IV.
Hiernach gingen sie selbander nach Brüssel, um Rat zu holen bei einem allen Manne, von Berus Gemüsehändler, der, obschon ein Sudel- koch, doch vom gemeinen Manne geschätzt wurde wegen gewisser Fleifch- pasteten von Kaninchen wohl zubereitet mit seltenen Kräutern, für die er nicht viel heischte. Und die gottseligen Leute glaubten, er habe Gemeinschaft mit dem Teufel, dieweil er auf wunderbare Weise die Menschen und Tiere mit seinen Kräutern heilte. Er verschenkte auch Bier, welches er von Dlaeskaek kaufte. Häßlich war er anzusehen, hatte die Gicht und einen Kropf, war welk und gelb wie eine Quitte und runzlig wie alte Aepfel.
Er hauste in einer Wohnung von üblem Aussehen, da wo am heutigen Tage die Brauerei von Claas van Bolxen steht. Gans und Dlaeskaek suchten ihn auf und fanden ihn in der Küche, wie er seine Kaninchenpasteten but. •
Als der Gemüsehändler den Gans so elend und trübsinnig sah, fragte er ihn, ob er etwa ein Uebel habe, von dem er geheilt sein wolle.
Da sagte Blaeskaek: „Er bedarf nur Heilung von der schlimmen Furcht, welche ihn seit einer Woche quält."
Und er erzählte ihm ausführlich die Geschichte des kleinen pausbäckigen Knäbleins.
— „Herr Gott!" sagte Josse Cartuyvels, denn das war der Name dieses Doktors der Kaninchenpasteten, „ich kenne wohl diesen Teufel und will euch sein Konterfei zeigen." Und er führte sie hinauf zu ob erst seiner Wohnung und zeigte ihnen auf einem artigen Bilde, wie genannter Teufel in Gesellschaft wackerer Frauenzimmer und fröhlicher, bockssüßiger Gesellen ein Gelage hielt.
— „Und welches ist der Name", fragte Blaeskaek, „dieses fröhlichen Knäbleins?"
— „Bacchus, vermeine ich", sagte Josse Cartuyvels. „In früheren Zeiten war er ein Gott, aber bei der Ankunft unseres gnädigen Herrn Jesu Christi" — und hier bekreuzigten sich die drei — „verlor er jegliche Macht und Göttlichkeit. Er war ein guter Geselle und vorzüglich der Erfinder des Weines, Bieres und des Kräuterbieres. Möglich ist, daß er deswegen, anstatt in der Hölle, nur im Fegfeuer weilt, wo er ahn' Zweifel Durst betommen hat und mit himmlischer Erlaubnis ein armseliges, einziges Mal und nicht öfters auf die Erde fahren durfte, allda jenes klägliche Lied zu singen, das Ihr in Eurem Garten vernommen habt. 2M>er ich vermeine, daß ihm nicht bewilligt war, in einem Lande feinen Durst zu klagen, wo Wein getrunken wird, sondern Bier allein; und fo i^t er zu Meister Gans gekommen, wohl wissend, allda das beste zu finden."
Da sagte Gans: „In der Tat, Freund Cartuyvels, in der Tat das beste Bier im ganzen Herzogtume, und er hat mir eine volle Tonne vertrunken, ohne mir dafür die kleinste Münze Goldes, Silbers, ja nicht einmal Kupfers zu bezahlen. Das ist nicht die Art eines ehrbaren Teufels."
Spricht zu ihm Cartuyvels: „Ihr irrt Euch gar sehr und versteht nichts von Eurem Heil. So Ihr aber auf mich hören wollt, so wird Euch besagter Bacchus offenbaren Nutzen bringen; denn er ist der Gott der fröhlichen Zecher und der wackeren Herbergswirte, und er will Euch begünstigen; also vermeine ich."
— „Was sollen mir aber tun", fragte Blaeskaek.
— „Mir ist berichtet worden, daß dieser Teufel ganz vernarrt ist in die Sonne. Zieht ihn zuvörderst aus seinem schwarzen Keller und stellt ihn an einen Ort, wohin die Sonne scheint, ich vermeine auf eine alte Truhe in der Stube, wo die Zecher fitzen."
— „Süßer Jesus", rief da Pieter Gans, „solches Tun ist Abgötterei."
