anderes Tier, das uns Im Grunde wenig angeht. Aber ich merkte an der Glimme, daß die Frau von ihrer Erzählung sehr ergriffen wurde. Alles, was ich hier berichte, spielte sich in sehr kurzer Zeit ab; ich glaube, die Kinder und ihre Bonne waren noch im Ausgang des Parkes zu sehen. Dann drehte ich den Kopf nach der Bank, von der die Stimme kam. Es war #i meiner Rechten. Die junge Frau sah ungefähr so aus wie ich sie mir gedacht hatte. Sie trug keinen Hut und hatte ein Tuch um die Schultern gewickelt. Soweit ich's beim flüchtigen Hinsehen erhaschen konnte, war ihre Kleidung von billiger Eleganz. Deutlich sah ich die Schuhe. Man kann die Menschen sehr gut nach ihren Schuhen beurteilen. Diese waren Ramschware; man kann sie bei Ausverkäufen in den Geschäften am alten Hafen haben.
Neben der Frau sah ich ein großes blaues Etwas. Das war ein Mensch, ein Mann, dem die junge Frau ihre Geschichte erzählte. lieber dem blauen Etwas hielt unbeweglich ein viereckiges Rotes. Das war das Gesicht des Mannes, der die Erzählung der Frau anhörte. Was mag das für ein Mann sein, fragte ich mich. Ich kann nicht noch einmal Hinsehen, wenn ich nicht auffallen will, aber sicher ist es kein Mann aus Marseille. Wahrscheinlich ist es nicht einmal ein Franzose. Soviel habe ich im kurzen Hinsehen begriffen.
Während ich noch dachte, standen die beiden auf. Es war kein Franzose, sondern ein dicker englischer Steuermann; er gehörte zu einem der englischen Schiffe, die hier im Hafen liegen. Das Gesicht des Steuermanns glänzte feuerrot. Der Grund dafür mochte die Hitze sein, sicher aber auch der Whisky; der Mann sah nicht aus, als gehöre er einem Mäßigkeitsverein an. Die beiden gingen einig« Schritte, blieben dann stehen; die Frau erzählte weiter mit ihrer rostigen Stimme. Das klang so, als wenn man mit einem Nagel an feinem Stoff vorbei fährt. Die Frau hatte eine schmächtige Gestalt und ein ganz weißes Gesicht; einen größeren Gegensatz zu dem fetten Steuermann hätte man sich gar nicht ausdenken können. Die Frau erzählte immer noch von ihrem Mann; ihre Stimme wurde noch eindringlicher als früher. Der englische Steuermann sagte kein Wort, aber er machte einige Handbewegungen, aus denen ich entnehmen konnte, wie unendlich verlegen er war. Natürlich versteht der Kerl nicht ein Wort französisch, dachte ich. Die beiden gingen wieder einige Schritte, dann hielten sie. Di« kleine Frau verlegte dem Dicken den Weg, sie fetzte ihn mit ihren Worten an, daß er sich verlegen hin und her wand. Man sah ihm an, daß er sehr gutmütig war. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er zu Hause die Kinder auf seinen Knien wiegte. Dieser Steuermann gehörte zu den Bärbeißigen, die man mit einem Finger hin und herlenken kann. Die Frau merkte natürlich, daß sie jemanden gefunden hatte, mit dem sie nach Gutdünken umspringen konnte. Der mutzte die Geschichte schlucken wie eine Medizin.
Vielleicht war er ganz harmlos di« Straß« herunterspaziert und hatte gedacht, sich in diesem Park ein wenig von den Strapazen der Seefahrt auszuruhen. Dann kam diese Frau, di« mit einem Erlebnis beladen war. Was tat ihr Gatte? Soff er? Hatte die Polizei ihn eingesperrt? Hatte er sie verlassen...? Ich hörte nichts Genaues mehr; die beiden gingen an mir vorbei. Der dicke Steuermann grub die Hände in seine Jackentaschen und machte ein finsteres Gesicht. Wehe, wenn ihm das auf dem Schiff passiert wäre! Wehe, wenn ihm einer in seinem Reich, zwischen den vier Wänden seiner Schiffskammer eine derartige Geschichte verzapft hätte. Der wäre über die Reling geflogen... Himmelherrgott. Aber so eine Frau... ein« weiche, blasse, offenbar hilfsbedürftige Frau. Man krampft die Faust in der Tasche, aber das Herz schmilzt einem weg.
Ich hatte mancherlei Vermutungen über das Schicksal der jungen Fran; aber Gewisses kann ich nicht sagen. Als die beiden am Ausgang des Parkes waren, erhob ich mich und ging hinter ihnen her. Ich konnte nun leider ihr Gesicht nicht mehr sehen: die Frau trippelte wie ein Vogel, aber der Mann, den hätten Sie mal sehen sollen, der ging wie bei hoher See. Ich folgte ihnen noch eine zeitlang, aber dann verlor ich das Interesse. Ich dachte an mein Zimmer und was ich mir zum Abendessen bestellen sollte.
