gebären" Mit dem Christentum irgend einer Kirche hat er nichts zu tun; [ein Gott tarn nicht der des Kirchen-Christentums [ein. Und doch:

(iinfam lagen wir da In der Not der Schlacht; wir wußten, daß jeder einsam war.

Aber wir wußten auch dies:

Einmal vor Unerbittlichem stehn, wo Gebete entrechtet Gewinsel zu Gott lächerlich ist, wo keines Mutter sich nach uns umsieht, kein Weib unfern Weg kreuzt, wo alles ohne Liebe ist, wo nur die Wirklichkeit herrscht grausig und groß, olches macht sicher und stolz.

Unvergeßlich und tiefer rührt es ans Herz des Menschen als alle Liebe der Welt.

Und wir fühlten: dies war das Maß."

Wer kann sagen, daß ein Mann, der das niederschreiben konnte, ohne Religion sei? Es ist nur eben nicht die Religion im Sinne der christ­lichen Lehre.Ich wollte nicht glauben", schrieb er über die Wirren der Revolutionstage,daß ein Gott aus der Welt weiche, wenn er sich nicht mehr zu der Gestalt bekennt, die ihm Menschen frommen Wahnes in an­deren Jahrtausenden gaben. Er war von neuem verhüllt: ins Größere, Un-menschliche gesetzt, wie Göttern ziemt. Ich betete nicht zu ihm, denn ich wollte ihn nicht so klein, daß ihm menschliches Work etwas gelte, und ward doch seiner froh und will es mit ihm halten, um feiner Unerforfch- lichkeit willen. Er hat es nicht nötig, sich nur zu manifestieren." Ob übrigens Binding nicht auch einmal dasStirb und Werde" Goethes, der ja auch kein Kirchenchrist gewesen ist, erlebt hat diese Frage müssen wir heute noch offen lassen.

Jahrzehntelang stand er im Schatten seines großen Vaters. Ms Knabe richtete er einenEhrenkoder" auf,der schon damals und In höherem, wahrhaft verhängnisvollem Grade bis in meine Mannesjahre etwa ver­langte, niemals eine Frage an ihn zu richten, die ich mir am Ende selber beantworten konnte ... ferner aber als Selbstverständlichkeit und Ehren­pflicht Gefühle zu verschweigen." So wurde sein Vater der eine seiner großen Lehrmeister; der andere war das Pserd. Deshalb konnte er ein Büch­lein vom Pferd schreiben, das erReitvorschrist für eine Geliebte" nennt. Dem Geist der Schwere" sollst du feind fein. Das macht dich dem Pferde leicht. Wenn dein Herz leicht ist, ist es auch deine Hand. Wenn dein Herz leicht ist, treibt es dich vorwärts. Die Schwermütigen, Schwerbeherzten treibt nichts vorwärts. Vorwärts aber ist alles!" Der Sechzigjährige, der fein Leben lang in das Pferd hineingehorcht und feine Seele herausge­fühlt hat, gehört zw denen, die nicht alt werden, die immer jung bleiben.

Erst vor wenig mehr als 20 Jahren ist er nach schwerer Krankheit als Dichter, als Künstler erwacht. Und was man an Hans Carosta rühmt, mit dem er überhaupt eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint, daß er sich abzuwarten weiß und den stillen Prozeß der Reife nicht durch über- eilige Ernten je gekürzt oder gestört hat", das gilt auch für Binding, der dieselbe innere Gehaltenheit beweist.

SeineLebensdiagonale", in der er kein Freund desich" in der unpersönlichen dritten Person den Gang seines Lebens kurz schildert, schließt er mit den Worten:Er bekennt sich dazu, daß er seine Zeit und sein Land allen anderen Zeiten und Ländern vorzieht, in die er hätte hineingeboren werden können. Nicht weil er seine Zeit und fein Land für besonders bevorzugt hält, sondern weil sie ihn mehr angehen als andere Zeiten und Länder, weil er sie besser kennt, weil er sie tiefer und inniger liebt."

Oie Llhr im Kopf.

Experimente übet das Zeitbewußtsein.

Von Dr. Th. 21. Maaß.

