Die Nona machte sich wieder hinter ihre Kartoffeln, schien sich mit Höflichkeit genug getan zu haben und füminerte sich nun weiter nicht um den Gast Sie sank in eine gewisse Dämmerigfeit des Geistes zurück, wie sie einen einsamen Menschen befallen mußte, der gleich ihr wochenlang nur mit ihren Hühnern zusammenlebte und kaum aus dem Hause kam.

Um so mehr erwachte Lucia. Sie kannte die Großmutter und wußte, daß sie im Grunde gutmütig war. So gab sie sich restlos der Freude hin, die Giorgina da zu haben. Sie vergaß, daß sie sich gesorgt, es möchte der Gästin zu armselig im Hause jein und fing an zu plaudern und zu scher­zen. Der Kaffee fei gerade so kalt, wie er beim Bianchi damals gewesen, als er nachher die dicke Giuseppina, die Köchin, beim Kragen genommen. Wenn den her Dotiere trinken müßte, der Advokat Peretiil

Hier kam auch Giorgina ins Lachen; denn der junge Mann, den Lucia nannte, war ein Stammgast ihres Vaters und kam, wie es hieß, nicht nur seiner Getränke, sondern auch seiner Tochter wegen so oft.

Selbst Marco würde die Nase rümpfen", kicherte Lucia.

MarcoI Giorgina fpißte die Ohren. Lucia hatte soviel von diesem wunderhaften Marco erzählt, und er war eigentlich ein wenig Mitursache gewesen, daß sie sich entschlossen hatte, jene zu begleiten. Männer inter­essierten sie nun einmal.

Wo ist Marco?" fragte jetzt Lucia die Nona.

Was weih ich?" gab diese zurück. Aber gleich darauf lachte sie laut­los und breit, so daß zwei große Zähne, die letzten ihres Mundes, sichtbar wurden. Dabei wunderte sie sich, was die Fremde sagen werde.

Giorgina sah sich unwillkürlich nach der Ursache ihres Lachens um.

Aber nun kicherte auch Lucia, schlenkerte ihre kurzen Beine und rieb ihre Händchen im Schoß; es war ihr unendlich fröhlich zumut.

An der rußigen Türöffnung lehnte Marco, der Hirt, wie aus einer Versenkung aufgetaucht. Cr trug die Füße mit Fellen umwunden. Darum hatte er geräuschlos von der Gasse herausglc-iten können. Und er war von feiner Alpe herabgekommen, sobald cr den Zug nach Marogno hatte ein- sahren sehen; denn er wußte, daß Lucia heute eintraf und die Tochter ihres Padrone mitbrachte. Er war ein guter Freund der Lucia und als sie noch bei der Nona gewohnt, ihr steter Begleiter gewesen, hatte jeden Abend bei den Frauen gesessen und am Sonntag erst recht; denn sein Hund, der auch Marco hieß, war so klug und weidegewohnt, daß er ihm stundenlang die Hut der Schafe und Ziegen allein überlassen konnte. Sehr oft freilich hatte auch Lucia bei ihm auf der Alpe gesteckt. Jetzt freilich war er, ohne daß er das sich gerade gestand, nicht der Lucia wegen ge­kommen. Irgendwie war seine Neugier auf die Bianchi, die er nicht kannte, gerichtet. Es gab wenig Frauen dazuland, und fo war es ein Ereignis, wenn eine von auswärts kam.

Er lehnte am Türpfosten, ein großer, schlanker Mensch mit dunklem, leicht gewelltem Haar, einem vollen, hübschen, etwas sinnlichen Mund und einem Paar scharfer blauer Augen, die mit einem fast stechenden Glanze aus feinem braunen Gesicht hervorleuchteten. Als Lucia, ihn bemerkend, ihr Kichern aufschlug, verzog er den Mund zu einem faulen Lächeln.

Come stai" (wie geht es dir?) fragte er die kleine Kameradin. Es fiel ihm auf, daß die Lucia eigentlich ein Gesicht wie eine schöne Heilige habe. Er blinkte ihr mit den Augen zu und freute sich, daß sie wieder da war. Ader dann ließ er seinen Blick über die Giorgina hinspazieren, vom blonden Kopf an, von dem sie den Hut genommen, über die losen, weichen Glieder hinunter bis an das schlanke Bein.Per Dio", sagte er.

