und senken Im Takt die Arm«, so daß die rechte Hand fast bis zum linken Kinn und die linke Hand zum rechten Kinn fliegt.
So marschiert die Bande über den Gutshof hinweg.
Wie sie das Scheunentor passiert, erhebt der Doktor die Mütze über seinem Scheitel und über seinem wehenden grauen Haar.
Geschwind folgen die jungen Lehrer seinem Beispiel, und zögernd die alten. Aber Mr. Graig ist unter denen, die ganz vergnügt ihre Mütze schwenken.
Und alle Schüler auf der Parade, ohne Ausnahme alle, ziehen ihre Mützen und halten sie starr, mit ausgestreckten Armen in der Luft. Nicht mehr mit Lärm und Hurra, sondern schweigend grüßen sie jetzt ihre Kameraden von der Tertia.
Am Nachmittag ist die Tertia in Danielas Zelt zu Gast geladen.
Sie gehen zuerst einmal, die Tiere im Zwinger zu besuchen. Voran in einer Reihe der Häuptling, Reppert, Meleager, Daniela, Atalante, Königsmarck, Hornbostel, Otto Kirchholtes, Josua und Borst. Alle andern solgen in einem Haufen. Als letzter schleicht verlegen und mißtrauisch Karlemann hinter ihnen her, mit großen Pausen und gelegentlich sinnlosen Abwegen und Baumsprüngen.
Die in der vorderen Gruppe unterhalten sich höflich und gemessen. Sie sagen so kleine freundliche Dinge zueinander.
„Du hast ganz recht, Kurfürst", sagt Daniela. Oder Königsmarck sagt: „Meinst du nicht auch, liebe Daniela?" Und wer mit Daniela spricht, verlegt das Schwergewicht des Körpers auf den ausschreitenden Fuß, und er streckt den Oberkörper vor.
Daniela hat ihr Kriegsgewand angezogen: die Lederhose, das Sporthemd, die Sandalen. Der Köcher mit neugeschnittenen Pfeilen hängt ihr auf der Schulter, und die Sehne des Bogens zerschneidet ihre Brust in zwei Hälften. Meleager und Atalante schmiegen bei jedem zweiten Schritt ihre Köpfe ganz schnell einmal an Danielas verwüstet« Knie.
So erreichen sie das Tierasyl im Walde.
Stumm setzen sich die Hunde vor die Gitter auf mit leicht wedelnden Schweifen. Ihre Mäuler öffnen sich freundlich lachend, und sie lassen die Zungen seitwärts aus den Lefzen hängen.
Karlemann springt auf jenen Ast, auf den er sich damals vor Borsts Beilhieben geflüchtet hat. Mit schiefen schwefelgelben Augen betrachtet er unverwandt, regungslos, ohne Verwunderung noch Spott die gefangenen Kameraden.
Die Tertia zieht um die Käfige herum, wie Sonntagsspaziergänger um die Käfige eines Zoologischen Gartens. Leise tauschen sie Bemerkungen über den Gesundheitszustand der Katzen aus. Sie haben vom Gut ganze Kübel voll Milch zugewiesen erhalten. Jetzt gießen sie sorgsam die Milch in die Näpfe. Es sind Untersätze von Blumentöpfen, die ihnen der Gärtner gegeben hat.
Die wilden sind von den sanften und in ihr Schicksal ergebenen Katzen geschieden worden.
Und die klugen unter ihnen gehen zu den Näpfen hin, fast mit kaninchenhaftem Sanftmut. Sie drängen sich nicht, sie legen die Ohren zurück und nippen ein wenig von der Milch. Dann stutzen sie mißtrauisch, erzittern leicht, wittern und wollen fliehen, und nippen gleich wieder ein wenig für zwei Sekunden.
Cs sind geheimnisvolle Wesen.
Daniela, die die Katzen nicht leiden mag, geht in die Käfige und nimmt die jungen Tiere auf den Arm. Siehe, das Wunder begibt sichl Es gibt Exemplare, die sogleich mit zärtlichem Schnurren ihr Fell über Danielas Gesicht schleifen lassen.
„Du Geschöpf", sagt Daniela, und sie drückt ihr Gesicht in das Fell.
Freudig rufen die Tertianer es einander zul Und ihr« Rufe wiederholen sich, sobald sie aufs neue ein zutrauliches Tier gefunden haben, das seinem Retter schnurrend entgegenspringt oder ihn unversehens von hinten anfällt und mit der pelzig- harten Zunge seine Ohrmuschel beleckt.