Erwacht ein Mensch aus unbekannt langer tiefer Bewußtlosigkeit, so erkennt er, sobald er wieder Herr seinerSinne" geworden, ob es um ihn herum hell ober dunkel, warm oder kalt ist. Unterscheidet Art und Stärke von Geräuschen, Form und Farbe von Gegenständen. Er emp­findet, lokalisiert und bewertet Berührung und Schmerz, ist aber voll­kommen im unklaren darüber, wie lange sein Wachbewußtsein aus­geschaltet war, welcher Tag, welche Stunde im Augenblick fein mag. Danach scheint für den wichtigsten Regler alles Geschehens, die Zeit, die in modernster physikalischer Austastung die vierte Dimension des Raumes bildet, die direkte sinnliche Wahrnehmung zu fehlen. Der künst­liche Zeitmesser, die Uhr, wäre also auch für diejenigen, die noch nicht dem durch Sportbetrieb und Rationalisierung geheiligten Kult des Sekun­denbruchteils verfallen find, der einzige rettende Wegweiser im Labyrinth der Zeit. Sie dient nicht dazu, eine vorhandene Sinneswahrnehmung zu verstärken, sondern eine mangelnde zu ersetzen. Das Fehlen eines eigenen Zeitfinns wird auch dadurch nicht widerlegt, daß wir innerhalb eines normalen Tageslaufs eine ungefähre Orientierung über den Zeitpunkt haben. Diese kann durch andersgeartete körperliche Empsindungen und durch gedankliche Kombinationen vermittelt sein. Jeder weiß, wie inten­sive Arbeit aber amüsante Unterhaltung die Schätzung des Zeitablaufs verkürzt, wie Langeweile, ober besonders Wartenmüssen, dem Gefühl Minuten zu Stunden dehnt. Neben seelischen Momenten find es auch rein körperliche, die die Zeitschätzung aufs ärgste fälschen. Der Rhythmus einer in bestimmten Abständen auszusiihrenden Bewegung wird z. B. sofort befchleunigt, wenn die Körpertemperatur der Versuchsperson durch elek­trische Durchwärmung (Diathermie) gesteigert wird. Neben diesen fehler- reichen übertragenden und kombinierenden Zeitschätmngen liehen aber die Angaben vieler, von innen heraus stets aufs genaueste die Zeit empfinben, jede Uhr nach dem Gefühl richtig stellen, zu jeder gewünschten Minute aus dem Schlaf erwachen zu können.

Ist diesen Angaben zu trauen, ober sind sie nur ein Produkt aus Selbsttäuschung, Zufall und Renommage?

Diese bedeutsame Frage, deren Lösung über Sein oder Nichtsein eines besonderen Zeitsinns entscheidet, konnte nicht durch Einzelbeobach­tungen, sondern nur durch systematische 'Versuchsreihen, wie sie von W. Winslow Hall, Edinburgh, und Frobenius, Heidelberg, angestellt wurden, entschieden werden. Durch diese ist das Bestehen einer selbständigen sinnlichen Zeitpunktwahrnehmung wenigstens bet ein­zelnen Personen vollkommen sichergestellt. So wurden Versuchsperso- ncn im Wachzustand vor die Ausgabe gestellt, zu irgendeinem beliebigen Zeitpunkt auf Befragen anzugeben, wie spät es genau wäre? Die Ant­wort mußte das eine Mal ohne Ueberlegung, wie aus der Pistole geschos­sen, gegeben werden. Das andere Mal wurde eine abwechselnd lange Zeit des Nachdenkens gestattet, im dritten sollte die Zeitschätzung auf Grund von Kombination erfolgen und schließlich noch dadurch, daß der Befragte versuchen mußte, sich bildlich das Zifferblatt und den Zeigerstand auf der (unsichtbaren) Uhr des Fragestellers, deren Gang von dem sichtbarer Standuhren abwich, vorzustellen.

Bei diesem Zeitraten waren die Resultate erstaunlich genau: Von den vier Versuchspersonen wurde, unter günstigen Bedingungen, die Zeit bis zu 45 von 100 mal auf die Minute exakt, bis zu 94 von 100 mit einem Fehler von höchstens drei Minuten angegeben. Wobei sich zeigte, daß die besten Antworten bei prompter Angabe nach recht kurzer Bedenkzeit unter intensiver Vorstellung des Zifferblattes zustande kamen, die schlech­testen bann, wenn Kombination und Schlußfolgerung herangezogen wurden. Diese Resultate sprechen ohne weiteres für das Bestehen einer echten Zeitpunkt-Empfindung. Die Aehnlichkeit mit anderen differenzie­renden sinnlichen Wahrnehmungen wird noch dadurch verstärkt, daß sich die Schärfe der Zeitwahrnehmung, ebenso wie diese, durch Uebung, durch Training, erhöhen, durch Ermüdung abschwächen läßt.

Tiefer in den Mechanismus und an den Ort des Zeitempfindens bringen Versuche, bei benen sich bie Beobachter bie Aufgabe stellten, plötz­lich zu einem bestimmten Zeitpunkt, mitten währenb anbersartiger Be­schäftigung, von innen heraus zu einer Wahrnehmung und Feststellung ber genauen Zeit aufgerufen zu werben. Das Gelingen dieser Versuche beweist, daß bei ber Zeitwahrnehmung bas Unterbewuhtsein eine bedeut­same Rolle spielt. Während nämlich das Oberbewußtjein anbersartig beschäftigt war, mußte biefcs, besten herrschenbe Rolle in allem seelischen Geschehen Freuds geniales Lebenswerk bargetan hat, unabhängig ben Zeitverlauf registrieren und seinen Stand im genau richtigen Augenblick und mit genügender Eindringlichkeit dem Oberbewußtsein zurufen. Auch hier wurden die besten Resultate bann erzielt, wenn ber Versuchsperson im gegebenen Moment eine Vision bes Zifferblattes vorschwebte.

