Die entscheidende Wendung, die Kant im Kampfe gegen den Naturalismus dadurch vollzog, daß er ihin nicht auf dem Boden der Wirklich- keitsbetrachtung entgegentrat, sondern Recht sowohl wie Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis weise selbst auswies, hat dazu geführt, daß bei dem Aufkommen des Neukantianismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erkenntnistheorie völlig die übrigen Problemkreise der Philosophie zurückdrängte. Das minderte die Bedeutung der Philosophie für das allgemeine Geistesleben; denn diese immer stibtiler werdenden erkenntnistheoretischen Untersuchungen wurden in steigendem Maße zu einer Angelegenheit lediglich für „Fach"philosophen. Aber diese Entwicklung war nicht im Sinne Kants, für den die Erkenntnistheorie seiner „Kritik der reinen Vernunst" nur das Eingangstor in sein philosophisch-anthropologisches ^System bedeutete. Auch hat die neueste
Oer Einsiedler.
Bon Joseph von Eichendorfs.
Komm, Trost der Welt, du stille Nachti Wie steigst du von den Bergen sacht, die Lüfte alle schlafen, t
ein Schiffer nur noch, wandermüd^ singt übers Meer sein Abendlied zu, Gottes Lob im Hafen.
Die Jahre wie die Wolken gehn und lassen mich hier einsam stehn, die Welt hat mich vergessen; da tratst du wunderbar zu mir, wenn ich beim Waldesrauschen hie gedankenvoll gesessen.
O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd' gemacht, das weite Meer schon dunkelt.
Laß ausruhn mich von Lust und Not, bis daß das ew'ge Morgenrot den stillen Wald durchfunkelt.
Entwicklung unserer deutschen Philosophie wieder aus jener Verengung zur Erkenntnistheorie herausgeführt. Aber die Entdeckung der grund- leaenden Wichtigkeit der Erkenntnislehre durch Kant und die von ihm ausgebildete „transzendentale" Betrachtungsweise besteht m >hr«r grund- iätzlichen Bedeutung für uns ungemindert fort, ja, ste ist dadurch, daß Heinrich Rickert die „transzendentale" Untersuchung so erfolgreich auch auf die historischen Wissenschaften ausgedehnt hat, in ihrer Tragweite noch klarer gestellt worden.
Nicht minder besteht für uns fort die Aufgabe, zur Wahrung der Selbstersassung unseres „geistigen" Wesens mit den Ansprüchen des Naturalismus zu ringen, der immer wieder das relative Recht natur wissenschaftlicher Betrachtungs- und Forschungsweise zum absoluten und einzig gültigen emporzusteigern geneigt ist. So ist es durchaus im Sinne Kants wenn in den letzten Jahren neben der naturwissenschaftlichen Psychologie eine geisteswissenschaftliche sich entwicke l hat. Auch fuhren w r nur das Werk Kants fort, wenn wir der naturalistischen Einseitigkeit des historischen Materialismus", der „Rassetheorie", des landläufigen „Monismus", der Geschichtsphilosophie eines Oswald S p en gl er entgegentreten. In Spengler tritt uns zugleich em Vertreter der vielgestal. tigen, hauptsächlich von Nietzsche angeregten „Philosophie des Lebens entgegen, die meist auch in naturalistischer Enge ausgestaltet wird,. sofern man in „Leben" lediglich den Naturprozeß, das Biologische, die Vitalität erblickt und in den „geistigen" Funktionen und der von ihnen geschaffenen Kultur nur so etwas wie eine „Steigerung" des Lebens anerkennt. Alle diese modernen und modernsten Auswirkungen naturalistischer Betrachtungsweise (der übrigens auch Freud und seine Junger in weitem Umfange verfallen sind), können nur durch eine tiefblickende philosophische Anthropologie im Geiste Kants auf ihr berechtigtes Maß zuruckgefuhrt
werden.
