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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ^93«
Montag, den 26. Mai
Kummer w
Saat und Ernte.
wollte ihnen
Tin des einen
Mafalda.
Von Albert D a u d i st e l.
Im Herbst kam ich in Rotterdam an und ging durch die Abenddäm- inerung zum ^>afen, um mir (am liebsten zwischen gestapelten Baumwoll- ballen) ein Versteck für di« Nacht zu suchen. Als ich jedoch auf jener hssenstrahe so ermüdet dahinlatschte, kamen immer mehr und mehr Kolonnen heimwärtsgehender Arbeiter aus dem " '
Bon Leo Sternberg. Sammetbraune Erde, die mich ließ entstehen wie die Aehrenfelder, die da golden wehen.
Alles, was wir haben, ist von dir genommen; alles, was wir geben, ist von dir gekommen.
Bald wird man mich säen wieder in die Erden. — Wird mein Leid und Lieben einst geerntet werden?
«weichen; aber ich wurde gerempelt von dem linken .......„„
uni) von dem rechten des anderen. Manche prallten in ihrem Eifer gegen mich. Es war mir nicht möglich, gegen diesen Menschenstrom anzugehen. Ich empfand vielmehr auf einmal all die Stötze, die ich da bekam als hark Hinweise auf die nicht geäußerten Motte: „Schau, wir gehen' all» nach Hause; und du...?"
Ich horchte darüber auf und — wurde von der Flut der heimkehrenden Arbeiter mitgerissen. Und (wie es kam, weiß ich nicht) da starrte ich in des -Schaufenster eines Ladens. Und hinter mir dröhnten und dröhnten die Schritte der Arbeiter... Und als es stille geworden war, erschrak ich über mich selbst; denn ich vermochte fast nicht zu glauben, daß der, der sich da so einsam und so befremdet in der trüben Schaufensterscheibe wie- Mpiegelte, kein anderer war als ich. Und da war mit einem Male die Begeisterung, mit der ich die vielen tausend Kilometer über die verschieden Grenzen und Gefahren hinweg zurückgel«gt hatte, in mir erloschen, öum ersten Mal« in meinem Leben fühlte ich mich unglücklich. Ich sehnte mich nicht mehr nach Cardiff und nicht nach Liverpool; ich sehnt« mich « aus meinem unglücklichen Zustand heraus. Aber ich wußte keinen Ausweg, auf dem ich hätte dahin gelangen können, wohin sich meine veele eigentlich so sehnte...
Schon am folgenden Tag lief ich in der Nähe des Hafens einem Marüing- und Heuerbas in die Hände. Ich war, da ich seit meiner An- !* m Rotterdam weder gegessen noch geruht hatte, seelisch und körper- 7 ^schöpft. Der Boarding- und Heuerbas, der meine Zerrüttung er- St mtö, obwohl doch genug Seeleute, die bei ihm Chance Wen, hmter ihm standen, ob ich zur See fahren wolle. Ich antwortete, Mem ich mckte. Er trat nun ein paar Schritte zurück, schaute mich so von En^her prüsend an, näherte sich mir wieder, indem er ein für mich ^Eedienstbuch einem Bündel entnommen hatte, blätterte es auf lu K? ert8 °uf mich ein: „Du heißt von jetzt an Peter Feldmann..." no chon eine Stunde später hatte er mich „als Kohlenzieher für wilde «Dtt auf zwei Jahre" an den Frachtdampfer „Peruoia" verschachert, ein n -1 m2r tin Bord der „Peruvia" angekommen, da mußte mich (f 7e,3er. der wohl im vierzigsten Lebensjahre stand, über das brni»»\nnc£ DDrnc fuhren. Ich stolperte einige Male über dicke Stahl- b»!-,"' • v 0° Ui der Dunkelheit herumlagen. Und gerade als sich der lwnis oem Dunkel duckte, stieh mir irgendeine schwarze, eisenharte
u u Segen die Stirne, daß ich mich vor Schmerz krümmte, em'em vu ®c^[- uls sei ich nicht auf einem Schiff, sondern in liinnk» bang, zumal ich nunmehr dem Heizer auf einer
m d> Leitertreppe,rach stieg, hinunter in einen Raum, in dem
kh i*nr • immerhin doch zur Einsicht kommen ließ,
irWrani,111?jn einem geheimnisvollen Katakombenabteil, sondern aus des Logis der Heizer befand. Während sich der Heizer
Jjch ble an einem eisernen Haken über dem schmalen
SSanf m /ine b lecker ne Tasse goß, setzte ich mich auf die
RUt-e 0eranrnt hin zu den Kojen, in denen da und dort die in offene» (s^8!$er starr schliefen, daß es aussah, als lägen Leichen er mick ‘r9.en- der Heizer seinen Kaffee getrunken hatte, sprach bk $oie" ^en on- indem er sagte, ich solle mich „da oben in geweckt toerhon' rcm iihr in der Nacht würde ich zum Aschehieven v-schen ®r legte sich zur Ruhe. Ich jedoch stocherte leise das Wöijlid)' hipff '."o- Dann fetzte ich mich wieder auf die Bank. Und Uchriet nl,t beii>en Händen die Ohren zu, da die „Peruvia"
. ^i~an.n 311 Jittern. Ich fühlte das Stampfen der da lauschte ich, weil kein Mensch mit mir sprach, hin zur
Bordwand, an deren Außenseite es nun, da wir bereits fuhren, so merk- würdig gurgelte, plätscherte, raunte.