Dann trennen sich die Tertianer von ihrer Kriegsbeute, um auf die Hexenkuppe hinaufzuhumpeln.
Wie sie sich noch einmal umwenden, sehen sie hunderte von Augen, die starr und rätselhaft im grünen Licht der Waldeswölbung vor sich Hinblicken. Sie scheinen von den Menschen nichts mehr zu wissen, nicht von jenen, deren Hand sie töten sollte, nicht von jenen, die sie noch eben labten.
Behutsam, als fürchteten sie, mit ihren rauhen Schritten etwas zu zerstören, so gingen die Tertianer in Danielas Reich ein. Sie kamen an der Warnungstafel vorbei, auf welche Borst sein ergänzendes r mit dem Füllfederhalter gemalt hatte.
Daniela erzählte gerade den aufhorchenden Kameraden von Meleagers Kampf in der Kiesgrube.
„Er hat dem Großen, — ich glaube, es war der Sohn von dem Elektromonteur, — den Rock zerrissen", sagt« sie, und sie legte stolz wie eine Mutter Meleager die Hand auf den Kopf.
Borst und Hornbostel lachten froh.
„Dem Vater haben wir die Straße nach der Stadt versperrt!"
Und sie erzählten Daniela übermütig von ihrer Wegelagerei.
„Das war großartig!" rief Daniela, und sie sprang hoch. Sie riß chre Tafel vom Stamm, wie man im Gespräch gedankenlos ein Blatt vom Baume reißt.
„Da hätte ich dabei sein mögen!" Daniela kaute an ihrer Vogelfeder. Mit ihren Fingern zerriß sie die blutrot beschriebene Tafel .Halt! Wer weiter geht wird erschossen! Ich, Daniela!'
Borst aber blieb zurück, als müsse er sich nach Josua umsehen. Wie niemand mehr in seiner Nähe war, sammelte er die Schnitzel von der Pappe und steckte sie hurtig in seine Hosentasche.
Oben in Danielas Zelt gingen di« Tertianer ehrfürchtig staunend einher, und flüsternd machten sie sich auf alles aufmerksam. Jeder Gegen- stand in dem bisher unzugänglichen Gebiet erfüllte sie mit Verwunderung, al« ob jedes rostige Messer an der Zeltwand, der Speer aus Eichenholz, der Aluminiumtopf und das Aluminium-Speiscgerät, das aufgestapelte
und von den wehenden Winden getrocknete Brennholz, die alten, schon haarlosen Woilachdecken für die Hunde, — als ob dies alles ni« gesehene, staunenswerte und fast heilige Gerät« seien.
Aber das Wunder aller Wunder war doch der Radioapparat, den Daniela zum Trost für ihre Einsamkeit während des Klassenzwistes von ihren Eltern zum Geschenk erhalten hatte.
„Wir wollen einmal sehen, ob wir Berlin bekommen", sagte Daniela. „Aber wir können auch Lyon oder England haben."
Und sie erklärte es Borst, der es noch nicht gelernt hatte, die Wellenlänge zu suchen.
Mit pfeifenden und heulenden Tönen kam der Erdkreis, die Kinder im Walde zu begrüßen. Das Leben jenseits der Wälder, dem sie einstmals verfallen sein würden, trat zu ihnen hin. Da sangen die Kontinente ihre wilden Harmonien in Hornbostels Ohr. Glocken läuteten und Tänze erklangen für Königsmarck. Deutsche Worte belehrten und ermahnten Reppert. Ein Dichter las aus seiner Dichtung dem klugen Häuptling vor. Aus den Sport-Arenen des Erdkreises schallten hunderttausende hetzende und jubelnde Stimmen für Lüders. Und in allen Sprachen der Erde flammten hier unter d«m Rotbuchenbaume die Leidenschaften der Menschheit auf.
Unbesorgt überlies Daniela das Radiowerk Repperts methodischer Obhut.
Sie schritt zum Zell hinaus. Sie ging zu ihrer Buche.
Dort lehnte Otto Kirchholtes an dem Stamm und blickte in das weite, sonntägliche, sommerliche Land, während er lächelnd sang.