Ein — hauptsächlich für die Bolkserziehung bedeutsamer — Kampf- genösse des kantischen Idealismus in der Abwehr des Naturalismus (und seiner naivsten Form: des Materialismus) ist von jeher die von den christlichen Kirchen gepflegte Philosophie gewesen. Freilich die Kampfgenossenschaft bedeutet niemals durchgehende Uebereinstimmung der An- schauungen. So hat denn insbesondere die katholische Neuscholast;. in Kant der die Kraft ihrer „Gottesbeweife" einer scharfen Rtiht unterzogen hatte, lange Zeit wesentlich nur ihren Gegner erblickt; erst neuer- dings beginnt man auf dieser Seite auch die tiefe Uebereinstimmung gewisser Ärundpositionen und die gemeinsame Kampfessront gegen Naturalismus und Materialismus zu würdigen. Bei dem neuerlichen Erstarken der Kirchen und ihres Einflusses auf Schulen und Universitäten, wird es auch für die Zukunft eine bedeutsame Aufgabe der Erben kantischen Geistes bleiben, die Grenzen zwischen wissenschaftlich-philosophischem Erkennen und Wissen einerseits und religiösem Glauben anderseits klar herauszuarbeiten und die Selbständigkeit und Freiheit des Philosophw- rens gegenüber auch den bestgemeinten Uebergrisfen kirchlicher Autoritäten zu wahren.
Noch eine andere Form idealistischer Welt- und Lebensbetrachtung ist neuerdings mächtig erstarkt, deren Uebereinstimmungen mit kantischem Idealismus nicht Hinwegtäuschen dürfen über tiefreichende Verschieden- heit. Es ist die neuromantische I n t u i t i o n s Philosophie. Schon Kant hatte in seinen alten Tagen gegen den schwärmerischen Ueberschwang der Romantiker und den von ihnen in der Philosophie erhobenen „vornehmen Ton" anzukämpfen. Solcher Kampf ist auch heute wieder notig geworden; glaubt man doch auch in den Kreisen unserer Neuromantikek in der „Intuition" (oder im „Gefühl") ein „höheres" Erkenntnisorgan zu besitzen und ist doch schon ein vielgenannter Philosoph, Martin Heidegger", dazu gelangt, dem Satz der Identität für das phüo- sophische Denken die Geltung abzusprechen. So gilt es darzutun, daß es nur einen Erkenntnisweg gibt, den der Wissenschaft, und daß auf ihm Sinnlichkeit (d. h. die Fähigkeit anschaulich Gegebenes zu erleben) und V e r st a n d (d. h. die begriffliche Bearbeitung und Deutung des Gegebenen") gemeinsam die Erkenntnis zu erringen haben. Nicht minder gilt es klarzustellen, daß Versuche sich vom Satz der Identität zu emanzipieren, Widersinn ergeben und daß tieffinnig klingendes, dunkles Gerede etwas anderes ist als rechtschaffenes Philosophieren in kritischem Geiste.
Was die Reinheit der Philosophie sowohl in der kirchlichen wie in der ncuromantisch-intuitionistischen Richtung bedroht, das sind vor allem religiöse Tendenzen und der für diese charakteristische Drang nach einem Absoluten, Unendlichen. Aus diesem erwächst auch die Neigung, all das, was der Mensch aus sich vermag in Erkenntnis, in Sittlichkeit und auf den anderen Kulturgebieten, geringschätzig, ja verächtlich zu beurteilen, weil er immer im Bereich des Endlichen verbleibt. Die dadurch genährten Minderwertigkeitsgefühle bereiten aber lediglich den Boden für neue Eroberungszüge kirchlicher Autoritäten. Auch im Kampfe gegen diese Bedrohung unseres autonomen Geisteslebens — die verstärkt wird durch die heute Mode gewordene „dialektische" Theologie — werden wir auf Kant zurückgehen müssen. Er hat die Unabhängigkeit des Sittlichen von Religion und Kirche, er hat das Wesen ethischer Autonomie ein für allemal klar herausgearbeitet; er hat dem Menschen Selbstvertrauen und die rechte Selbstschätzung gegeben; er hat ihn gelehrt, frohe Zuversicht auf das, was zielklares und zähes Wollen in der Selbsterziehung erreichen kann, zugleich aber auch Bescheidenheit und ehrliche Selbstkritik im Lichte jener „regulativen" Ideen, an denen wir uns immer orienti er« n können, die zu erreichen uns aber in unserer Endlichkeit nie beschieden ist. Sie stellen für uns das Absolute, das Unendliche dar. Religiöse und romantische Sehnsucht möchte das Absolute erstiegen und träumt wotst gar, es erreicht zu haben. Kritische Besonnenheit klärt darüber auf, daß diese Ideen gerade dadurch das menschliche Geistesleben lebendig uns wach erhalten, daß sie unerreichbar sind und so dem, der „immer strebend sich bemüht", für alle Zeit Aufgaben stellen.
