Diplomatie und vollendeter Grazie, nicht nur die rebellischen und störrischen böhmischen und magyarischen Granden an ihren Hof zu ketten, kulturell zu germanisieren und unter Gesetz zu stellen, sie vermochte auch ihr völlig zerrüttetes Land in geordnete wirtschaftliche Verhältnisse zu führen. Maria Theresia war außerordentlich fleißig, dabei von hoher Lebensklugheit, und sie verstand es, Männer an die höchsten Stellen zu berufen, die mit Fanatismus zu arbeiten verstanden.
In unseren Tagen könnten wir manches von der „despotischen" Kaiserin lernen. Fünfhundert Gulden waren für jeden Siedler, der nach Ungarn zog, von der Staatskasse ausgeworfen, und in hellen Scharen kamen die Schwaben, Pfälzer, Elsässer, Hessen und Badener, Bayern und Deutschböhmen in das Land und gründeten unter der Leitung vortrefflicher kaiserlicher Intendanten und Ingenieure viele hundert Dörfer, entwässerten die Moräste bewässerten die Steppe, rodeten die Wildnis und kämpften gegen die Malaria ebenso wie gegen die Türken. Die Leistungen dieser Kolonisten sind heroisch; denn fast die Hälfte der Einwanderer ist eines frühen Todes durch die Seuchen gestorben. Die Klugheit ihrer Landesmutter, die nicht als stolze Herrscherin unnahbar über den Weihrauchwolken ihrer Höflinge schwebte, sondern fünf Tage in der Woche zwei Stunden lang für jeden ihrer Untertanen ohne große Formalitäten zu sprechen war, hatte den Schwaben Häuser gebaut und Boden geschenkt.
Die Kaiserin schenkte ihnen allen eine neue Heimat, in der sie als aufrechte und freie Menschen leben durften. Heute sind es mehr als 2,25 Millionen deutscher Menschen, die der Kaiserin, dem Prinzen Eugen, den Grafen Mercy, dem Kaiser Josef für ihre Heimat danken, wenn diese heute auch nicht mehr frei ist, wie in früheren Zeiten. Diese große Leistung der Kaiserin ist eine d e u t s ch e T a t von eminenter Wichtigkeit, wenn sie auch nicht ganz gelang. Immerhin steht deutsches Bauerntum heute führend im Südosten Europas, und feine kulturelle Sendung ist noch lange nicht beendet.
Oer Hoffapettmeister Ihrer Majestät.
(Eine Gluck-Novelle.
Von M. Lucca.
„Mes compliments, chere amie! Mon adoration, madame!“ Und die beiden Damen knixten, daß der steife Brokat ihrer Röcke sie wie zwei Fäßlein umgab.
„A la bonheur — halt, noch eins, liebe Gluckin!" und die Frau Oberst- hofmeisterin Maria Renate Fuchs hielt den Fächer vor den Mund, „noch eines, ma chere, was ich auszurichten ganz vergaß..."
Die Damen standen im Vorgärtchen des Wohnhauses Ritter v. Glucks auf der Wieden und die Frau Oberfthofmeifterin Ihrer Majestät der Kaiserin Maria Theresia hielt den Fächer noch mehr vor, denn ihre sie erwartenden Sänftenträger brauchten ja nicht alles zu hören.
,Zhre Majestät wünscht!" und die Fuchsin lispelte noch mehr, so daß die Frau Hofkapellmeisterin sie nicht verstand, — „ach, gehn wir doch noch in Ihren Vorsaal zurück, liebe Gluckin."
Madame Gluckin erschrak ersichtlich. Die Besuche der Frau Obersthofmeisterin waren gewiß eine große Ehre — aber sie dauerten leider immer etwas länger als gerade nötig und heute hatte sie vier zarte Rebhühner auf dem Feuer. Gewiß verstand das neue böhmische Dienstmädchen nicht die Rebhühner so zart knusperig zu braten, wie der berühmte Komponist sie liebte.
„Also, daß ich mich kurz fasse, liebe Gluckin, die Kaiserin läßt Sie ersuchen, darauf zu sehn — daß bei der neuen Oper „Armida" die Vii- taria Test nicht wieder so unverschämt tief dekolletiert ist, wie in der „Iphigenie auf Tauris". Die Dekolletage war das Entsetzen der Kaiserin! Und Sie wissen ja, unsere Monarchin muß wegen des Gemahls sehr vorsichtig sein!" Und noch leiser flüsterte die Obersthofmeisterin: „II aime trop les dames! Er machte gern lüsterne Augen, der Lothinger!"
„Ach, gnädigste Frau Obersthofmeisterin!" stotterte Madame Gluckin geistesabwesend, denn sie dachte nur an ihre gewiß verbrennenden Rebhühner, „wie kann denn da mein Mann helfen?"
