Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. - Druck und Berlag: Brübl'sch« UniversitätS.'Luch. und Steindruckerei. K. Lange. Sieben.
und unnötig opfern durfte" Und schon begann er den Klingelknopf zu lösen.
„Also auch in meinem Privatkontor wollen Sie Ihre Neuerungen einf'ühren?"
Peter ließ sich nicht stören, er arbeitete weiter. Aber er sagte: „Wenns notwendig ist, warum nicht, Herr Geheimrat?"
„Und wo haben Sie denn das Material her?"
„Wenn man Glück haben will, hat man stets alles Notwendige bei sich."
„Und Sie bilden sich ein, daß Sie bei mir Glück haben?'
„Unbedingt, Herr Geheimrat. Aber jetzt bitte ich einen Augenblick aufzustehen, damit ich an den Sitzplatz herankomme. So! Danke sehr."
Bor dem Tisch kniete Peter nieder, zog neue Drähte, befestigte sie, schraubte den Knopf fest unter die Platte, verband die Drähte, umwickelte sie mit Isolierband. „Bitte sehr, die neue, die praktische Klingel ist fertig."
Dannegger sah ihn groß an: „Wissen Sie, daß Sie eigentlich ein ganz unverschämter Kerl sind?"
Nun schüttelte Peter den Kopf. „Nein, Herr Geheimrat, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß Sie jetzt jedesmal, wenn Sie ohne Mühe auf die Klingel drücken, an Peter Weiher denken müssen, an den Peler Weiher, der Glück bei Ihnen haben will."---
Sehr sicher ging Peter heimwärts. Diesmal nicht im Strom der Arbeiter wie sonst, sondern allein. Vom Verwaltungsgebäude in sein kleines Zimmer bei Mutter Gentschow. Er wußte: morgen mußte er wieder an seinen Platz am laufenden Band im Motorenwerk, übermorgen wohl auch noch. Aber nicht mehr lange. Dannegger wußte nun, wer er war und daß er weiter wollte. Er chatte in seiner Gegenwart mit diesem Herrn Klingender über den Kantinenbetrieb in den Werken gesprochen, ganz in seinem Sinne. Und wenn er auch nicht weiter seinen Rat ein« geholt hatte, er hatte ihn doch dabehalten. Das war ein Zeichen von Vertrauen.
Peter pfiff leise vor sich hin. Im Marschtempo. „Vorwärts", dachte er, „es geht vorwärts, es muß vorwärtsgehen."
Als er den Markt querte, sah er die erleuchteten Fenster eines Delikateßgeschäfts. Er trat vor die Auslagen. „Ich will mir was leisten heute abend!" Da lagen Dosen voll Kaviar, da prangte ein Hummer, da lockten Lachs und Rollschinken, Trauben und Ananas, feine Salate und Weinflaschen. Er mußte lächeln: lockten sie wirklich noch? Nein, sie lockten nicht mehr. Sie waren ihm gleichgültig geworden. Ja, früher, wenn er an den Präsentiertischen der großen Hotels vorübergegnngen war, dann hatte er Wünsche gehabt: aber eigentlich keinen Hunger. Heute hatte er Hunger, gesunden Arbeitshunger, da nutzen die feinen Gourmetreizer nichts.
So ging er ein paar Häuser weiter, wo ein solider Fleischer seinen Laden hatte. Der rundliche Meister stand selbst hinter dem Verkaufstisch mit der Marmorplatte. Die weiße Schürze mit den blutigen Flecken prall über dem Bauch. Er bediente biedere Hausfrauen, rundlich, wie er selbst. Eine feste Zervelatwurst erstand sich Peter. Auch sie überschritt eigentlich sein Einkommen, aber er war sich so sicher, daß er bald aufrücken wurde, daß er keine Gewissensbisse fühlte. Er freute sich aus das Gesicht, das Mutter Gentschow machen würde, wenn er ihr die Wurst ablieferte. Sie würde sich mit ihm freuen; das wußte er. Sie wußte ja, daß bei ihren Mietern, Arbeitern oder armen Studenten, der Beutel meist leer war: sie hatte jahrzehntelange Erfahrung und hatte durch sie mitfllhien gelernt.
