Da kegt der Gauner mir seine Arme um den Hals. Jetzt ist s aus! Ich fühl, wie die Augen anfangen, aus meinem Kopf rauszukriechen. Schluß! Aber dann will ich als Letztes wenigstens feststellen, wie das Aas aussieht, das mich mit ins Grab nimmt. Ich dreh den Kopf seitwärts. Und mein, daß mir das Blut zu vereisen anfängt. Hab manchen Toten gesehn. Einer, der in der Erde gelegen hat, sieht natürlich nicht lieblicher aus als einer im Sarg. Aber das iffs nicht, was mich eiskalt werden läßt. Sondern: Um den Hals des Aufgehängten rum noch der abgeschnittne Strick! Einen Meter lang baumelt er, als Siegesfahne, hinter ihm her. Hinter uns her! Denn wir find — lange schon! — nur noch eins.
Plötzlich — der Mond hat wohl seine Freude dran, zu sehn, daß ich vom Gaul sack! Warum sonst verkriecht er sich nicht mehr, wie auf der ersten Weghälfte? — plötzlich erkenn ich: das Hoftor. Die Rettung! Rettung —? Rein. Geschlossen ist's! Runter vom Gaul aber läßt das Biest mich nicht. Bor meinem eignen Tor wird man mich morgen erwürgt finden!
Eh' ich weiterdenken kann, krachts, fplitterts. Mein Brauner ist über das Hoftor — das anderthalb Meter hohe Hoftor — weggesetzt. Die Torspitzen abgebrochen. Der Gaul — ob er sich die Fesseln wohl sehr zerhauen hat?, muß ich fragen — der Gaul stolpert. Sackt in die Knie. Ich flieg zu Boden. Als ich mich hochgerappelt hab, stell ich fest: ich hüben — Jehann drüben.
„Gah nah Huus, Jehann!" sag ich und begreif nicht, warum ich dem Kerl ein gutes Wort geb.
„Ick gah jo all —" antwortet Jehann und geht tatsächlich.
Aber nach einiger Zeit steht er still, wendet sich um und fragt: „Wat maakt uns Bleß?"
Das war eine Starke. Das schönste Tier, welches ich jemals in meinem Stall gehabt hab. Ganz schwarz. Nur auf der Stirn einen kleinen talergroßen weißen Bleß. Jehann hat sie mehr als seine Kinder geliebt. Hatte sie getränkt, gefüttert, gestriegelt. Hatte prophezeit: Bleß wird gleich das erstemal zwanzig Liter geben! Ich hatte widersprochen: Sechzehn. Vielleicht achtzehn. Wenn sie ganz hochkommt, neunzehn. Aber zwanzig Liter nach dem ersten Kalben? Ausgeschlossen!
„Wat maakt uns Bleß?" fragt, da ich vor Verwundrung nicht antwort, Jehann über das Tor weg zum zweitenmal.
„Het oör viertein Daa kalwt." (Hat vor vierzehn Tagen gekalbt.)
„Dat weet ich alleen!
„Giwwt twintig Liter!"
„Dat wull ick bloß noch werten", sagt Jehann. „Nu kann ick ruhig slaapen." Und er trollt davon. Zurück in sein Grab unter dem Galgen.
Erlebnis im Winter.
Von L. v. R e p p e r t.
Es ist sechs Uhr morgens. Ich trete aus dem kleinen, tief in den Schnee geduckten Bauernhause, das abseits des eigentlichen Bergdorfes an einem steil ansteigenden Hange liegt. Der ein wenig seitab stehende Stall ist bereits erleuchtet; das Klappern der Melkeimer, fröhliche Stimmen der Arbeit und mürrische Tierlaute klingen zu mir herüber.
Das ist „mein Bauernhof", in dem ich seit Jahren zu wohnen pflege, wenn mich unbezwingliche Sehnsucht nach Licht, Reinheit und Einsamkeit für einige Tage aus der Stadt treibt. Meine Bauern kennen mich und sind mir wohlgesinnt. Ein wenig Verwunderung über meine Schweigsamkeit, mein Stillesuchen, ist bisweilen immer noch in ihren guten, abgeschasften Gesichtern zu lesen, doch sie lassen mich mit Verständnis gewähren — ohne Fragen, ohne Neugier.
Die Morgenkälte schlägt mir scharf ins Gesicht. Ein bleicher, geisterhafter Mond steht in den Fernen des hellgrauen Himmelsbogens. Die weiten Wiesenflächen, die zu dem Bauernhof gehören, fließen in breiten, weihen Zungen abwärts zum Talboden. Heber mir türmen sich die urwelthaften Umriffe der Berge greifbar nahe.
Mit geschulterten Schneeschuhen stapfe ich den schmal ausgefahrenen Pfad der Holzschlitten aufwärts der schwarzen Tannenwandung zu, die rings das enge entlegene Tal abschließt.
