siern wollten nur, daß Ich liegen blieb. Man hak mir auch ein Mittel gegeben. Zur Beruhigung. Es war etwas viel für die Nerven." Sie sah sich um.Guten Tag, Vatt', lieber Batt'. Bist du mir noch böse? Wie gut, daß ihr da seid. Muttchen, wie gut! Habt Dank."

Vater Rose trat zu ihr, faßte ihre Rechte: feine Augen waren feucht. Ist auch wirklich alles in Ordnung, Gertie?"

Sie nickte:Ja Batt', ja. Frage die Schwestern, frage den Arzt. Nur müde bin ich durch das dumme Mittel." Wieder drehte sie den Kopf. Habt ihr Isa nicht mitgebracht?"

Isa war an der Tür im Halbdunkel stehengeblieben: die Eltern hatten hier das Borrecht. Aber nun kam sie vor, kniete am Bettrand nieder. Gertie", sagte sie, sonst nichts.

Gerties Gesicht hellte sich auf.Bist du da, Isa? Das ist gut. Sie werden auf dich warten, die anderen. Ich hab' ja Glück gehabt, die ande­ren hat es gepackt. Aber wir müssen Gott danken: es' ist noch gnädig abgelaufen. Geh zu ihnen, Isa. Grüß' mir Peter, sag' ihm, es ginge mir gut. Er wird sich sorgen." Sie legte sich in die Kissen zurück.Morgen bin ich wieder frisch, und Dienstag kommt ihr alle ins Theater. Es war ja so schön gestern abend."

Leise ging Isa aus dem Zimmer.

Auf dem Flur traf sie eine Schwester, die sie zu Peters Tür führte. Die Stationsschwester kam hinzu.Sind Sie die Schwester von Herrn von Weiher? Na, Ihr Herr Bruder ist bald wieder oben auf. Aber heute muffen wir noch vorsichtig fein. Zehn Minuten, nicht länger, kann ich Sie bei ihm lassen. Und nicht zu viel sprechen. Ich melde Sie erst an/ Sie wollte hineingehen, aber Isa hielt sie fest.Und Gras Queis?" fragte sie, er ist mein Vetter."

Einen Augenblick zögerte die Schwester.Es ist ein Eingriff not­wendig gewesen. Sie müssen nachher mit dem Arzt sprechen. Mute Gefahr ist nicht. Aber die Schwäche ist natürlich noch groß." Sie drückte die Klinke nieder.

So stand Isa allein auf dem Korridor. Sie hörte innen die Schwester sprechen, hörte auch Peters Stimme. Sie dachte:Leo, armer Leo. Das war doch nicht notwendig." Sorge kroch in ihr hoch. Der große, starke Leo Queis und nun in Gefahr. Ausgewichen war die Schwester; hinter ihren Worten stand doch Ernstes, das Allerernstest« wohl. Wieder wurde n ihr der Zweifel an die Schickfalsgerechtigkeit wach: konnte es solch ein Leben der Arbeit auslöschen?Nein", rief es in ihr,das darf nicht fein."

Die Schwester öffnete die Tür. Isa trat ein. Der Raum war wie bei Gertie: weiße Wände, gedämpftes Licht.

Peter war blaß. Auf feinem Kopf tag eine Kompresse.Isa, du?" fragte er, und dann gleich:Wie geht's Gertie?"

Sie setzt« sich zu ihm auf den Stuhl, der am Fußende des Bettes stand.Ruhig, Peter, nicht sprechen."

Er wollte auffahren, sie hielt ihn zurück.

Quatsch!" sagte er,nicht sprechen, das sagt die Schwester auch immer. Mir geht s ja schon wieder ganz gut. Mein Schädel kann schon einen Puff vertragen." Ader bann faßte er doch nach dem Kopf.Au!"

Siehst du, Peter. Sei vernünftig."

Vernünftig fein! Gut gesagt. Wenn immer nur diese Weiber kom­men mit ihrer Geheimniskrämerei. Also: wie geht's Gertie? Das will ich endlich mal ehrlich wissen."

Sie läßt dich grüßen. Ich war eben bei ihr. Es geht ihr gut."

Sie soll sich erst beruhigen, Peter. Die Aerzte haben ihr ein Nerven­mittel gegeben. Es fehlt ihr wirklich nichts."

Er sah sie zweifelnd an.

Wirklich nichts, Peter", wiederholte sie.

Langsam ließ er die Lider sinken.Gott sei Dank."

Isa sah den Bruder an: er war sehr blaß, aber jetzt lag ein weiches Lächeln um seinen Mund, als ob er an etwas sehr Schönes denke. Was hat Gertie gesagt?Peter wird sich sorgen." Und seinGott sei Dank" war aus tiefstem Herzen gekommen. Sie folgerte fraulich und folgerte richtig. Da war eine Freude in ihr: Peter und Gertie.

