Wahrend die Pjarrerin sich wieder in ihre Wohnung begab, schritt der Bürgermeister quer über die Straße aus das Häuschen des Ortz- Lieners zu. Der hatte am Abend vorher schief geladen und lag im tiefsten Schlaf. Daher dauerte es eine ganz« Weile, ehe er das Klopfen feines Vorgesetzten hörte, und am Fenster sichtbar wurde.
Der Bürgermeister befahl ihm, die Schelle zur Hand zu nehmen und im Dorf bekanntzumachen, der Herr Pfarrer sei am Nachmittag nach Wingertshain gegangen und sei bis zur Stunde nicht zuruckgekehrt. Möglicherweise habe er einen Unfall gehabt. Alles, was laufen könne, solle sich schleunigst aus dem Kirchenplag versammeln. Dort werde man das Nähere erfahren.
Daß bei nachtschlafender Zeit die Ortsschelle rappelte und der Ort^ diener seinen Bierbah hören Liefe, war in der Geschichte des Dorfes noch nicht dagewefen. Aber die starknervigen Bauern brachte so leicht nichts aus der Fassung. Männer und Frauen, Burschen und Mädchen, so viele ihrer munter geworden waren, eilten auf den Kirchenplatz. Die meisten waren mit Stall- und Sturmlaternen versehen. Der Pfarrer — das war im ganzen Kreis bekannt — nahm es mit feinem seelsorgerischen Beruf sehr ernst. Alljährlich nannte er von der Kanzel herunter die Mädchen, die er ohne Kranz hatte trauen müssen, und scheute sich nicht, wo s ihm angebracht schien, diesem und jenem die Leviten zu lesen. Unter den chiarr- kindern, die sich jetzt zusammenfanden, war jegliche Bitterkeit ausgelofcht, für alle war es selbstverständlich, daß sie ihren alten Pfarrer suchen müßten. „ ,
Der Bürgermeister bildete zwei Abteilungen. Die eine hiefe er unter Führung des Spechtskarl auf der Staatsftrafee nach Wingertshain marschieren, mit der anderen wollte er selbst den Wald visitieren. Für alle Fälle wurde jedem Zug eine Tragbahre zugeteilt. Der Trupp des Spechts- tarl, der zu zwei Dritteilen aus llnterdörflern bestand, rückte zuerst ab. Als'man am Haus des Salomon Levi vorüberkam, rief der Bufchur dem Schusterjakob zu:
„Pechfetzer, heb die Knochen aus!" Der Schuster, der bei dem Händler in der Kreide stand, antwortete: ...
.Schlechtkopp, Halts Maul!" Niemand schien zu Spafeen aufgelegt. Die Unterhaltunq drehte sich um den Pfarrer. Dafe dieser als hoher Sechziger nebenbei in zwei Filialdörsern amtierte und sich keinen Vikar hielt, legte man der „Pärnersche" zur Last.
„Die petzt die Kaffeebohnen aus", machte der Bornschorsch seinem Unwillen Luft. .
„Seer Pärner", sagte der Stoffel im Stmnpcheseck, „greift leben auf m Nest, das is wahr, aber gutartig is he doch, 's gedenkt mir, wie ich sellemal nach Paris gemacht bin und arm war wie das Ackermännchen, hat he mir vier Gille (Gulden) geschenkt."
„Das fein etz ein Saferer drei, vier", erzählte der Schmidtkonrad, „da is der Sckfäferphilipp bei’n Pärner gangen und hat eine Tauf' bestellt. Er halt' aber noch die zwei letzten Taufen zu bezahlen. Und der Pärner fragt, wie's dademit wär'. Der Schäferphilipp spricht, er fe«"' keine Spän' (Späne, soviel als Geld), der Pärner sollt' sein Bub nur schlecht eweg taufen, der käm doch emal bei die Schaf. Un der Pärner hat ihn getauft." _ .
„Mr war's dann mit dem Blechbuckel selig?" hob der Postkreuder an. „Der tat als in der Nachmittagskirch' schnarksen (schnarchen). Krag er von seinem Nachbar ein’ Stümper, wacht' er auf, busselt' aber gleich wieder ein. Der Pärner ging an ihn: ,’Ißie alt seid Ihr eigentlich, Hofsmann?' .Siebenlindsiebzig, Herr Parrer', spricht der Blechbuckel. ,Da wär's doch für Euren alten Körper zuträglich, wenn Ihr Euch nachmittags ein Stündchen zu Haus hinlegt', meint der Pärner. ,Das hun ich schon probiert1, spricht der Blechbuckel, ,aber befeeim tun die Fliegen jo arg.' Un der Pärner lacht' un liefe ihn weiter schnarksen." —
Die Spitze des Trupps war auf der sanft abfallenden Wingerts- Hainer Straße angelangt.
„Habt acht!" gebot der Spechtskarl, denn man mufete jetzt jeden Augenblick gewärtig [ein, auf den Gesuchten zu ftofeen.