— „Mitnichten", versetzte der Pastetenbäcker, — „ich meine, daß er an dem Otte ausgestellt, von dem ich sprach, voller Freude sein wird, wenn er den Dust der Tonnen und Kannen einschlürft und heitere Reden vernimmt. Und so werdet Ihr die Leiden der armen Toten christiglich mildern."
Ihm erwiderte Pieter Gans: „Wenn aber der Geistliche Wind bekommt von diesem Bilde, das allen ohne Scheu sich zeiget?"
„Er wird Euch nicht der Sünde zeihen können, denn Unschuld verbirgt sich nicht. Ihr sollt sogar diesen Bacchus offen Euren Verwandten und Freunden zeigen und könnt sagen, Ihr hättet ihn von ungefähr in der Erd: gefunden, in einem Winkel Cures Gartens. So wird er als alter Plunder erscheinen, was er ja auch ist. Nur auf eins gebt acht, nennt nicht feinen Namen vor irgend jemand, heißt ihn im Scherz Meister Vollmondgesicht und stiftet zu feiner Ehre eine fröhliche Bruderschaft."
„Also wollen wir tun", erwiderten Pieter Gans und Blaeskaek, und sie nahmen Abschied, nicht ohne dem Paftetenhändler zwei schöne Sechser für seine Mühe zu geben.
Er wollte sie züriickhalten, auf daß er ihnen von seinen herrlichen Kaninchenpafteten vorsetzte, Pieter Gans jedoch war taub und sagte sich, daß dies Teuselskochkunst sei und ungesund für einen christlichen Magen. So zogen sie fort und wanderten gen Uccle.
V.
Während sie fürbaß zogen, sprach Gans zu Blaeskaek: „He, Geselle, welches ist deine Meinung über diesen Koch?"
— Ihm versetzte Dlaeskaek: „Sproß eines Ketzers, Heide und Verächter alles Guten und Tugendhaften.
— „Haft recht, mein Lieber, hast recht. Und ift's nicht große Ketzerei, wie er uns zu erzählen wagt, daß dieser Pausback auf feinem Fasst Wein, Vier und Kräuterbier erfunden habe, wo doch an jedem Sonntag in der Kirche gelehrt wird, daß der heilige Noah, auf Geheiß unseres Herr Jesu Ehristi (und hier bekreuzigten sich die beiden) derlei Dinge erfunden Hobe."
— „Soll ich von mir reden", sprach Blaeskaek, „ich habe es schon mehr denn hundertmal vernommen."
Und sie setzten sich auf den Rasen und begannen eine schöne Genter Wurst zu verzehren, die Pieter Gans mitgenommen hatte in Voraussicht des kommenden Hungers.
(Fortsetzung folgt.)
Oes Knaben Wunderhorn.
Don Hermann Dreyhaus.
Zwischen Hoffen und Bangen lag Königsberg, als im Jahre 1807 der Frühling heraufzog. Die Schlacht bet Preußifch-Eylau hatte den Sieges- lauf Napoleons gehemmt, von Rußland nahte Hilfe. Im Vertrauen dar- auf wagte die Königin Luise, das abgelegene Memel mit der zweiten Refj. denz des preußischen Staates zu vertauschen. Mit ihrer Schwester Friederike zusammen nahm sie in einem vornehmen Bürgerhause Wohnung. Nach der langen und abenteuerlichen Flucht von Jena bis Memel empfand sie ein defonderes Verlangen nach Menschen, die ihr Trost und Aufheiterung waren. „Heute gibt es ein seltenes Vergnügen", scherzte sie an einem blühenden Maienmorgen mit Friederike, „man wird uns darmstädtisch kommen."
„Wieso?"
, Deutsche Dichtung hat sich angemeldet. Arnim führt sie mit dem Wunderhorn. Gustel Schmink wird daraus fingen, der Staatsrat Staege- mann begleitet sie."
„Arnim kommt, der braune Junge? Ich sehe ihn noch, wie er bei deiner Hochzeit als Page traumverloren hinter dir herstarrte, und wie dann plötzlich Tränen in seine Augen traten."
Luise seufzte. „Dichter sind Seher. Vielleicht ahnte er schon als Knabe unsere Zukunft." Eine beklommene Stille trat ein. Friederike umarmte ihre Schwester. „Verzeih, daran wollt ich nicht erinnern! Doch sag, was bringt uns Arnim Darmstädtifches?"
