Eichener zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang 1951

Freitag, den 22. Mai

Nummer 40

pfingstliches Lied.

Von Hans G S f g e n.

Beseligt ruht die Erde in dem-stlllen Glanze, Den frische Bäume, Blumen, Schmetterlinge Breiten mit gnadenreichen Händen lieber die grauen, toten Menschendinge.

Die Freude fährt auf weißen Wolkenschiffen Aus Himmelsschweigen zu der lauten Erde, Daß alles Leid der harten Wintertage In helles Licht gewandelt werde.

Aus dichten Hecken und aus blauen Lüsten Erschallt vieltausendfaches Singen ...

Soll sich in solcher wundersamen Stunde Richt unser Herz zum ew'gen Himmel schwingen, Zu dem, der in dem Kreis der schon Verklärten Thront und den Heil'gen Geist uns sendet. Auf daß sich unser banger Kummer Zu demutvollem Danke wendet?

Zum Danke und zum Wissen um die Gnade, Die reicher ist, als wir es je ermessen, Die über kleinen Tagessorgen

Die ew'gen Dinge gar zu leicht vergessen.

Schöpfertums nicht mehr als eine fremde, ferne Gabe fühlt, die einer geringen Zahl Auserwählter vorbehalten ist, sondern als eine wie jedem so auch ihm eigentümliche Kraft, so ist er alsbald nicht mehr ein ver­einzeltes Erden-Jch, sondern er spürt sich in einem Einklang mit den anderen Menschen und mit der schaffenden Grundkraft des Weltalls. Schöpferisch fein: das heißt ja nichts anderes als das schöpferische Prin­zip, das die Welt durchwaltet, und ohne das sie längst auseinander­gefallen wäre, zu versichtbaren, zu verleiblichen, zu verwirklichen, und das Ziel einer pfingstlichen Gesinnung, einer pfingstlichen Religiosität ist nichts anderes als solches Schöpfertum zu verwirklichen in jedem einzelnen Menschen. In dem Werke eines hohen Meisters unserer Tage, Hans P f i tz n e r s, sprechen die alten Meister zu dem Meister Palestrina: Wenn du dein ganzes Bild aufweist. Wenn dein' Gestalt vollkommen. So, wie sie war entglommen

Von Anbeginn im Schöpfergeist:

Dann strahlst du hell, dann klingst du rein...

Dein Erdenpensum schaff'!"

Und eben dies Wort ist nicht nur an jene Menschen gerichtet, die wir, mit einem höchsten Wort der Sprache,Schöpfer" nennen, sondern an jeden einzelnen, er sei, wer er sei. Angelus Silesius hat das Wort in die Menschheit geworfen:Mensch, werde wesentlich!" Es ist nichts anderes, wenn das Wort geworfen wird:Mensch, werde schöpfe­risch!" Beides ist ein und dasselbe. Der Mensch, der wesentlich geworden ist, in feinen Grenzen und nach feinen Graden, ist bereits schöpferisch. Denn schöpferisch sein an sich selbst heißt: bildend in das eigene Wesen Vordringen, das Wesenhafte scheiden vom Unwesentlichen, wie es Art und Aufgabe jeglicher Gestaltung ist.

Des möge jeder einzelne am pfingstlichen Festtag gedenken.

Der Tag der Pfingsten soll uns wach und freudig finden Auf stillen, allem Tageslärm abholden Wegen, Dann wird sich tief in unsrer Seele künden Des hohen Festes ewig junger Segen.

Ewige Pfingsten.

Von Ernst L i s s a ue r.

Pfingsten, das Fest von der Ausgießung des Geistes, ist ein Fest des Schaffens und der Liebe. Es gilt immer: wer wahrhaft schafft, liebt: wer wahrhaft liebt, schafft. Liebe ist Drang über sich selbst hinaus, ist Sehnsucht, sich mit-zu-teilen. Und also: ob einer es weiß oder nicht, er liebt, indem er schafft, denn was begibt sich? Er kann sich nicht halten in sich selbst, er brandet gegen seine eigene Mauer, er wallt über von sich selbst, nun fließt er dahin, er strömt. Abzugeben ist sein Sinn, zu speisen sein Antrieb, zu trösten sein Wunsch, zu stärken seine Not­wendigkeit es ist fein Wille, Menschen zu erbauen. Weisheit der Sprache: im schaffenden Drange ist ein baumeisterlicher Wille, Baumeister an Seelen will ein Schöpfer fein dies ist seine Liebe.

In jedem Frühling kommt ein großes Lieben über die Natur. Die mächtigen Wipfel der Kastanien, um und um und über und über mit weißen Blüten besteckt, ragen in lichter Gewalt: die Kastanie liebt, in unaufhaltsamem Drange hat sie von innersten Säften mitgeteilt, sie hat das Mark des Wesens sichtbar gemacht und dargebildet, die Kastanie liebt, und ihre Krone leuchtet in weißer Offenbarung.