„Als Operndirektor, meint unsre Herrscherin, hat Ritter von Gluck auch die Verpflichtung, auf die Dezenz der Kostüme zu achten!"
Madame Gluckin unterdrückte mit Mühe einen schweren Seufzer, sie wußte, daß ihr Gemahl keine Einmischung in seine Amtsgeschäfte liebte — auch nicht von allerhöchster Seite — aber in der stillen Hoffnung, daß der sie ehrende Besuch sie bann eher verlassen würde, sagte sie.
„Ich werde Meister Gluck die Wünsche der Kaiserin als Befehl ausrichten!" .
Aber die unermüdliche Fuchsin spann die Rede also weiter: „Wissen Sie denn nicht, ma chere, welches echauffement und grand embarras wir im Vorjahr hatten — nicht? Da interessierte sich der Lothringer plötzlich für eine kleine Balletteuse, allerdings ein reizendes Geschöpf, Maria Anna Veigel hieß sie und sie hatte mit den Kindern, Kronprinz Josef und Prinzessin Maria Antoinette Tanzstunde, damit die artigen Ballettpas der Kleinen den Kindern mehr Lust zur Tanzstunde machen würden. Vierzehn Tage ging auch alles glänzend, der italienische Tanzmeister Spontini war mit den Fortschritten des Prinzenpaares sehr zufrieden. Da wollte eines schönen Tages der erlauchte Gemahl sich die Tanzstunde anlehen. Die kleine Veigelin erblicken, als Balletteuse heißt sie „Violetta', also die kleine „Bioletta" erblicken und ihr gleich sehr verliebte Augen machen, vous savez, des yeux amoureux, war eins! Nun stellen Sie sich, ma chere — diese Fatalität vor, Ihre Majestät, die ohnedies so leicht eifert — war sehr gekränkt! Und dann ruhte unsere Allerhöchste Frau nicht eher, als bis sie der kleinen „Veigel-Violetta" ein Engagement nach London verschafft hatte!"
Glücklicherweise Hub in diesem Augenblick die große Vorsaaluhr zu schlagen an.
„Mon dien! Schon elf Uhr und um halb zwölf Uhr erwartet mich Ihre Majestät. Also adieu, chere amie und fei Sie vorsichtig, man munkelt, daß die Test mit dem Ritter von Gluck gar so gerne kokettiere!"
Nach diesem letzten Nadelstich stürzte Madame Gluckin in die Küche, um zu retten, was zu retten war, und sieh' da, die vier Rebhühner glänzten ihr, appetitlich gebraten, fröhlich entgegen.
„Marianka, Sie ist eine Perle!" lobte die überglückliche Frau Hofkapellmeisterin.
„Also, bitt’ ich Ihnen, gnebige Frau kann sich auf mich verlassen: Wenn sag' ich, kann sich kochen, so kann sich kochen! Ich lieg sich nie!"
„Marianka, Sie kriegt übermorgen zu Nikolo ein schönes Geschenk" unb Mabame Gluckin lief eilig in ben. Vorsaal, wo sie ben bekannten Schritt ihres heimkehrenben Gemahls vernommen.
„Bon jour, cherie!" Der Berühmte hauchte einen Kuß auf bie Stirn feiner noch immer hübschen Frau. „Gibt's was Neues, Marianne, bu siehst fo verärgert aus!" Er hob mit bem Zeigefinger unter ihrem Kinn ihren Kopf in die Höhe.
„Ader gar keine Idee, Christoferl — nur die Frau Obersthofmeisterin war da!"
„Aha! dacht' ich's doch, bläst der Wind wieder einmal von der Seite! Da geht's ohne ein paar Bosheiten nie ab! Aber komm', mein Kind! Ich hab' einen mordsmäßigen Hunger — die Probe zur „Armida" war sehr anstrengend!"
Eifrig eilte Frau Marianne ihrem Gatten in die behagliche Wohnstube voran, brachte ihm den bequemen Hausrock und die gestickten Pantoffeln.
Ebenso eifrig füllte sie seinen Teller mit der köstlich duftenden Ge- fliigelsuppe.
Bei den vorzüglichen Rebhühnern mit dem duftenden Rotkraut faßte sich Madame Gluckin endlich ein Herz und richtete ihrem berühmten Gatten den Wunsch der Kaiserin aus.
„Ach Gott erbarm’! Daß doch alle Weiber, ob hoch ober nieber, gar so kleinlich finb. Wie kann ich benn ber Test bie Dekolletage vorschreiben? Du weiht boch, wie launenhaft Primabonnen finb! Unb wenn mir bie Test jetzt auskneift — sie hat glänzenbe Anträge aus Berlin — woher soll ich so rasch Ersatz schaffen?"
„Ja, aber bie Kaiserin neigt so zur Eifersucht!" manbte Frau Marianne schüchtern ein — „bie Fuchsin sagt es so!"