Das Wort wirkte wie ein Zauber. „Darmstädtisches? Jka, Jka, unsere Jugend! Arnim hat in dem .Wunderhorn' all die Lieder gesammelt, die wir bei der Großmutter gesungen haben. Du wirft's hören. Weißt du noch: ,Es blus ein Jäger wohl in das Horn', wenn Bruder Georg immer dazwischen quäkte und Onkel Georg einmal mit einem richtigen Netz kam und uns beide in den Rosenhecken aus der Braunshardt fing?!
„In den Rosenhecken auf der Braunshardt... Darf man daran noch einmal denken? Wirklich, solche Erinnerungen und der kleine braune Arnim, das gibt ein Slück Heimat! Luise lächelte. „Auch der Osten ist unsere Heimat, Jka. fiebrigem», Arnim ist kein Bub mehr, aber ein stattlicher junger Mann."
„Was hat ihn uns folgen lassen?"
„Weswegen soviele hier sind. Sie wollen bei ihrem König sein — bis ^^Glückliche Luise! Die Treue deines Volkes ist größerer Reichtum als die Macht über Länder und Reiche."
*
Die Stimmen wohl eines guten Dutzends von Gästen erfüllten den Salon in dem Gustel Schmink, die Tochter eines Königsberger Kammer- zicnrates, Volkslieder aus „Des Knaben Wunderhorn" gesungen hatte. Sie hatte durch die anmutige Art ihres Vortrages die Stimmung hervorgezaubert, bei der die Herzen zusammenfchlagen, wenn sie von der Liebe Lust und Leid vernehmen. Zwijchen den Liedern sprachen der ernste Skaegemann und der feurige Schenkendorf eigene Gedichte, erfüllt von Verehrung für die Königin und voll Trost über die Leiden der schweren Zeit. 2(rnim erzählte, wie er von Heidelberg aus mit seinem Freunde Clemens Brentano die Lieder gesammelt auf dem Lande in Bauerw Häusern, in den Städten in vergessenen Blättern der Ratsarchive und auch wohl in den Schenken der kleinen Leute oder bei den Soldaten. Jedesmal, wenn Gustel Schmink gesungen hatte, war er in sich versunken. „Wie bei deiner Hochzeit", flüsterte Friederike Luise ins Ohr. Sein Beifall erschien fpontan, und doch wurde er verhalten, wenn fein Auge dem Blick der Sängerin begegnete.
„Wir wollen schließen mit dem Sieb unserer Heimat", erklärte Staeae- mann, als er sich zum letztenmal an das Spinett setzte. Ein kurzes Vorspiel Gustels Sopran begann: „Aennchen von Tharau ift's, die mir gefällt."
Arnim fuhr zusammen. Lange hatte er mit Clemens Brentano um die Aufnahme dieses Liedes in die Sammlung gekämpft. Es erschien dem Freunde zu gefühlvoll. Nach langen Zureden erst hatte er nachgegeben. Und nun fang ein junges Mädchen das Lied, das eigentlich in den Mund eines Mannes gehörte:
„Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein Soll unserer Liebe Befestigung fein."
Was hörte er da? Seine schlanke Gestalt neigte sich vornüber, als wollte er jedes Wort einzeln von den schönen Lippen saugen. Dann lohnte er sich wieder zurück. Er schloß die Augen.
„So wird die Liebe in uns mächtig und groß Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not."
Das Lied schien für den Augenblick geschaffen zu sein, in dem man in Königsberg lebte. Und wie er ein ganz klein wenig die Augen öffnete und Gustel Schmink in dem Glanz der sinkenden Maiensonn« stehen sah, da formten sich feine Lippen zu dem Wort „Bettina", 2lber er wagte nicht einmal, es zu hauchen. Es blieb als Geheimnis in der Brust. Und doch \ wurde es gleich wieder hervorgelockt, als der Vers entlang:
Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eifen, durch feindliches Heer." Sollte das eine Aufforderung fein? Unbeweglich faß Arnim noch, als das Lied geendet, als beifallsfreudig die Hände sich der Sängerin entgegen» streckten. „Er ist doch noch ein Bub", tuschelte Friederike ihrer Schwester zu. Dann aber hatte Arnim sich zurückgefunden. Bei dem allgemeinen Ausbruch fiel es ihm nicht schwer, seine starke Erregung zu verbergen. Nur stutzte er, als die Königin ihm ihren Dank für die herrliche Liedergabe ausfprach und leicht neckend schloß: „Des Knaben Wunderhorn scheint voll von Wundern für den Knaben selbst zu sein!"