Daniela ging zu ihm hin. Roch niemals hatte Daniela mit Otto Kirchholtes gesprochen, seitdem sie hier auf dem Schulgut war. Das mochte sellsam fein, aber es war nun einmal so. Und dieses Schweigen zwischen ihnen hatte wohl auch seine inneren Gesetze gehabt.
Jetzt aber tat Daniela etwas ganz Ungewöhnliches. Sie legte den Arm um Otto Kirchholtes' Schultern.
„Spielen wir morgen, wenn die Eltern kommen, unsere Sonate zusammen?
Otto hörte nicht auf zu singen, während die Augen über das Land hinsahen. Dann aber verstummte der kleine zarte Gesang.
„Und beim Fußball?"
„Beim Fußball spielen wir auch zusammen!"
Otto Kirchholtes nickte. Und beim Neigen seines Kopfes berührte feine Wange Danielas Hand.
„Wir wollen beide stürmen, Daniela! Du rechts außen, ich links! Ich freue mich auf unser Match!"
„Ich freue mich", sagte Daniela.
Und bann sagte sie noch etwas, stockend und schnell:
„Ihr habt doch ein Faltboot, dein Bruder und du, ja?"
„Ja."
„Wollen wir eine Flottille bilden? Der Doktor borgt mir seinen Zweisitzer. Ich nehme Borst mit, der ist arm."
„Und dann über die Flüsse und Ströme nach Haus?" fragte Otto Kirchholtes, errötend vor Glück.
„Ja. Ich habe die Karten und Wafferführer da oben auf der Buche ausgearbeitet... Wollt ihr? ... Das heißt natürlich nur, wenn ihr Lust habt!"
„Ja! wir haben Lust! ... Alexander hat einen Schlaffack —"
„Ich habe in meinem Zelt ebenfalls einen Schlaffackl Und Geschirr haben wir genug! Wir brauchen vier Tage Zeit, — wir brauchen kein Geld, — nur für frisches Brot eine Kleinigkeit! Kakao und Proviant bekommen wir vom Doktor."
„Wir übernachten an den Ufern, nah am Röhricht, ja?"
„Aber man muß früh aufstehen, Otto, — kurz nach Sonnenaufgang, weißt du das?"
„Ich weiß es, und ich freue mich. Mittags aber halten wir Rast und dann schwimmen und schlafen wir."
„Oder wir ziehen auf einem Floß weiter dahin. Gern nehmen die Schiffer uns mit! Und gern geben wir ihnen von unferm Proviant!"
Sie machten gemeinsam einige Schritte.
Da begegnete ihnen Borst, der sich zur Seite schleichen wollte.
Daniela flüsterte: „Später sagen wir es ihm, was wir planen."
Sie winkten Borst zu sich heran, und Daniela legte den linken Arm auf feine Schultern.
Es tarnen noch ander« herzu, auch die Hunde und Karlemann. Und schließlich stand die ganze Bande insgesamt auf der Hexenkuppe, in einer Kette, die Arme wechselseitig über die Schultern.
Sie sahen ernst und froh über das weite Land. Teiche und Bäche blitzten. Der Hahn auf der Stang« eines Kirchturms zeigte fein schimmerndes Gefieder. Eisenbahnschienen glitzerten in der früchtereichen Ebene. Aus dem einsamen Haus am Geleis tarn ein fernes, fernes Klopfen, das bald verstummte. Und ferner noch leuchteten die Grabsteine eines Dorffriedhofes, über dem die klar umrandeten Wolken mit überirdischem Genügen schwebten.
Da begann Otto Kirchholtes eine kleine Melodie zu summen.
„O Täler weit, o Höhen!"
Die andern von der Bande hörten es zerstreut und ohne Achtsamkeit.
Daniela aber stieß den Kopf gegen die gefieberten Pfeile ihres Köchers zurück und sie fang:
„O schöner grüner Wald!"
Borst folgte mit feiner kleinen, krächzenden Rabenftimme:
„Du meiner Lust und Wehen!"
Die Räuber horchten auf. Andere Stimmen setzten ein.
Raubvögel kreisten über dem Hochwald. Zu denen sahen sie hin, und freudig folgten die Hunde den Blicken ihrer Herren.
Während sich das schöne Licht des Himmels in ihren klaren, auswärts gerichteten Augen spiegelte, fangen die Räuber und die Streiter alle das Lied von ihren Tälern und Höhen, von dem stillen ernsten Wort im Walde und von dem niemals alternden Herzen.
Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Univerf itätS-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.


