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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

')rhrgang (931 Montaa, den 9. März Nummer 20

Vorfrühling.

Von Edmund Finke.

Schon blühen die Primeln am Wiesenrain und lauschen ins Antlitz Gottes hinein, im Schnee sind die weihen Rosen erwacht, ein Kind hat verträumt in die Sonne gelacht . O Traum!

Run kommt meine Zeit, nun kommt mein Weh, Wildwasser rauschen unter dem Schnee, die Wege sind Linien in Gottes Hand, sind Fremde, Geheimnis und Vaterland ... O Zeit!

Nun möchte ich wandern, bis dort wo die Welt sanft in die Schale des Himmels fällt, und alle die Wunder der Erde seyn, die tief in den dämmernden Abenden stehn... 0 Raum!

Dann wiederkehren im herbstlichen Wind

und wieder bei euch sein, mein Weib und mein Kind ... O Sehnsucht ... unendliche Größe der Welt!

Klein sind wir ins Gleichmaß der Zeit gestellt ... O Glück! ... O Leid!

Kopti ck muß fein!

Novelle von Bruno Frank.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Gar nichts soll ich", klagte RuthOpiumrauchen soll ich nicht, Kokain schnupfen soll ich nicht, und nun soll ich auch nicht mal mehr an den Spieltisch. Warum denn all die Strenge, man lebt ja nur so kurz!"

Ich sah sie an. Schiießlich, dachte ich, tränt jedes Geschöpf sein Art­gesetz in sich, und zur Stammutter kühner Geschlechter ist diese zarte groß­äugige Ruth ohnehin nicht bestimmt.

Wir verließen das Restaurant. Ein Automobil trug uns durch die Nacht in den verschneiten Tiergarten, es bog zweimal ab und hielt an einer Kreuzung.

Wo sind wir denn?" m

Ich öffnete den Schlag, ein kleines Indimduum, in wertem Mantel, flaumi<i beschneit, mit eingedrückter Nase, ohne Handschuhe, kam auf uns zu. ,Jlub?"Ja." Es nahm Platz neben dem Fahrer, wir suchten zur Hauptallee zurück und eilten dann endlos geradeaus wert, weit nach Charlottenburg. Irgendwo ward gehalten, der Wagen fortge­schickt, und wir beide folgten in Entfernung dem voranschleichenden In­dividuum durch die öden Straßen.

Ruth flüsterte:Du, das ist wie Petersburg und Verschwörung. Bei uns ZU Hause, wie ich klein war, gab es ein farbiges Bild in einer Zeit­schrift, darunter stand: Und wenige Jahre darauf lag Zar Alexander der Zweite blutig im Schnee der Winternacht. Davon habe ich immer ge­träumt.- . 4

Unser Führer machte Halt. Im Schatten einer Einfahrt wartete er auf uns, öffnete geräuschlos, schritt beim Strahl seiner Taschenlampe voran durch einen Gang, durch einen Hof in ein Nückgebäude. Hier pochte er zweimal. Eine Stimme von drinnen fragte:Ranke?"

Das Individuum antwortete ganz leise:Mottenfraß".

Unterägypten?"

Kali."

Haifischflosse?"

Pharao." . , , , _ ,

Die Tür ging auf, wir standen im Vorraum einer sehr bürgerlichen Wohnung Das Individuum ward entlohnt. Eine ernstblickende, stämmige Frau nahm uns die Mantel ab und ließ uns ein tret en.

Es w ir das gewöhnliche Bild aus diesen Togen des stürzenden Geld­wertes. Um den langen Tisch fünfzehn oder achtzehn Spieler: Geschäfts­leute, die von ihrer Erwerbsspannung auch des Nachts nicht los konnten, Viveurs verdächtigen Ranges, denen die Türen der Kmbs im alten Westen nicht osferstanden, ein Berufstänzerpoar, sie sehr lungenkrank und sylphenhaft hübsch, er von entschlossener Anomalie mck Rot auf den Lippen und jedes W-mperhaar einzeln geschwärzt, b'? "blichen Ausländer sodann, ein kleiner milder Japaner, eine intensiv blickende ältliche Dame aus Südamerika, dort, wo der Aeouator es quert, und obenan am -LJaje zwei Schweizer, ungefüg animalisch, rauh gurgelnd, von denen nur einer Cm 9(uf bein Ttonn* obne Kragen blieb mein Blick haften, er forderte zu Kommentaren heraus. Aber Ruth, forst zu .ehern Spott bereit unb über, bereit, schien weiter nichts an ihm zu finden, sie kramte und schichtete an

ihrem Geld und wartete ernst, dis die Karten zu ihr kämen. Hie und da pointierte sie auch ein wenig, verlor einen Schein ober drei, sah niemand, kein Gesicht, hatte auch mich vollständig vergessen. Das Spiel wirkt auf Frauen genau wie das Opium, es nimmt ihnen ihr Geschlecht.

DerSchlitten" mit den Karten war bis zu Ruth gelangt, sie setzte in ihrem Eifer fast alles ein, was vor ihr lag, verlor gleich den ersten Coup und schob das schräge Gerät mit einer ziemlich heftigen Bewegung vor meinen Platz. Ich verachtfachte meinen kleinen Einsatz: von dem Ge­winn hätte ich mich womöglich in Neuyork sogar rasieren lassen können.

