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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang l93v Montag, den 28. April Nummer 33
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Der Wölber grüne Fahnen weh». Wir taffen leer die Städte stehn.
Bunt Hügeln sich die Fluren her Mit Lerchenlied und Blütenfeuer Wie Inseln in dem ungeheuer Umarmenden und blauen Meer.
Der Wasser Sturz im Talritz saust. Von stolzer Wanderkraft geschwellt. Sturmatmend uns entgegenbraust Der Berge wilde Felsenwelt.
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Und fällt der Tag und Nacht verdammt Zur Rast im jungen Gras und Laube — Der Fernen Glück bleibt unser Glaube, Der wach mit tausend Sternen stammt.
Oer Quellensucher.
Von Georg ch i r s ch s e l d.
Es ist lange her, daß ich die kleine Geschichte von Werner Siemens, dem Quellensucher, gehört habe. Ein Freund hat sie mir erzählt, ein Mann der Literatur und ein Quellensucher auch — Otto Brahrn. So fern auch sein Wirken dem großen Ingenieur von Charlottenburg stand — er hat das Schöpferische verspürt, ob es in einem Wissenschaftler ober in einem Schriftsteller war. Er fühlte sich von ihm angezogen.
Schabe, bah Otto Brahm die Geschichte nicht mehr selbst erzählen kann. Aber ich versuche, seinem Ton und seinem Bilde folgend, sie wieder- zugeben:
„Es war in Locarno, im Herbst des Jahres 1891. Ziemlich arbeiis- mübe und ein bihchen menschenscheu suchte ich ein paar Erholungswochen. An dem beliebten „Anschluß" lag mir wenig. Schweigsam setzte ich mich jeden Tag an die Table b’tjote — schweigsam stand ich wieder auf.
Da bekam ich eines Abends ein neues Visavis. Es war eine deutsche Familie. Besonders der Vater, ein sehr alter Herr, interessierte mich. Er mar nicht gesprächiger als ich und erwies sich immer mehr als auch einer, »vn denen nämlich ... siehe Friedrich Theodor Vischer. Ich mutzte ihn mir immer wieder ansehen. Professor, Praktikus, Genie sagte ich mir. Jawohl, Genie — das war er sicher. Ich schildere sein Aeutzeres nicht — es kommt immer etwas Verkehrtes dabei heraus. Das besonders Anziehende des Mannes für mich war: er gehörte nicht zur Kunst, er war kein Dichter und selbstverständlich auch kein Schauspieler. Aber er kam mir nicht aus dem Sinn, ich wünschte fast, daß unsere Dichter recht viel m>n ihm haben möchten. Es war wohl der unbestechliche Blick und ein memiit dahinter, das alles lenkte.
Ich beobachtete ihn unauffällig. Er mich auch — er warf mir, während ®r mit feinen Domen sprach, zuweilen forschende Blicke zu. Aber es kam durchaus nichts Aufmunterndes in diese Blicke, auch nichts Abweisendes — «mfte, reservierte Objektivität.
Dabei blieb es. Der alte Herr wurde mir immer sympathischer, aber !ch saß ihm fast eine Woche gegenüber, ohne datz es über stumme Begrüßungen hinauskam.
Eines Tages aber, »ach dem Lunch, half der Zufall. Ich trank in der yalle Kaffee, und der Wirt ging mit meinem Unbekannten an mir vor- l?cr- Aach einer Weile kam er zurück und sagte: „Entschuldigen Sie,। ™ Doktor Brahm, ich habe mich gewundert, kennen Sie denn den E°n Herrn, der Ihnen bei Tisch gegenübersitzt, nicht?" — „Ich hatte noch miyt bas Vergnügen." — „Merkwürbig — zwei berühmte Berliner? — M.ch mache keinen Anspruch auf Berühmtheit. Aber sagen Sie boch, Herr iu ~ u>or ist denn eigentlich ber Herr? Er interessiert mich, seitdem er OT an Ihre Table d'hote gesetzt Hot." — „Das glaube ich gern, Herr Wtmrat von Siemens, ber große Erfinder." — „Werner Siemens? —
mSie 'hm nie begegnet?" — „Nein." — „Es würde mich freuen, ^ihr- Bekanntschaft zu vennitteln."
<lch zögerte. Ich dachte an meine schöne Einsamkeit — bann aber mich. Diese Bekanntschaft reizte mich doch stark. Der Wirt sm-’ ®arten die Gelegenheit — ich hielt Werner Siemens Hand.
i6 LtÄ iben mohl auf sehr verschiedenen Gebieten," sagte er, „aber maßen orwttierr'iten mit Lohern Interesse von Ihnen. Ich bin einiger«
Ich überlegte vergebens, was ich ihm antworten sollte. Komplimente mache ich nicht gern. Von seinen Erfindungen kannte ich nur die Resultate. Sollte ich ihm Mitteilen, daß er ber größte Physiker sei? Das erschien mir deplaciert. Ich hielt den Mund, und es ergab sich wieder die Situation, die mir durchaus nicht angenehm ist: Leute der Kunst werden belobt und stecken es ein, ohne es den Leuten der Praxis erwidern zu können.
Das Ergebnis der Bekanntschaft aber mar: Wir verabredeten uns für den selbigen Nachmittag. Siemens wollte gleich losziehen, aber ich erklärte, erst mein Schläfchen absolvieren zu müssen — bann war ich zu jedem Spaziergang bereit.
