ohne zu wissen, woher man e* usPeer Gynt", das war er, obwohl

An einem hohen Mittag, während die Sonne steil aus eins der Städt­chen hinabsticht, kommt es einsam inmitten der Dorsstraße daher bas. gebückte Greislein, mit trippelnden Schritten: es hat einen verbissenes Zug im alten Gesicht und kleine Augen, die so nach innen gekehrt sind, als habe das Männlein mit dem Leben abgeschlossen und schaue schon das- Jenseitige- und plötzlich weiß man ohne zu wissen, woher man er- weiß: das war der Knopfgieher ausPeer Gynt", das war er, obwohl die eigentliche Heimat Peers das Dovrefjell weit landeinwärts ist. Peer Gynt .. plötzlich empfindet man den Fjord als Naturgewalt, als ur­sprüngliche Krast: sein« schmalen Arme, seine Ausläufer, die sich gegen­einander und gegen das Meer immer weiter eröffnen, haben etwas Hinausdrückendes, Forttreibendes, Ausstoßendes. Vik heißt Bucht, nn« die Bikinger waren die Menschen, die in den Buchten wohnten und di- der Fjord hinaustrieb. Jetzt versteht man, warum Ibsen seinen Peer Gynt in die Tropen geschickt hat: die flimmernde Luft der Wüste, di­heiße Ueppigkeit des Südens ist der andere Teil der Welt, die anders Hälfro des Daseins, die Ergänzung zu dieser tiefen und keuschen HerbheH des Nordens. Wunderbar, daß Gestalten der Dichtung oft viel mehr Wirklichkeit haben als Menschen, wunderbar, daß man die Holzhütten^ die über die dunkle Fjordwond verstreut sind, nicht mehr als puppenhaft- Niedlichkeit sieht, sondern als die Sinnbilder des Häuslichen, des Herdes., der Heimat Das sind die Hütten, von denen Peer Gynt eine erbaut, hi­er vergessen hat, in der Solv«jg wartet, die rührende Geduld, die stille Liebe, die Mütterlichkeit.

Nacht.

Es ist schon über Mitternacht. Die Dampfer, die jetzt draußen zwischen den Schären fahren, haben vom Westen her immer noch die Röte des Sonnenuntergangs über dem Horizont, und es ist an Deck noch so heu, daß man lesen kann Mitternachtssonne. Auch hier, im Schatten den Bergwände, unter dem verhangenen Himmel des Fjords, schiinmert Di* Nacht hell. Es leuchten die Flecken der weißen Häuser, es leuchten Di* Zäune, es leuchten die Bänder der hellen Straßen von einem gedämpften, überirdischen Licht, das in breitem Strom aus den Wolke quillt. Das Licht ist nicht von dieser Welt, die Häuser sind zur Ruh 0e_ gangen, aber auch in ihren verdunkelten Fensterscheiben liegt nun oa- matte Flimmern. Man sieht in dieser Dämmerung bis in den Hi,m>ne hinein, an dem schweres Gewölk treibt. Jetzt wird es unruhig, es locke sich, Fetzen haken an den Hängen und sinken wieder. So geschieht es itr allen Tälern, aus allen Zweigen, Armen, Buchten des Fjords ziehen ' Nebel heran, das Wasser dampft. Nicht lange, und alles ist nieifi DC_ hüllt, Wolken erfüllen den ganzen Raum, di« Ewigkeit ist niederg:sti«g und schimmert in der hellen Nacht. Kein Laut ringsum als das gmfu, mäßige Rollen und Plätschern des Wassers an den Ufern. Es w etwas unheimlich, und man täte gut, nach Hause zu gehen; a

Der Fjord.

Bon Gerhard B o h l m a n n.

Am Hardanger, im Sommer.

Geheimnis.

Jeder Fjord ist ein Geheimnis, Forschung und Wissenschaft haben es nicht erschlossen, noch weiß keiner, wie die Fjorde entstanden sind, zu alt und undurchsichtig sind ihre Rätsel, mit Urgestein und Bereifung hängen sie zusammen. Aus dem Geschlecht der Fjorde stammen auch die großen Binnenseei des östlichen Norwegen, ihr Grund liegt Hunderte von Metern unter dem Meeresspiegel, das Wasser ist also einmal in sie hinabgestürzt urweltliche Schauspiele, vor deren Größe jede Anschauung versagt. Auch der Fjord selbst verhält sich anders, als man bemerkt: seine tiefsten liefen liegen nicht an den Mündungen, sondern in seinen schmalen Buch­ten wer das erklären will, müßte in den fernsten Vergangenheiten lesen können als die Erde noch wüst und leer war und der Geist Gottes über den Wassern schwebte. Was dann geschah, der Fjord erzählt es: in

