Oer moderne Goldsucher.
Von der Wünschelrute zur Drehwaage.
Von Dipl.-Jng.vr. Arthur Hamm.
Seit undenklichen Zeiten steht der Beruf des Bergmannes in beson- icrem Ansehen, weit über dem, was andere Gewerbe von keineswegs eringerer Wichtigkeit zu erringen vermochten. Wer in den geheimnisvollen Schoß der Erde hinabfuhr, der konnte kein gewöhnlicher Mensch ein, er mußte irgendwelchen Zusammenhang mit den Geistern der Tiefe laben. So wurde die Ausübung des Knappschaftshandwerks zu einer Art ion Kulthandlung, der Beruf selbst erlangte eine höhere Weihe. Und selbst ils dieser Nimbus schon längst erloschen war, galt das Bergbaugewerbe «.och als eine besondere „Kunst". Freilich war es auch in vieler Beziehung line Kunst, und der schwierigste Teil davon war, die Lagerstätten der gesuchten Mineralien erst einmal zu finden. Gab es doch damals kaum rgendeinen Anhaltspunkt für das Vorkommen erzführender Schichten, lon den Zusammenhängen zwischen der Bauart der Gebirge und dem öehalt an Mineralien begann ja erst das vergangene Jahrhundert etwas |u ahnen. Wohl wußte man aus vielsältiger Erfahrung, daß die aus den Gebirgen zur Ebene strömenden Bäche häufig Gold in reiner Form iährten, das man durch Auswaschen des Sandes leicht gewinnen konnte, aber sonst war man ziemlich auf den Zufall angewiesen, der hier dem kündigen eine zutage, liegende Erzstufe, dort Kohlen zeigte und damit »erriet, daß hier unter der Erde Schätze zu finden seien, an denen vielleicht iie Eingeborenen jahrhundertelang achtlos vorübergegangen waren. Zahl- iriche Geschichten aus dem frühen Mittelalter berichten darüber, wie auf piche Weise berühmte Bergstädte entstanden. Griff aber nicht solchergestalt |>er Zufall ein, so war der Bergmann auf Mutmaßungen angewiesen, die «st trogen. Nicht umsonst lautet das bergmännische Wort für das Auf- linben von Erzvorkommen „muten", so ähnlich dem Worte vermuten, oenngleich die Sprachgelehrten über diese Ethyrnologie lächeln werden.
Die entstehende Gebirgswissenschaft, die Geologie, schuf hier allmählich Mandel. Man lernte erkennen, mit welchen Gesteinen sich die metallischen Sänge, die Erzadern, verbanden, bekam dadurch und auch durch die ein- xehende Durchforschung der Gebirge in allen Kulturländern einen sehr iimfassenden Ueberblick über die möglichen Erzvorkommen. Freilich änderte sch allmählich die Blickrichtung; standen früher die edlen Metalle, Gold iinb Silber im Vordergrund des Interesses, so suchte man jetzt mehr und mehr nach Eisen, Kohle, Erdöl und Salzen (Kali). Gerade dadurch wurde iie Lagerstättenforschung sehr angeregt; beim Erdöl lernte man verhältnismäßig bald erkennen, wo es zu erwarten war, wenngleich auch da das l<). und sogar das 20. Jahrhundert noch von vielen Zufallsentdeckungen M berichten weiß. Aber erst im 20. Jahrhundert gelang das, was jahr- iunbertelang Traum unb Sehnsucht der Wünschelrutengänger gewesen □ar, die planmäßige Aufsuchung von Erzlagerstätten, die, Vorhersage ihrer Lagerung und teilweise sogar ihres Gehaltes. Daß dazu ein ungemein (eines Instrument gehört, ist u. a. die Ursache, daß es erst so spät gelang, linen volkswirtschaftlich so wichtigen Schritt technisch zu ermöglichen.