Wieder lachte Lucia und lebte den Triumph der Giorgina mit, die dem Marco so sichtlich gefiel. Sie hatte es übrigens nicht anders erwartet, ebenso wie sie gewiß war, daß auch die Giorgina den Marco als die Wichtigkeit von Marogno werten werde.Guten Tag", sagte sie jetzt zu dem Hirten und hüpfte von ihrem Stuhl. Mit zwei Schritten war sie bei ihm, umklammerte seinen Arm mit ihren kleinen Händen und schmiegte sich ohne Umstände an ihn. Sie hatte nie über ihr Verhältnis zu Marco nachgedacht. Er hatte sie gelehrt Karten zu spielen und Mora und aus Kastanien allerlei Gegenstände zu schneiden. Und er hatte sie geküßt und er war eben Marco; er gehörte ihr wie die Nona ober Marogno bi Sopra ober ihr eigenes Leben.

Da ist Giorgina Bianchi", sagte sie nicht ohne Stolz.

Die Giorgina stand mit Lässigkeit einer Königin auf. Ihre Augen waren sanft über Marco hingeglitten, wie ein Samtbürstchen über einen seinen Hut, und sie streckte ihm mit einer langsamen und zögernden Ge­bärde die Hand hin.

Halb faul, halb zurückhaltend kam die braune Pratze Marcos ihr entgegen.

Die Hände legten sich ineinander und verlängerten gleichsam spielend den Druck. Dabei lachten sie einander an. Ein jedes fühlte, daß das andere es erwartet hatte.

Lucia bemerkte, wie sie voneinander benommen waren. Sie wollte noch stolz fein, aber ihr Herz krampfte sich leise zusammen; sie kam sich ein wenig vergessen vor.Willst du Kaffee?" fragte sie Marco.

Er kam heran, setzte sich mit breit aufgestemmten Ellbogen an den Tisch und sing an, aus der Tasse zu schlürfen, die Lucia ihm gefüllt hatte.

Giorgina fragte ihn, wo er seine Herde habe.

Da begann er von Hund und Herdvieh zu erzählen und bald war eine Unterhaltung im Gang.

Die Nona sah von ihrer Arbeit weg auf die Gruppe. Dabei kam ihr die Freude über den Besuch der Bianchi abhanden. Sie dachte, ohne sich Rechenschaft zu geben weshalb, jene wäre bester daheim geblieben. Und weil Lucia sie mitgebracht hatte, fuhr sie diese unwirsch an, ob sie den Koffer der Padrona nie ins Zimmer hinauftragen wolle. Aber im Grunde entsprang ihr Aerger der Liebe zur Enkelin.

(Fortsetzung folgt.)

Orient und Okzident.

Bon D. Hans Schmidt, o. Professor der Theologie an der Universität Halle.

In dem BucheLieu-tn-tsi-king", in dem der im Jahre 280 n. Ehr. Geburt verstorbene Seng-Huei eine Sammlung indischer Märchen in eine chinesische Muttersprache übertragen hat, findet sich folgende Erzählung:

Einem König, der einen bösen Lebenswandel führte, siel eines -vages ein, daß er bei seinem Tode in das Große Gebirge eingehen werde, und er überlegte bei sich selbst: .Warum soll ich nicht Gold sammeln, um es dem König des Großen Gebirges zu verehren?' Darum nahm er seinem Volke alles Gold weg und ließ bekanntmachen, wer auch nur ein Körn­lein Gold zurückbehalte, werde mit dem Tode bestraft werden. Nach drei Jahren ließ er ausrufen, er werde seine Tochter und eine hohe Würde dem geben, der ihm ein ganz wenig Gold bringe. Da sagte der junge Bodhisattwa, ein Anhänger der Lehre des Buddha, zu seiner Mutter: .Vor Jahr und Tag hast du meinem Vater, als er gestorben war, ein Goldstück in den Mund gelegt, damit er sich durch dieses Geschenk die Huld des Königs des Großen Gebirges gewinne. Dieses Goldstück muß noch da [ein; man muß es holen und es dem König anbieten.' Die Mutter willigte ein, und der Jüngling tat, wie er gesagt hatte. Der König fragte ihn nach der Herkunft des Goldstückes, und er erzählte ihm alles. Da fragte ihn der König: .Seit wann ist dein Vater tot?' .Seit elf Jahren!'"

Der Jüngling benutzt dieses Gespräch, dem König die Lehre der heili­gen Bücher des Buddhismus einzuschärfen:Wer das Gute tut, den geleitet das Glück! Wer das Böse tut, dem folgt das Unglück! Glück und Unglück sind wie der Schatten und der Widerhall: Wollte man feinen Leib laufen lasten, um dem Schatten zu entrinnen wollte man feine Hand" an den Berg legen, um den Widerhall zu stillen würde das je gelingen?" Der Jtönig sieht ein, wie böse fein Lebenswandel gewesen ist, er begnadigt alle Gefangenen und gibt das gesamte Gold, das er geraubt hat, zurück".