„Ich glaub’ als, uns' Pärner hört den Kuckuck net mehr schreien , sagte der Hannjust. •
„Das kann schon fein", nahm der Schiwwerkäsper das Wort. „Wo etz das Parrhaus steht, is früher so eine Art Burg gewest. Un sah einer drin, der tat den Kaufleut' auslauern. Un war stark wie ein Gaul. Nu es emal «in junger Mensch mit einem Fuder Wein burckigtmacht. Der wollt' ins Fuldische. Mein Unflat «raus un fängt ihn ab. Un säuft sich toll und voll. Wie etz seine Tochter eine Bittung tut, dafe fee den Bursch fortlassen sollt', zieht er blank un ersticht sein eigen Kind. Seit bere Zeit tut sie roanern (umgehen). Jedesmal, ehnder im Parrhaus eins stirbt, geht sie durch die Stuben. Un vorgest hat sie die Pärnersmarie gefefen."
Die Männer schwiegen, den Weibern liefe eiskalt über den Rücken. Weiter talabwärts ging der seltsame Zug. Im Elbengrund wogten gespenstisch die Nebel. Jenseii der Lumda, die ihre Wasser der Lahn zuführt, reckte der lotenberg [ein dunkles Haupt empor. Der Nachtwächter in Wingertshain, der von fern die fein und her flitzenden Lichter [ah, glaubte nicht anders, es [eien Heerwische (Irrlichter), und machte seinen Spruch herunter:
„Heerwisch sleugt ausena
As wäi Hoawerspra (Haferspreu)."
Gegen Mitternacht erreicht« man das Filialdorf und hörte, dafe der Pfarrer bereits um sechs Ufer aufgebrochen sei. Welchen Weg er gewählt habe, vermochte niemand zu sagen.
Unterdessen war der Bürgermeister mit seinen Leuten in den Wingerts- Hainer Forst eingetreten. Der Bauer geht nachts nicht gern allein durch den Wald. Man kann nicht wissen, ob's da spukt. Zu zweien ober in größerer Gesellschaft fürchtet er sich vor dem Teufel nicht. Der Rohns- petcr, der den Zug schloß, foppte die vor ihm feer stolpernde Bacfe- [chulzmarie: ,
„Deheim guckst du durch sieben Wänd, etz weis' emal, was du kannst." Dem Schultesemännchen, das sich erkundigte, wo des Bürgermeisters
Philipp stecke, erwiderte er:
„Im Bett', und setzte mit gedämpfter Stimm« hinzu. „Der und fein Baier Haden sich heut wieder in den Haar' gehabt. Was der Alt zusam- menschrappt, kratzt der Jung' auseinander."
Asten voran schritt der Bürgermeister, chm zur Seite Hannvelt« (Sans Valentin), der Knecht, di« Laterne in der Hand.
(Fortsetzung folgt.)
Oie Himmelfahrt in der bildenden Kunst.
Von Dr. Paul Landau.
Die Himmelfahrt Ehristi wird seit dem 4. Jahrhundert in den Festes- kranz des christlichen Jahres eingereiht und am 40. Tage nach Ostern gefeiert. Sie wird zuerst von Augustinus in einem Brief und von Chry- sostomus in einer Homilie als wundersamer und hochheiliger Abschluß von Ehristi Erdensein gepriesen. Als alttestamentliches Vorbild erwähnt schon Ambrosius die Auffahrt des Elias stn feurigen Wagen, und so findet sich beim als Vorklang und Hinweis afif des Herrn Simme fahrt die Entrückung dieses Gottesmannes des alten Bundes auf altchristlichen Sarkophagen dargestellt. Auf einem Relief des Lateran-Museums fahrt Elias in einem von vier Rossen gezogenen Triumphwagen, einer römischen Quadriga, empor, indem er feinem Junger Elisa seinen Mantel äurutflafet Daran "lehnen sich einige der allerfrühesten Bilder der Himmelfahrt Christi an. Daneben ist jedoch auch schon auf den allerältesten Schilderungen der Aufstieg des Himmelskönigs dargestellt, der in das Reich seines IBaters zurückkehrt. Eine Sarkophagskulptur des Vatikans zeigt Christus, btt den Füßen auf einem Schleier stehend, der von einer Frau, der Verkörperung der Erde, gehalten wird. Um ihn sind die Apostel versammelt, unter denen Petrus durch Darreichung der Gesetzesrolle ausgezeichnet ist. Diese schlichte noch mehr den Abschied des Herrn von der Erde betonende Auffassung weicht bann sowohl in den kirchlichen Hymnen wie in den bildlichen Darstellungen der Betonung der Göttlichkeit des Auffahrenden. Ein durch die ganze Kunstgeschichte hindurchgehender Typus bildet sich aus: Christus in seiner Glorie, von dem L>ich-tnimhus her Mandorla umstrahlt, fitzend als der Weltenvichter, der am jüngsten Tage wiederkehren [oll vom Himmel, wird von Engeln emporgetrogen. Die Apostel blicken mit staunend und betend erhobenen Händen zu ihm empor. So stellt sich die Himmelfahrt zunächst auf einem Oelsläschchen von Monza in Italien dar.