Zweierlei grundsätzlich verschiedene Verfahren wendet die moderne Lagerstättenforschung an, um zum Ziel zu gelangen. Erste Voraussetzung st natürlich gründliche Untersuchung des in Frage kommenden Gebirges, trn festzustellen, ob überhaupt Aussicht besteht, irgendwelche Erze ober (anft nutzbare Stoffe zu finben. Dann kann man, wenn dies geleistet ist, ion oben ober auch aus Bohrlöchern untersuchen, ob sich die erhofften schütze finben. Der dritte Schritt ist endlich das Riederbringen von Probe- lcchrungen, die die Vorhersage der wissenschaftlichen Untersuchung zu I eftätigen haben. Von den eingangs genannten zwei Verfahren ist bas eine in mechanisches, es benutzt den Umftanb, daß Erze ein höheres, flüssige Schichten ein geringeres Äewicht als bas umgebende Erdreich haben unb (□mit bas Schwereselb ber Erbe, ihre Fähigkeit also, jeben frei faUenben Körper auf kürzestem Wege zu sich herabzuziehen, oft erheblich stören. Das ■weite Verfahren ist elektrisch-magnetischer Natur, es benutzt bte magnetischen Eigenschaften von gewissen Eisenerzen, bie an ber Stelle ihrer Lagerung den allgemeinen Magnetismus ber Erbe beeinflußen.
Benutzen bie beiben genannten Verfahren die sozusagen ruhenden kftgenschaften ber Erde an der zu untersuchenden Stelle, bie Veränberung ihres allgemeinen Charakters, so sind zwei andere, in neuerer Zeit ent- □ictelte, wesentlich aufdringlicher. Sie stören die Mutter Erde in ihrer Suf)e, richten Fragen an sie unb zwingen sie, zu antworten. Unb zwar geschieht bas baburch, baß man Wellen durch sie hinburchschickt, entweder nechanische ober elektrische. Das Prinzip ist in beiden Zöllen bas gleiche. • £s wird am Empfangsorte bie Geschwindigkeit bestimmt, die sie erfahren laben, und daraus gefolgert, welcher Art die Schichten sind, die zwischen 6enbe= unb Empfangsort liegen. Bei Erdbebenmessungen bedient man I ch bekanntlich auch dieses Verfahrens. Die Bodenerfchütterung lost in ier festen Erdrinde Wellen aus, die nicht anders verlaufen als die, die (in ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Wasser ist ein sehr leicht die l rdrinbe ein sehr schwer bewegliches Mittel, daher sind hier viel größere Kräfte erforderlich als dort, sonst aber verhalten sich beide völlig gleia). (tnpfangen werden die Schwingungen durch ein äußerst emvfindliches Instrument, den Seismographen, das Bewegungen der Erdoberfläche auf- , pichnet die nur Bruchteile eines Millimeters umfassen. Der Gedanke lag I iahe, dieses empfindliche Meßgerät auch zur Untersuchung der Erdrinde l ieranzuziehen, indem man gewissermaßen ein künstliches Erdbeben erzeugt, fräs gelingt in allereinfachster Weise, indem man durch einen schweren, i liederfallenden Hammer Erschütterungen auf bie Erbe übertragt unb Vieren Fortpflanzung durch den Boden bestimmt. Natürlich kann man diese ; schwachen Stöße nicht wie bie eines Erbbebens in (Entfernungen beliebiger ichoße feftftcUen, aber bas ist ja auch gar nicht notig, man will ja doch i nur den nächsten Umkreis der Sendestation untersuchen, und dafür genügt , i e Empfindlichkeit des Seismographen vollauf. 'Aus Geschwindigkeit und l blentung dieser Strahlen, die vom Sender ausgehen wie die Lichtwellen uon einer Lampe, gelingt es, recht genau festzustellen, welcher Art die i ■ luter ber Erboberfläche ruhenben Schichten sind. Das anbere Verfahren, las von zwei Göttinger Forschern ausgebilbet worven ist, bedient sich lachfreguenter, elektrischer Schwingungen, also der drahtlosen Telegraphie.
Durch den veränderten Empfang bestimmt man, welch« Beschaffenheit das Erdinnere zwischen Sender und Empfänger hat.