Vincent van Gogh.
Ein Geisnkblall zu seinem 40. Todestag am 29.3u.!i.
Von Hans Sturm.
Das Leben van Goghs, dieses späten großen Niederländers, war schon Legende, ehe er vor nun vierzig Jahren — den immer Einsamen schien auch die ihm sonst „gewogene Natur" fallen lassen zu wollen — sich selber die Tür öffnete zu den Bezirken des „immer kreisenden Lichtes".
In einer wetterdunklen Märznacht des Jahres 1853 wurde Vincent im Pfarrhause zu Groot-Hundert in Holland geboren. Seine Mutier tarn aus kleinbürgerlichen Kreisen, der Vater gehörte einer angesehenen Familie an, aus der mehrere hohe Staatsbeamte und bedeutsame Prediger hervorgegangen waren. Jede freie. Stunde brachte der Knabe irgendwo in der weiten Heide zu oder an den endlosen Kanälen, die wie Silberbarren in der braboniischen Ebene liegen. Still und gutmütig war er von Natur, konnte aber „schwierig" werden, wenn er aus seinem Sinnen aufgescheucht -wurde. In späteren Jahren stand er mit den Elstrn nicht selten auf recht gespanntem Fuße: dann sprach er manchmal tagelang kein Wort und verständigte sich mit seiner Umgebung nur durch Briefzettel. Immer wieder zog es ihn zu den Bauern und den einfachen Leuten hin. Er schlief, wie ein holländischer Schriftsteller erzählt, nicht in einem Zimmer, sondern auf dem Speicher unter den Dachsparren, um sich nicht zu verweichlichen. Dori auch zeichnete er nachts bei Kerzenlicht: wenn er di« Arbeiten Freunden und Bekannten schenken wollte, dankten diese meist mit einem wegwerfenden Lächeln. Um immer im Kreise der großen Meister sein zu können, wählte er den Beruf seines Onkels und war als Kunsthändler im Haag, in London und in Paris in den Häusern der Firma Coupil tätig. Die kaufmännischen Belange ver-
Schristleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag:
leiden ihm jedoch bald diesen Verns und lassen Jugendregungen wied-r in ihm wach werden; er gehl nach England als — Jugenderzieher, kehrt jedoch nach einem Jahr voller Schwierigkeiten zurück und wird in Dordrecht, dem altertümlichen Refugium der holländischen Maler, Buchhändler Dann wird das Predigerblut stärker in ihm und er beschließt, Theologe zu studieren. Bald aber irrt Vincent ruhelos durch die nächtlichen Straßen von Amsterdam und kommt, da die Gelehrsamkeit ihm nicht mundet zu dem Entschluß, ein dogmensreies Christentum zu predigen. Er läßt sich von der protestantischen Gemeinde in Brüssel ins Borinag«, den belgischen Bergwerksbezirk, schicken. Von der Kirchenbehörde bald seines Amtes enthoben, wirkt er „auf eigene Rechnung" noch drei Jahre unter dieser armen Bevölkerung. In dieser Zeit tiefster Not und Verlassenheit bricht der Künstler in ihm durch: fieberhaft zeichnet er, um all das Schwere der schweigsamen Männer und Frauen, in deren Mitte er lebt und mit- leidet, festzuhalten. Der Siebenundzwanzigjährige kehrt ins Elternhaus zurück, um hier unermüdlich alles zu zeichnen, was er sieht. Bei dem feinen Landschaftsmaler und Porträtisten Mauve, einem entfernten Verwandten, erfaßt van Gogh schnell die handwerklichen Grundlagen des Zeichnens und Malens. Rastlos ist sein Fleiß. Als Mauve ihm nichts mehr geben kann, arbeitet er im eigenen Atelier weiter, geht zu den Brabanter Bauern und 1885 zur Akademie, um den letzten technischen Schliff zu erhalten.
Er geht nach Antwerpen und läßt den größten Teil feiner Arbeiten in seinem kleinen Atelier zurück, die von den Verwandten in Kisten verpackt und einem Zimmermann zum Aufbewahren gegeben werden. Als nach geraumer Zeit niemand danach fragt, überläßt der Zimmermann mit anderem „Gerümpel" die Kisten als „Zugabe" einem Altwarenhändler für drei Gulden insgesamt. Es waren etwa sechzig gerahmte und hundertfünfzig ungerahmte Oelgemälde, zwei Mappen mit ungefähr achtzig Federzeichnungen und fast zweihundert Kreidezeichnungen. Die Hälfte der Kreidezeichnungen verheizte der Wtwarenhändler als „wertloses G«. kritzel", di« Aktzeichnungen mutzte er auf Geheitz feiner Frau vernichten, einige größere Gemälde verkaufte er an ein« Lumpenstampfe, und mit dem Rest ging «r auf den Wochenmarkt und verschachert« Gemälde und Zeichnungen durcheinander für fünf Cents pro Stück. Käufer waren di« Bauern, nur «in Kaffeehausbesitzer nahm einen „größeren Posten", um jedem Gast, der mehr als ein Glas Bier tränt, ein Blatt kostenlos zu überreichen. Er kaufte dem Händler auch den „unverkäuflichen Rest" für eine Pauschale von einem Gulden ab.
