Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (952
Montag, den 5. Dezember
Nummer 95
Knecht Rupprecht.
Von Theodor Storm.
Von drauß', vom Walde komm ich Herr Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen: Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Rupprecht", rief es, „alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn: Und morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!" • Ich sprach: „O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist: Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." „Hast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern Fressen fromme Kinder, gern." „Hast denn die Rute auch bet dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten." Christkindlein sprach: „So ist es recht: So geh mit Gott, mein treuer Knecht."
Von drauß', vom Waide komm ich her: Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hierinnen find! Sind's gute Kind, sind's böse Kind?
Oer Pudel und die Tabaksdose.
Anekdote von Wilhelm Schäfer.
Indessen die großen Dinge geschehen, wollen die kleinen auch ihren Schritt machen, und manchmal sind sie im Eifer den großen voraus. Au der Zeit, da die Franzosen das linke Rheinufer noch im Namen des Kaisers regierten, obwohl der Herbstwind von 1813 schon in den Blättern rauschte, da in den Berichten einzelner Flüchtlinge schon der Kanonendonner von Leipzig über den Rhein drohte und also das Land von den Sturmzeichen der kommenden Ereignisse unruhig war: trat eines Morgens in Bingen ein holländischer Schiffer mit seinem Hund ans Uier, der ivenig von diesen Zeitläuften wußte und am Meggerstand lediglich ein Pfündchen Fleisch oder zwei einzukaufen gedachte. Er wollte sich gerade mit einem graubärtigen Kahlkops, der mit dem Hackmesser an seiner Fleischbank hantierte, über ein mageres Rippenstück einigen, als der Handel übel gestört wurde. m , .... . ...
Denn unterdessen hakte der schwarze Pudel des Hollanders sich am Nachbarstand mit einer Bratwurst -kürzer bedient. Als das Hetzgeschrei hinter ihm herkam, hielt der Kahlkopf fein Hackmesser noch m der,Hand: obwohl ihn der Handel nichts anging, weil es nicht feine Bratwurst war, mochte er aus eigener Erfahrung einen Zorn -auf Hunde haben die mit einer Wurst im Maul davonrennen wollen: mit einem bö|en Fluch warf er das Hackmesser nach dem Tier und traf es fo quer ins Kreuz, daß es augenblicklich mit gebrochenem Rückgrat hinf-ank. Der «chister, dem |em Pudel auf langen Fahrten vertraut wie ein Mensch geworden war, und der ibn unter dem schweren Messer lautlos fallen und sterben sah wurde augenblicklich von der Wut gepackt: -er warf dem Metzger iem Rippenstück mitten ins Gesicht, und zwar so wuchtig, -daß der Betroffene betäubt ■‘tirsÄM X!*-» *• **•* >'»»"- zu lachen beginnen als schon, die Wurst zu retten, der zweite RetMr an kam und seinen Nachbarn hinsinken sah! 'hm fuhr der einmal ent- sochte Zorn in die Fäuste und dem baumlangen Holländer an die Gurgel. Während die beiden sich balgten, wobei der Stand schon halb ineinander brod), kam auch der Kahlkopf wieder zu sich und die von den anderen Ständen tprangen ihm bei, den Hollander zu verbleuen, der bald unter dem Zorn der vereinigten Metzger auf dem näßlichen Boden lag. Es wäre nach seiner Gemütsart dabei geblieben, wenn mcht lern Kmcht, gerade m:! anderen Schifferknechten aus einer Weinwirstchaft kommend,
schon -im Dampf eines hitzigen Bretzenheimers gestanden hätte. Kaum sich er den Ftachskopf seines Schiffers unter den Metzgerfäusten hinsinken, als er auch schon hinzu -sprang: und da -ihm die Kameraden, rauflustig wie er, folgten, wurde aus der Prügelei im Handumdrehen eine Schlacht zwischen -den Metzgern und Schiffern, der mehr als ein Rippenstück zum Opfer fiel.
In den Ständen waren Frauen und Kinder mit Marktkörben gewesen, deren Hilfeg-eschrei -in -die Gassen von Bingen hinein scholl, als ob die Kosaken schon durch den Strom schwämmen^ Die Gesellen und Lehrlinge -in den umliegenden Werkstätten sprangen -im Schurzfell heraus, und wer von den Meistern etwa beim Wein saß, ließ sein Glas stehen. Durch den Zuzug der Handwerker wurden die Schiffer bald überwältigt und In eine Flucht geschlagen, die sich über Kähne und Laufbretter unter den Steinwürfen und dem Hohngefchrei der Sieger unglücklich genug vollzog.