Vielleicht am interessantesten ist aber das Instrument, bas dazu dient, die Veränderung des Schwerefeldes der Erde durch unter ihrer Oberfläche liegende Schichten, die von der allgemeinen Zusammensetzung der Erde an dieser Stelle abweichen, zu bestimmen. Es ist die sog. Drehwaage ober eine Abart von ihr, bie Felbwaage, eines ber allerempfinblichsten Instrumente, bie menschlicher Geist je ersann. Es wurde schon oben erwähnt, daß das Schwerefeld der Erde zur Folge hat, daß frei fallende Körper auf dem kürzesten Wege zur Erde fallen. Wenn nun das Schwerefeld verzerrt ist, so bedeutet das natürlich nicht, daß ein Stein etwa in einer Kurve zur Erde fällt, so grob ist die Wirkung nicht. Aber die Drehwaage, deren messender Teil aus zwei sehr schweren Kugeln besteht, die an beiden Enden einer drehbaren Stange sitzen, zeigt sie an. Sie ist so empfindlich, daß man bei Messungen die Umgebung der Meßstelle planieren muß, weil Bodenerhebungen die Einstellung des Instruments beeinflussen. Sie ist so empfindlich, daß sie nach jeder Neueinstellung 50 bis 60 Minuten braucht, um sich zu beruhigen, vorher kann man keine Ablesung machen. Und sie ist so unempfindlich, daß sie in unwegsamem Gelände befördert und aufgestellt werden kann. So sind zahlreiche Drehwaagenmessungen in Mittelamerika im versumpften Urwal dausgeführt worden. Die vollständige Aufnahme einer Stelle dauert freilich infolge der langen Beruhigungszeit fünf Stunden, und die Unkosten für eine Drehwaage einschließlich Bedienungspersonal belaufen sich auf 500 Mark täglich. Aber der Leser wird nun verstehen, warum die Drehwaage oben als eine ber mertmürbigften Schöpfungen des menschlichen Geistes bezeichnet wurde.
So sehen bie technischen Hilfsmittel aus, die der heutige Goldsucher besitzt. Freilich, der einzelne kann sie nicht anwenden, das verhindern schon die erwähnten hohen Kosten der Drehwaage. So bleibt bas abenteuerliche Leben bes Golbsuchers, wie es bisher war, bem Glückszufall anheim- gegeben; er setzt fein Leben ein, um vielleicht — einmal unter hunbert- taufenb ben Schatz zu finden, der ihn künftiger Sorge enthebt, vorausgesetzt, daß er ihn auch zu bewahren versteht. Der übergroßen Mehrzahl gelingt das nicht, sie werden zwischen Glück unb Elend hin- und hergehetzt. Indessen die kapitalkräftigen Gesellschaften können sich der geschilderten Hilfsmittel, die Technik und Wissenschaft geschaffen haben, bedienen, ein gut Teil des Risikos, das dem bergmännischen Betriebe immer anhaftet, wird dadurch beseitigt. Aber auch manche, bisher überhaupt nicht erkannten Schätze werden dadurch gehoben werden, und im großen ganzen werden diese Erfindungen ebenso wie tausend andere zum Glück und Gedeihen der Menschheit beitragen.
Oie Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
„Verrat..." Pescara dehnte bie zwei Silben bes Wortes. „Es ist begreiflich, daß ein ebles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich meinem Fürsten Treue breche ober meinem Freunde ober meinem ahnungslosen Weibe ober selbst meinem Mitschulbigen, alles bas sind Spielarten derselben Gesinnung ... Schon dein finsterer und großer Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als bie schwerste Schulb, ba ja in seiner Giubecca sein Zerberus ober Luzifer in jebem ber drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke nicht erinnerlich. Sprich doch dis Stelle, du weißt ja die hundert Gesänge auswendig."
Viktoria rezllierte:
„Degli altri due, ch’ hanno il capo di sotto, Quel, ehe pende dal nero eeffo, e Bruto: Vedi come si storce, e non fa motto: E l’altro e Cassio, ehe qar si membruto*.“
Behaglich plauderte' ber Felbherr weiter: „Dieser schweigenb sich rombenbe Brutus ist gut, boch — mit ber schulbigen Ehrfurcht — den dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn Dante muskulös nennen? Ueberhaupt, Viktoria, wie gefällt dir diese Speise des Zerberus?"
Da antwortete Viktoria tapfer: „Herr, die Mörder Cäfars gehören nicht in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."
Beileibe nicht!" neckte Pescara. „Und doch, brav, meine Römerin! Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend ist die Gerechtigkeit." .
So schaukelte Pescara sein Weib über bem Abgrunb unb bem Geheimnis seiner Seele unb hinderte sie, Fuß zu fassen, die mit bem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boben suchte, ben Sieg erftrebenb, den zu erringen fie nach Novara geeilt war. Auf immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie ferne hielt. Jetzt hatte fie die Eingebung, den größten lebenden Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.
„Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, „daß du, wie du bift unter unfern Bildnern und Dichtern bie lieblichen ben gewaltigen verziehst, ben Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und seinenu späten, aber ebenbürtige» Bruder, dem Buonarotti — du selbst aber bist eine tiefe und verborgene Natur." .
Ebendarum, Viktoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du ihn so sehr bewunderst."
Viktoria lächelte. „Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne nur seine Sistine."
* Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, Unb aus bem dritten Maul hangt Cassius nieder, An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.