Unterdessen ist van Gogh längst in Paris heimisch geworden. Er sitzt „an allen Tischen" und nimmt die vielfachen hier wirkenden Elemente in sich auf, um sie mit der Eigenwilligkeit seines Könnens zu durchsetzen, bis sie ihm untertan find. An Manet und seinen Schülern hellt er seine noch etwas allzu helldunkle holländische Farbe auf, von Pissarro lernt er die feine Tupftechnik, am meisten aber verdankt er Millet, dem großen Bauernmaler der Normandie, der auch für Israels und Meunier, der zu gleicher Zeit wie van Gogh im Borinag« gewesen und dort vom Maler znrn Bildhauer wechselte, Anreger war. Biele Zeichnungen des Meisters hat er als Vorwurf benutzt, manche sogar kopiert; so wuchs er langsam in seine Eigenart hinein und verwandte nur noch ab und an Motin« Millets, von dem er später einmal schrieb: „Rembrandt und Delacroix hoben die Gestalt Christi gemalt, Millet seine Lehre". Nach dem „Säer" des Meisters malte Vincent eine Oelstudie, aber statt Millets müdem Spätrot wählte er einen flammenden Abend, unter dem die Erde lebendig wird; bei Millet ist der Schritt des Säers wohlbemefsener Schwung, bei van Gogh glaubt man dessen federnden Schritt über die samengierige Scholle zu hören. Immer weiter rückt van Gogh von dem Bisherigen ab, seine Büsche und Bäume (preisen ihre Aeste gegen den Himmel, seine Häuser stehen bunt und windschief herum, in zahllosen Strichen ziehen sich seine Ebenen hin, und doch haben die Bäume Fülle und Größe, die Häuser scheinen von innerem Leben zu zittern und die Ebenen haben eine schier uferlose, atmende Weite. 1886 zieht er zu seinem jüngeren Bruder Theo, der in Paris eine Kunsthandlung betreibt und ihm nun Berater und Geldgeber bleibt bis zu seinem Tode.
1888 geht Vincent nach Arles, um hier den alten Plan einer Künstlergemeinschaft zu verwirklichen; doch seine schönen Pläne muß er alle begraben. Immer einsamer wird er, seine Wirtin nennt ihn den „Mam mit den Wahnsinnaugen", die Nachbarn meiden ihn und schicken, da st sich sein Tun nicht zusammenreimen können, dem der Spionage Verdächtigen die Polizei ins Haus. Dies ist um so unverständlicher, da Vincem immer wieder half, wo er konnte. Fehlte ihm einmal die Lust an der Farbe, so legt« er fein Wissen und Wollen in Briefen nieder, die zu dcn wertvollsten Bekenntnissen aller Zeiten zählen. Seine Malleidensche wuchs täglich, er malte bei jedem Wetter, bei Tage und bei Nacht. Oft saß er an einer verlorenen Wegkreuzung oder an einem Fluhufer, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen die Kerze haltend. Er glaubte keine Stunde versäumen zu dürfen, als ahne er sein zur Katastrophe drängendes Schicksal. Der Maler Gauguin, mit dem er längere Zeit M- somenwohnte, schilderte van Goghs Zusammenbruch in seinem Tagebuch«. Er ließ ihn nach einem furchtbaren Auftritt ins Krankenhaus bringen und spricht nicht von den Leiden des bald darauf ins Irrenhaus Gebrachten, der in monatlichen Zwischenräumen klar genug wurde, um dann rote ein Gehetzter die herrschen Bilder und Porträts zu m» deren Konturen und Farben von einer namenlosen Einfachheit-und brennenden Inbrunst sind. Die Bildnisse, vor allem die Selbstbildnisse 3^,6en deutlich alle Zweifel und heißen Wünsche seiner suchenden Seele.
Dann verlor er die Herrschaft über sein Tun. Eine Kugel sollte!<' Leben enden, fehlte sein Herz und ließ ihn noch anderthalb Tage kW Sein Bruder Theo und sein getreuer Freund, Dr. Gachet, fapw * seinem Bett und sprachen mit ihm über die Dinge jenseits unserer ßrw' kleinheit. Am 29. Juli 1890 schloß er die lichthtmgrigen Augen. Und W. ließ ein Werk, das sich von dem seltsamen Leben abhebt, in seiner e maligen Größe. , : I
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