Um 12 Uhr nachts stieg ich dann in ein Luk, das gerade vor der Kom- mandobrucke wgr, und kletterte an einer Strickleiter hinunter in den Kohlenbunker. Der andere Kohlenzieher übergab mir mit ein paar Worten, di« ich nicht verstand, die Schaufel und — nachdem er den Bunker verlaßen hatte, brüllte mir jener große Heizer, der einzige Mensch an Bord, ber meine Muttersprache zu verwerten wußte, die notwendigen Anweisun- gen zu. Und dann begann ich, Kohle nach dem kleinen Schott hinzuschau- feln, durch die sie in den Heizraum rutschte.
Und ich schaufelte und schaufelte.
Und es dauerte nicht lange, da waren meine Hände wund Und Schweiß drang unaufhörlich aus all meinen Poren. Der aufgewirbelte Staub verfinsterte die Funsel, die mir leuchtete; und er verstopfte meine Nasenlöcher. Aber ich schaufelte feste drauflos. Später rechnet« ich mal aus, daß ich für die zwei Heizer, die die beiden Dampfkessel bedienten, pro Stunde zwanzig Zentner Kohle jenem kleinen Schott in den Rachen schmeißen mußte, und zwar immer vier Stunden lang. Uns wir fuhren und fuhren. Niemand an Bord sprach mit mir. Die Heizer, zu deren Wache ich gehörte, grübelten immer, schon während des Essens so vor sich hm. Und drüben, im Logis der Matrosen, erscholl auch nie ein erwärmendes Wort. Mir schien, als litten all di« Seeleute an jenem Leid, an beui ich so litt.
Es verwunderte mich daher ganz besonders, als ich gewahrte, daß jener große Heizer am fünften oder sechsten Tag unserer Reise „schon den ganzen -rag über" so vor sich hinlüchelte; ja, es verwunderte mich so, daß ich ihn, als wir unsere letzte Wache des Tages hinter uns hatten mal fragte, ob er Geburtstag habe. Und da sah ich, obwohl er schwieg ba& er sich nun offensichtlicher freute; seine Augen lugten nicht mehr fö verkniffen; und fein Gesicht machte nicht mehr den Eindruck auf mich, als sei er ein gewalttätiger Mensch. Er setzte sich in unserem Logis auf di« Bank und antwortete mir: „Geburtstag habe ich heut« nicht; aber — Er hielt inne und ging an Deck.
llnb da ich aus der Betonung, in der er zu mir gesprochen hatte, lAuhlt zu haben glaubt«, daß er hätte gleichzeitig auch sagen wollen: „Komm aber mal mit..deshalb folgte ich ihm. An Deck setzte ich mich neben ihn auf die Kante eines geschlossenen Ladeluks. Und während wir beide so aus das ruhige Meer hinausschauten, sagte er: „Geburtstag habe ich bereits gehabt; aber — heute feiert etwas anderes, das ich mal erlebte, feinen Geburtstag, feinen ...", murmelte er nackchenklich, „feinen zwanzigsten ..
Ich rückte mich zurecht, zunral ich merkte, daß er das Bedürfnis verspürte, mit mir darüber zu sprechen. Und er begann: „Heut vor zwanzig wahren kam ich in der Nacht zu Fuß nach Mailand an, von Karlsruhe aus. Ich wollte nach Genua, mir von dort aus mein Brot durch Seefahtt verdienen. Ich war von zu Hause abgewandert im Glauben, irgendwo da draußen in der Welt eine neue Heimat finden zu können; denn — durch den Tod meiner Mutter war mein Elternhaus ausgestorben. 3a...*, seufzte der Heizer und beteuerte: „Mir gefiel das Vagabundieren nicht. Ich ivollte mit den anderen Menschen, die sich an ihrer Arbeit, an ihrem Heim, an ihrer tatkräftigen Sorge um Frau und Kind freuen, ebenbürtig werden. Natürlich fühlte ich all das, ivas ich damals so wollte, noch nicht so bestimmt wie dann... Allerlei Illusionen, die so aus der Kraft der Jugend entstanden waren, beschönigten erst mein Vagabundendafein iniofern, als ich fest daran glaubt«, einmal endlich doch recht glücklich zu werden. Run ja", sagte der Heizer, „einmal bin ich glücklich gewesen, damals, in jener Nacht, vor zwanzig Jahren: totmüde ging ich da durch die Straßen Mailands; manchmal setzte ich mich auf den Trottoirrand, stund aber bald wieder auf und ging so weiter in jener Nacht, bis ich am Hanptportal des Mailänder Domes ankam; da hockten auf der Haupt- treppe Menschen, zerlumpte Menschen, so sieben Stück; die kauerten; und manche schnarchten; manchen klapperten die Kieferladen. Cs war kalt. Und mich fror erst recht. Ich stieg die Haupttreppe des Domes hinauf und fetzte mich auf die oberste Stufe, ganz dicht an die rechte Mauer. Ich kauerte mich, wie es die anderen unter mir taten, und schlief ein. Auf einmal erwachte ich, weil jemand an mich heranrückte. Ich schaute auf und sah ein armes, schlotterndes Mädchen neben mir; es war vielleicht bloß zwei oder drei Jahre jünger als ich; fein Gesicht war so schön, daß es edel aussah... Weißt du", sagte der Heizer zu mir: „So was hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Alle Hauptstädte der Welt, alle Kunstschätze, die schönsten Pflanzen, die elegant gefiedertsten Vögel und alles, was sonst noch schön ist, und mir innerhalb der letzten zwanzig Jahre zu Gesichte kam, ist zu keinem Vergleich berechtigt, mit, mit..." Er schwieg und lächelte geradezu glückselig vor sich hin.
Mir gefiel das, was er mir (wie man so jagt) „von seinem Herzen* heruntererzählte so, daaß ich (was ich mir sonst ihm gegenüber nie getraut haben würde) an seiner blauen Leinenjacke zupfte und in ihn drang: Erzählen Sie weiter, weiter... Und da lächelte er fast mitleidig