Mein Auge glitt nun betrachtend über die Einrichtung des Zimmers hin, die mich gleich eigenart.g und sympathisch hatte anmuten wollen. Ich sah die altertümliche Täselui g der Wand, das schöne zarte Muster der langfließenden Fenstervorhänge, den guten Empire-Kamin an der Längswand mir gegenüber unb rechts unb links davon in glatten matten Goldrahmen zwei große Landschaftsstiche, deren Anwesenheit überraschte. Das eine Blatt stellte, traurig, groß unb verschollen, die Tempelruinen von Luksor in Aegypten dar, das zweite, heiter mächtig, ein hochge­legenes umbuschtes Schloß, dessen Umriß meinen Augen vertraut war. Gewiß, es war in getreuer Widergabe, bas alte schone Schloß von Tübin­gen mit den Gassen und Brückenst>egen, die zu ihm hinaufführen, und ich fand auch gleich die schmalen Fenster, hinter denen zu meinen Zeiten die Bibliothek untergebracht war, und durch die ich hundertmal arbeits- unluftig hinuntergesehen hatte über die bucklige Stadt hinweg in die freie Neckarflur.

Inzwischen war am Tische ein Streit entstanden. Einer der Schweizer, und zwar der, der einen Kragen trug, hatte zu zwei Karten die an sich schon Gewinnchancen boten, schädlicherweise eine dritte hinzugekaust unb wurde von seinen Mitpointeuren m t Vorwürfen überschüttet. Besonders erregt zeigte sich die sylphenhafte Tänzerin: von krampfhaftem Husten unterbrochen, erklärte sie, nicht bezahlen zu wollen, wenn ein solches Hornvieh, ein solcher Patzer sie in Verlust brächte: ihr schloß sich die glutäugige Amerikanerin an, vielleicht weniger aus Gewinngier als viel­mehr glücklich ein Ventil für die Kesselhitze ihres Innern zu finden, zwei der zweifelhaften Kavaliere mischten sich galant und drohend in den Kampf, auch Ruth an meiner Seite begann sich zu entrüsten, nur der kleine Japaner lächelte still und undeutbar in den Lärm.

I Die Tür ging auf, unb herein trat in etwas altmodischem Gehrock, die hohe unb magere Gestalt gelehrtenhaft gebeugt, ein hier fremdartig anmutenber Herr, offenbar, vom Diener ober vom Geschrei herbeigerufen, | der Inhaber der Wohnung. Er trat an die Längsseite des Tisches, mir gerade gegenüber, übersah aus seinen goldgeränderten Brillengläsern uns alle, ließ sich, da es still geworden, den Vorfall erklären, deutete auf das schräge Gerät mit Karten, das seitlich eine Zahlentabelle aufwies, unb sagte auf Schwäbisch mit einem Zucken ber Ironie um seinen rasierten Mund:

Was sagt denn der Schlitten?" Er gab sich auch selbst die Antwort: Der Schlitten sagt Volonte!"

I So war denn zum Protest kein begründeter Anlaß gegeben, leise nach- murrenber Friede trat ein, ber Schlitten fuhr weiter, und ber Hausherr im verschollenen Gehrock verließ vornübergebeugt bas Zimmer.

Ich aber saß erstarrt. Denn bas war Schärtlin gewesen, der Alt­philologe Walcher Schärtlin, mein Tübinger Studienfreund, ber Sohn ber verwitweten Flnanzrätin Schärtlin in Ludwigsburg, ber Stillste ber Stillen, ber Bravste ber Braven. Er, ber mich einst wie einen Irren mitleidig betrachtet hatte, als ich ihm vom morgendlichen Spiel auf den Briefkasten erzählte: er ließ hier in einer Wohnung des Berliner Westens die Leute Bakkarat spielen, für zehntausend Mark Kartengeld in der Stunde, unb wenn ein Streit ausbrach unter diesem Nachtvolk, dann trat er herein und fragte auf Schwäbisch: was sagt der Schlitten?

, Nur fünf Minuten, Ruth! Ich kenne den Hausherrn unb muß ihn sprechen."Was mußt du?" Sie schüttelte unwillig den Kopf, dann blickte sie wieder nach den Karten hin und fuhr fort zu pointieren.

Draußen öffnete mir nach einigem Hin und Her jene ernstblickende I Frau die Türe zu Schärtlins Zimmer. Da saß er im Schein einer hohen grünen Lampe im Schweigen an seinem Arbeitstisch.

Bist bus wirklich, Schärtlin", sagte ich,ober ifts dein Geist?

Er ftanb auf, hob bie Lampe so, daß der elektrische Schein auf mein Gesicht fiel, und rief in seinem Dialekt:

Ja, alter Kerl, wo schneit denn dich der Wind her? So was! Komm seh' dich!"

j " Ich nahm Platz zur Seite seines Schreibtisches, der über unb übet mit Büchern, graphischen Tafeln und Manuskrivten debeckl war.

IMitten in ber Nacht kommst du daher, nach zwölf Jahren ober fünf, zehn? Was treibst denn du in meiner Wohnung?"

|Ja, Schärtlin, was offenbar alle hier treiben.*

Er sah mich an, mit ehrlichem Erstaunen.Nicht möglich, den Unsinn ' treibst bu mit? iDas wundert dich?"