Zu Hause sand Peter einen Brief. Er sah auf den Umschlag: Gerties Handschrift. Da vergaß er Wirtin und Wurst. Er setzte sich und riß den Umschlag auf. Ein langer Brief. Er las und war enttäuscht: was hieß : das? Gertie war mutlos? Das gab es? Sie schrieb: sie wisse nicht mehr | weiter, mit soviel Freude sei sie an ihre Rolle gegangen, die wirklich fabelhaft sei; sie habe gelernt, und die Worte seien ihr nur so zugeflogen, jede Geste fei wie von selbst gekommen, und Fleischmann fei bei der ersten Besprechung, die sie mit ihm allein gehabt, mit allem einverstanden gerne en. Aber dann seien die Proben gekommen, und plötzlich sei es aus gewesen. Die Kollegen seien wie Eisklumpen. Kaum, daß sie ihr „Guten Tag" und „Auf Wiedersehen" sagten. Kein Wort sprächen sie mit ihr. Und da sollte sie liebevolle Tochter sein, liebendes junges Mädel, Freundin. Es ginge nicht. Die anderen säßen abends zusammen im „Goldenen Adler" oder im „Schwan" beim Goethehaus. Sie wäre immer allein; es fei furchtbar. Dabei habe sie das Gefühl, sie spiele ganz anders als die anderen, die doch schon jahrelang beim Bau seien; aber sie könne die Rolle nicht anders auffaffen, sie muffe fo spielen. Und Fleischmann korrigiere sie auch nicht. Er fei also anscheinend einverstanden, aber er gäbe ihr auch keine andere Rolle, trotzdem nach „Bebe" schon andere Stucke angesetzt wären. .
Der ganze Bries war eine einzige Klage. Und zum Schluß ;tand: „Äa> lieber Peter, Sie können sich ja gar nicht denken, wie verzweifelt ich bin. Mache ich es nun richtig oder falsch? Kann ich etwas, oder kann ich nichts? Ich habe gar kein Vertrauen mehr zu mir. Die Blamage vor den Eltern, vor Büchner, wenn es ein Reinfall wird. Ich weiß, die Kollegen sind neidisch, well ich die große Rolle bekommen habe. Und dazu die Einsamkeit. Die Eltern jchrelben nicht, sie sind böse. Isa schreibt nicht, trotzdem ich ihr schon drei Briefe schickte und um Antwort bat. Nun schreiben Sie mir wenigstens, Peter, damit ich weiß, daß ich noch einen Menschen auf der Well habe."
Zweimal las Peter den Brief. Dann lief er in der kleinen Stube auf und ab und schimpfte vor sich hin. So eine Bande da drüben in Weimar. - Diesen Kollegen würde er die Leviten lesen, wenn er sie einmal vor fid) hätte. Da waren seine Arbeltskameraden anders gewesen; die hatten ihm geholfen vom ersten Tag an, und dann hatte er ihnen roieber geholfen. Und das Pack da drüben nannte sich gebildet und rümpfte vielleicht bie Nase über den ungebildeten Arbeiter. Der Teufel sollte sie holen.
I (Fortsetzung folgt.)
Dannegger sah ihn prüfend an. Nicht unerfreut: ihm schien, dag in das Gesicht des jungen Mannes da vor ihm ein anderer Zug gekommen sei, bewußter, freier. Peter hielt den Blick aus, er zuckte mit keiner Wimper Er wußte, von dieser Unterredung, die jetzt folgen mußte, hing viel für ihn ab; alles vielleicht. Denn sobald würde er den Chef nicht wieder zu einer Zwiesprache fassen. Er hatte ja am eigenen Leibe erfahren, wie schwer es mar, hier als Bittender vorgelaffen zu werden. Heute war er gerufen; das mußte er nutzen.
„Sagen Sie mal, junger Freund", fing Dannegger an, „'»le wollen wohl nach und nach mein ganzes Motorenwerk umstellen?"
Peter tat erstaunt. „Warum, Herr Geheimrat?'
„Als ich neulich im Werk war, wurde mir gesagt, daß Sie für Hoher- legung des Laufbandes gestimmt hätten. Heute liegt hier ein Antrag auf Aendernng der Beleuchtung vor, und ich erfahre, daß wieder Sie es find, der dahinter steckt."
„Kleinigkeiten, Herr Geheimrat." _
Dannegger fuhr auf: „Kleinigkeiten nennen,Sie das? Die Neuaniage ist auf vierundzwanzigtausend Mark berechnet."
Ganz ruhig blieb Peter. „Ich glaube, Herr Geheimrat, daß sich das Geld gut verzinsen wird. Ich habe genau darüber nachgedacht, ehe ich mit den anderen sprach. Die alten Bogenlampen kosten einmal sehr viel Strom. Dann aber ließe sich mit dem neuen Licht der Raum der Halle 3 besser ausnutzen. Es könnten meiner Meinung nach zwei Drehbänke von Halle 4 herubergenommen werden. Dann würden viel unnötige Transporte fortfallen." Jedes Wort kam leise und bescheiden.
Aber Dannegger horchte doch auf. Er war Überrascht, überrumpeln wollte er sich jedoch nicht lassen. „Woher haben Sie alle diese Weisheit? fragte er. „
„Ich weiß nicht, Herr Geheimrat, es siel mir so em.
„Und wann siel es Ihnen ein?"
„Wenn man täglich acht Stunden immer den gleichen Handgriff tut, hat "man viel Zelt, nachzudenken." . . e „ ■
„Und nun glauben Sie wohl, daß Ihnen noch mehr «mfallen wird?
