit Wald unb Feld der reichgegliederten Landschaft sich zusammenschließen; ein Jahr später stellt er nur noch eine Gestalt ins weite Feld gegen den dunklen Baum- ftreifen, die ganze schwere Stimmung groß zusammenfassend. Die Kunst Millets hat in ihm den bewußt stilisierenden Künstler entbunden, aber er steigert nicht seine Bauern zu Propheten und Heroen wie der Maler des „Angelus'ft er bleibt einfach und schlicht, wenn er die lebensprühende, kraftdurchwogte Gestalt seiner „N e tz f 1 i ck e r i n" gegth jagende Wolken, in den sausenden Sturm stellt, wenn er in der „Frau mit Ziegen" die Menschennatur sich aufrichten läßt, ohne allen Schwung, doch zäh und hart gegen die engen Linien der Düne, oder wenn er Öen „alten Mann" müde hinsinken läßt, umfangen von der Heimaterde, der er ent
sprossen ist unb zu ber er zurückkehren wirb. Es ist nichts von ber grandiosen Geste des Franzosen in diesen machtvoll reifen Werken, aber etwas Inniges, Stilles, ein Zusammenstimmen von Natur und Mensch in einer ekrlich.'n pantheistischen Harmonie.
Nach dieser schwer errungenen Höhe ist Liebermann in seiner Kunst unbeirrt mit seinem zähen Willen und seinen Geschmack weitergeschritten. Er hat sich mit M a n e t und D e g a s auseinandergesetzt, fand in jenem Stil, den man impressionistisch genannt hat, sein persönlichstes Mittel, eine eigenste Technik. Seine geistvoll nervöse, von schnellen Einfallen ,elebte, in Skizzen und Studien unerschöpfliche Natur, die er zurück- gedrängt hatte, trat mehr in einer freien beseelten Form hervor. Der Zeichner ber aus wirren Strichen und Wischern mit scharfem Auge und Gedächtnis eine Welt von Szenen und Stimmungen auf dem Papier hervorzaubert, feiert nun seine Triumphe, und der Maler umhullt seine Gestalten mit dem leichten Spiel der Lichter, dem Hellen Tanz der Sonnenslecken, dem duftigen Schleier der Schatten. Luft und Leben chliehen die Massen und Formen zur höheren Einheit zusammen. Seine erst mehr schwere und dunkle Palette ist nun aufgelichtet und entfaltet einen bunten, dlumenhaften Reichtum: immer größer wird die bezwingende Allgewalt seiner Pinselführung, die Feinheit seiner ganz unmateriell erscheinenden Technik. Und wieder wird ein Höhepunkt erreicht um die Jahrhundertwende, eine neue Blüte seines Schaffens, die sich ankundigt in dem reichbewegten Bild der „Badenden Knaben" in den „N e i t e r n a m S t r a n d e", die so leicht, so frei aus Meer und Himmel, Wolken und Wind hervorwachsen.
Im 20. Jahrhundert hat ber Meister sein Höchstes im Porträt und in der Landschaft geleistet. Seine Kunst, mit den einfachsten Mitteln, in scharfer Sink und mit einem Nichts von Farbe einen Menschen hinzustellen, wird immer reifer und sicherer. Diese großartige Portratgalerie bedeutender Menschen, die unvergängliche Chronik einer ganzen Epoche, beginnt etwa mit den Bildnissen von Wilhelm von Bode und Alfred v o n B e r g e r und geht durch alle Jahre fort bis zu den letzten Schöpfungen in der neuen Ausstellung. Wie gelingt es ihm, das Charakteristische und Individuelle des Einzelnen festzuhatten und doch stets ein geschloßenes Kunstwerk zu schaffen! Die Größe von Liebermanns Menfchengeftaltung offenbart sich besonders in der langen Reihe seiner Selb ft portrats. Er hat sicb immer gern selbst gemalt, in jugendlicher draufgängerischer Frische in ernstem Mannesalter, aber niemals vorher reicht seine Kunst so ins Ewige wie in den Selbstbildnissen seines Alters, in denen er ganz reif geworden ist und ganz ruhig, ganz schlicht und ganz innerlich. Es find Werke von einer so warmen Menschlichkeit und so strömenden Fülle des Gesühls, wie man sie von diesem zurückhaltenden Geiste nicht erwartet hätte Und eine Beruhigung der Formen, eine Verinnerlichung der Farbe bringen auch die Landschaften, die der Unermüdliche in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Er hatte sich während des Krieges und nachher immer mehr auf feinen Garten und auf die Umgebung seiner Villa in Wannsee beschränkt. An die Stelle nervösen Lebens, sprühender Lichter tritt nun ruhig sich breitender Sonnenschein, manchmal angehaucht von einem kühlen, herbstlichen Ton. Statt der weiten Fernen, der kühnen Raumwirkung nunmehr die idyllische Nähe stillen Betrachtens, der Reiz stillebenhafter Farbenbuketts, die zärtliche Behutsamkeit des Greises, die uns an den Spätstil Manets gemahnt.