„Hol’ ber Fuchs — bie Fuchsin!" ereiferte sich Meister Gluck unb wollte sich mit ber Rechten in bie ambrosischen Locken fahren — boch bie Hanb patschte nur auf ben kahlen Schöbel nieber. Die fürsorgliche Frau Hofkapellmeister hatte bie Allongeperücke bes Gatten schon auf den Haubenstock gesetzt — ber bort auf ber Kommobe staub.
„Unb bann — bann meint bie Fuchsin, ich soll acht geben, baß bie Test nicht so stark mit dir kokettiert!" „Pfui Teufel! Ist das eine Giftspinne!" entrüstete sich Meister Gluck, „geh' Mariandel, bring’ mir ein Täßchen .Schwarzen' unb ich erzähl’ bir eine schöne Geschichte!"
Meister Gluck lehnte sich behaglich in das mit grohgeblümten Kattun überzogene Sofa zurück, schlürfte seinen Mokka und Hub an zu erzählen:
„Weißt, Mariandel, oben an der sächsisch-böhmischen Grenz' lebte einst ein armer Förster — dessen ältester Bub große Lust unb Liede zur Musik hatte. Na! unb ba gaben ihn bie Eltern halt, wie er kaum neun Jahre alt war, ins Böhmerland, daß er die Kunst bes Geigenspieles erlerne.
Recht unb schlecht ging’s bem Christoferl im Böhmerlanb, oft mußte er bitteren Hunger leiden, denn die armen Eltern konnten ihm nicht viel Geld senden. Aber's Geigenspiel erlernte er aus dem „ff", denn die Böhm' werden alle mit ber Fiebel im Sack geboren. Wie so bas Christoferl zwölf Jahre alt unb ein feiner Geigenspieler geworben, nahm er eines schönen Tages feine Fidel unter den Arm und beschloß, nach der Kaiserstadt Wien zu wandern, denn er hatte gar so viel schon von ihrer Pracht unb Herrlichkeit gehört, baß er bort leichter fein Glück zu machen glaubte.
Auf ber Wanberfchaft ging’s ihm erst recht schlecht — manchmal schenkten ihm mitleibige Leute ein Löffelchen Suppe — noch öfter aber mußte er mit tnurrenbem Magen in einen Heuschober kriechen — um bort zu übernachten.
Enblich, schon bicht vor Wien, Christoferl hatte fast brei Tage gehungert — was das für einen Buben, ber im Wachsen ist, heißt, kannst bu bir ja benfen — kommt ihm bie gloriose Jbee — boch bie Hühnernester ber Bäuerinnen ein wenig zu plünbern unb bie geraubten Eier bann bei einem Felbseuer zu braten ober roh zu schlürfen!
Gebacht — getan! Christoferl hatte sich schon bie Taschen mit Eiern vollgestopft — als er knapp vor Wien ein nettes Lanbhaus erblickte — aus bem schöne Musik ertönte.
.Santa madre de dio!‘ hörte Christoferl eine Stimme lamentieren, — ,daß grab heut' ber erste Violinspieler erkranken mußte. Nun können mir nicht ordentlich proben unb übermorgen soll bas Quartett schon vor Ihren Majestäten aufgeführt werben!'
Als Christoferl biese Worte aus bem Fenster schallen horte, faßte er sich ein Herz, klopfte an bie Türe unb trug sich als Geigenspieler an. Zuerst war ber Besitzer ber Villa, Hofkapellmeister Pregi, sehr überrascht von Christoferls Antrag — aber bann ließ er ihn ein Stücklein zu Probe spielen — unb war gleich so entzückt von bem Können bes Jungen — bah er ihn mit bem Violinpart betraute.
Doch Christoferl hatte im Eifer des Spieles feine feier vergessen — die sagten nun leise krach, und sofort sickerte die gelbe Sauce durch feine Taschen auf den blank gescheuerten Boden."
,M! Daran erinnere ich mich noch!" rief Frau Marianne lebhaft, vobzwar ich erst damals knapp vier Jahre zählte. Der Vater rief: Gey Mariandel, bring’ ein Tuch, daß wir die Bescherung aufwischen!
Und bann mußtest bu erzählen, wieso bu zu ben Eiern gekommen bist unb als bu von beinern großen Hunger erzähltest, nahm mich bie Mutter mit in bie Küche, unb ich mußte bir einen Teller warme Suppe bringen!
„Ja, Marianbel, unb ba glaubst bu — daß ich meiner kleinen Lebensretterin je untreu werden könnte?" Frau Marianne mußte lachen. „Mi Wenn bie Obersthofmeisterin roiebertommt, werbe ich ber schlauen Fuchsin — bie rührenbe Beschicht' erzählen vom hungernben Christoferl — der es bis zum ersten deutschen Komponisten gebracht hat."
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck unb Derlag: Drühl'jche Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Wichen.
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