Diese hieratisch strenge Darstellung, die sich von der Glorifikation des Herrn kaum unterscheidet, erhält bald eine Ergänzung in anderen Schilderungen, die das menschliche und das mystische Element des Vorganges stärker hervorheben. Das Wunder der Ausfahrt zum Himmel wird den profanen Blicken, zuerst wohl auf dem Religuiar von Kaiserswerth, dadurch verschleiert, daß von Christus nur noch die Füfee sichtbar sind, wahrend der obere Teil des Körpers bereits entrückt ist. Es ist diese demütige, M anbetender Ehrfurcht sich bescheidende Auffassung, die besonders m der germanischen Kunst heimisch geblieben ist; wir begegnen ihr noch bei [Kernling und Dürer. Eine bedeutsamere Umformung erfahrt die Wiedergabe der Himmelfahrt Christi aber dadurch, daß die persönliche Tätigkeit des Herrn, sein Aufstieg zum'Himmel aus eigener Macht in den Mittelpunkt gerückt wirb. Die Himmelfahrt Christi sollte in ihrer einzigartigen Hoheit von der immer mehr in den Vordergrund tretenden Himmelfahrt der Maria unterschieden werden. Gregor der Große feiert daher in einer Homilie die Tab des Auferstandenen, der sich traft der ihm innewohnenden Göttlichkeit zum Himmel erhebt, während die Madonna durch höhere Gewalten hinaufgetragen wird. Noch deutlicher ist das bei dem Diakon Slorus von Lyon ausgedruckt, der den Heiland selbständig dem Himmel entgegenschreiten läßt, während ihm Gott-Vater nur die Hand zum Willkommen barreicht. So veranschaulicht den Vorgang eine Münchener Glfenbeintafcl des 6. Jahrhunderts, so tritt er uns in zahlreichen Evangelienhandschristen vor Augen. Während unten die Apostel mit Maria in der Mitte die Hände grüfeend und betend erheben, schreitet der Heiland in der Mandorla, das Kreuz über der Schulter, in emporsteigender Profilansicht gesehen, von vier Engeln umschwebt, mit einem starken Schritt empor; seiner in der Hohe gehaltenen Rechten streckt sich von oben her eine andere Hand entgegen. Häufig trägt Christus auch die Auserstehungssahne, wodurch in den Darstellungen der Heilsgefchichte der enge Zusammenhang der Himmelfahrt mit der Auferstehung gekennzeichnet wird. Aus eigenartige Weise versuchen manche Miniaturen der Evangelienbücher den Ausstieg begreiflich zu machen. So läßt ein aus dem 11. Jahrhundert stammendes Evangeliar des Prager Domes den Herrn sich gerade aus seiner Umgebung emporheben, wobei er nach der aus den Wolken feeroortretenben Hand Gottes greift, während anderseits die Vorstellung von dem schrittweisen Ausstieg Christi sich zu der Annahme einer Himmelstreppe verdichtet, von der auch ein lateinischer Poet des Mittelalters redet.
Als die Blütezeit der Kunst anbrach, herrschten hauptsächlich zwei Typen der Himmelsahrtsdarstellung: der emporschreitende und der in der Glorie aufschwebende Christus. Sie wurden von den Künstlern der Renaissance, wohl unbewußt, ausgenommen und fortgebildet. Das Bild des schreitenden Heilands hält Giotto in der Arena-Kapelle zu Padua fest. Von Licht umflutet, von weifeen Gewändern umwogt, hebt sich die Gestalt des Verklärten mit einer [ehr deutlich angebeuteten Schreit- beivegung empor, beide Hände dem himmlischen Vater entgegenstreckend. Mit ihm streben im strahlenden Fluge beflügelte Kinderseelen, die aus langer Gefangenschaft Befreiten der Vorhölle, der seligen Allmacht zu. Unten aber weisen zwei schwebende Engel die andächtig knieenden, vom Glanz der Unsterblichkeit geblendeten Apostel auf das Wunder fein. In den weich wogenden, na chanfwärts weifenden Linien atmet die selige Verkläriing des Menschengeschlechts, die an diesem Wunder ihren Anteil nimmt. Giottos Nachfolger find zu dem starren Glorienschein des von der Höhe gebieterisch herabblickenden Heilands zurückgekehrt. Die eindrucksvollste' Darstellung der Himmelfahrt aus dem Kreise der Nachfolger Giottos ist unstreitig das Fresko an der Decke der spanischen Kapelle in
* Italienisch: Mandel; Glorie in der Form eines Ovals.