Unterdessen waren auch schon die französischen St-adisoldaten alarmiert worden; als sie die Harmlosigkeit dieser Volkserhebung erkannten, rückten sie mutig vor. Sie fanden auf -dem Schlachifeld, wo die Metzger ihre verwalkten Fleifchbestände vor allzu hilfreichen Händen schützten, als einzigen Verwundeten auf dem nassen Boden den Holländer dafitzen, dem'augenscheinlich ein Arm lahmgefchlagen war und der mit der ungeschickten Linken 'feinen toten Pudel streichelte. Er ließ das Tier auch nicht -aus -der Hand, -als sie -ihn aufstöberten und gefangen ins Stadthaus abführten.
Da aber hatte der Lärm eine merkwürdige Wirkung gehabt. Der Kommandant der kleinen Befatzun-g, der ehemals Gemeindefchreiber in Avignon gewesen war und kaum ein Wort Deutsch verstand, hielt gerade die Feier eines nationalen Jahrestags ab, mit goldenen Schnüren und Orden auf feiner geblähten Brust. Mitten in feine Rede hinein kam der Lärm, und -da -die zur Feier -befohlenen Sta-dtherren allerlei ahnten, mochten sie es nicht günstig finden, noch auf welscher Seite getroffen zu werden: während der blaßge-wordene Kommandant ans Fenster trat und die Seinigen ihm nachdrängten, benutzte einer nach dem anderen di-e Gelegenheit zur Tür, so daß die Franzosen in dem Stadthaussaal wie auf einem sinkenden Schiff blieben und bänglich genug auf den Marktplatz hinunter sahen, wo eine vielfache liebermacht den einzigen Gefangenen mit dem toten Pudel unter dem Arm eskortierte.
Gerade hatten sie den Holländer eing-elocht und der Korporal stand vor dem Kommandanten, Meldung zu machen, als der Spektakel den zweiten Anlauf nahm. Die Schisser, erbittert von ihrer Niederlage und -durch Gerüchte von Toten und Gefangenen gereizt, kamen wieder mit Waffen, wie sie der Augenblick gab, seltsamen Geräten aus vergangenen Kriegen und Schlltzenfestflinten, doch immerhin kriegerisch genug, den Bingern Eindruck zu machen, so daß der Haufe sich geschlossen in die Stadt hinein -drängen konnte. Als sie -in einer rasch wachsenden Menge von Neugierigen gegen das Stadthaus anrückten, wollte der Zufall, daß gleichzeitig die zur Feier bestellte Böllerschüsse auf der alten Burg Klopp abgebrannt wurden, -die nun wie Schlachtendonner klangen.
Die Stadtsoldaten hatten schon zum Mittag ab geschnallt, als der neue Lärm sie Überraschte: sie hielten es angesichts dieser Bewaffnung für klüger, sich im Wachtstckal zu verschanzen, und ließen die Menge zur Treppe hinaus drängen. Nur der Korporal oben im Saal, der ein schwarzer Lothringer war, schlug fein Gewehr auf die Schifferknechte an, die, von der Masse der Nachdrangenden vorwärts genötigt, auf den erschrockenen Kommandanten den Eindruck einer gefährlichen Entschlossenheit machten. Er rief die Waffe des Korporals mit einem scharfen Befehl zurück und sah ergeben zu, wie sich der Saal statt mit wohl-gekleideten Stadtherren mit bewaffneten Gestalten füllte, die zum Aeußersten gerüstet schienen. Der Knecht des Schiffers, wieder ein Holländer, machte den Sprecher: und obwohl die Bingener feine Sprache kaum mehr verstanden als die Franzosen, nickten sie herausfordernd zu jedem Wort.
Der Kommandant fand in der Eile keinen Dolmetscher und stand fassungslos vor dem Aufruhr: so tat er, was auch sonst in Ratlosigkeiten seine Gewohnheit war: er holte seine Schnupftabaksdose aus blankem Messing hervor. Es war nur eine Gebärde der Verzweiflung, doch vor der drohenden Menge fah sie wie eine Kaltblütigkeit aus, die bald genug eine seltsame Fügung bewirkte: denn als er, noch immer ratlos, feiner Gewohnheit folgend dem nächsten zuerst eine Prise anbot, war bas der Schuhmacher Osterwind, den -die Bingener den Franzofensresser hießen und der die unvermutete Ehre mit einem unbedachten Dankblick aus feinen wässerigen Trinkeraugen zu würdigen wußte. Irgendein Funke der Einsicht mochte den Kommandanten leiten, als er mit der gleichen Höflichkeit weiterging: und weil es kleinbürgerliche Leute waren, uxihrend der Schreiber von Avignon mit goldenen Schnüren und Orden saft einen leutseligen Canbesfürften vorstellte, spitzten sich die Finger, einer nach dem andern. So wanderte der Kommandant mit seiner Messingdofe den Kreis ab bis zu dem hitzigen Knecht des Holländers, der schließlich nichts als feinen Schiffer wollte und darum die Höflichkeit auch nicht verweigerte. Als man sich aber erst einmal auf -die PrKe und den dazugehörigen Kratz-