Stille und Pracht! Auch in mir ist Still«, Entspannung, Loslösung vorn Irdischen.
Der erstarrte, winteroerzauberte Wald, der sein« organische Geschlossenheit von Stamm zu Stamm weitergibt, schließt sich streng, doch schützend über mir. So geht cs eine gute Stunde. Dann lichtet sich der Wald, die Bäume rücken gleichsam auseinander, lassen blaßgelbe Himmelsstreifen im Osten frei werden; zerstreuen sich in vereinzelten, riesenhaften Exemplaren, ducken sich weiter hinauf verknorrt und abwehrend in die Schneedecke. Runde, seltsame Wölbungen schließen sich an, und endlich liegt eine weite, steil doch glatt ansteigende Halde vor mir. Längst habe ich die Skier an den Füßen und klettere nun in gleichmäßigen Zickzacklinien Schritt für Schritt fest einstampfend empor._
Die Weiten wachsen, neue Fels- und Schneeriesen werden frei im falten, harten Morgenschein. Tief unter mir blinken die Lichter des langgestreckten Dörfchens auf. Hundegebell, Hahnenschrei — Stimmen erwachenden Lebens werden von der Stille zu mir heraufgetragen. Das Morgenläuten des Dorfkirchleins füllt Tal und Hänge mit suchender, rufenber Feierlichkeit aus. Fern ist die hastige, unbefriedigte Welt mit ihren Wirrnissen und Torheiten.
Hier wohnt Gott, der große, wahrhaftige Gott!
Der Himmel beginnt, sich unter dem aufrückenden Morgenlicht zu dehnen, langsam klären sich alle Farbtöne. Ein pyramidenförmiger Schneegipfel vergoldet seine äußerste Spitze, der oberste Rand eines zackigen Grates erglüht, Schneekuppeln, Eistürme fetzen das Leuchten fort — die ganze höchst« Region wächst schimmernd in den Himmel auf. Eine eisige, gleißende Welt. Das Sonnenrad rollt golden und groß in ben Horizont — der Tag ist erstanden! Langsam zu Tal herabfließend wärmt er das Land. Hier und da ballen sich Nebel im Grunde, ziehen wechselnd hin und her, um sich schließlich im Sonnenlicht aufzulösen.
Mein Weg führt mich jetzt durch ein Latschenfeld, weiter am Rande einer tief eingeriffenen Schlucht entlang, und mündet in einen weiten Bergkeffel, an dessen Grunde zwei vollkommen elngefchneite Almhütten
ruhn. Ich gleite belustigt über eines der Micher hinweg und ziehe sodann auf der anderen Seite des Kessels weiter aufwärts.
Es ist warm geworden. Jacke, Kragen, Handschuhe, alles ist im Rucksack verschwunden. Frei, den Oberkörper nur vom Hemd verhüllt, bewege ich mich in der freien, leuchtenden Natur.
Wie unsagbar schön ist dieser Tag!
Bald habe ich den oberen Rand des Kessels gewonnen. In weiten Kulissen, in Glast und Glimmer, im gelben Sonnenschein und blauem Eislicht fliehen die Bergketten vor meinem schönheitstrunkenen Auge dahin.
Höher, immer höher hinauf! — Ein paar Wolkenbänke im Westen, was haben die schon zu sagen ... Nur noch höher, noch ferner aller Unraft den Zauber der Gottesnähe kosten.
Ich steige, ich steige. Jetzt sehe ich nichts als den Schnee vor mir am Hang, die Spitzen meiner Schneeschuhe und die Bilder meiner Gedanken, die nur um fröhliche und starke Dinge kreisen. Ich bemerke kaum, daß es dunkler wird, daß die Sonne zeitweise völlig verschwindet, daß ein warnendes Wehen sich auftut. Ich steige, steig«, wie in einem Rausch der Bewegung und körperlichen Ausarbeitung, in ein breit ausgedehntes von runden Buckeln und weichen Tälern ausgefülltes Hochplateau hinein ...
