Saft ausprehte, die Gärung abwartete und dann den jungen Wein in den tönernen Krug oder den Leberschlauch füllte. Im alten Babylonien, im alten Aegypten war jedenfalls die Weinkultur schon voll entwickelt, Palästina und Syrien galten lange als die besten Weinländer, und die Seefahrer des Altertums, die Phönizier, waren es dann, die die Kenntnis der wunderbaren Erfindung weithin nach dem Westen trugen. Den Griechen der homerischen Zeit ist der Wein schon etwas so Altvertrautes, daß sie seinen Ursprung, wie alles Gute im Leben, einem lehrenden und schassenden Gott zuschrieben.

Unermeßlich reich war die Bedeutung, die des Dionysos Gabe im Leben der Hellenen errang. Vor ihrem edel heitern, ferurig erregenden Geiste ist gleichsam die ganze griechische Kultur durchdrungen. Auf ihren frühesten Seefahrten nach Westen müssen die Griechen den dämonischen Trank auch an die Küsten Italiens getragen habens bereits die Gesetze Numas bestimmten, daß man nur Wein von beschnittenen Reben den Gottern opfern dürfe. Aber erst nach den punifchen Kriegen wurde der Weinbau in ganz Italien allgemein; der alte Cato, der nach dem schönen Worte des Horazseine Tugend oft am Weine angewärmt", erklärte den Weinbau für die vorteilhafteste Art der Bodenbenutzung und förderte die Veredlung der Reben. Unterliessen hatte jedoch die Weinkultur längst begonnen, über die Grenzen Italiens vorzudringen. Den ersten Weinstock auf gallischem Boden pflanzte ohne Zweifel ein Maffiliote, denn die Weine von Massilia werden schon früh genannt und waren lange Zeit die berühmtesten. Im ersten Jahrhundert der römi­schen Kaiserzeit ist das heutige Frankreich bereits ein bedeutendes Wein­lund mit eigenen Trauben- und Weinsorten, mit Ausfuhr und Ver­pflegung nach Italien. Die Konkurrenz war damals sogar so groß, daß Domitian, um dem Mutterland das Monopol des Weinhandels zu erhalten, befahl, die Weinberge in den Provinzen zur Hälfte aus­zuroden. Dies Edikt hob im Jahre 280 Kaiser Probus wieder auf, ein geborener Ungar, der als ein großer Gönner des Tokayers zu einem wahren Weinheiligen geworden ist. Auch an den Ufern des Rheins und der Mosel grünten nun schon die Reben und die schwellende Traube spiegelte sich im kristallklaren Wasser der deutschen Ströme, wie Ausonius in seinem lieblichen Moselgedicht singt.

Die Germanen hatten sich gegen die Einfuhr des berauschenden Ge­tränks durch römische und gallische Händler nicht lange gesträubt. Bei Tacitus erscheinen die Stämme Germaniens als eifrige Abnehmer der Hausierer und Schankwirte (caupones), obwohl sie nicht immer den besten Tropfen bekommen haben mögen, denncaupo" bedeutet nach lateinischen Glossen: einer, der Wein mit Wasser mischt, aus Wein Wasser macht. Mit dem Segen des Weines haben wir also gleich zu­erst auch den Unsegen desWeinpantschens" kennengelernt. Im zweiten christlichen Jahrhundert widmete sich dann der Germane selbst der Pflege des Rebenbaues, und feine herrlichen Weinberge überstanden die Stürme der Völkerwanderung. Reiche Fürsorge ließ Karl der Große dem Weinbau angedeihen. In seinen Kapitularien gibt er bis ins Kleinste gehende Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen, die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien, und ein Bei­spiel für feine praktische tätige Art ist die Entstehung des edlen Ingel­heimers, den er zu pflanzen befahl, als er von feiner Pfalz aus die befruchtende Kraft der Sonne auf den gegenüberliegenden Hügeln beob­achtete. Auch die frommen Apostel der Deutschen waren Missionare des Weinbaues, so der hl. Gallus in der Schweiz, der hl. Urban in Schwaben. Roch heute gilt der hl. Urban den Winzern als der Wetter­macher und fein Tag, der 25. Mai, ist für die Weinernte von beson­derer Bedeutung. Durch die frommen Mönche erhielt der Weinstock seine höchste Veredlung und allgemeine Verbreitung, denn er lieferte ihnen den Abendmahlswein und auch manch guten Trunk. Gegen Ende des 11. Jahrhundert pflanzten Benediktermönche auf dem Johannisberg die Perle aller Rheinweine, 1177 legten die Insassen der Cisterzienser Abtei Eberbach den Weingarten an, dem der köstliche Steinberger ent­stammt. Im alten Wormser Klostergarten, an der Liebfrauenkirche, wächst van altersher die milde, gefeierte Liebfrauenmilch, an den Wän­den des Schlosses der Bischöfe von Würzburg der berühmte feurige Stein- ober Leistenwein, noch heute in den altertümlichen Bocksbeutel- stafchen gereicht. Das alte Wort vom Klosterwein, dem vinum theo- logicum, als dem besten gilt nach immer.