Pfingsten ist das Fest der langen Tage: die Tage des schöpferischen Menschen, die keim- und krästereichen, in jeder Sekunde zeugenden, sind die langen Tage der menschlichen Geschichte. Pfingsten ist das Fest der Zeit, da die Sonne sommerlich wird und beginnt, sich dicht und gelb auszugießen, und Pfingsten ist das Fest der sommerlichen Gnade, die ausgegossen wird über manche Menschen, daß sie wiederum von ihnen ausgegossen werde. Immer wieder begibt sich Pfingsten aus der Erde empor, und immer wieder geschieht Pfingsten im Geiste. Der Boden, immer wieder, wird gesegnet mit Korn, der Baum mit Blüte, die Mensch­heit, immer wieder, mit Werk. Es sind ewige Pfingsten, und hier wie dort ist die pfingstliche Liebe ein und dieselbe.

*

Ostern ist das Fest der Auferstehung in jeglichem Sinne, auch die Natur lebt auf, und an den Menschen ergeht der Ruf, neu zu werden. Zu Pfingsten offenbart sich die schaffende Kraft des Weltalls in ihrer reichsten Fülle, und an den Menschen ergeht die Mahnung: daß er sich schöpferisch mache, zuhöchst schöpferisch nach seiner Kraft. Was aber heißt das? In jedem Menschen ist von Ursprung an ein Sinn feines Lebens gelegt: er soll die in ihn gelegten Kräfte entfalten. Solches Entfalten, solches Wachstum und bildendes Treiben ist, -bas Wort in einem weitesten Sinne genommen, schöpferisch. Und wenn der Mensch den Inbegriff des

Oie Ausgießung des Heiligen Geistes.

Von Erich Boyer.

Ich entreiße dieses Erlebnis den Tiefen meines Erinnerungs­vermögens nur mit jenem gelinden Schauer unmännlichen Schamgefühls, das uns befällt, wenn wir zu nicht ganz taktvollen und moralisch nicht ganz stubenreinen Jugendstreichen innerlich Stellung zu nehmen haben. Vor nicht sehr langen Jahren habe ich es noch gut und gern an feucht­fröhlichen Stammtischen dröhnendem Gelächter begeisterter Altersgenossen preisgegeben. Dann tarn eine Zeit, in der ich es ad acta legte als eine Sache, die mich nichts angeht, weil sie sich in der Periode jedem Menschen zugestandenen jugendlichen Uebermuts, sozusagen unter den Fittichen des wohlwollenden Paragraphen 51 begeben hat. Heute drängt es mich wiederum, sie so darzulegen, wie ich sie heute übersehe. Nicht, um mich zu rechtfertigen, sondern um an dem unfreiwilligen Träger der Haupt­rolle, der heute noch lebt, die Schuld in Form einer öffentlichen Beichte abzutragen.

Der Vorfall, von dem ich berichten will, hat sich zugetragen in einer Zeit, die auch für schwererwiegende Verfehlungen eine Entschuldigung ist, im Frühling des Jahres 1919. Was sich damals so auf den Bänken unserer Pennälerklasse herumdrückte, war eine etwas unterernährte Bande jugendlicher Tagediebe, denen nichts auf der Welt heilig war, es sei denn, der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit. Wir hatten den Weltkrieg mit Halbwegs offenen Augen miterlebt, hatten mancherlei Ideale stürzen sehen, und was da nicht von der Zeiten Lauf gestürzt worden war, das stürzten wir eben selber, auf ein bißchen mehr oder weniger kam esmns gar nicht an. Unser Denken und Sinnen bezog sich in positiver Richtung auf die rotbemütjten Schülerinnen der nahen Handelsschule, in negativer Richtung hohnlächelnd auf die Ablehnung all dessen, was verzweifelte Pädagogen über das Chaos der Nachkriegszeit hinüberzuretten versuchten.

Ich weiß nicht, ob es für die Jugend von damals andere Möglich­keiten überhaupt gegeben hat. Die jüngeren Lehrkräfte halte der Krieg gefressen. So ruhte das sittliche Wollen der Schule auf den Säulen, die nur noch standen, well ihr morsches Gefüge schon anno 1914 kriegs­untauglich gewesen war. Greisen, die von uns nun nicht nur durch Jahr­zehnte, sondern durch die (Entfernung geistiger Welten getrennt waren.

Ihr pflichtgemäßes Beginnen, uns in die Zucht und Ordnung ihrer sittlichen Welt zu zwängen, war längst nicht mehr Angriff, sondern Ver­teidigung. Verteidigung mit der falschen Taktik eines Generals, der da glaubt, daß er der Angreifende fei; der in offener Schlachtlinie kämpft, wo er gut daran täte, aus festen Positionen den angreifenden Gegner zu zermürben. Unsere Lehrer wußten nicht, daß sie Irrtümer zu beseitigen hatten. Sie sahen nur Verderbtheit und böswilligen Wider­stand und wirkten also mit den aggressiven Mitteln des Tierbändigers. Es siegte nicht, wer den schärferen Verstand, sondern wer die besseren Nerven hatte. Und wir hatten zweifellos die besseren ...

Professor Fink unterrichtete in Mathematik und da Not am Mann war, auch in Geschichte und Religion. Er sah genau so aus, wie sich der