* Vgl. meine Auseinandersetzung mit diesem über den Begriff de« „Nichts" in meiner Zeitschrift „Philosophie und Leben" (Leipzig, Meiner), Hest II und IV, 1931.
Kant und unsere Zeit.
Können wir heule noch Philosophie treiben?
Von Dr. August Messer, o. ö. Professor der Philosophie an der Universität Gießen.
Es war nicht lediglich ein theoretisches Interesse .ein reines Streben nach Erkennen und Wissen, was Kant antrieb stch um die PrMeme Gott Freiheit und Unsterblichkeit zu mühen und insbesondere auch das Wesen und die Tragweite der menschlichen Erkenntnis in seiner nun 150 übrigen „Kritik der reinen Vernunft" zu untersuchen. Bei lenen drei Problemen schien es sich ihm auch nicht nur zu handeln um rem „jenseitige" Fragen, vielmehr schien ihm von der Stellungnahme zu diesen Grundfragen abhängig zu fein di? EntscheidkUtg über das e'sse. Wesen und die sittliche Würde des Menschen.
Wenn heute philosophische Anthropologie wieder in den Mittelpunkt des Interesses getreten ist, so wird sie.gut tun, sich an Kant zu orientieren, denn auch schon sein Nachdenken kreist um die Frage, was denn eigentlich der Mensch sei..Und zwar drängt ihn zu diesem Forschen hauptsächlich die Befürchtung, daß echt menfchliches Geistesleben durch die schon in seiner Zeit immer mächtiger werdende naturalistische Weltanschauung aufs ernsteste bedroht sei.
Mit der feit Kopernikus, Galilei und Kepler stets sieghaft vorwärts dringenden neueren Naturwissenschaft war es gegeben, daß die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise immer mehr als die einzig wifsen- schastliche galt, die auch geeignet sei, nicht nur über die äußere Natur, sondern auch über den Menschen selbst, ja sein Seelen- und Geistesleben erschöpfende und endgültige Aufschlüffe zu geben. So hatte sich Natur- wissenschaft zum philosophischen Naturalismus ausgestaltet und unter dessen Einfluß neigten viele dazu, jene Fragen nach Gott, Freiheit, Unsterblichkeit unter Berufung auf „die Wissenschaft" zu verneinen und im Menschen lediglich ein Naturprodukt zu sehen, vielleicht komplizierter als die Tiere, doch ihnen im Wesen gleich.
Das aber erschütterte Kant im Innersten; hierdurch sah er seine heiligsten, sittlichen und religiösen Ueberzeugungen bedroht. Zugleich war er selbst viel sehr Naturforscher, als daß ihm hatte der Gedanke kommen können, die Fähigkeit der Naturwissenschast und ihrer Methoden, wirkliche Erkenntnisse zu gewinnen, zu bestreiten oder auch nur anzuzweifeln. Darum mußte sich für ihn die Frage so gestalten: was bedeutet eigentlich die Erkenntnis der Naturwissenschaft (und der — ihr Dienste leistenden — Mathematik)? Stellt sie — wie der Naturalismus ohne weiteres annahm — eine wirklich erschöpfende, die Wirklichkeit in ihrem tiefsten Grunde, in ihrem „An sich" erschließende Einsicht dar? Ist dies der Fall, so ist vor allem menschliche Freiheit nicht zu retten, denn Naturwissenschaft sieht ja in der Notwendigkeit alles Geschehens ihr oberstes Gesetz! Stellt sich aber die Ueberzeugung von der Freiheit als ein philosophisch unhaltbares, naives Vorurteil heraus, dann erscheint auch die menschliche «itt- lichkeik, in der man den eigentlichen Vorrang des Menschen vor dem Tiere erblickt, als ein Wahn.
Diese innere Not, dieser Zweifel am Menschenwesen führt Kant in die tiefgründige Untersuchung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis hinein, die in der „Kritik der reinen Vernunft" vorliegt. Ihr Ergebnis ist für ihn: die mathematische Naturwissenschaft erfaßt nicht das „Ding an sich", sie erbringt nicht letzte, abschließende Wirklichkeitserkenntnis/ Somit bleibt zu Recht bestehen und auch vor der Vernunftkritik gültig der Glaube an die menschliche Freiheit und damit an den Beruf des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu werden.