Und wie manche Weinforten, fo sind auch die Formen der Wein­ernte trotz vieler technischer Vervollkommnungen im Laufe der Zeit sich ähnlich geblieben. Schon auf den lebensvoll farbigen Bildern an den Wänden ägyptischer Gräber und Tempel sehen wir, wie die dunkel­blauen Trauben von fleißigen Winzern gelegen, in Körbe geschüttet und gefoltert werden, wie der Wein filtriert, eingekocht, in weithalsige Amphoren gehüllt, gefpunbet, versiegelt unb etikettiert wirb. Richt m in ber aussührlich schildern die Weinlese griechische Vasen, und ein intimes Bild der Rebenkultur tritt uns aus jenen Reumagener Marmorskulpturen ent­gegen, die als Grabmonumente reicher römischer Weinhändler aus der Stätte des alten Novomagus, unweit Trier, ausgegraben wurden. Da tanzen Winzerinnen mit wallenden Schleiern, mächtige Trauben in dc« erhobenen Rechten, beim Fest der Weinlese; Arbeiter umwinden unter Aussicht eines Handlungsdieners tönerne Weinkrüge nut Strohgeflecht. Ein ähnliches Treiben entfaltet sich auf mittelalterlichen Miniaturen. Hier tritt auch immer wieder beim Keltern eine Unsitte hervor, die fckwn Karl der Große streng verboten hatte: das Zertreten der Trauben mit bloßen Füßen. Aber noch im 13. Jahrhundert klagt Petrus de Crescentius über die gleiche Unmanier und befcheidet sich mit der Forderung, die nackten Füße sollten wenigstens rein fein, bie Steiferer bürsten nicht aus bem Kelterraum aus- und einlaufen. Solche schlimmen Mißbräuche traten jedoch nur vereinzelt auf: im allgemeinen ward die Weinlese als ein ernstes, in frommem Sinn geübtes Geschäft angesehen, mit dem sich manch bedeutungsvoller Brauch und geweihte Sitte, ge­boren aus bem Glauben an bas Walten höherer Machte, verknüpften.

Der eigentlichen Ernte ging stets eine feierlich stille Zeit voraus in der niemanb, selbst nicht ber Besitzer, bas Gehege ber friebooll reifenben Reden betreten bürste. Man erzählte sich wohl, wenn die Rebe blüht.

steige Karl der Große aus dem Grabe, um den Weingärten Segen zu spenden, wie er es dereinst getan; niemand dürste ihm begegnen bei diesem fruchtbringenden Gang. Piel ward um den Beginn der Lese gestritten, bis dann schließlich der Anfang von der hohen Obrigkeit, vom Fürsten oder Abt oder auch vom Bürgermeister und Rat, sestgesetzt wird. Früh am Morgen verkündete nun ein Glöckchen den Anbruch des lang ersehnten Tages. Zur feierlichen Eröffnung der Lese schnitt ein Kind oder der Hausvater die ersten Trauben mit einemGott walt's"; dem hl. Urban ward wohl auch ein Erstlingsopfer dargebracht. Besonderer Spott richtete sich gegen den Arbeiter, der die meisten Trauben hatte hängen lassen. Er ward für jede Traube mit einem Schlage bestraft. Die eigentliche Lustbarkeit wurde aber erst beim Einfahren des letzten Fasses entfesselt; man schmückte es mit Blumen unb Bänbern unb Tannenzweigen; ein Jüngling mit bunter, schellenversehener Mütze, in ber Moselgegend Bacchus genannt, saß vorn barauf, hinten ein weißgeklei- betes unb verschleiertes Mcibchen, mit Weinreben im Haar, Herbstmuck genannt, bas ben zu beiben Seiten bes Fasses schreitenben Winzern unb Winzerinnen ben jungen Wein in einem Pokale barbot. Die Leser trugen fröhliche Derkleibungen; sie setzten wohl auch einenWeinhansel", eine Puppe aus Stroh unb Weinstäben mit einer Zipfelmütze, auf bas Faß ober trugen einen mit bem Traubenkranz geschmückten Hahn voraus, ber bem Weingutsherrn mit fröhlichem Spruch überreicht würbe. Manche von biefen Sitten hat sich noch heute erhalten; unb noch herrscht bie gleiche Fröhlichkeit unb Ungebunbentjeit, die sich in alter Zeit nach harter, schwerer Ernte beim Weinlesefest entfaltete.

Erinnerungen eines alten Leiters.

Von Dr. Anton Mayer.