Die Mauerhaken, die Karabiner, die Schsrensicherung, die verbissenen * Z^Ein Wo"/ hleidt mU zwischen den Zähnen ich will marten bis der andere es sagt. Der andere aber sagt gar nichts. Er beißt seine Zahne

Dülfer bezieht den Felsnasensessel und sichert meinen Versuch nach rechts oben durchzukommen. Die Hände suchen wahrend die Zehen an winzigsten Felsrauheiten kleben. Bon oben druckt die starre Wand hinaus, hinter und unter mir zerrt die Leere des Raumes von allen ' Seiten an meinen Nerven. Ich muß schließlich zuruck zur Nase

Der Verlust des Gipfels, das Nichtgelingen der Erstersteigung wäre noch in den Kauf zu nehmen gewesen, doch wir wehrten uns gegen den Gedanken die achthundert Meter wieder durch die starre Wand hinunter zu müssen! Uns graute vor diesem Rückweg ....

Konnten wir den Gipset erreichen, so hatten wir außer dem schonen Sieg einen leichten Abstieg über die Südostfeite vor uns und einen ganz kurzen Weg zur Hütte gehabt. , ~ ri , ,

Wir versuchen das Alleräußerste. Nichts nutzt. Der Absturz lauert hinter uns. Keiner will als erster das WortUmkehr" sagen...

Es war sechs Uhr geworden. ., v

Mit großer Besorgnis hatte ich gesehen, rote sich draußen im Etsch- und Eisacktal immer schwerer und drohender schwarze Wetterwolken türmten. Dunkel wälzte sich die Gewitterbrandung naher. Wolken über Wolken, finster und drohend. Elektrizität kmstept im Seil und in all meinen Knochen und Gliedern. Fahlgelb und düster ist der schweigsame Panzer unseres Berges geworden. Ein Biwack ist ausgeschlossen wenn das Wetter heute nacht niedergeht, leben wir morgen beide nicht mehr. Aber das denken wir nur. ....... .

Nochmals lassen wir uns alle Möglichkeiten, durchzukommen, im Kopf herumqehen. In einer halben Stunde könnte alles gewonnen sein. Spähend neige ich mich zurück und suche den senkrecht sich erhebenden Wand- teil cib

Und da geschieht etwas Unerwartetes. Ein Riesenblock hat sich gerade Über uns oben am sturmverblasenen Gipselgrat, gelöst. Er rauscht mit ungeheurer Wucht zwei Schritte neben unseren erschreckten Körpern wi« ein" Gespenst in die endlose liefe.

Wer in Kriegslagen das Heulen schwerster Granaten gehört hat, kann sich jenes Geräusch vorstellen. Wie ein schwarzer Schatten war soeben der Tod vorbeigeflogen. Der Bann zwischen uns und dem Berg war gelöst. Ich weih heute nicht mehr, aus wessen Mund das Wort »Zurück zuerst gesprochen wurde. Sekunden später waren Diilser und ich schon ein Stück tiefer. Seillänge um Seillänge gings abwärts.

Ein gewaltiger Sturm leitete das Unwetter ein. Wie tausend Teufe! brüllte der Orkan durch die Wände. Es pfiff und schrie und tobte in den Felsen, daß wir uns festhalten muhten, um nicht in das Kar geschleudert zu werden.

Um neun Uhr abends stiegen wir triefend vor Nasse aus dem Felsen; über den Schlüterpaß wateten wir bereits in knöcheltiefem Neuschnee. Donner Blitz und Sturm begleiteten uns, als wir in finsterer Nacht durch das Wasserinnental zur Tschisles-Alpe niederstiegen. Eine Stunde nach Mitternacht trafen wir in der Regensburger Hütte ein.

Die vierundzwanzig Stunden, die hinter uns lagen, hatten uns müde gemacht. Wir bestellten sofort zwei große Omeletten und jeder ein Viertel Rotwein. ,.. , , , . .

Der alte Pescosta und alle, die in der Hutt« auf uns gewartet hatten, wollten kaum glauben daß wir nicht über den Gipfel zurückgekommen wären. Vorwurfsvoll fragten sie uns, warum wir denn das vereinbarte Lichtsignal nicht angezündet hätten. Die hatten leicht reden. Wir waren abgeblitzt... , , .

Bold gingen wir schlafen. Ich lag neben dem alten Pescosta auf einer Pritsche im Dachboden und schlief schlecht. Die Anstrengung des Tages war zu groß gewesen.

Das Unwetter ließ nicht nach. Ein scharfer Donnerschlag prasselte nieder. Jäh erwachte ich. Es war drei Uhr morgens. Der Wind heulte. Auch Pescosta war wach.

Herrgott, wenn ihr in der Wand hättet biwakieren müssen, ihr wäret hin gewesen."