Noch beutlicher wirb bas Bestehen eines jelbftänbigen, im Unter« bewußtsein verankerten Zeitsinns durch gewisse, während ber Periode des Schlafs vorgenommene Untersuchungen gezeigt. Hier ruht die bewußte Gebankentätigkeit, bas Unterbewußtsein aber, der ständigen Kontrolle durch diese entzogen, entfaltet eine besonders ungehemmte Tätigkeit (Träume). Die allgemeine Sinneswahrnehmung erleidet eine Herab­setzung, jedoch keine Ausschaltung: Geräusche, schwächste Gefühlseindrücke, Licht ober Temperaturreiz, seltsamerweise nicht Geruchsempfindungen, werden unbewußt, sinnlich wahrgenommen und genügen, ben Schlaf zu unterbrechen. Danach müßte auch eine Reizung bes Zeitsinns, sofern ein solcher besteht, genügen, als Weckruf zu wirken. Eine solche Reizung läßt sich hur burch Willen ober Einbildungskraft herbeiführen: Die Ver- suchspersonen mußten sich wach auf die Aufgabe stellen, zu einer bestimm­ten Uhrzeit ober in einer bestimmten Zeitspanne nach bem Einschlafen sich von ihrerinneren Uhr" wecken zu lassen.

Vielen, wie schon gesagt, wirb es überflüssig erscheinen, biese Möglich­keit erst durch Versuchsergebnisse zu beweisen. Ihnen erscheint es selbst- verstänblich unb feststehenb, nicht nur für alle Tage zum üblichen, richtigen Moment, fonbern auch in besonderen Fällen zum verlangten, ganz ungewöhnlichen Zeitpunkt aufwachen zu können. Solchen Selbst­beobachtungen fehlt aber viel von der Sicherheit, die eine bedeutungs­volle, psychologische Feststellung verlangt. So ist z. B. bei dem Aufwachen­können zum bestimmten, ungewohnten Zeitpunkt nie gesagt, ob dieses wirklich erstmalig unb ausschließlich auf ein vom Unterbewußtsein gegebenes Wecksignal erfolgte, ober ob es nur eine von vielen Schlaf­unterbrechungen war, beren Ursache in Nervosität und Angst begründet ist, ben richtigen Moment bes Aufwachenmüssens zu verschlafen.

Solche Momente fallen in ben Heidelberger Versuchen vollkommen weg, bie an fünf guten, normalen Schläfern burch 250 Nächte vorgenom- men würben. Diesen war bie Aufgabe gestellt, zu einer ganz bestimmten Uhrzeit aufzuwachen, sie zu notieren, unb bann ruhig weiter zu schlafen. Der Ausfall bes Experiments war ebenso cinbeutig wie uerblüffenb:

Das Erwachen fiel in einem so außerorbentlich hohen Prozentsatz aller Versuche, bas ben Einwand der Zufälligkeit vollkommen ausschaltei, in die kurze Zeitspanne von fünf Minuten vor bem bestimmten Zeitpunkt bis zu biesem selbst. Sogar bie beabsichtigte Irreführung burch eine ohne Wissen der Versuchsperson auf falsches Schlagen eingestellte Uhr konnte den vom Zeitsinn ausgeübten Weckreiz in seiner Genauigkeit nicht fälschen. Auch bie' Jntervallschätzung, bas Aufwachen nach einer genau bemessenen Spanne Schlaf, gelang in ben meisten Fällen. Bewußtsein ber Absicht­lichkeit bes Erwachens ober ein Zusammenhang mit Träumen war nicht vorhanben. Die Versuchspersonen erwachten eben von einem unbekannten, unbewußten Etwas geweckt zum richtigen Zeitpunkt, notierten biesen und schliefen wieder ein.

Nach alledem kann kein Zweifel bestehen, baß viele Menschen nut einem unterbewußten, sicher funktionierenden befonberen Sinn für die Zeitwahrnehmung ausgerüstet finb. Offen bleibt nur noch bie Frage, ob es sich hierbei um eine so allgemeine, normale Fähigkeit wie z. B. ine Farbenwahrnehmung handelt, ober um eine, nur Einzelpersonen inne« wohnenbe, wie bas absolute Tongehör.

-Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck unb Derlag: Brühl'f che Universitäts-Buch-unbSteindrucker ei. R. Lange,Gießen.