Wie hier in den Bäumen und Beeten sich die Schönheit Ser Erde so rein und klar spiegelt, das führt zurück auf jenen Grundton, der letzten Endes das ganze Lebenswerk Liebermanns beseelt, der in feinen wundervollen Aquarellen und Pastellen, den Radierungen und zahllosen Zeich-, nungen lebt; cs ist bas Sicheinssühlen mit der Natur; der seelische Zusammenklang mit dem All, wie er seinen großen Lehrmeister Rembrandt und dessen Landsmann Spinoza, wie er Goethe durchpulst. Zu diesem pantheistischen Weltempfinden hat er sich selbst einmal in einem „Credo bekannt wenn er jagt: „Nur wer den Odern Gottes in der Natur spurt, wird in' Wirklichkeit lebendig gestalten können, nur der Pantheist; und darin schein! mir der Grund für die unbegrenzte Verehrung zu liegen, die Goethe Zeit seines Ledens für Spinoza empfunden hat. Der Künstler erfaßt die Wirklichkeit als Werdendes, nicht als Gewordenes. Gefühl ist alles: seine Gefühle auf Begriffe bringen, macht den Philosophen, seine Gefühle gestalten, den Künstler."
Am amerikanischen Nil.
Von Joses Ponten.
Der Nil ist die große Oase Nordafrikas, eine Flußoase. Er wird genährt von den abessinischen Gebirgen. Ihm entspricht in Amerika der R i o Grande del Norte, gespeist aus dem südlichen Felsengebirge. Beide Ströme sind in ihrem Unterlauf ohne Nebenflüsse. Sie unterscheiden sich dadurch, daß die Fruchtbarkeit der Niloase nicht nur auf dem schwellenden Wasser der Schneeschmelze, sondern auch auf dem mit« geführten unb im überschwemmten Lande niedergeschlagenen Schlamm beruht, während die der Rio-Grande-Landschast nur dem ziemlich stetigen, durch Abzapfung und Ableitung genutzten Wasser gedankt wird. Im wesentlichen aber sind Nil und Rio ähnlich: beide sind auch in den Trockenzeiten ausdauernde Flüsse in Durftlänbern. Da die zwei Haupt- fultoren ber Fruchtbarkeit Feuchtigkeit unb Wärme sind, so ist im allgemeinen die Wüste, die Wasser hat (fließendes Wasier, denn stetiges oer- dampst zu Salz), wider alles Laienerwarten sehr fruchtbar. Eine Schwärmerei hat der Wiiftenreisende für den Oasenfluß; sie braucht nicht begründet zu werden. Nach tage- und wochenlangem Anblick von braunen, gelben und roten Sanden ober grauen Krautsteppen erfrischt der bloße Anblick von fließendem Wasser das Gemüt, man wird es nachfühlen.
Wir kamen an den Rio Grande bei Norte nach langer Kraftwagenfahrt durch die Steppen von Texas bei dem ordentlichen Städtchen Del Rio und gingen über ihn ins Mexikanische hinüber in ein malerisches Nest, wo wir scharfgewürzte mexikanische Fischgerichte In Teig- oder Blätterumhüllung aßen und wieder einmal Wein tränten. Dunkle Manner unter riesigen Filzhüten gingen an der offenen Schenke vorüber. ®s war Frühnacht, und wir hörten vom Fluh mehr denn wir sahen, als wir