Neben diese'Erzählung stellt der Märchensorscher Albert W e s s e l s ft in einer Studie, die er in der tschechischen ZeitschriftArchiv orientälni" im März 1929 veröffentlicht hat, eine mittelalterliche Erzählung aus Sizilien: m

.König Wilhelm der Böse (11541166) hatte alles gemünzte Gold und Silber eingezogen und dafür Geld aus Leder ausgegeben. Um sich nun desten zu vergewissern, daß tatsächlich alles abgeführt worden fei, lieh er in den Straßen der Stadt Palermo einen Zelter umherführen und dazu ausrufen, daß das Pferd für ein Goldstück feil fei. Ein junger Prinz verlangte von seiner Mutter ein Goldstück, und sie schickte ihn, da sie kein Goldstück mehr besaß, zu den Kapuzinern: dort sei sein Vater begraben. Er sollte ihm das Goldstück aus dem Munde nehmen, das man ihm seinerzeit einem damals noch geltenden Brauche folgend in den Mund gelegt habe. Verhaftet und um die Herkunft des Goldstücks befragt, erzählte der Jüngling die Wahrheit. Nun lieh der König allen bei den Kapuzinern Begrabenen das Gold nehmen."

Welch eine seltsame Aehnlichkeit ist doch zwischen diesen beiden Mär­chen von zwei entgegengefetzten Enden der Erde, aus der Ueberliefe- rung von Völkern, die in ihrer Kultur von Grund aus verschieden, ohne alle nachweisbare nähere Berührung untereinander nicht einmal ihre Sprache gegenseitig verstanden haben würden, wenn sie zu der Zeit der NiederschriO der- einen dieser Erzählungen (der indisch-chinesischen im dritten Jahrhundert) ober der andern (der sizilianischen im Mittelalter) in Austausch hätten treten wollen. Wo ist die Brücke zwischen beiden? Wer ist der Vermittler, der das Geistesgut dieser Geschichte vom äußersten Orient an die Gestade der italienischen Insel gebracht hat?

Eine Antwort auf diese Frage, die Wesselski stellt und die sich jedem, der die Erzählungen hört, aufdrängen wird, vermag eine Erzählung zu geben, die ich vor zwanzig Jahren in einem Bauerndorfe in Palästina von einem arabischen Bauern gehört habe. Ich hatte mich mit einem im Syrischen Waisenhaufe, dem berühmten deutschen Wohlfahrtswerk in Jerufalem, erzogenen Araber in sein Heimatdorf begeben. Wir saßen Abend für Abend auf dem Fußboden arabischer Bauernhütten und lauschten den Märchen, Sagen und Erzählungen unserer Gastfreunde*. Dabei erzählte einer das Folgende:

wie der Sultan die Wahrheit erfuhr.

Ein Sultan befahl, es sollte bei keinem seiner Untertanen auch nur ein einziger Pfennig übrigbleiben. Er schickte die Pferde aus und die Reiter und begann zu famemln drei Jahre nacheinander, big er das Land ausgefogen hatte. Dann rief er noch einen Ausrufer herbei, gab ihm eine [einer Nebenfrauen und sagte zu ihm: .Biete diese Nebenfrau aus um eine Lira: Wenn sie einer kaust, fo gibt es noch Gold in der Welt!'

Der fing an, das Mädchen auszubieten, aber niemand war imstande, sie zu kaufen. Da war ein junger Mann; als der sie sah, wäre er beinahe um sie gestorben. Er sprach zu seiner Mutter: .Ich will sie haben, kaufe fiel' Sie sprach: .Mein Sohn, woher soll ich das Geld nehmen?' Er fprach: ,Du muht sie mir kaufen!' Sie dachte nach und sagte: .Als dein Vater starb, war in seinem Munde ein Goldstück. Grabe ihn aus und hole es heraus.' Er ging hin, grub das Grab feines Vaters auf, fand das Goldstück, nahm es für den Ausrufer heraus und kaufte damit die Nebenfrau.

Der Ausrufer kehrte zu dem Sultan zurück ohne sie. Der jagte: ,Da wird noch mehr Gold fein!' Er sandte Reiter aus, sie zogen in den Ort­schaften umher, konnten aber auch nicht einen Pfennig auftreiben.

Der Wesir sagte zu dem Sultan: .Wir wollen frische Lust schöpfen!' Sie gingen auf die Spitze eines Hügels, da raunten zwei Eulen mit»

* Die Erzählungen find (arabisch und deutsch) in zwei Bänden bei Ruprecht in Göttingen erschienen unter dem Titel:Volkserzählungen aus Palästina, gesammelt bei den Bauern von Bir-Zet." Herausgegeben von Hans Schmidt und Paul Kahle.