.Es ist schon möglich, Herr Geheimrat. Aber noch weiß ich es nicht, ich kenne zu wenig vom Betrieb bisher." Jetzt hatte Peter einigen Son in eine Worte gelegt; unwillkürlich, denn die absprechenden Fragen des Chefs reizten ihn. Und gerade dieser Ton löste bei Dannegger wieder eine Frage aus: „Haben Sie mir etwa noch Vorschläge zu machen, ^"und^sosort folgte Peters Antwort: „In Halle 3 zur Zeit nicht. Aber außen, Herr Geheimrat."
„Außen? Was heißt denn nun das wieder?
Da arbeitet zum Beispiel neben mir ein Mann aus Lobeda, Herr Geheimrat. Der kommt jeden Tag mit der Bahn ins Werk. Es kommen , noch mehr aus Lobeda. Die Züge liegen schlecht. Die Leute versäumen : täglich fast eine Stunde Zelt, das macht sechs in der Woche, fast dreihundert im Jahr. Sie lungern auf dem Bahnhof herum, trinken wohl auch mal ein Glas Bier oder einen Schnaps. Das kostet Geld, ist auch nicht nötig, schadet eher, als es nützt. Die Dauerkarte nach Lobeda ist auch nicht billig. Wenn das Werk einen eigenen Autobus laufen kaffen wurde, könnte es die Fahrt verbilligen und den Leuten im Jahr dreihundert Stunden sparen. Dazu den Weg hier und den Weg dort zum Bahnhof. Ich glaube, es würde lohnen." _ r _ , _.
Der Geheimrat nickte ein paarmal. „Autobusse. Soso. Haben Sie vielleicht noch etwas zu verbessern?" „ , . . . ,
Mit Verlaub, ja, Herr Geheimrat. Man hort so allerlei in der Halle. Da "wäre der Kantinenbetrieb. Gewiß, wir haben eine Kantinenkommis- fton Aber wie das so ist: Die Leute sind nun einmal Menschen. Und wenn die Kommission auch jedes Jahr neu gewählt wird, nach drei Wochen hat sie der Pächter in der Tasche, hat sie geschmiert. Die anderen sagen nichts dazu, denn sie begreifen, daß sich einer bestechen tafet Nicht mit Geld, aber mal mit einer Wurst ober einem halben Pfund Butter. Es ist so schon, fomas mit nach Haus« zu bringen. Sie sagen nichts, sie gönnen es den anderen. Aber ärgern tun sie sich doch.
„Und was wäre Ihrer Meinung nach da zu machen?
„Entweder das Werk übernimmt die Kantinen selbst und beteiligt die Belegschaft am Gewinn, oder die Belegschaft verwaltet die Kantinen selbst. Aber Pächter, die dem Werk etwas zahlen muffen, das macht böses Blut. Die Leute denken, das Werk will von ihrem Lohn wieder etwas zuruck- verdlenen." ... m
Dannegger hatte sich einen Block herangezogen und machte sich Notizen. Noch immer stand Peter vor dem Schreibtisch.
Jetzt schob Dannegger ein Aktenbündel beiseite, das sich über den Klingelknopf geschoben hatte, der am Rande der Schreibtischplatte befestigt war, ziemlich weit von feinem Sitz entfernt. Er muhte sich etwas hlnüber- bengen, um ihn zu erreichen.
Er läutete. Brägels trat ein. „Herr Klingender möchte sofort kommen", sagte Dannegger zu ihm und dann zu Peter: „Scheinwerfer, Autobuffe, Kantinen in eigener Verwaltung. Wie ihr Jungen Euch das fo denkt. Verbesserungen hier, Aenderungen da. Als ob das so leicht wäre
Nun war Peter plötzlich lebhaft. „Es ist ja leicht, Herr Geheimrat. Man muß es nur anpacken. Kleinigkeiten sind es meist. Es gibt überall etwas zu verbessern. Zum Beispiel hier. Gestatten Sie?" Er lief um den halben Schreibtisch, zog aus seiner Tasche ein Handwerksmeffer, Draht und Isolierband. v a„
Jetzt war Dannegger völlig überrascht: „Was wird denn das?
Wie gesagt: wieder eine Kleinigkeit, Herr Geheimrat. Ich will nur den" Klingelknopf dort verlegen. Unter die Tlschkante genau vor Ihren Platz. Da kann kein Aktenstück ihn zudecken. Sehen Sie, mit dem Knopf ist es wie mit den dreihundert Stunden der Arbeiter aus Lobeda. Wenn ich die Kraft summiere, die Sie im Jahr verbrauchen, um bei jedem Klingeln Ihren Arm bis an die Tischecke auszustrecken, ich glaube es kommt mehr heraus, als der Inhaber der Dannegger-Werke freiwillig