Wir verließen pünktlich das Hotel. Siemens fragte mich, wohin ich denn am liebsten wollte, aber ich überließ es ihm, mir war alles recht. Merkwürdigeriveise blieb er nicht am Seeufer, obwohl cs ein besonders schöner Tag war. Die Sonne scheute er wohl nicht. „Ich möchte heute in den Wald. Es ist zwar etwas weit, aber Sie find boch hoffentlich gut zu Fuß?" Das konnte ich versichern. Ich merkte auch während unserer Unterhaltung nicht, baß wir erst in einer knappen Stunde den Wald, den er meinte, erreichten. Der Weg war oft steinig, aber dafür waren wir durch zwei interessante Dörfer gekommen, und ber Schatten unter bett hohen Bäumen war sehr angenehm.
Er fragte mich nach Hauptmann, ber ihn zu interessieren schien, aber sonst ließ er mich reben. Ich hielt mich instinktiv von den fachlichen Dingen fern, da bie Fächer wohl für beide Teile Glatteis bedeuteten. Er hielt es ebenso, und trotzdem blieb unsere Unterhaltung eigentlich lebhaft. Wir atmeten auf, da unten im Süden, an dem schönen Tage nur vom absoluten Leben sprechen zu können, von dem, was schließlich ihm wie mir bas Material für jedes Unternehmen gab.
Wir tarnen tiefer in den Wald. Als ich merkte, baß es hämmerte, sah ich auf die Uhr und gab behutsam die Zeiteinteilung zu bedenken. Siemens hatte eben von England gesprochen und kam auf Amerika — ich hatte das Gefühl, daß ihm bie Zeiteinteilung ganz egal war. Das war mir an sich sympathisch, aber man war immerhin Hotelgast unb hatte sich in die Einrichtungen zu schicken. Ich hielt es außerdem nicht für kur- gemäß, bas Diner hinauszuschieben.
„Eineinhalb Stunden müssen wir für den Rückweg rechnen, Herr Geheimrat", sagte ich. — „Wenn wir jetzt kehrtmachen, kommen wir gerade zum Essen zurecht."
Er war stehengeblieben. Aber zum Gebot des Augenblicks fand er sich nicht zurück, denn seine schönen Augen blieben wie gebannt auf einen anderen Gegenstand gerichtet.
„Wir können uns nachseroieren lassen", sagte er nach einer Weile halblaut.
Ich vermied es, meine Ansichten über Kurgemäßheit weiter zu entwickeln, unb stellte die Besorgnis meines Magens zurück. Der merkwürdige alte Mann interessierte mich doch zu stark, um so mehr als er jetzt erst ganz er selbst wurde unb jede Konvention beiseite zu lassen schien. Ich wollte ihm gern näher komme». Ich fühlte de» Wert ber Stunde. Aber was betrachtete er denn eigentlich so aufmerksam? Was fesselte ihn, als ob er einer neuen großen Erfindung auf der Spur wäre? Es konnte wirklich nur bas kleine Wässerchen sein, ein schmaler, klarer Bach, der uns schon lange begleitet hatte. So nahm ich wenigstens an — aber als ich Siemens Blick folgte unb mir ben Bach um seinetwillen etwas näher betrachtete, entdeckte ich plötzlich, daß er uns durchaus nicht „begleitet" hatte, sondern daß wir ihm vielmehr entgegengegangen waren, die ganze Zeit schon. Siemens hatte diesen Weg gewählt, aber ich wunderte mich, daß ich mir über die Richtung des Wassers nicht klar geworden.
„Es ist merkwürdig — ich dachte, wir müßte» jetzt schon an der Quelle stehen", sagte Siemens plötzlich mit gerunzelter Stirn.
„Haben Sie ben Ursprung bes Wassers so nahe vermutet, Herr Geheimrat?"
„Sie nicht?"
„Ich habe, offen geftanben, noch nicht darüber »achgedacht.
„Sntereffiert Sie bie Mündung eines Flusses mehr oder ber Laus?" „Das müßte ich mir erst überlegen. Ich pflege jede Quelle als gegeben anzunehmen, als Geheimnis, ber Natur, sozusagen, unb datz sie rvirklich aus ber Natur kommt, bas beweist ja ihr Wasser."
, Vermutlich menben Sie biefes Gleichnis auch auf bie Kunst an. Für mich ist die Quelle alles. Wo ich sie finde, beginnt erst bas Problem. Ich mochte Ihnen meinerseits gestehen, daß ich mich kaum losreitzen kann, wenn ich einer natürlichen Quelle auf die Spur gekommen bin. Ob es sich um ein winziges Bächlein ober um den Rhein handelt, bas ist ganz gleichgültig. Cs geht mir um bas Stromsystem unb um ben Schopsungs- willen ber bas Wasser über bie Erde sendet. Aber ich möchte Ihnen.keinesfalls beschwerlich werde». Wen» Sie müde sind, Herr Doktor, müssen wir selbstverständlich umkehre»." m
Ich ließ de» Blick nicht von feinem prachtvollen Gesicht: „Im Gegenteil, Herr Geheimrat. Bitte, bestimmen Sie nur unseren Weg weiter — wir können uns natürlich nachserviere» lassen."