Die Wolken haben sich zusammengezogen. Die Sonne ist fort. Das Leuchten und Flimmern ist verschwunden, alles sieht kalt und verlassen aus. Als ich mein Ziel, einen besonders hohen, zur Abfahrt reizenden Buckel erreicht habe, packt mich der Höhenwind schneidend an. Heber mir, an dem langen Felsgrat, der das Plateau begrenzt, wird der Schnee in hohen Fahnen in die Luft getrieben. — Rasch hülle ich mich wieder warm ein, nehme einen kurzen Imbiß und mache mich zur Abfahrt bereit. Als ich abwärts zu gleiten beginne, fetzt leichtes Schneetreiben ein, das rasch an Heftigkeit zunimmt. Die Schneekörner sind hart und stechen die Haut mit seinen glühenden Nadeln. Eilends fliege ich dahin. Alles vor mir verwischt sich im gleichmäßig weißen Ton des Schnees. Auch Höhenunterschiede sind für das Auge nicht mehr wahrnehmbar. Ich suche nach meiner Aufstiegspur, doch sie ist verweht — verloren. Ich mach Halt um die Orientierung wiederzugewinnen. Vergebens. Rings um mich nur Weih, loderndes, schmerzendes Weiß, in das sich hier und da rötliche Kreise drehend und sich Überschneidend einfügen. Auf gut Glück fahre ich weiter ab, in einem gewißen Trotz sause ich abwärts ... Plötzlich werde ich hoch hinausgehoben, fliege — fliege ins Hnendliche und lande, eine Schulter fest in den Schnee gerammt, mit auseinandergespreizten Beinen augenscheinlich in einer tiefen Mulde. — Sofort beginne ich mit aller Kraft Befreiungsversuche aus dieser höchst unbequemen, unvorteilhaften Lage zu machen. Jedoch alle Anstrengungen bleiben umsonst, ich stecke wie in Gips gegossen in meiner Umgebung. Schließlich bleibe ich vor Erschöpfung und Kätte zitternd regungslos liegen.
Unaufhörlich riefelt der Schnee herab, und beginnt, feine Decke über mir zu verdichten. Weiße Faller, weiße Segel ziehen bildhaft an meinen Augen vorüber. Auch meine Gedanken scheinen gelähmt. Ich erkenne mit Grauen, daß, wenn es mir nicht bald gelingt, wieder aufzukommen, es um mich geschehen ist, zumal jetzt bleischwere Müdigkeit mein ganzes Sein befällt. Dann ist es mir, als läge ein riesiger, weißer Tiger mit rotglühenden Augen weich pressend über mir und beginne langsam mein Blut aus dem Halse zu saugen.
Nochmals spanne ich alle Kraft, alle Energie an — vergeblich. Fast schon empfindungslos fange ich an, mich auf den großen Schlummer vorzubereiten, ohne Bitterkeit, ohne Trauer. In diesem Augenblick sehe ich in dem erbarmungslosen Weiß einen schnellen, langen Schatten blitzartig auftauchen. Mein Leoenswille ist mit einem Schiag zurückgekehrt. Ich schreie: He — he, hallo!
Der lange Schatten kehrt langsam zurück, nimmt Gestalt an, beugt sich zu mir herab. Während ich durch die Schleier des wirbelnden Schnees zwei scharfe, graue Augen erkenne und weiß, daß ich nun geborgen bin — denn „diese" Augen gehörten in das magere Raubvogelgesicht meines Freundes, des Jägers — füllt mich der Gedanke, daß ich wieder sehen kann, mit beglückender Kraft restlos aus.
Mit vielen Pausen, mit äußerster Vorsicht und häufigem Umkehren finden wir nach Stunden den richtigen Weg zu Tal; denn auch den Jäger hatte der Witterungsumschlag überrascht. Erst als wir den großen Wald erreicht hatten, gibt er mir seine starke, schwielige Hand und meint kurz:
„Leicht hätten wir beide verloren sein können, Herr! Gott hat uns bewahrt ..."
Aizäa, die Stadt des Konzils.
Von Hans T r ö b ft.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Es sind genau eintausendsechshundertundsechs Jahre dahingerollt, seitdem das Konzil getagt hat in Nizäa, das heute die Menschen Jsnik nennen und das vergessen vom Strome der Zeit an den Ufern des blauen „Sees von Jsnik" dahinträumt.
Ein seltsamer Zauber geht aus von dieser gestorbenen Stadt, deren riesenhaste, wohlerhallene Befestigungen so gänzlich unvermittelt aus bestellten Fluren, aus Obstgärten und verstreuten Laubbäumen aufragen. 5000 Meter im Umfang mißt der geschlossene Mauerkranz mit seinen über hundert Türmen, die aus dem 12 Meter hohen und 6 Meter breiten Ziegel-Koloß herausspringen — das ganze ein Bauwerk von überwältigender Größe, das seinesgleichen nur in der langen, geraden Landmauer von Konstantinopel hat, die sich vom „Schloß der sieben Türme" zum Goldenen Horn hinzieht. Aber die Mauern von Nizäa wirken nicht einförmig und eintönig, wie die des großen Theodosius, sie bilden nicht den Abschluß eines Häusergewimmels wie in Stambul, sie sind nicht aus einem einheitlichen und deshalb einförmig wirkenden Guß — hier in Nizäa entschleiern sich auf Schritt und Tritt dem suchenden Auge des Wanderers immer neue, immer köstlichere Reize und Ueberraschungen:
Dort, geschichtet aus mächtigen, riesenhaften, polierten Blocken, ohne Mörtel, hier aus sauberem Ziegelmauerwerk, dann wieder lange Strecken,