Ja, Teufel, das wäre schief gegangen.

Am andern Morgen lag vor der Hütte fußtieser Neuschnee. Alle Blumen und Gräser waren zugedeckt. Es war der 27. Juli 1914.

Dülfer mußte nach einigen Tagen fort, in den Krieg. Der junge Pescosta ebenfalls.

Sooft ich durch das Eifacktal fahre und bei Villnoß die Nordwand der Furchctta über tannenbestandenen Hiigelb«rgen erscheinen sehe, steigt in meinem Herzen ein Gefühl von Stolz und Zorn auf.

Unwillkürlich spannen sich dann die Muskeln und ich möchte wieder oben stehen beim Weißen Fleck und es neuerdings versuchen.

seiner Nähe leuchtet der Hardangerjökel (zweitausend Meter über den Menschen!, in seiner gewaltigen Kuppe verfangen sch die wandernden Wolken und wo der Fjord endlich ins Meer mundet, liegen zu Hunderten die Felsinselchen, die Schären, eine Herde charakterloser Gesellen ohne fede Ahnung von Gröhe herum. Die Gletscher sind über sie gekommen, haben sie klein gemacht, glattgeschliffen abgechlissen tme Kieselsteine - im Ansang war das Eis. Aber der Fjord bleibt ein unerklärlicher Gedanke der Schöpfung.

Das Auge.

Man kann ihm nicht nahekommen, wenn man auf einem Touristen­dampfer aesellschaftsreisend vorübersährt; man sollte den F,oud von hinten herum, vorn Lande her angreifen, denn er ist ja nicht nur Wasser, er hat feine Hintergründe, sein Hinterland mit Schroffen und Schrunden Wasser­fällen und Giehbächen, Tälern und Sraßen, die wie die tollkühnsten Achterbahnen auf den Jahrmärkten in steil getürmten Kehren die Hange erklimmen. In die Felsen sind diese Strahen gesprengt, Felsen hangen üb^r ihnen sie fuhren durch Felstunnel und Felsgalerien, der Fels ist es, der den Fjord so gewaltig macht. Auf diesen Strahen sollte man sich ihm nähern; man muß so hoch gewesen sein, daß man nichts über sich hatte als das eisige Silberleuchten des Hardangerjökels, nichts um sich als die erhabene Wüstenei von Schnee und grauem Moos, nichts als die groh- artige Einsamkeit dieser Höhen; man muh einmal im Menschenlosen qewelen sein, wo der Wind kalt über die Schneetriften fegt, um dann den Fjord um o tiefer zu empfinden, die saftigen Matten, das Grün der Bäum-', die weihen Häuser aus Holz. Nach dem ernsten Drama der sanfte Abstieg, der friedliche Ausklang, das Idyll, die Lieblichkeit die Stille Dort unten zwischen den Hängen ruht sein Wasser, ein glattes dunkles Auge, das aussängt und spiegelt, Himmelsbläue liegt darinnen, Wolken treiben hindurch, und zur Nacht werden die Sterne in ihm sein und aus seinem schwarzen Grunde leuchten.

Die hamsunschen Städte.

Du ruhen auch die kleinen Städte Knut Hamsuns. Sie heißen nicht gerade Segelfors (wie ein Roman von ihm), sondern am Hardanger etwa Nordheimsund, Eidsjord oder Uhlvik, aber es sind dennoch feine Stabte und seine Menschen, klein« und kleinste Welten, ohne die manche seiner Geschichten und Gestalten ungeboren geblieben wären. Die Städtchen gleichen einander sehr, Helle Puppenhäuschen aus Holz, denen man aufs Dach steigen kann, die man in die Tasche stecken möchte, eine Handvoll Häuschen die man liebhaben muh, weil sie so sauber und niedlich irrt». Sie haben ihre Sagemühlen und Hotels, natürlich, aber diese wirken hier nicht als Industrie oder Geschäft, unter den Riefenwänden des Ffords, über denen die Ewigkeit steht, wird alles Menschliche sehr klein. Und hier wohnen die Hamsunschen Gestalten und Menschen, unberührt von der großen Welt und den Zuckungen ihrer Krankheiten, und ihre Sorgen finö noch immer von der beschaulichen Art, ob der Nachbar eine doppelseitige Weste trägt oder sich eine goldene Tresse an die Mütze gesteckt hat die Städte des Fjords ruhen in der großen Freundlichkeit: auch das ist ein Wort Hamsuns. Verweilt in einem solchen Städtchen und ihr werdet dies Wort verstehen und gesünder heimkehren. Denn was täte uns heute tiefer not als das: einmal die große Freundlichkeit zu fühlen.

Begegnung mit Peer Gynt.