Als mich mein Vater zum erstenmal auf einen Gaul stülpte, war ich sieben Jahr: aber es war kein Pony, das ich reiten sollte, sondern ein ausgewachsenes großes Pferd mit schmalem Rücken, gütigem Alters­temperament unb noch leiblichen Gängen. Es hieß Caesar, unb gehörte in bie Reitbahn bes längst seligen Hemmerling, eines seltsamen Kauzes, ber im Sommer eine Sepenbance seines Berliner Institutes in Herings- borf unterhielt; in jenen Tagen lag ber Babeort noch wirklich am Meer, unb war noch nicht in einem Wust monbäner Tanz-, Kintopp- unb anderer Vergnügungsstätten untergegangen. Mein Vater nahm seine gute englische Stute, bie er bamals besaß, für ben über ben ganzen Sommer ausgedehnten Aufenthalt in Heringsdorf mit; nach einigen in der Bahn absolvierten Stunden ritt ich auf dem braven Caefar, dem ein Kinderfattel aufgelegt worden war, tapfer mit, am Strand entlang und durch die schönen Wälder, welche von Hemmerling manchmal be­gleitete er uns besonders bei unsicherem Wetter bevorzugt wurden, weil es, nach feiner mystischen, aber streng festgehaltenen Meinungin ber Heibe nicht regne" wie er auf biefen Gebanken gekommen war, hat nie jemanb ergrünben können.

Pferbe und Hunde haben mich durch meine Jugend begleitet, bis ich im zweiten sächsischen Husaren-Regirnent als Fahnenjunker eintrat, und nun der Ernst ber kavalleristischen Ausbilbung begann. Die alten Rekrutenböcke hatten zum Teil schauberhast harte Gänge unb zerschnitten dem unglücklichen Reitadepten mit ihren scharfen Rückgraten beim Auf- Decke-Reiten fast den Leib; mein Rittmeister, ein äußerst mäßiger Reiter, von dem der Wachtmeister meinte, in Hannover auf Reitschulehabe er nur Bahndienst" gemacht (b. h. nicht selbst geritten, jonbern die Bahn sauber gehalten, also die berühmten Aepfel beseitigt usw.) dieser Rittmeister sah mit Behagen zu, wie wir uns abquälten, unb machte sich ein Vergnügen baraus, mir immer noch schlechtere Pferbe zuzu- weisen. Run auch bas ging vorbei, schließlich würbe man Offizier unb konnte sich nun von ganzem Herzen bem geliebten Sport, ber eigent­lich unter bie Kunstarten zu rechnen, von ganzem Herzen roibmen. Äller- bings bürste man sich etwa beim Schwabronsexerzieren nicht allzu selbst­vergessen mit feinem Pferbe reiterlich beschäftigen, sonst konnte es wohl vorkommen, baß ein Signal überhört ober falsch ausgesührt würbe, eine große Sünbe, bie mir einmal einen herrlichenAnpsiff" zuzog, als mein Rittmeister nicht ber eben erwähnte, auf meine Musikliebe an- fpielenb, mir roütenb zurief:Herr Leutnant! Von Wagner jeben Ton unb von Signalen teene Ahnung!"

Eine ganz ausgezeichnete Ausbilbung erhielt ber junge sächsische Kavallerieoffizier auf ber Reitschule in Dresben, zu ber jeber Leutnant nach etwa einjähriger Dienstzeit tommanbiert würbe. Man würbe heftig rangenommen": bas tägliche Reitpensum beftanb aus bem Chargen- pferb, bas ebenso wie basStammpferb", Stammbulle genannt, auf Decke geritten würbe, das eigne Pferd wurde auch auf Sattel ohne Bügel mehr oder weniger gemeistert. Vom Oktober bis Mai blieb dies unverändert natürlich bekamen bie Tiere nur eine Trense ins Maul. Wir bekamen einen Ball in bie Hanb, ber mit einer Schnur an ber Uniform befestigt war, unb nun ging es los, burch ben Sprunggarten, kreuz unb quer über ben Platz nur ber Tetenreiter hatte bie Zügel in ber Hanb, alles anbere spielte Ball unb vergaß darüber völlig, daß man auf bem Pferbe faß. So bekamen wir halb Losgelasfenheik unb ganz unabhängigen Sitz zwei ber wichtigsten Dinge, bie es für ben Reiter gibt. Auf ber Charge lernten wir bas Zureiten: benn diese Tiere warenalte Remonten", also fünfjährig, und noch sehr wenig geritten. Das eigene Pferd wurde zu Geländeritten benutzt, die sich in der Dresde­ner Heide mit ihren steilen Hängen und tiefen Schluchten, wie dem be­kannten Priesnitzgrund, manchmal ganz schwierig gestalteten vor allem ohne Hügel und auf Trense. Aber auch diese Hebung war aus­gezeichnet, wir lernten, vom Bügel ganz unabhängig zu werden natürlich wurde immer ohne Bügel englisch getrabt unb konnten biefe, als wir sie im Mai bekamen, absolut nicht halten.

Den brei genannten Pferben schloß sich bann, nach einiger Zeit, noch ein Schulpferb an; bie Reitschule besaß, nach Wiener Vorbild, Lippizaner, auf denen bie Gänge ber hohen Schule mit viel Mühe unb Schweiß begossen würben es war wirklich kein reines Vergnügen, auf ben nur auf sehr starke Hilfen reagierenben Tieren eine Passage ober