Eine Weile lag Peter still. Dann fing er wieder an zu sprechen:Ich muß hier raus, Isa, hörst du? Aus diesem Einzelzimmer. Erster Klasse haben sie mich gelegt. Das ist ja ein Irrsinn, kostet viel zu viel. Ich bin Arbeiter, Isa, Kassenpatient: ich zahle nichts, keinen Pfennig."

Aber, Peter, daran mußt du doch jetzt nicht denken. Die' Hauptsache ist, daß du erst einmal gesund wirst."

Natürlich muß ich daran denken. Wer soll es denn bezahlen? Viel­leicht Großmutter von ihren paar Groschen? Oder Leo? Nein, Isa, die Zeiten sind vorüber."

Sie legte ihre Hand auf feinen Arm.Du sollst nicht soviel sprechen, Peter."

Er nickte. In ihr waren tausend Fragen: wie das Unglück geschehen, warum sie die Fahrt gemacht, wie Gerties erstes Auftreten gewesen, was er jetzt täte. Sie fühlte plötzlich, wie fern ihr die beiden durch die örtliche Trennung gerückt und durch ihr eigenes inneres Erleben. Sie empfand; jetzt war hier Nähe, Gegenwart, Denken; Büchner war weit fort, fast fremd.

SBieber sprach Peter:Du mußt heute noch an bie Dannegger-Werke ! telegraphieren, Isa. Verwaltungsgebäube, Prioatkontor. Sie erwarten I mich bork morgen. Sie müssen wissen, baß ich hier liege. Nimm bir Gelb aus meiner Brieftasche." I

Ich kann es ja auslegen."

»Nein, das will ich nicht. Nimm dir das Geld."

Wie sich Peter verändert hatte. Isa staunte.

Hast du etwas von Leo gehört, Isa?"

. ,®ie berichtete, was ihr die Schwester gesagt hatte, mildernd, vor­sichtig; Peter durste sich nicht erregen.

Isa" muht Zu ihm gehen, Isa. Er wird sich freuen. Sei gut zu ihm, Wieder führte man sie über halbhelle Flure bis zum Zimmer des i

wachhabenden Assistenzarztes. Der sagte dasselbe wie die Schwester, nur daß er ein paar sachliche Ausdrücke einschob: Keine akute Gefahr.Sie können bei der glänzenden Konstitution Ihres Vetters wirklich ganz ohne Sorge fein. Solch ein Körper hilft sich noch durch ganz andere Sachen hindurch, und Komplikationen sind nicht zu befürchten. Und bann können wir ja gerabe hier mit ber stärksten Hilfe rechnen, bie uns Aerzten zuteil wirb, mit bem unbebingten Lebenswillen des Patienten, dem Willen gesund zu werden."

Ob sie ihn heute noch sehen dürfe?

Der Arzt erhob sich.Ich bringe Sie. Aber nur einen Augenblick bleiben Sie bei ihm, nicht länger."

Den Weg ging es zurück über die Flure, und wieder vor eine Tür, wieder in einen matt erleuchteten Raum, nüchtern und weißgetüncht.

Ich habe so gehofft, daß du kämst", sagte Leo.

Sie saß an seinem Bett, wie sie an Peters Bett gesessen. Ader es war doch anders: sie behielt Leos Hand, die auf der Decke lag, in ber ihren. Wie schmal und blaß biese Hanb war, burchscheinenb; und sonst war sie so fest unb kräftig.

Hast bu Schmerzen, Leo?"

Ganz wenig schüttelte er ben Kopf.Jetzt nicht mehr."

Schon kam bie Wachschwester unb sah Isa mahnend an.

Sie stand vorsichtig auf.Ich muß jetzt gehen, Leo."

Sein Blick suchte den ihren. Sie fühlte es, wich ihm nicht aus, sah, daß Fieber in feinen Augen war.

Bleibst bu hier, Isa? Kommst bu wieder?"

Ja, Leo, morgen."----

Zu Gerties Zimmer ging sie zurück. Wie schnell sie gelernt hatte, sich in diesen Krankenhausfluren zurechtzufinden: diese gleichförmigen Türen hatten Bedeutung für sie gewonnen. Ernst« und schwere Bedeutung. Um Gertie und Peter brauchte sie sich kaum zu sorgen. Aber Leo: da sah ja auch ihr ßaienauge, daß der Fall anders lag; sie brauchte nicht an die ausweichenden Worte des Arztes zu denken, um sich das klarzumachen; sie hatte dies blasse, matte Gesicht gesehen, diese Stimme, bie nur flüstern konnte. Sie wußte Bescheib.

Als sie vor (Berties Tür kam, hörte sie brinnen laute Stimmen. Als sie eintrat, kam sie ins Hell«. Die Deckenlampe war eingeschaltet: Gertie sah aufrecht in ihrem Bett, an bas sich Mutter Rose einen Stuhl heran­gezogen hatte: Bater Rose lief auf unb ab, eine Zigarre zwischen ben Lippen. Hier waren sie schon roieber voll zum Leben zurückgekehrt.

Na, enblich kommen Sie", sagte er,wir haben so auf Sie gewartet. Mir knurrt der Magen. Nun aber ins Hotel und gefuttert. Sie werden es auch nötig haben."

Gertie winkte Isa zu sich, während bie Eltern sich bie Mäntel anzogen. Wie fanbeft bu Peter? Was macht Queis?"

Isa erzählte von beiden, schloß:Peter wird bald wieder oben fein. Aber Leo macht mir Sorge."

Die Freundin sah sie an.Du mußt ihm helfen, Isa, bu."

Sie nickte.Ich will es versuchen, Gertie."

Aber bamit war Gertie nicht zusrieben.Versuchen ist Unsinn, meine Liebe. Tun mußt bu es. Versuchen, versuchen! Das ist anscheinenb ein Weihersches Spezialrezept. Mit bem ewigen Versuchen wäre Peter saft vor bie Hunde gegangen. Kinder, muß man euch denn immer mit ber Nase braufftofjen, wenn ihr etwas anpacken sollt?"

Die Alten traten zwischen sie.Gute Nacht, Gertie. Morgen holen wir dich also ab."

Netter Blöbsinn, baß ich hierbleiben muß."

Der Arzt will es doch."

»Ich füge mich ja schon, Vatt'. Und du, Mutting, holst die Sachen aus meiner Wohnung unb dringst sie mir. Isa kann bir beim Raussuchen helfen: Frische Wäsche, das graue Kostüm, den Mantel mit dem Pelz­besatz und den lila Hut. Bitte nichts vergessen. Es ist ja alles halb .zer­fledert bei dem Sturz. Und Vatt', du denkst dran: heute noch Fleisch- mann anrufen unb ihm sagen, baß ich Dienstag spielen kann."

Isa staunte: sie war schon wieder ganz die alte, die (Bertie. Es mußte doch schön sein, die Kraft zu haben, bas Leben so fest anpacken zu können. Fast beneidete sie die Freundin.

Sie gingen. Ms sie an ber Tür waren, rief (Bertie Isa noch einmal zurück.Hast bu Peter auch von mir gegrüßt?" fragte sie, unb als Isa nickte:Ob ich morgen zu ihm hinein darf? Wir sind nämlich sehr gute Freunde unterdessen geworden. Das wollte ich dir nur noch sagen, damit du dich nicht wunderst. Und nun geh- Weißt du, die Eltern sind immer ein bißchen anstrengend."

Das fühlte Isa auch in den nächsten Stunden.

Sie hatte sich von Roses trennen wollen, «Her Prinzenhof war ihr zu teuer; sie sagte das ehrlich. Aber Vater Rose lachte nur.Davon kann doch keine Rede sein, Sie sind unser Gast. Das ist doch selbstverständlich."

So saßen sie im Speisesaal des Hotels, nachdem Vater Rose mit Fleischmann telephoniert, für Isa das Telegramm nach Jena hatte besor­gen und ein Ferngespräch nach ber Keithstraße hatte anmelden lassen. Er hatte auch die Speisekarte an sich genommen und ein richtiges kleines Diner zusammengestellt.Essen unb Trinken muß fein!" sagte er, als Isa abwehrte. Zur Prüfung ber Weinkarte zog er ben Oberkellner heran unb sprach mit ihm sachkunbig Jahrgänge unb Lagen durch, ehe er wählte.

Als bie Suppe kam, muffte Isa berichten: von Peter, von Leo. Es fiel ihr schwer, alles noch einmal zu wieberholen, unb bann tat es boch wohl, denn in beiden Roses wurde eine warme Herzlichkeit wach. Ein wenig gerade bei ihm:Wird schon wieder werden, Fräulein von Weiher, sowas sieht zuerst immer böser aus. Denken Sie doch, Ihr Vetter hatte gerade eine Operation hinter sich, da ist die Schwäche natürlich groß. Aber er ist doch noch ein junger Mann und immer kerngesund gewesen, wie Sie sagen. Da müssen Sie sich nicht so sorgen." Weich und fraulich war die Teilnahme bei ihr:Ich bleibe bei Ihnen, Kind, bis Ihre Lieben hier außer Gefahr sind."

(Schluß folgt.)

Duch- unb Sieinörudetei. X Lang«, Gießen.

Verantwortlich; Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universität^